Madame Nielsen
dänische Performerin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin
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Madame Nielsen (* 6. Mai 1963 als Claus Beck-Nielsen in Aalborg) ist eine dänische Performerin, Schauspielerin, Sängerin und Autorin. Von 2002 bis 2011 führte sie zusammen mit anderen Autoren und Künstlern ihre Arbeit unter der Agentur Das Beckwerk. Weitere Pseudonyme, des bis 2001 unter seinem bürgerlichen Namen Claus Beck-Nielsen wirkenden Künstlers: Claus Nielsen, Helge Bille Nielsen und schließlich Madame Nielsen.
Leben
Als Claus Beck-Nielsen verbrachte sie ihre Kindheit und Jugend in Aarhus, Tønder, Aalborg, Odense, Vestbirk und Høstkøb. In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre (1984–89) war sie Gitarrist und Sänger in der Band Creme X-Treme aus Odense. Sie ging zeitweilig nach New York und schloss sich dort der Performance-Gruppe The Wooster Group um Willem Dafoe in SoHo an.[1]
1993 absolvierte Nielsen die Forfatterskolen in Kopenhagen und wurde außerdem an der School of Stage Arts des Theaters Cantabile 2 in Vordingborg ausgebildet.[2][3] Im selben Jahr debütierte sie mit dem Hörspiel Bjerget, auf das weitere dramatische Arbeiten folgten.[2] Zusammen mit Rolf Heim leitete sie das Theater 20th Century Ghost und arbeitete 1996 bis 1999 als Theaterkritiker der Zeitung Politiken. Zentral für ihr Werk ist eine autofiktionale Auseinandersetzung mit Identität, Wirklichkeit und Fiktion.[2]
Ab 2002 bündelte Nielsen ihre künstlerische Arbeit in Das Beckwerk, das literarische, theatrale und performative Produktionen unter einem gemeinsamen Namen zusammenfasste.[2][1] Zu den frühen Projekten dieser Phase gehörten die Bühnenfassung von En sidste sang am Gladsaxe Teaters Væksthus sowie das Stück Parlament, für das Nielsen 2003 mit dem Reumert-Preis als Dramatiker des Jahres ausgezeichnet wurde.[2] Unter dem Namen Das Beckwerk setzte Nielsen die Erkundung von Identität, Wirklichkeit und Fiktion in Romanen, Happenings, politischen Aktionen und Gesprächen fort; dazu gehörten auch Projekte zur Einführung von Demokratie im Irak und zur Analyse der amerikanischen Demokratie.[2] Nielsen beschrieb Das Beckwerk zudem als eingetragene Firma, in der sie selbst als „namenlose Versuchsperson“ angestellt gewesen sei und die Beschlüsse eines Vorstands aus Künstlern, Schriftstellern, Architekten und einem Richter auszuführen gehabt habe.[1] Von 2006 bis 2008 war sie außerdem als „reactor-in-residence“ an Kaleidoskops Scene K2 tätig.[2] 2009 verklagte Thomas Skade-Rasmussen Strøbech Nielsen und den Verlag Gyldendal wegen der Verwendung persönlicher Angaben in dem Roman Suverænen; Østre Landsret wies die Klage 2011 ab.[2]
2021 hatte am Theater Sort/Hvid Nielsens Stück Verdensfrelserinden Premiere.[4] In den Jahren 2021 und 2022 veröffentlichte sie im Buchteil von Politiken zudem poetische Beiträge zur aktuellen Tagespolitik in der Rubrik Breaking Poesi.[4][5] Ihre Bücher erschienen in mehreren Ländern, darunter Deutschland, Frankreich, Spanien, Mexiko und die USA.[3]
Identitäten und Namensänderungen
Der Wechsel von Namen und Rollen ist ein Grundzug von Nielsens künstlerischer Arbeit.[2] 2000 inszenierte Claus Beck-Nielsen das Verschwinden und den „Tod“ der bisherigen Künstlerfigur und trat fortan als Claus Nielsen auf, als Mann ohne Personennummer und ohne Erinnerung an eine frühere Identität.[2] Diese Werkphase wurde später in der autobiografisch angelegten Veröffentlichung Claus Beck-Nielsen (1963–2001) (2003) dargestellt.[2]
