Das Glasperlenspiel

Roman von Hermann Hesse (1943) From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Glasperlenspiel. Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften ist der letzte und zugleich umfangreichste Roman von Hermann Hesse, erstmals 1943 in zwei Bänden veröffentlicht.

Das Werk hatte entscheidende Bedeutung für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahr 1946. In der Widmung durch Anders Österling hieß es: „Der Roman weist eine imposante Struktur auf, in der das Konzept des Spiels und seine Rolle in der Zivilisation überraschende Parallelen zu der genialen Studie „Homo ludens“ des niederländischen Gelehrten Huizinga aufweist. Hesses Haltung ist zwiespältig. In einer Zeit des Zusammenbruchs ist es eine wertvolle Aufgabe, die kulturelle Tradition zu bewahren. Doch die Zivilisation lässt sich nicht dauerhaft am Leben erhalten, indem man sie zu einem Kult für wenige macht.“[1]

Hermann Hesse als Literaturnobelpreisträger, 1946

Entstehungsgeschichte

Hermann Hesse datierte die Anfänge des Werks auf das Jahr 1930, noch bevor er Die Morgenlandfahrt fertigstellte. Das erste Konzept für Das Glasperlenspiel stammte aus dem Zeitraum 1931/31 und war eine Antwort auf die Krisenzeit der Weimarer Republik.[2] Einen ersten ausführlicheren Hinweis auf seine neue Arbeit gab er in einem Brief vom April 1932.[3.1]

In einem Brief an Klaus Mann schrieb Hesse im Mai 1933 als Reaktion auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland und seinen religiösen Intentionen als Schriftsteller:

„Meine lebenslängliche Opposition ist nicht die zu Gunsten eines realen Zieles, sondern die des Religiösen, der grundsätzlich und immer zur ‚Welt‘ im Gegensatz steht, und dem jede Partei, jedes Wirkenwollen auf andre gleich verdächtig ist. Ich stehe damit ziemlich allein, da meine ‚Religion‘ keine konfessionelle Färbung hat, sie ist im Lauf meines Lebens aus indischen, chinesischen, christlichen und jüdischen Quellen langsam zusammen geronnen und bis heute einer verantwortlichen Formulierung nicht fähig.“

Hermann Hesse[3.2]

Im Juli 1933 beschrieb Hesse in seinem Tagebuch seinen Zwiespalt als apolitischer Schriftsteller:

„Ich empfinde eine Verpflichtung zur Opposition, kann diese aber nicht anders realisieren als indem ich mich und meine Arbeit noch intensiver neutralisiere. Zur aktiven Opposition sehe ich keinen Weg, da ich ja im Grunde an den Sozialismus nicht glaube. Ich habe also gegen das dritte Reich keine andre Ablehnung und Opposition als ich sie gegen jedes Reich, jeden Staat und jede Gewaltausübung habe, die des Einzelnen gegen die Masse, der Qualität gegen die Quantität, der Seele gegen die Materie.“

Hermann Hesse[3.3]

Hesse schrieb die Einführung viermal um, um jeglichen direkten Anklang an den Zeitraum des Entstehens zu vermeiden, darin auch das Gespräch Knechts mit dem Führer der Diktatur und die Zerstörungswut der besitzlosen Massen, die einer frühen Idee zufolge Kastalien irgendwann kurz und klein schlagen sollten.[2]

Im Juli 1935 veröffentlichte Hesse Die Gedichte des jungen Josef Knecht in der deutsch-schweizerischen Zeitschrift Corona. Bis 1942 erschienen die Gedichte und die meisten Kapitel (ausgenommen die Kapitel 7 bis 11 der Lebensbeschreibung) in Die neue Rundschau des S. Fischer Verlags im nationalsozialistischen Berlin und in Corona (1938). Somit waren die entscheidenden Passagen des Texts im deutschsprachigen Raum publiziert, ohne dass der Gesamtzusammenhang deutlich wurde. Im August 1942 wurde der zweite Teil des Kapitels Die Legende in Die neue Rundschau gedruckt.[3.4]

