Creamcheese

Lokal in der Düsseldorfer Altstadt, das von 1967 bis 1976 bestand From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Creamcheese war ein Lokal in der Düsseldorfer Altstadt, das am 21. Juli 1967 eröffnete und bis Dezember 1976 bestand.

Creamcheese, das Interieur inzwischen im Museum Kunstpalast

Geschichte

Gebäude Neubrückstraße 12 (2016)

Gegründet von Hans-Joachim Reinert und Bim Reinert[1] und konzeptionell gestaltet von dem Bildhauer Günther Uecker, dem Filmemacher Lutz Mommartz, dem Designer Danilo Silvestrin, der im Haus selber wohnte[2], und dem Künstler Ferdinand Kriwet, entstand in der Neubrückstraße 12 ein für damalige Verhältnisse spektakuläres und originelles Lokal, wie u. a. die Frankfurter Rundschau im Januar 1968 berichtete.[3] Uecker hatte sich der von Heinz Mack und Otto Piene gegründeten Künstlergruppe ZERO angeschlossen, deren Werke sich um Licht, Bewegung, Raum und Zeit, Dynamik und Vibration drehten. Diese Elemente sollten auch das Creamcheese bestimmen.[4] Die Idee, Popmusik mit Kunst zu verbinden, beruhte auf dem Vorbild von Andy Warhols Club The Dom.[5]

Die Ausstattung, wie etwa eine 20 Meter lange Theke mit Spiegel-Lamellen-Rückwand von Heinz Mack, Titel „der Mund“, ein Gemälde von Gerhard Richter im Vorraum, das ein liegendes Mädchen zeigte, die bis zu 24 laufenden Fernseher, eine zum Podium erhobene Tanzfläche, dem „Aktionsraum“ und diverse Kunstobjekte wie ein überdimensionaler Nagel in einem Metallkäfig als Objekt von Uecker, Titel: „electric Garden“, machte das Creamcheese zu einem intellektuellen Lokal in der Zeit der End-1960er. Das Creamcheese-Manifest[6] lieferte die Programmatik des Künstlerlokals.

Ein nach seiner Aussage eifriger Besucher des Creamcheese berichtete 1968, im Jahr nach der Eröffnung des Creamcheese, als Mitautor eines Kneipenreports der Altstadt:

Gleich am Eingang stand ein zerstörtes Fernsehgerät, dessen Uecker-Nägel von den Gästen als Souvenir mitgenommen worden waren, „ein Fernseh-Igel, dem man alle Stacheln gezogen hat“, rechts eine Pyramide aus Holz, „Zufluchtsort für Kunstfreunde mit schwachem Trommelfell“. Von der Wand mit Fernsehgeräten „von denen früher die allermeisten, jetzt jedoch nur noch 1 bis 2 das Geschehen im hinteren Raum nach vorn übertragen. Die anderen senden Bildstörungen raffiniertester Art“. An der langen Bar nur wenige Bierhocker, eng, „nicht besonders schön“. Hinter der Bar eine Faltenwand mit inzwischen einer Beule. Ein paar Schritte weiter, „in die Erde gerammt, die Discothek“, mit zwei Sitzen, einer für den Disc-Jockey. Im Lokal einige große Würfel, einer als Tanzfläche, die auf 1,20 Meter hochgehoben werden kann, außerdem eine Tribüne zum Zuschauen. Die neuesten Platten aus London und New York wurden „mit atemberaubender Lautstärke durch die Verstärker gejagt“, dazu alle paar Sekunden optische Blitze. Film- und Diaprojektoren zeigten Ausschnitte aus der Bild-Zeitung, ein tanzendes Mädchen, deutsche Panzer in Russland, Jagdflugzeuge im Angriff und Mickey Mouse. Das Altbier kostete DM 1,10 inklusive Bedienung. Geöffnet war es werktags von 19 bis 1 Uhr, sonntags ab 16 Uhr.[7]
Die Galerie, jetzt im Kunstpalast

Weit über Düsseldorfs Stadtgrenze bekannt stand der Name Creamcheese für einen progressiven Musiksound. Zu hören waren bekannte Bands wie Atomic Rooster, Iron Butterfly, Camel, Pink Floyd, Birth Control, Supertramp, Genesis, Deep Purple und Frank Zappa, der mit seinem Song Son of Suzy Creamcheese den Namen für den Insidertreff lieferte. Suzy Creamcheese ist eine fiktive Person, die unter anderem auf Zappas Album Freak Out! mehrere Auftritte hat. Uecker hatte Zappa bei seinen New York-Aufenthalten kennengelernt. Bei seinen Tourneen im Dezember 1970 und November 1971 trat Zappa auch in Düsseldorf auf und besuchte bei diesen Gelegenheiten das Creamcheese. Deutsche Gruppen wie Tangerine Dream, Can, Kraftwerk oder Freejazzer und Peter Brötzmann spielten hier live.[8]