Unter den Namen Claus Nielsen, clausbeck-nielsen.net, Das Beckwerk und später Helge Bille Nielsen entstanden in den folgenden Jahren Romane, Bühnenarbeiten und Aktionen, in denen die Grenzen zwischen Autorfigur, Werk und öffentlicher Inszenierung systematisch verwischt wurden.[2] Im Oktober 2010 kulminierte diese Phase in der Aktion Funus Imaginarium, die aus Claus Beck-Nielsens Totenbett, einem Trauerzug durch Nørrebro und der Beisetzung einer Silikonskulptur auf dem Assistenzfriedhof bestand.[2][3] Nach einer hunderttägigen Trauerzeit wurde Das Beckwerk im Januar 2011 aufgelöst.[2] Im selben Jahr nahm Nielsen den Namen Helge Bille Nielsen an; seit Januar 2012 trat sie unter dem Namen Nielsen auf.[2]
Seit 2014 veröffentlicht sie unter dem Namen Madame Nielsen; mit Den endeløse sommer erschien in diesem Jahr der erste Roman unter diesem Namen.[2] Nielsen beschrieb diesen Schritt nicht als Offenlegung einer von Anfang an feststehenden Geschlechtsidentität, sondern als die Verwirklichung einer von mehreren möglichen Existenzformen.[3] In einem Interview von 2017 betonte sie, sie habe immer auch andere Möglichkeiten des Daseins in sich gesehen und sich erst nach dem Ende der namenlosen Phase dazu entschlossen, als Frau aufzutreten.[3] Eine wichtige Station dieser Verwandlung war ein Pariser Schreibaufenthalt 2013, der in den 2024 veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen Dødebogsblade dokumentiert ist.[6] Dort wird beschrieben, wie Nielsen an ihrem 50. Geburtstag erstmals als Madame Nielsen in den Straßen von Paris auftrat.[6]
Jedoch sieht sie sich nicht als Transgender.
„Ich bin viel schöner als Frau, denn als magerer älterer Herr.“
Das Annehmen verschiedener Identitäten ist in Nielsens künstlerischer Praxis kein bloßes Rollenspiel, sondern Teil einer Betrachtung von Körper, Geschlecht und sozialer Zuschreibung.[2][3] Sie nennt es ein Spiel mit Identitäten, versteht es aber zugleich als Versuch, möglichst viele Daseinsformen tatsächlich zu leben.[8]
Der Verlag Gyldendal veröffentlichte 2003 eine Biografie, die mit dem inszenierten Tod des biographischen Schriftstellers Claus Beck-Nielsens endet. Nielsen spricht mehrere Sprachen fließend, darunter Deutsch.[1]
Veröffentlichungen
- Bjerget, 1993 (Hörspiel)[2]
- Vejlederne, Verlag: Samlerens forlag, 1997 (zwei Geschichten)
- Horne Land, Verlag: Samlerens forlag, 1999 (Roman)
- Ci-vi-li-sa-tion, 2000 (Schauspiel)[2]
- En sidste sang, Verlag: Rosinante & Co, 2001 (Liebesgeschichte des Jahrhunderts, Schauspiel)
- Selvudslettelser, (Beck-Werkverzeichnis; Band 1) Verlag: Samlerens forlag, 2002 (Roman)
- Claus Beck-Nielsen (1963-2001), Verlag: Gyldendal, 2003 (Biografie)
- Parlament, 2003 (Theaterstück)[2]
- De smukkeste mennesker, 2004 (mittelalterliches Drama)
- The European Dream Scream, Beckwerk Records 2006 (CD)
- Den sidste europæer, 2005 (Monolog über den Irakkrieg)[2]
- Selvmordsaktionen, Gyldendal, 2005 (Bericht über den Versuch der Einführung der Demokratie im Irak im Jahr 2004)
- Freedom on the March, Geiger Records, 2008 (CD)
- Suverænen, Verlag: Gyldendal, 2008 (Roman)
- I sammenbruddets tjeneste. Samtaler ved Peder Holm-Pedersen, Verlag: Gyldendal, 2008 (Interview mit Mikkel Bolt)
- Store Satans Fald, Verlag: Gyldendal, 2012 (Roman)
- Mine møder med de danske forfattere, 2013 (Roman)
- Mein Leben unter den Großen. Kiepenheuer & Witsch, 2024, ISBN 978-3-462-00543-1.