Am 29. April 1942 schrieb Hesse die letzten Zeilen von Knechts Lebensbeschreibung Die Legende, noch mit dem Titel Der Glasperlenspielmeister.[3.1] Die Erstausgabe des Werks erschien am 18. November 1943 im Züricher Verlag Fretz & Wasmuth, nachdem Peter Suhrkamp im Sommer 1942 ein Druckverbot für Deutschland erhalten hatte.

1955 schrieb er rückblickend an Rudolf Pannwitz, dass ihn die Machtergreifung der Nationalsozialisten dazu brachte, die Handlung in eine ferne Zukunft zu verlegen und sie damit zeitlos gültig zu machen:

„‚Es kam mit den Reden Hitlers und seiner Minister […] etwas wie Giftgas aufgestiegen, eine Welle von Gemeinheit, Verlogenheit, hemmungsloser Streberei, eine Luft, die nicht zu atmen war.‘ […]
Ich mußte, der grinsenden Gegenwart zum Trotz, das Reich des Geistes und der Seele als existent und unüberwindlich sichtbar machen, so wurde meine Dichtung zur Utopie, das Bild wurde in die Zukunft projiziert, die üble Gegenwart in eine überstandene Vergangenheit gebannt. Und zu meiner eigenen Überraschung entstand die kastalische Welt wie von selbst.“

Hermann Hesse: Brief an Rudolf Pannwitz, Januar 1955

Inhalt

Der eigentlichen Handlung geht die Einleitung des fiktiven Herausgebers voran, die in Form einer historischen Abhandlung abgefasst ist und die Entwicklung der von Hesse entworfenen Welt darstellt (Das Glasperlenspiel. Versuch einer allgemeinverständlichen Einführung in seine Geschichte). Nach der Handlung (Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht) folgen kleinere literarische Werke, deren fiktiver Autor die Hauptfigur Josef Knecht ist: einige Gedichte (Die Gedichte des Schülers und Studenten) sowie Die drei Lebensläufe, die Knechts Leben in verschiedene geschichtliche Epochen zurückprojizieren. Wie auch im Hauptteil variiert Hesse hier sein altes Thema von Meister und Jünger, und zwar vorwiegend in der Form, dass der zeitweise ungetreue Jünger am Ende reuig zu seinem Meister zurückkehrt, um dessen Nachfolge anzutreten.

Gewidmet ist das Buch „Den Morgenlandfahrern“, die auch in der „historischen“ Einleitung erwähnt werden, in Anspielung an seine 1932 erschienene Erzählung Die Morgenlandfahrt. Der Einleitung als Motto vorangestellt ist ein lateinisches Zitat (nebst Übersetzung) des fiktiven Scholastikers Albertus Secundus, der später als einer der geistigen Urahnen des Glasperlenspiels benannt wird. Der „fromme und gewissenhafte Geschichtsschreiber“, heißt es in dem Zitat, sei geradezu dazu genötigt, auch irreale und unwahrscheinliche Sachverhalte darzustellen, „welche eben dadurch, dass fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermaßen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden.“

Das „Glasperlenspiel“ und seine Welt

Hermann Hesses letztes großes Werk spielt in einer zeitlich nicht genau fixierten Zukunftswelt, in welcher er das Leben seines Helden Magister Ludi Josef Knecht (alias Glasperlenspielmeister) ansiedelt. Auf die wesentlichen Charakteristika dieser Welt verweist der Namenszusatz Magister Ludi, ein Wortspiel, da das lateinische Wort ludus sowohl ‚Schule‘ (ein magister ludi ist historisch ein Schulmeister) als auch ‚Spiel‘ (der Titel würde dann ‚Meister des Spiels‘ heißen) bedeutet. In der von Hesse entworfenen Welt bilden die (männlichen, ehelos lebenden) Gelehrten einen straff organisierten Orden, der in der „pädagogischen Provinz“ Kastalien lebt – der heilen, abgeschotteten Welt einer geistigen Elite, die sich in Universalität und Harmonie entfaltet und darin ihren Selbstzweck erleben darf. Seine Aufgaben sieht der von der Gesellschaft geförderte Orden im Bildungssystem (das ihm wiederum zur eigenen Reproduktion dient) und in der Perfektion der Wissenschaften und Künste und insbesondere der Synthese beider Bereiche im Glasperlenspiel. Als Symbolspiel mit transzendenter Bedeutung erfährt das Spiel einen utopischen Charakter, weil der absolute Geist in seiner Totalität nicht erfasst werden kann.[4.1] Es handelt sich dabei um den Versuch einer kunstvollen, ästhetisch ansprechenden Vereinigung aller Wissenschaften, den Versuch einer Universalsprache, einer übergreifenden Verknüpfung aller Sachgebiete zu einem großen Ganzen. Die genauen Regeln dieses Spiels werden nur angedeutet und sollen so kompliziert sein, dass sie nicht einfach zu veranschaulichen sind. Das Spiel hat bereits quasirituellen Charakter angenommen; Ziel ist es, tiefe Verbindungen zwischen scheinbar nicht verwandten Themengebieten herzustellen und theoretische Gemeinsamkeiten von Künsten und Wissenschaften aufzuzeigen. Beispielsweise wird ein Bach-Konzert mit einer mathematischen Formel verknüpft. Der Publikumserfolg für ein „gutes Spiel“ wird dabei sowohl durch musikalische Klasse als auch mathematische Eleganz erreicht.

Das Glasperlenspiel erhielt seinen Namen von den ursprünglich verwendeten Spielsteinen eines „nach dem Vorbild eines Kugelzählapparats für Kinder, einen Rahmen mit einigen Dutzend Drähten darin, auf welchen er [dessen Erfinder Perrot] Glasperlen von verschiedener Größe, Form und Farbe aneinanderreihen konnte“. (Ursprünglich wollte Hesse Karten als Spielzeuge für sein Spiel benutzen; erst später entschied er sich für „Glasperlen“.) Zur Zeit der Romanhandlung sind diese jedoch überflüssig geworden und das Spiel wurde nur noch mit abstrakten Formeln und Symbolen gespielt. Das Konzept des Glasperlenspiels scheint so Ähnlichkeit zu den Ideen von Leibniz einer universellen wissenschaftlichen Formalsprache (Universalsprache) aufzuweisen, auf die in der „historischen“ Einleitung verwiesen wird.

Die strenge Bildungszivilisation, in der das Glasperlenspiel angesiedelt ist, wird dort als neue kulturelle Blüte nach der vorangehenden, eher an oberflächlicher bildungsbürgerlicher Unterhaltung interessierten „feuilletonistischen Epoche“ geschildert. In ihr selbst herrscht allerdings ein Kulturzustand, in dem nichts Neues, Aufregendes, Abenteuerliches mehr entdeckt und geschaffen, sondern nur noch mit dem Vorhandenen „gespielt“ wird – umgangssprachlich wurde „Glasperlenspiel“ daher zum Ausdruck für ein selbstzweckhaftes, eitles und unkreatives Hantieren mit kulturellen Klischees. Das Heraufziehen eines solchen Kulturzustands war die Sorge vieler Intellektueller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Thomas Mann gestaltete sie in seinem Doktor Faustus, der nach seinem eigenen Urteil Parallelität zum Glasperlenspiel aufweist.

Zudem schottet sich der sich nur noch der Betrachtung des Gegebenen widmende Orden von der Außenwelt ab, indem er sich nicht mehr mit praktischen, insbesondere politischen, Fragen befasst.

Die Handlung

Diese Widersprüche sind es, die für das Leben des Helden, Josef Knecht, entscheidend sind. Als Knabe wird er von der örtlichen Lateinschule weg an eine Eliteschule in der Ordensprovinz Kastalien berufen. Wesentlich verändert durch die Bekanntschaft mit dem Musikmeister, einem der Ordensoberen, ordnet er sich ganz den Regeln des Ordens unter, immer mehr macht er sich die Fähigkeiten zu eigen, die diesen auszeichnen – Wissenschaft, Musik, Meditation und schließlich das Glasperlenspiel –, steigt immer höher in der Hierarchie, bis er schließlich eines der höchsten Ämter, das des Glasperlenspielmeisters (magister ludi), bekleidet.

Von Anfang an prägen ihn aber auch die Einblicke in die Außenwelt. Schon in der Schulzeit sind eine seiner wesentlichen Antriebsfedern seine heißen Diskussionen mit dem Klassenkameraden Plinio Designori, der ein Leben außerhalb des Ordens anstrebt und das weltabgewandte Leben der Kastalier scharf angreift. Ein wesentlicher Schritt der Entwicklung ist Knechts Gesandtschaft im Benediktinerkloster Mariafels. Auch dies ist ein Stück Außenwelt, das er kennenlernt, zumal ihn Pater Jakobus in die Geschichtswissenschaft einweist, die als zutiefst „weltliches“, in der Materialität verhaftetes Fach im kastalischen Kanon keinen Platz hat.

Über acht Jahre seiner Tätigkeit als Magister Ludi muss Knecht erkennen, dass aufgrund der weltpolitischen Lage auch die Existenz Kastaliens auf tönernen Füßen steht, dass die Privilegien der kastalischen Isolation als „Halb- und Scheinwelt“ mittelfristig nicht haltbar sind und die Provinz sich dem weltlichen Leben öffnen muss, um dem „Wohl der Welt“ und der „Gemeinschaft aller Menschen“ zu dienen. Mit diesem Weckruf ist er aber im Führungskreis („oberste Behörde“) des Ordens, den er mit einem Rundschreiben warnt, weitgehend allein. Sein Gesuch zum Rücktritt als Glasperlenspielmeister und seine Bitte um Entsendung als Schulmeister einer gewöhnlichen Schule werden abgelehnt. Unverstanden und zur Ordnung gerufen, flieht er aus der Gelehrtenwelt Kastaliens, um sich als Tutor dem Dienst an einem jungen Manne zu widmen, dem rohen und selbstbewussten Naturburschen Tito Designori, dem Sohn seines alten und wiedergewonnenen Freunds Plinio.

An der Hütte des Bergsees, ihrem Rückzugsort, bringt Tito am Herbstmorgen „der Sonne und den Göttern im Tanz seine fromme Seele zum Opfer dar“. Als der gesundheitlich angeschlagene Knecht mit seinem neuen Schüler, der in zum Wettkampf fordert, im Bergsee schwimmt, stirbt Knecht im eiskalten Wasser. Leben und Sterben seines noch ungekannten Meisters, so lässt das Ende anklingen, haben Tito in seinem Streben nachhaltig verändert; wie sich dies äußern wird, bleibt offen.

Josef Knechts hinterlassene Schriften

Nach der Handlung folgen literarische Werke als Josef Knechts hinterlassene Schriften, deren fiktiver Autor die Hauptfigur Josef Knecht ist. Mit dem Gedicht Stufen (in Die Gedichte des Schülers und Studenten) (1941) kündigt Knecht seinem Freund Fritz Tegularius im letzten Kapitel Die Legende verklausuliert seinen Abschied als Magister Ludi an:

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. […]
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“

Die drei Lebensläufe sind jährliche Stil- und Reflexionsübungen des Studenten Knecht mit der eigenen Person als Protagonisten in einer weit zurückliegenden Epoche im Sinne von Reinkarnationen, die alle mit dem Tod enden:[5][6]

