Corbusierhaus
Wohnhochhaus im Berliner Ortsteil Westend des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf.
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Das Corbusierhaus (auch Le Corbusierhaus, Corbusierhaus Berlin oder Wohnmaschine) ist ein nach Plänen des Architekten Le Corbusier 1956–1958 errichtetes Hochhaus und Solitär im Berliner Ortsteil Westend des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf.
Corbusierhaus Unité d'Habitation – Typ Berlin | ||
| Ansicht von Nordwesten, Aufnahme 2017 | ||
| Basisdaten | ||
|---|---|---|
| Ort: | Berlin-Westend | |
| Bauzeit: | 1956–1958 | |
| Status: | Baudenkmal | |
| Baustil: | Brutalismus | |
| Architekt: | Le Corbusier | |
| Architekten: | André Wogenscky, Felix Hinssen, Erich Böckler, Fritz Eske, Hedwig Goos, Jacques Mériot | |
| Koordinaten: | 52° 30′ 36,5″ N, 13° 14′ 37,4″ O | |
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| Nutzung/Rechtliches | ||
| Nutzung: | Wohngebäude | |
| Wohnungen: | 530 | |
| Bauherr: | Heilsberger Dreieck-Grundstücks AG | |
| Technische Daten | ||
| Höhe: | 56 m | |
| Etagen: | 17 | |
| Aufzüge: | 3[1] | |
| Baustoff: | Stahlbeton | |
| Konstruktion: | Schottenbauweise | |
| Baukosten: | 15.569.015,18 DM | |
| Höhenvergleich | ||
| Berlin: | 130. (Liste) | |
| Anschrift | ||
| Anschrift: | Flatowallee 16 | |
| Postleitzahl: | 14055 | |
| Stadt: | Berlin | |
| Land: | Deutschland | |
Geschichte
Das eigentlich als Unité d’habitation, type Berlin (französisch für ‚Wohneinheit, Typ Berlin‘) bezeichnete Gebäude gehört zu dem von Le Corbusier entwickelten Hochhaustyp der „Unité d’habitation“. Es wurde für die Internationale Bauausstellung von 1957 (Interbau) entworfen. Die Entwürfe der Interbau im Stil des Brutalismus werden teilweise als Reaktion West-Berlins auf die Neubauten in Ost-Berlin verstanden, unter anderem die Gestaltung der Karl-Marx-Allee.[2][3] Angaben über die Höhe variieren – 56 m[1] oder rund 53 m.[4][5] Zum Zeitpunkt der Fertigstellung war es nicht nur der größte Geschosswohnungsbau von Berlin,[6][7.1] sondern von ganz Europa.[8] Von allen fünf ausgeführten Unités d’habitation ist die in Berlin die zweitgrößte.[7.2][9]
Beauftragung und Standort
Der Auftrag an Le Corbusier lautete ursprünglich, ein Haus im Hansaviertel zu realisieren. Im Februar 1955 wurde der Architekt dazu aufgefordert, sich an der Bauausstellung Interbau zu beteiligen.[10.1] Ihm wurde ein Plan vom vorläufigen städtebaulichen Entwurf für das Hansaviertel geschickt, auf dem das Grundstück an der Händelallee Ecke Klopstockstraße markiert war.[7.3] Le Corbusier erschien das vorgeschlagene Grundstück im Hansaviertel unakzeptabel klein, da er plante, eine Unité d’habitation – ähnlich der in Marseille und Nantes-Rezé – zu errichten.[11.1] Bausenator Rolf Schwedler ließ ab April 1955 überprüfen, ob der Bau einer Unité in Berlin prinzipiell möglich sei.[11.2] Auf dem Grundstück, welches Le Corbusier im Februar 1955 vorgeschlagen wurde, steht heute das Walter-Gropius-Haus.[7.3]
Am 22. September 1955 fanden sich Le Corbusier und André Wogenscky in Berlin ein, um ihren Standpunkt klarzumachen.[12.1] Der Architekt Hans Schoszberger beschrieb das Treffen in der Zeitschrift Bauwelt.[12.2] Letztendlich fand man doch noch einen Kompromiss: Aufgrund der Größe wurde das Gebäude nicht im Hansaviertel errichtet. Berlin stellte ein städtisches Grundstück am Olympiastadion zur Verfügung, das sogenannte „Heilsberger Dreieck“, zwischen Heilsberger Allee, der heutigen Flatowallee, und S-Bahn-Trasse gelegen. Zwischen 1956 und 1958 wurde das Gebäude dort auf einer leichten Anhöhe errichtet.[13] Es beinhaltet nunmehr 530 Wohnungen auf 17 Geschossen, die über zehn sogenannte „Innenstraßen“ erschlossen werden. Die für Corbusiers typische Aufständerung geschieht hier nicht durch Stützen (Pilotis), sondern durch untergestellte Scheiben.
