Colin Cherry

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Edward Colin Cherry (* 23. Juni 1914 in St Albans; † 23. November 1979 in London) war ein britischer Ingenieur sowie Professor am Imperial College London.[1] Wegen seiner Studien zu dem von ihm so benannten und empirisch untersuchten Cocktailparty-Effekt wird er auch als Kognitionspsychologe bezeichnet.

Leben

Er wuchs in St. Albans auf und besuchte hier bis 1932 die St. Albans School. Nach seinem Schulabschluss arbeitete er als Laborassistent in den Forschungslaboren der General Electric Company. Parallel dazu belegte er Abendkurse am Northampton Polytechnic Institute in London, der heutigen City University. 1936 schloss er sein Ingenieurstudium mit einem B.Sc. und mit Auszeichnung ab. Anschließend wurde er in den Forschungsdienst der General Electric Company berufen und bekleidete diese Position von 1936 bis 1945. 1940 erwarb er einen M.Sc. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er von 1939 bis 1945 für das Ministerium für Flugzeugproduktion und forschte im Radarforschungs- und Entwicklungszentrum in Malvern an Radarsystemen; er war auch an Flugversuchen beteiligt. Nach Kriegsende wurde er zum Assistenzdozent an der University of Manchester ernannt. 1947 wurde er zum Dozent am Institut für Elektrotechnik des Imperial College London berufen. 1952 verbrachte er ein Forschungssemester am Massachusetts Institute of Technology (MIT), wo er mit Norbert Wiener zusammenarbeitete. Zurück am Imperial College promovierte er 1956 mit der Dissertationsschrift „On Human Communication: A Review, a Survey, and a Criticism“ seinen Doktor der Ingenieurwissenschaften D.Sc.[2] und wurde er zum Dozent für Telekommunikation und 1958 zum Henry Mark Pease Professor für Telekommunikation ernannt.

Werk

Er verfasste zahlreiche Arbeiten zur Theorie elektrischer Schaltkreise, zu den Grundlagen der Telekommunikation und zur Psychologie des Sprechens und Hörens. Einige seiner Ideen waren durchaus ungewöhnlich. So veröffentlichte er beispielsweise am 22. August 1963 einen Artikel im Sheffield Telegraph, in dem er einen Weg zur Reduzierung von Autounfällen vorschlug: Er argumentierte, dass eine bessere Kommunikation zwischen den Fahrern die Zahl der Unfälle verringern würde, und schlug daher vor, dass die Regierung per Gesetz alle Autos mit Funksendern mit einer Reichweite von 100 Metern ausstatten sollte. Er schlug auch vor, das Fernsehen im Unterricht anzuwenden; eine weitere seiner Ideen war die einer Weltregierung per Fernsehen. Auch hinsichtlich einer Fernsehübertragung der Parlamentsdebatten gehörte er zu den frühen Befürwortern.

Ein anderer seiner Forschungsschwerpunkte lag auf der auditiven Aufmerksamkeit, insbesondere im Hinblick auf das sogenannte Cocktailparty-Problem. Dieses beschreibt die Schwierigkeit, nur einem Gespräch zu folgen, während viele andere Gespräche stattfinden. Er führte dazu zahlreiche Experimente durch, bei denen die Teilnehmer gleichzeitig zwei verschiedene Botschaften aus einem Kopfhörer hörten und versuchen mussten, diese zu unterscheiden; dies wurde später als dichotische Höraufgabe bezeichnet. In der ersten Versuchsreihe zum Cocktailparty-Effekt spielte er über Kopfhörer zwei unterschiedliche Botschaften von demselben Sprecher vor und bat die Teilnehmer, eine der beiden Botschaften laut nachzusprechen und anschließend aufzuschreiben. Mit etwas Mühe und durch wiederholtes Hören der Tonaufnahmen gelang es ihnen, die beiden Botschaften voneinander zu trennen. Die Probanden können auch willkürlich von einem Ohr auf das andere umschalten. Von der Botschaft auf dem anderen Ohr ist hingegen so gut wie nichts vorhanden, z. B. wird nicht einmal erkannt, wenn die „verschattete“ Botschaft in einer anderen Sprache gesprochen wird. Erkennbar waren noch die Unterscheidungen in männliche und weibliche Sprecher oder auch die Tatsache, dass eine Stimme auf einem Band nach rückwärts abgespult wurde. Offenbar richteten die Probanden ihre Aufmerksamkeit nur auf physikalische Eigenschaften der nicht nachgesprochenen Botschaft, nicht aber auf semantische (selbst bei 35-maliger Wiederholung eines Wortes wird dies bei Verschattung nicht erkannt). Diese Befunde wurden in der Psychologie aufgenommen und waren der Anstoß zur Entwicklung der Filtertheorie der Aufmerksamkeit von Donald Broadbent bzw. der Merkmalsintegrationstheorie von Anne Treisman und deren spätere Varianten.