  • „Der Regenmacher“ (1934) begleitet die Entwicklung des Waisenkinds Knecht zu einem kräuterkundigen Schamanen in einer Zeit des Matriarchats lange vor der Entstehung der Schrift. Er ordnet sich der Ahnfrau unter und muss schließlich für das feindselige Wetter sein Leben opfern, weil nach einem alten Volksglauben die Opferung des Wettermachers die Götter versöhnt. Sein Sohn Turu wird zum neuen Regenmacher.
  • „Der Beichtvater“ (1936) enthält die Entwicklung des heidnischen Lebemanns Josephus Famulus (Latein für Knecht) zum christlichen Eremiten in der Zeit Hilarions von Gaza (4. Jh. n. Chr.). Als Büßer in der Wüste wird er bekannt für sein aufmerksames Zuhören, so dass sich ihm viele Sünder anvertrauen, die er nur mit einem Kuss auf die Stirn ohne Tadel und ohne Buße entlässt. Im Gegensatz dazu steht der greise Dion Pugil als Beichtvater, der für seine heftigen Vorhaltungen und harten Strafen bekannt ist. Am Ende nehmen sie sich gegenseitig die „Beichte“ ab und Famulus wird Nachfolger Pugils, der ihm nahelegt, heidnische Überzeugungen nicht zu bekämpfen und Andersgläubige im Glück ihrer Weisheit und Denkens zu belassen.
  • „Indischer Lebenslauf“ (1937) folgt Dasa (Sanskrit für Knecht), dem Sohn des indischen Herrschers Rajah Ravana, auf seinem Weg als Denker und Zweifler. Seine Stiefmutter bringt ihren eigenen Sohn auf den Thron. Dasa flüchtet, zieht jahrelang als Hirtenknabe durch die Lande, findet seine Liebe Pravati und verliert sie an seinen Halbbruder. Er lernt schließlich, nach einem ausführlichen Alptraum als Herrscher des vom Krieg zerstörten Lands, bei einem alten Yogin die Maya-Philosophie.

Interpretation

Knechts Leben

Ein Vorbild für Josef Knechts Leben ist Kung Fu Tse: Als Zeremonienmeister bekleidete er hohe Ämter, entsagte ihnen und starb unbeachtet und zurückgezogen im Kreise seiner Schüler. Pädagogik zur Heranbildung einer Elite, Musik und dem Spiel des I-Ging als Meditationsübung maß er höchsten Wert bei. Er strebte nach der höchsten Ordnung und glaubte nie, dass vollendetes Wissen in der Welt möglich sei.[7]

Die stufenförmige Entwicklung Knechts als Heilsgeschichte endet nicht in einer Erlösung, sondern im Untergang des Individuums durch den Tod im Bergsee. Knecht scheitert an der „Unmöglichkeit eines durch bestehende Lehren vorgegebenen, rational angeleiteten Zugangs zu einer universalen Ordnung, […] der man sich nur im selbst gewählten Glauben nähern kann“.[4.2]

Glasperlenspiel

Das Glasperlenspiel ist das höchste Gut der Kastalier. Nach Hesse/Knecht führt „jedes seiner Symbole und jede Kombination von Symbolen ins Geheimnis und das Innerste der Welt“. Der Code des Spiels soll die Gesetze des Universums widerspiegeln und die Vergangenheit bewahren. Indem Knecht den Inhalt einer bestimmten Glasperlenpartie rekonstruiert, „vergewissert er sich davon, wie und dass darin die ursprüngliche Wirklichkeit eingefangen bleibt“. Die „Meditation gehört unabdingbar zum Spiel dazu und damit etwas, das sich nicht im Glasperlenspiel sondern im Spieler ereignen muss“.[7]

Hesses Botschaft

Hermann Hesses Botschaft, letztlich Resümee seiner eigenen Entwicklung, kulminiert im letzten Drittel des Werks mit der Wiederkehr Plinio Designoris, mit dem Knecht „gewesene Freundschaft und gewesene Gegnerschaft“ verbindet. Der einstige Gastschüler in Waldzell taucht unerwartet bei der obersten Behörde als Vertreter der Regierungskommission zur Kontrolle des kastalischen Haushalts auf. In ihren Diskussionen darüber schälen sich die Gründe ihrer Entfremdung heraus.