Für den Bau wurde die Heilsberger Dreieck-Grundstücks AG gegründet.[14] Der damals 41-jährige Frithjof Müller-Reppen wurde deren Direktor und fungierte als Bauherr.[15] Die Heilsberger Dreieck-Grundstücks AG ging aus der Thomashof-Grundstücks-AG hervor. Müller-Reppen, die Thomashof-Grundstücks-AG und Architekt Felix Hinssen hatten zuvor bereits die Ernst-Reuter-Siedlung realisiert.[11.3] Die Gesamtkosten der Unité d'Habitation – Typ Berlin betrugen rund 16,5 Millionen DM. Davon waren etwa 800.000 DM Grundstückskosten und 200.000 DM Erschließungskosten. Die reinen Baukosten betrugen rund 15,5 Millionen DM.[11.4] Der Spiegel nannte als Baukosten hingegen 13,8 Millionen DM.[6]
Streit um die Ausführung
Corbusier hatte auch die innere Gestaltung des Gebäudes bis ins Detail entworfen. Seine Vorstellungen wurden jedoch nicht umgesetzt. Vorschriften der deutschen Bauordnung und des sozialen Wohnungsbaus bedingten zudem auch Abweichungen vom Gesamtentwurf.[11.5] Die Raumhöhe beträgt 2,50 Meter statt der von Corbusiers Proportionsschema Modulor vorgesehenen 2,26 Meter.[16] Auch doppelgeschossige Wohnzimmer mit offener Galerie der oberen Ebene wurden ausgeschlossen.[7.4] Weitere Änderungen, die Le Corbusier widerwillig hinnahm waren: Aufständerung mit kurzen Wandscheiben – anstatt mit Säulen –, Verzicht auf ein Ladengeschoss in der siebten Straße, keine gemeinschaftlich genutzten Dachaufbauten, Verlegung der Einkaufsmöglichkeiten in das Erdgeschoss – welches eigentlich hätte komplett frei bleiben sollen.[17.1] Nur ein kleiner Anteil der Wohnungen ist durch die gesamte Gebäudetiefe „durchgesteckt“.[4]
Zwar akzeptierte Le Corbusier zunächst 1957 einige der Abweichungen, doch ein Jahr später distanzierte er sich vom ausgeführten Bau[18] und strich schließlich das Gebäude aus seinem Werkverzeichnis.[19] Der Streit eskalierte ab April 1957, denn es kamen weitere Änderungen hinzu, die Bauherr und Kontaktarchitekten nicht mit Paris abgesprochen hatten, darunter Änderungen am Aufzugsturm und an den Loggien.[17.1] Der Bauherr verwendete Pläne, die Le Corbusier nicht freigegeben hatte.[10.2]
„Ihr persönlicher Einfluss auf Müller-Reppen unbedingt notwendig, dass er Corbusiers Pläne respektiert.