1978 erhielt er das Marconi International Fellowship; das Preisgeld wollte er für zwei Zwecke zu nutzen: Zum einen wollte er damit eine Konferenz zum Thema „Die Grundlagen der Rundfunkpolitik“ fördern; diese fand posthum 1980 auf Leeds Castle sechs Monate nach seinem Tod statt. Zum anderen wollte er mit dem Stipendium ein Buch finanzieren, das er vorläufig „Eine zweite industrielle Revolution?“ genannt hatte. Vorwort und die ersten drei Kapitel hatte er bereits vor seinem Tod im November 1979 verfasst. Ein Großteil des Materials für den Rest des Buches war ebenfalls von ihm gesammelt worden. Das Buch wurde von einem seiner ehemaligen Studenten, William E. Edmondson, fertiggestellt und unter dem Titel The Age of Access: Information Technology and Social Revolution veröffentlicht.

Ehrungen/Positionen

  • 2015: Stiftung des „Colin Cherry Award“ von Dänemarks Technischer Universität (DTU)[3]
  • 1987: „Colin Cherry Memorial Lecture“ am Imperial College
  • 1978: „Marconi International Fellowship“ zur Würdigung seiner Beiträge auf dem Gebiet der Kommunikation, sowohl im wissenschaftlich-technologischen Sinne als auch im Hinblick auf die menschliche Wahrnehmung
  • 1961: Plenumsredner am British Mathematical Colloquium (BMC)
  • Mitglied der Institution of Engineering and Technology (IET)
  • 1958: Bernard Price Memorial Lecture des South African Institute of Electrical Engineers

Privates

Er war verheiratet mit Heather Cherry.

Publikationen (Auswahl)

Monografien
  • The Age of Access: Information Technology and Social Revolution (Croom Helm information technology series), posthum herausgegeben von William E. Edmondson. Routledge Kegan & Paul, London 1985, ISBN 978-0-7099-3458-5.
  • On human communication: A review, a survey, and a criticism. MIT Press, Cambridge, MA 1978, ISBN 978-0-262-03065-6.
    • Portugiesische Ausgabe: A Comunicacao Humana, Editora Cultrix, Brasilien 1961.
  • World communication – Threat or Promise? – A Socio–technical Approach (Revised Ed.). John Wiley & Sons, Hoboken 1978, ISBN 978-0-471-99660-6.
  • Information Theory. Butterworths, London 1961.
  • Telecommunication as Social Science. Imperial College, London 1959, ISBN 978-0-85287-067-9.
  • On Human Communication. John Wiley & Sons, Hoboken 1957.
    • Deutsche Ausgabe: Kommunikationsforschung, eine neue Wissenschaft (2., erw. Aufl.). S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1967.
  • Kybernetik - Dokumentation und mechanisches Gedächtnis. Westdeutscher Verlag, Köln 1954.
  • Pulses and transients in communication circuits: an introduction to network transient analysis for television and radar engineers. Chapman & Hall, Boca Raton 1949.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge
  • Communication. The Social Web. In: Nature, 1965, 208 (5012), S. 717–718.
  • Some Further experiments upon the Recognition of Speech, with One and with two Ears. In: Journal of the Acoustical Society of America, 1954, 26 (4), S. 554–559.
  • Some Experiments on the Recognition of Speech, with One and with two Ears. In: Journal of the Acoustical Society of America, 1953, 25, S. 975–979.

Literatur

Einzelnachweise

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