Geistiges vs. weltliches Leben

Josef Knecht, der Ordensmensch und unumstrittene Glasperlenspielmeister, und Plinio Designori, der Weltmensch, repräsentieren unterschiedliche Werdegänge und Lebensinhalte. Das abgeschottete und vergeistigte und abstrakte Kastaliens steht im Vergleich zum aufregenden Leben in der Gesellschaft mit Verantwortung für alle Menschen und die eigene Familie. Ihre neuerlichen intensiven Diskussionen rekapitulieren ihr Auseinanderleben seit der Schulzeit und legen die Gründe ihrer individuellen Unzufriedenheit offen: Der eine lebt in Heiterkeit gemäß der geistigen Prinzipien der Kastalier und verfehlt die Herausforderungen des echten Lebens des „unendlichen Ganzen“, der andere reagiert mit Traurigkeit aufgrund der vielen Widersprüche und Pflichten seines Daseins. Knecht fehlt die Familie und die Verantwortung für reale Mitwirkung an der gesellschaftlichen Entwicklung zur Erziehung junger Menschen anstelle des abstrakten Glasperlenspiels; Designori vermisst die Meditation und die Leichtigkeit des Rückzugs von den täglichen Anstrengungen des weltlichen Lebens.

Diese individuellen Konflikte und deren Zuspitzung bilden die These und Antithese ihrer persönlichen Entwicklung vor dem Kontrast zweiter Lebensmodelle.

Grenzen der kastalischen Kultur

In seinem Rundschreiben an die oberste Behörde warnt Knecht vor den Gefahren der Zukunft des kastalischen Ordens, insbesondere des Glasperlenspiels als herausragendster und angreifbarster Kulturtechnik mit kaum benennbarem Nutzen für die Gesellschaft. In seinem „Weckruf“ fordert er die Herrschaft der Besten für das Wohl der Welt ohne „Besserwisserei und undankbares Nutznießertum“ und bemängelt das fehlende Interesse Kastaliens für die Weltgeschichte mit ihren „brutalen Kämpfen um die Macht, um Güter, um Länder um Rohstoffe, um Geld, kurz um Materielles und Quantitatives“. Mit seiner Forderung nach bedingungslosem „Gehorsam gegen die Wahrheit“ stellt sich Knecht der Wirklichkeit.

In seinem „Gesuch“ zum Rücktritt als Glasperlenspielmeister bittet er um Entsendung als Schulmeister an eine gewöhnliche (weltliche) Schule. Nach der Ablehnung flieht Knecht aus seinem Leben und lässt seine Erfolge in Kastalien hinter sich, um an Tito, dem wachen und lebenshungrigen Sohn Plinios, „Erzieherwerk“ zu leisten und von ihm zu lernen. Die zu erhoffende Synthese von Geist und Leben[8.1] bzw. der inneren Konflikte der beiden Schlüsselfiguren scheitert am jähen Tod Knechts beim Badeunfall während des Sonnenaufgangs im eiskalten Wasser des Bergsees, lässt aber mit Titos „Erwachen zum Geist“ eine Hoffnung auf die Zukunft. „Knecht gewinnt sich, indem er sich [beim Wettschwimmen mit Tito] aufs Spiel setzt, um Tito zu gewinnen“.[3.5]