Achim Reinert stand in seinem langen schwarzen Ledermantel mit Schaffnerkasse vor dem Bauch wie eine lebendige Skulptur an der Tür. Hinter der Theke bedienten heute bekannte Künstler, wie Blinky Palermo, Imi Knoebel oder Katharina Sieverding. Das Creamcheese zog nicht nur Musik- und Tanzbegeisterte an, sondern auch Künstler wie Joseph Beuys, Anatol Herzfeld und Günther Uecker zählten zum Stammpublikum. Angeregt durch Johann Kuiper fanden diverse „Kneipentheater“-Aufführungen statt, gefördert von den damaligen Besitzern Bim und Achim Reinert. So führten zum Beispiel die Künstler Beuys und Herzfeld am 5. Dezember 1968 die gemeinsame Aktion Handaktion und Der Tisch auf.[9] Mommartz drehte 1967/68 im Creamcheese zwei Kurzfilme: Oben / Unten[10] und Gegenüber[11]. Beide Filme zeigte Mommartz 1968 auf der Documenta 4 in seinem Zweileinwandkino.[12] Auch für Filmvorführungen und avantgardistische Modenschauen stand das Cream zur Verfügung. Mit seinen Rundscheiben, den an die Wand projizierten, kreisförmig angeordneten Worten, schaffte Krivet eine neue Art der visuellen Gestaltung von Texten, welche zusammen mit dem Stroboskoplicht ganz neue Sinnes-Eindrücke für die Besucher erzeugte.

Das Creamcheese gilt als Gesamtkunstwerk und entwickelte sich zu einem Stück Zeitgeschichte. Der langjährige documenta-Ausstellungsleiter Arnold Bode äußerte sich 1968 entsprechend: „Das ist keine Kneipe, sondern als Raum ein Gesamtkunstwerk“.[13]

Im Dezember 1976 zog das Lokal unter dem neuen Namen Cream in die Flingerstraße 11 um. Die neue Version des Lokals konnte aber an den alten Erfolg nicht mehr anknüpfen.[14]

Der Nachbau der damaligen „längsten Theke Deutschlands“ wird, mit einer Unterbrechung, im Düsseldorfer Kunstmuseum im Ehrenhof mit den Original-Exponaten ausgestellt. Das Museum kaufte fast die ganze künstlerische Innenausstattung auf.[15] Erwähnung fand das Creamcheese auch in „Summer of Love“, einer Ausstellung der Tate Liverpool in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main und der Kunsthalle Wien.

Rekonstruktion

Der Kunstpalast (damals Kunstmuseum Düsseldorf im Ehrenhof) kaufte das Inventar kurz nach der Schließung des Clubs an. 2023 ließ der aktuelle Direktor des Kunstpalasts, Felix Krämer, den Raum vollständig rekonstruieren und im Museum installieren.[16][17]


Literatur

  • Tiziana Caianiello: Der Lichtraum, Hommage à Fontana, und das Creamcheese im Museum Kunst Palast. Zur Musealisierung der Düsseldorfer Kunstszene der 1960er Jahre. Bielefeld: transcript, 2005.
  • Thomas Hecken: Pop und Politik. Überlegungen am Beispiel des ‚Creamcheese‘ und der ‚Internationalen Essener Song-Tage 1968‘. In: Dirk Matejovski, Marcus S. Kleiner, Enno Stahl (Hrsg.): Pop in R(h)einkultur. Oberflächenästhetik und Alltagskultur in der Region. Klartext, Essen 2008, ISBN 978-3-8375-0005-9, S. 245–264.
  • Tiziana Caianiello: Der "Lichtraum (Hommage à Fontana)" und das "Creamcheese" im museum kunst palast: Zur Musealisierung der Düsseldorfer Kunstszene der 1960er Jahre (Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement); transcript Verlag; 1. April 2005, ISBN 978-3-89942-255-9, S. 95–164
  • Uwe Husslein (Hrsg.): Pop am Rhein; Verlag Walther König; 10. Dezember 2007, ISBN 978-3-86560-375-3, S. 8–45
  • Alexander Simmeth: Krautrock transnational: Die Neuerfindung der Popmusik in der BRD, 1968–1978; transcript Verlag; 16. Juni 2016, ISBN 978-3-8376-3424-2

Einzelnachweise

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