- Den endeløse sommer Gyldendal, 2014 (Roman)
- in dt. Übersetz.: Der endlose Sommer, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, ISBN 978-3-462-05102-5.
- Invasionen, 2016 (Roman)
- Det højeste væsen, 2017 (Roman)
- The Monster, 2018 (Roman)
- in dt. Übersetz.: Das Monster. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, ISBN 978-3-462-05310-4.
- Der Welt- & Zeitumfassende ein-Satz. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2022, ISBN 978-3-7518-0536-0.
- Lamento, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, ISBN 978-3-462-00127-3.
- Kendsgerninger, 2022 (erster Band des Werkzyklus Pentagon smeltet)[4]
- Dødebogsblade, Wunderbuch, 2024 (Tagebuchaufzeichnungen aus Rom, Paris und Schottland aus den Jahren 2009 bis 2016)[6]
- Porträts von den Deutschen und anderen Lebewesen. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2025, ISBN 978-3-7518-1046-3.
- Das Zeitgeisterhaus. Eine deutsche Geschichte. Roman. Alexander Verlag Berlin, Berlin 2026, ISBN 978-3-89581-654-3.
Theaterrollen
- Wings (Kopenhagen 1992)
- Odysseus (Næstved 1993)
- Forestillingen om Døden i Venedig (Kopenhagen 1994)
- Faderen, Sønnen & Korsvejen (Hannover 1994, Kopenhagen 1995)
- Andy Warhol (Deutschland, Dänemark, Norwegen, Finnland 1995–1998)
- De Skrøbelige (af Peer Hultberg – Radioteatret 1996)
- LENIN (Århus Festuge & Arken 1996)
- Balls & Rupies (Kanonhällen (Finnland) 1997)
- Teaterslagteren (Kaleidoskop 1999, Turne i Danmark 2001)
- Det ny menneske (Teater Camp X Aveny, Kopenhagen, Januar/Februar 2009)
Preise, Auszeichnungen und Stipendien
- 1998: Axel og Magda Fuhrs Fond
- 1998: Preis der Frankfurter Autorenstiftung
- 2000: Holger Drachmann-legatet
- 2000: Statens Kunstfond. Dreijähriges Stipendium
- 2000: (Johannes) Allen Preis (Preis des Dänischen Dramatikerverbundes)
- 2001: Aufnahme in das Kraks Blå Bog (Personenverzeichnis)
- 2003: Statens Kunstfond, Arbeitsstipendium
- 2003: Reumert-Preis
- 2003: Peter Freuchen Stipendium in Erinnerung an Magdalena und Peter Freuchen
- 2004: Statens Kunstfond. Arbeitsstipendium
- 2005: Statens Kunstfond. Arbeitsstipendium
- 2005: Kjeld-Abell-Preis
- 2006: Statens Kunstfond. Produktionsprämie (ohne vorherige Bewerbung vergeben)
- 2018: Frit Flet-Prisen[2]
- 2024: Wolfgang-Koeppen-Preis
Nielsen wurde mehrfach für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert.[9]
Weblinks
- Offizielle Website The Nielsen Movement
- Offizielle Website des Beckwerks (nicht mehr gepflegt; in Adobe Flash)
- Projektseite Claus Nielsen (nicht mehr gepflegt; in Adobe Flash)
- Claus Beck-Nielsen auf litteratursiden.dk
- WDR 3 (Westdeutscher Rundfunk) Mosaik. Gespräch am Samstag vom 4. Oktober 2025: Madame Nielsen über die Deutschen
- Madame Nielsen. In: Matthes & Seitz Berlin. Abgerufen am 5. Januar 2026.