Claudio Tennie

deutscher evolutionärer Anthropologe und Primatologe From Wikipedia, the free encyclopedia

 Claudio Tennie (* 1976) ist ein deutscher evolutionärer Anthropologe und Primatologe. Seine Forschung befasst sich mit kultureller Evolution, sozialem Lernen und kumulativer Kultur beim Menschen und bei nichtmenschlichen Primaten.[1][2] Gemeinsam mit Josep Call und Michael Tomasello veröffentlichte er 2009 eine neue Theorie zur Evolution menschlicher kumulativer Kultur. In späteren Arbeiten entwickelte er mit Koautoren die dort angelegte Theorie der „Zone of Latent Solutions“ (ZLS) weiter, die in fachwissenschaftlichen Debatten über Menschenaffenkultur und die Evolution menschlicher Kultur aufgegriffen wurde.[3][4][5]

Ausbildung und wissenschaftlicher Werdegang

Tennie studierte Biologie an der Philipps-Universität Marburg, der University of Edinburgh und der Universität Bielefeld.[2] Seine Diplomarbeit in Verhaltensbiologie und Psychologie entstand an der Universität Bielefeld; die zugrunde liegenden Studien führte er am Wolfgang-Köhler-Primaten-Forschungszentrum in Leipzig durch.[2][6]

Von 2004 bis 2009 war er als Doktorand und Laborkoordinator am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig tätig. Die Promotion in Biologie an der Georg-August-Universität Göttingen schloss er 2009 mit einer Dissertation über Beobachtungslernen bei menschlichen Kindern und Menschenaffen ab.[2][6]

Von 2009 bis 2012 arbeitete Tennie als Postdoktorand am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Von 2012 bis 2017 war er als Birmingham Fellow an der University of Birmingham tätig.[6] Seit 2013 ist er zudem Adjunct Scientist am Lester E. Fisher Center for the Study and Conservation of Apes des Lincoln Park Zoo in Chicago.[6]

Seit 2017 leitet Tennie an der Eberhard Karls Universität Tübingen die Forschungsgruppe „Tools and Culture among Early Hominins“.[1][6] 2024 schloss er dort eine dreifache Habilitation in Vor- und Frühgeschichte, Psychologie sowie Verhaltensbiologie und vergleichender Biokognition ab.[6]

2013 erhielt Tennie einen ESRC Future Research Leader Grant.[6] 2016 wurde ihm ein ERC Starting Grant für das Projekt „STONECULT“ zugesprochen; das Projekt lief von 2017 bis 2022.[7][8] Seit 2026 ist er als ein Principal Investigator (PI) am Exzellenzcluster „Human Origins“ beteiligt.[1][9]

Forschung

Ein zentrales Thema von Tennies Forschung ist die Frage, wie sich die für den Menschen charakteristische Arten von kumulative Kultur evolutionär herausbildeten. Dabei verbindet er Arbeiten zu sozialen Lernmechanismen bei Menschen und anderen Primaten, vergleichende Studien mit Kindern und Menschenaffen, Untersuchungen zu frühen Steinwerkzeugen, zur kognitiven Archäologie sowie zu methodischen und begrifflichen Fragen der Kultur- und Kognitionsforschung.[1][10][11][12][13]

Einen wichtigen theoretischen Bezugspunkt bildet dabei die von Tennie maßgeblich mitentwickelte und ständig erweiterte Theorie der „Zone of Latent Solutions“, mit der Unterschiede zwischen kumulativer Kultur beim Menschen und kulturellen Verhaltensmustern anderer Menschenaffen erklärt werden sollen.[14][15] Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeiten ist die Frage, ob frühe Steinwerkzeuge bereits auf kumulative kulturelle Überlieferung schließen lassen.[16][17]

Im Rahmen des ERC-Projekts „STONECULT“ leitete Tennie Studien zur Frage, ob frühe Steinwerkzeugtechniken zwingend auf kopierender sozialer Weitergabe von Know-how beruhen. Dazu gehörten experimentelle Arbeiten zu Steinwerkzeugverhalten sowie theoretische und methodische Beiträge zur Interpretation früher Artefakte.[18][19]

Neben empirischen und archäologischen Studien veröffentlichte Tennie auch methodische und wissenschaftstheoretische Arbeiten zur Kultur- und Kognitionsforschung.[20][21]

Publikationen (Auswahl)

  • Claudio Tennie, Josep Call, Michael Tomasello: Ratcheting up the ratchet: on the evolution of cumulative culture. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B. 364. Jahrgang, Nr. 1528, 27. August 2009, S. 2405–2415, doi:10.1098/rstb.2009.0052, PMID 19620111, PMC 2865079 (freier Volltext) (englisch).
  • Claudio Tennie, L. S. Premo, David R. Braun, Shannon P. McPherron: Early Stone Tools and Cultural Transmission: Resetting the Null Hypothesis. In: Current Anthropology. 58. Jahrgang, Nr. 5, 2017, S. 652–672, doi:10.1086/693846 (englisch).
  • Claudio Tennie, Elisa Bandini, Carel P. van Schaik, Lydia M. Hopper: The zone of latent solutions and its relevance to understanding ape cultures. In: Biology & Philosophy. 35. Jahrgang, Nr. 5, 2020, S. 55, doi:10.1007/s10539-020-09769-9, PMID 33093737, PMC 7548278 (freier Volltext).
  • Claudio Tennie, William D. Snyder, Ronald J. Planer: Costs of Early Stone Toolmaking cannot Establish the Presence of Know-how Copying. In: Human Nature. 36. Jahrgang, Nr. 2, 2025, S. 180–218, doi:10.1007/s12110-025-09494-w (englisch).

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI