Dana Raphael

US-amerikanische medizinische Anthropologin From Wikipedia, the free encyclopedia

Dana Louise Raphael (* 5. Januar 1926 in New Britain, Connecticut; † 2. Februar 2016 in Fairfield, Connecticut) war eine US-amerikanische medizinische Anthropologin, Autorin und Mitbegründerin des Human Lactation Center in Westport, Connecticut. Sie wurde bekannt für ihre Arbeiten zur sozialen Unterstützung in der perinatalen Zeit und zum Stillen. Raphael war eine Verfechterin des Stillens und förderte die Bewegung zur Rekrutierung nicht-medizinischer Pflegepersonen zur Unterstützung von Müttern während und nach der Geburt. Dieses Konzept der „Doulas“ machte sie durch ihr 1973 erschienenes Buch The Tender Gift: Breastfeeding bekannt. Zudem prägte sie den Begriff matrescence für die Phase des Übergangs zur Mutterschaft.

Leben und Wirken

Dana Louise Raphael wurde am 5. Januar 1926 in New Britain (Connecticut) als Tochter von Louis Raphael, dem Besitzer einer Kaufhauskette, und Naomi, geborene Kaplan geboren.[1]

Raphael erwarb ihren Bachelor- und Doktortitel in Anthropologie an der Columbia University in New York City unter der Betreuung von Margaret Mead.[1][2] Sie galt dort als Expertin für die Brust – einige Fakultätsmitglieder der Columbia University nannten sie despektierlich „die Titten-Lady“.[3]

Sie wurde zur außerordentlichen Professorin an der Yale University School of Medicine ernannt und hielt Gastvorlesungen in den Vereinigten Staaten, China, Indien und Japan.[4]

Sie gründete mit Mead das Human Lactation Center in Westport, Connecticut, und war Geschäftsführerin der Eleventh Commandment Foundation, einer Nichtregierungsorganisation, die die langfristigen Auswirkungen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit auf die Erfahrungen von Frauen während Schwangerschaft, Wehen, Geburt und Stillzeit untersuchte.[4][5] In den letzten 20 Jahren ihres Lebens war sie Mitglied des US-Vorstands des Club of Rome.[4][6]

Arbeiten zum Stillen

Nachdem sie eine konventionelle Hochzeit vermieden und sich geweigert hatte, den Namen ihres Mannes anzunehmen (was in den 1950er Jahren ungewöhnlich war), lehnte sie die gängige Praxis des Fläschchengebens ab, hatte jedoch Schwierigkeiten, ihren erstgeborenen Sohn zu stillen.[3] „Mir fehlten das Wissen und die Unterstützung, die ich brauchte, um Milch zu produzieren“, sagte sie später. „Je mehr mein hungriger Sohn schrie, desto schuldiger fühlte ich mich.“[1]

Motiviert durch die eigene Erfahrung[7] untersuchte sie, was Frauen in anderen Kulturen taten, um ihre neugeborenen Kinder am Leben zu erhalten. Sie recherchierte 278 anthropologische Berichte aus verschiedenen Kulturen weltweit und führte Interviews unter Hunderten von US-amerikanischen Müttern, denen das Stillen missglückt oder geglückt war. Sie fand einen Faktor, der mit Erfolg beim Stillen einherging: die Anwesenheit einer Person, die die Mutter umsorgte.[8]

Raphael befand, dass junge Mütter weniger soziale Unterstützung erhielten als früher in der Geschichte der Menschheit und dass die Sexualisierung der Brüste in den Vereinigten Staaten der Nachkriegszeit zu einer kulturellen Ablehnung des Stillens geführt hatte.[1][2][3] Ihre Forschungsmethoden umfassten die Befragung von Menschen, denen sie in ganz New York City begegnete, und die Untersuchung der beginnenden Mutterschaft in anderen Ländern.

1975 gründeten Raphael und Mead das Human Lactation Center in Westport, Connecticut. Dieses Institut ist der Erforschung von Stillmustern weltweit gewidmet[9] und erreichte als NGO mit Beraterstatus bei den Vereinten Nationen ein breites Publikum.[5] Infolge internationaler Proteste gegen den Nahrungsmittelhersteller Nestlé wegen deren Vermarktung von Babynahrung an Bevölkerungsgruppen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser hatten, richtete Raphael ihre Forschung auf diese Thematik aus.[2] Raphael äußerte sich kritisch über Praktiken von Nestlé und anderen Unternehmen, die in den 1970er-Jahren für Instant-Babynahrung in Entwicklungsländern warben, obwohl Frauen sie dort häufig zu stark verdünnten oder aber mit nicht sauberem Wasser anrührten. Andererseits zeigten ihre Untersuchungen auch auf, dass arme Frauen oft zu unterernährt und gestresst waren, um zu stillen, und dass in diesen Fällen Säuglingsnahrung wichtig und sogar unverzichtbar war.[3] Mead sprach dem Institut eine Vorreiterrolle in der internationalen Stillforschung zu: Dieses Thema sei zuvor – außer durch sie selbst – in Ländern der Dritten Welt nie eigens untersucht worden.[10]