Wogenscky[17.2]“
Le Corbusier forderte Ablösung von Bauherr Müller-Reppen sowie der Planer Felix Hinssen und Erich Böckler.[17.3] Ausschlaggebend für die negativen Reaktionen von Le Corbusier war insgesamt das eigenmächtige Vorgehen von Müller-Reppen und Hinssen, die ihre eigenen Pläne – mit Verweis auf den engen Zeitplan – ohne Freigabe von Le Corbusier umsetzen ließen.[17.4] Die Architektin Hedwig Goos war diejenige, die die Korrespondenz zwischen Deutsch und Französisch übersetzte.[11.6]
Ein Versuch, eine einvernehmlichere Ausführung zu erwirken, betraf den Architekten Hans Schoszberger.[17.5] Le Corbusier wünschte sich, dass jener als Kontaktarchitekt in das Projekt mit einbezogen würde.[17.6] Schoszberger erhielt die Baupläne,[17.7] stand in direktem Kontakt mit Le Corbusier.[17.8] Die Zusammenarbeit verlief aber im Sande, da Schoszberger krankheitsbedingt ausfiel.[17.9]
Das Buch, das Frithjof Müller-Reppen 1958 über das Bauprojekt am Heilsberger Dreieck herausgab, enthält auch einen Textbeitrag, den Le Corbusier im Mai 1958 verfasst hatte. Der Text illustriert die Frustration des Architekten und endet mit den Worten: „Das alles enthielten auch meine Pläne für das ,Heilsberger Dreieck‘. Der Himmel hat es nicht gewollt, daß …“[20]
Planende Personen
Mit der Bauleitung in Berlin war Felix Hinssen betraut, mit dem Bauherr Müller-Reppen bereits zuvor zusammengearbeitet hatte.[11.7] Er entwarf auch die Innenausstattung. Weitere Planer in Berlin waren Erich Böckler und Fritz Eske.[21]

Eng verbunden mit der Entwicklung des Unité-Konzepts und der Umsetzung in Berlin und an anderen Orten ist der Architekt André Wogenscky. Auf den Bauzeichnungen steht im Plankopf zwar der Name Le Corbusier als erstes, direkt darunter aber als zweiter Name André Wogenscky – und keine weiteren Namen.[22] Wogenscky war ab 1936 Angestellter von Le Corbusier. Von 1955 bis 1957 arbeitete er mit einem eigenen Büro an den Corbusier-Aufträgen. Auch nach 1957 blieb Wogenscky weiterhin Ausführungsplanungs-Architekt für die Unité d’habitation type Berlin (und die Unité d’habitation de Briey).[23] Zeichnungen für nicht ausgeführte Dachaufbauten für Berlin fertigte 1956 der Corbusier-Angestellte Augusto Tobito Acevedo an. Auf den Plänen steht das das Kürzel „CHA“,[24.1] da das Projekt unter „Charlottenburg“ abgelegt wurde.[22][25]
Bei den Baubesprechungen in Berlin wurde André Wogenscky von Hedwig Goos und Jacques Mériot begleitet, die das Projekt in Paris bearbeiteten.[17.10] Als Praktikant auf der Baustelle arbeitete der junge Jürgen Sawade.[26]
Haustechnik und Dachaufbauten
Eine Besonderheit war, dass das Gebäude ursprünglich ein eigenes Heizkraftwerk besaß. Mit Schweröl betriebene Dampfturbinen erzeugten neben Heizwärme und Heißwasser auch den Strom für Aufzüge, Entlüftung, Pumpen, Treppenhausbeleuchtung und weiteres.[27] Kessel und Turbinen befanden sich im Erdgeschoss. In einem aufgeständerten Haustechnikraum mit einer schrägen Kastenform auf dem Dach[28] befand sich eine Luftkondensationsanlage, um den Wasserdampf der Anlage wieder als flüssiges Wasser zuführen zu können.[29.1] Die Heizungsanlage wurde 1982 grunderneuert.[29.2] Die Luftkondensationsanlage wurde dadurch überflüssig und man entfernte den pavillonartigen Haustechnikraum.[29.3] Die Lüftungsöffnung des Pavillons waren nach Süden ausgerichtet.[30][31]
Nutzung und Rezeption
Im August 1959 berichtete Der Spiegel vom ersten Eigentümerwechsel. Die Produzentin Ilse Kubaschewski – Gründerin von Gloria-Film – übernahm rund 75 %.[6] Weitere Anteile erwarben die Gloria-Film-Wirtschaftsprüferin Annemarie Bange sowie der Direktor der Beton- und Monierbau AG – Henry Poeschla.[6] Die Mietwohnungen wurden 1979 in Eigentumswohnungen umgewandelt.[5]
Nachdem es 1979 vom Berliner Immobiliengroßmogul Bendzko gekauft worden war und die 530 Wohnungen in Eigentum umgewandelt bzw. als solche den Mietern angeboten wurden, änderte sich folglich auch die Bewohnerstruktur. […] Ursprünglich für 1600 Menschen geplant, zogen damals 1200 ein; heute wohnen dort etwa 1000. Die meisten der spartanisch engen Bäder sind vergrößert worden, die zum Wohnraum hin offenen Küchen sind inzwischen modernisiert. Die Gemeinschaftswaschküche an der 10. Straße ist verschwunden, ebenso der Supermarkt im Erdgeschoss. Die eigene Heiz-Kraft-Zentrale wurde durch den Anschluss ans öffentliche Netz überflüssig.[4]