Rezeption

Hermann Hesses letzter Roman wurde oft als „dünnes, blutleeres, unsinnliches, abstraktes und theoretisches Werk“ kritisiert.[2] Die Zeitgenossen reagierten mit begeisterter Zustimmung (u. a. Einfachheit der Sprache und des Stils) oder entschiedener Ablehnung (u. a. Vorwurf der Flucht vor der Realität).[4.3] Thomas Mann kommentierte 1944 in seinem Tagebuch: „Vieles [ist] doch breit und schwach, undramatisch, vom Menschen nichts Neues. Klug und viel wissend.“ 1947 schrieb er jedoch in einem Brief an Erich Kahler: „Es gehört zu dem wenig Wagemutigen und eigensinnig-groß Konzipierten, was unsere verprügelte, verhagelte Zeit zu bieten hat“.[9] 1947 sandte er Hesse eine Exemplar seines neuen Doktor Faustus mit der Widmung „Glasperlenspiel mit schwarzen Perlen“.[8.2]

Der Literaturwissenschaftler René Perfölz führte die als langweilig empfundene Lektüre auf die „unbedingte Harmoniebedürftigkeit der idealisierten kastalischen Welt“ zurück und einen „nicht tragfähigen Idealismus in einer Zeit um 1945, einem Wunschbild, an das sich nicht glauben lässt“.[4.4] Der Literaturkritiker Joachim Kaiser nannte Hesses Werk „Science-Fiction der Innerlichkeit“. Der Schriftsteller Michael Kleeberg bezeichnete dies 2013 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als „dümmliche Kritik“ des utopischen Romans und bescheinigte ihm stattdessen nach viermaligem Lesen „sinnlich anschauliche Lektüre“, die „tatsächlich ein unversieglicher Quell ist, der den Durst eines Zwanzigjährigen ebenso zu stillen vermag wie den eines Fünfzigjährigen, ohne daß das Wasser je schal schmeckt“.[2] Kleeberg sieht, wie „prophetisch“ das Werk „seit dem Beginn des elektronischen Informationszeitalters, seit der Weltrevolution der plappernden Ich-auch-Selbstvergewisserung durch das Internet 2.0 und seit der großen Krise des kapitalistischen Weltbewußtseins“ ist und belegt dies mit dem Zitat: „In der Tat genoß der Geist eine unerhörte und ihm selbst nicht mehr erträgliche Freiheit. […] Die Beispiele von Entwürdigung, Käuflichkeit , Selbstaufgabe des Geistes sind zum Teil […] wirklich erstaunlich.“[2] Ebenso erkannte der Psychologe Timothy Leary im Glasperlenspiel die „hellsichtig scharfe Vorwegnahme des digitalen Zeitalters“ und sah „eine interessante Verwandtschaft […] zwischen Glasperlenspielern und Computeranwendern“.[10]

Der chinesische Literaturwissenschaftler Adrian Hsia beschrieb die Einflüsse und Entwicklung in Hesses Auseinandersetzung mit der Philosophie Chinas, so dessen anfängliche Begeisterung für den Buddhismus, die sich später dem Konfuzianismus zuwendete. Das Glasperlenspiel werde „sehr viel eindeutiger geschildert als gemeinhin behauptet“.[11] Hsia bewies den Aufbau des Werks nach dem Tao und zeigte die Polaritäten, die eine höhere Einheit bilden.[12]

Anspielungen

Einige Figuren des Romans tragen Namen, die auf Wortspiele zurückzuführen sind.[13] So hieß beispielsweise Knechts Vorgänger als Magister Ludi Thomas van der Trave – eine Anspielung auf Thomas Mann, der in Lübeck an der Trave geboren wurde.[7] Knechts brillanter, aber labiler Freund Fritz Tegularius (Latein für Dachziegelhersteller) ist Friedrich Nietzsche nachempfunden, während Pater Jakobus auf den Kunsthistoriker Jacob Burckhardt zurückgeht.[14][2] Der Name Carlo Ferromonte ist eine italienisierte Version des Namens von Hesses Neffen Karl Isenberg, während der Name des Erfinders des Glasperlenspiels, Bastian Perrot aus Calw, von Heinrich Perrot stammt, dem eine Maschinenwerkstatt gehörte, in der Hesse nach seinem Schulabbruch einmal gearbeitet hatte.[14] Der Name der pädagogischen Provinz Kastalien stammt aus der griechischen Sage um die Nymphe Kastalia, die vom Gott Apollon in eine inspirierende Quelle verwandelt wurde.