Anerkennung von „Doulas“

In engem Zusammenhang mit ihrer Arbeit zum Thema Stillen stand das Konzept der Doula. Raphael förderte die Bewegung zur Rekrutierung nicht-medizinischer Pflegepersonen zur Unterstützung von Müttern während und nach der Geburt. Sie nannte solche Pflegekräfte ab 1969 „Doulas“.[5][1] Der Begriff „Doula“ (ausgesprochen ˈduːla; aus dem Altgriechischen δούλη, Dienerin, Sklavin, Magd) wurde durch ihr 1973 erschienenes Buch The Tender Gift: Breastfeeding popularisiert.[11]

Sie lernte das Wort „Doula“ von einer Frau in Griechenland kennen, die ihr erzählte, dass es „Sklavin“ bedeutet, und Raphael fand, dass das Wort gut zu der Rolle einer Frau passte, die einer stillenden Mutter hilft, indem sie andere Arbeiten im Haushalt übernimmt. Raphael verwendete den Begriff dann in ihrer Dissertation von 1966 über interkulturelle Praktiken des Stillens,[3] bevor sie ihn 1969 in einem Zeitschriftenartikel einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte.[1] In ihrem Buch The Tender Gift: Breastfeeding (Das zarte Geschenk: Stillen) aus dem Jahr 1976 machte sie Vorschläge dazu, wie Individuen eine kurzzeitige, unterstützende Beziehung knüpfen können, die darauf ausgelegt ist, die neue Mutter zufrieden zu stellen und ihr ein erfolgreiches Stillen zu ermöglichen.[8] Durch ihr Buch wurde Begriff der „Doula“ weiter bekannt.[11]

Theorie der Matreszenz

Als übergreifender Rahmen für diese Studie über Mutterschaft und frühkindliche Betreuung bezeichnete Raphael in ihrer Theorie der Matreszenz (matrescence) die Mutterschaft als einen bedeutenden sozialen, kulturellen, politischen und biologischen Übergangsritus. Matreszenz gehe über Schwangerschaft und Mutterschaft hinaus, schrieb sie, „unter anderem weil sich die Einstellungen dazu, wann und wie Frauen Mütter werden und sich um Säuglinge kümmern, von Kultur zu Kultur unterscheiden“. „Eine Geburt“, schrieb sie, „macht eine Frau nicht automatisch zur Mutter.“[12] Raphael zufolge ist matrescence ein Übergangsritus, bei dem sich durch die neue Mutterschaft „Veränderungen im körperlichen Zustand einer Frau, in ihrem Status innerhalb der Gruppe, in ihrem Gefühlsleben, in ihrem Fokus der täglichen Aktivitäten, in ihrer eigenen Identität und in ihren Beziehungen zu allen Menschen in ihrer Umgebung“ vollziehen.[13]

Persönliches

Dana Raphael heiratete 1953[2] Howard Boone Jacobson und hatte mit ihm drei Kinder: Seth, Jessa und Brett.[9][1] Sie stillte ihr zweites Kind fünf Jahre lang. Ihr drittes Kind war adoptiert, und sie induzierte die Milchbildung, um stillen zu können.[2][3]

Raphael starb am 2. Februar 2016 in ihrem Haus in Fairfield (Connecticut) an den Folgen einer Herzinsuffizienz.[1]

Ausgewählte Veröffentlichungen

Bücher

  • Being female : reproduction, power, and change. Mouton, The Hague, 1975, ISBN 978-0-202-01151-6 Online.
  • The Tender Gift: Breastfeeding. Schocken Books, New York, 1976, ISBN 978-0-8052-0519-0.
  • als Hrsg.: Breastfeeding and food policy in a hungry world. Academic Press, New York, 1979, ISBN 978-0-12-580950-4.
  • zusammen mit Flora Davies: Only mothers know : patterns of infant feeding in traditional cultures. Greenwood Press, Westport, Connecticut, 1985, ISBN 978-0-313-24541-1.
Artikel
  • The Midwife As Doula: A Guide to Mothering the Mother. In: Journal of Nurse-Midwifery, 26(6), November/Dezember 1981, S. 13–15.[8]

Einzelnachweise

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