Das Corbusierhaus steht seit 1994 unter Denkmalschutz.[32.1][2] Das Gutachten für den Denkmalschutz verfasste Dietrich Worbs.[1] Seit der Umbenennung der Reichssportfeldstraße im Jahr 1997 lautet die Adresse Flatowallee 16. Die Bausubstanz weist aufgrund des Alters und der verwendeten Materialien Schäden auf. Besonders ist die Verwendung von Ziegelsplittern als Zuschlagstoff im Beton.[33][7.5] Instandsetzungen des Betons fanden 1974 und in den 1980er Jahren statt.[34] In dem Denkmalpflegeplan, den das Architekturbüro Jochen Beer 2005 erstellte, sind die Merkmale des Betons und die frühen Ausbesserungsmaßnahmen beschrieben.[32.2] Die Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG) beauftragte das Berliner Architekturbüro Beer damit, ein Betoninstandsetzungskonzept für die Südfassade zu erstellen.[35] Die Sanierung der Betonfassaden begann 2014.[7.6]
Die aktuelle Rezeption ist ausgesprochen wertschätzend. Mehrere Bücher widmen sich dem Gebäude und stellen es durchweg positiv dar. Seit 2004 existiert ein Förderverein, der sich zusammen mit der WEG um das Gebäude kümmert.[36] Die von Philipp Mohr „rekonstruierte“ Wohnung 258 wurde international publiziert.[37][38] Zwischen der zweiten und dritten Etage des Corbusierhauses befindet sich die Galerie treppe b.[39]
Historische Bilder
Zeichnungen und Modell
- Visualisierung nach Archivplänen der Fondation Le Corbusier. Der Dachaufbau und die Tiefgarage wurden nicht gebaut.[24.2]
- Vorgesehene Gestaltung der Maisonnette-Wohnungen mit Küche von Charlotte Perriand und Treppe von Jean Prouvé, die nicht umgesetzt wurde. Visualisierung von Philipp Mohr
- Modell in der Berlinische Galerie mit Aufzugsturm und dahinterliegenden aufgestelzten Haustechnikraum, der später entfernt wurde. Die Fassadenfarben basieren auf Corbusiers Farbschema von 1931 und wurden von ihm gemeinsam mit Fernand Léger entwickelt.
Literatur
- Philipp Mohr: Café Corbusier: Eine Rekonstruktion in Berlin. Edition Kronzeugen, Rhauderfehn 2021, ISBN 3-9821953-6-5.
- Marcus Nitschke (Hrsg.): Le Corbusier und die Unité d’habitation, Typ Berlin – Briefwechsel 1955–1958. Treppe B – Galerie & Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-96551-011-1.
- Clara Franziska Maria Weber: Unité d'habitation Typ Berlin – Anspruch und Wirklichkeit einer Wohnmaschine (= Städtebau – Architektur – Gesellschaft 2). Ibidem, Hannover 2012, ISBN 978-3-8382-0285-3.
- Bärbel Högner: „Typ Berlin“. Das Corbusierhaus in Charlottenburg, Jovis Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86859-004-3.
- Unité d’habitation, Typ Berlin: das Corbusier-Haus in Berlin. Denkmalpflegeplan, Landesdenkmalamt Berlin, 2007.
- Frithjof Müller-Reppen (Hrsg.): Le Corbusiers Wohneinheit „Typ Berlin“. Verlag für Fachliteratur, Berlin-Grunewald 1958. (Faksimile der Originalausgabe mit einem aktualisierten Anhang: Hrsg. WEG Corbusier-Haus/Förderverein Corbusierhaus Berlin e. V. Jovis Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86859-005-0.)
- Bauwelt 46 (1955), S. 797, 836 f.; Bauwelt 47 (1956), S. 1191; Bauwelt 48 (1957) 24, S. 585, 592 f.
Weblinks
- Buchpräsentation und Gespräch mit Bärbel Högner auf dem YouTube-Kanal der Stadtbibliothek Berlin-Mitte.
- Auszugs-Voransicht der Publikation von Bärbel Högner: „Typ Berlin“. Das Corbusierhaus in Charlottenburg, mit Inhaltsverzeichnis, auf Yumpu.com.
- Rundgang ums Gebäude, durchs Treppenhaus und Innenstraßen, YouTube-Video von Aneo Solomon.
- Eintrag 09040533 in der Berliner Landesdenkmalliste
- Förderverein Corbusierhaus Berlin e. V.
- Le-Corbusier-Haus – Unité d’Habitation, Typ Berlin bei berlin.de.
- Unité d’habitation – Corbusier Bürgerverein Hansaviertel.
- Website der Haustechnik im Corbusierhaus
- Turmfalken Livekameras im Corbusierhaus