Bereits im lateinischen Zitat von „Albertus Secundus“ zu Beginn des Werks bezieht sich Hesse auf Albertus Magnus, in dessen spiritueller Tradition sich Hesse sah. Als Quelle des Zitat nennt er mit „Clangor et Collofino“ seine Lateiner-Freunde Franz Schall und Josef Feinhals. Schließlich könnte Hesse in der Beschreibung des kastalischen Historikers Plinius Ziegenhalß seine eigene Physis verspotten: der lange sehnige Hals, der „Vogel- oder Sperberkopf“. Mit „Ludwig Wassermaler“ spielt Hesse auf seinen Schweizer Malerfreund Louis Moilliet an, den er auch schon in Klingsors letzter Sommer als Louis eingeführt hatte.[2]

Ehrungen

Hesse erhielt 1946 den Nobelpreis für Literatur für sein Gesamtwerk als „gegenwärtig bester Repräsentant des deutschen Kulturerbes neben Thomas Mann“, wobei Das Glasperlenspiel darin Sonderstellung gewürdigt wurde. Der Laudator Anders Österling führte in seiner Laudatio aus, dass „hohes Wissen [d. h. ein abstraktes System von Formeln zu reduzieren] nicht als dauerhaft angesehen werden“ könne. „Ein philosophischer Roman dieser Art läuft leicht Gefahr, als schwer verständlich bezeichnet zu werden, doch Hesse verteidigte seinen [Roman] mit einigen sanften Zeilen im Motto des Buches: ‚… dann mag es in bestimmten Fällen und für unverantwortliche Menschen so sein, dass nicht existierende Dinge leichter und mit weniger Verantwortung in Worten beschrieben werden können als die existierenden, und daher gilt für fromme und gelehrte Historiker das Gegenteil; denn nichts zerstört die Beschreibung‘.“[1]

2019 wurde Das Glasperlenspiel retrospektiv für den Hugo Award als bester Roman des Jahres 1944 nominiert.[15]

Buchausgaben

Nach eigenen Angaben hat Hesse Ende 1930 mit der Arbeit an seinem Opus magnum begonnen. Am 29. April 1942 schloss er diese ab, im Februar 1943 arbeitete er aber nochmals ein Kapitel um. Allein von der Einleitung existieren vier Fassungen: die letzte wurde im Dezember 1934 in der Neuen Rundschau vorabgedruckt, die drei vorherigen wurden 1977 erstmals veröffentlicht. Am 18. November 1943 erschien die Erstausgabe in Zürich, nachdem Peter Suhrkamp vom deutschen Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda im Sommer 1942 ein definitives Druckverbot für den S. Fischer Verlag erhalten hatte. Der geplante Buchtitel lautete noch im Frühling 1943 bei Vertragsabschluss mit dem Schweizer Verlag Der Glasperlenspielmeister. Nach der Nobelpreisverleihung an Hesse durfte Suhrkamp im Dezember 1946 das Werk in Lizenz in Deutschland herausgeben, allerdings im Gegensatz zur Zürcher Ausgabe in Fraktur gesetzt. 1951 erschien im Suhrkamp Verlag eine erste einbändige Ausgabe im Rahmen der Gesammelten Werke Hesses, in einer Garamond gesetzt. Die erste Taschenbuchausgabe erschien 1967 im Fischer-Verlag Nr. 842.

  • Das Glasperlenspiel. Versuch einer Lebensbeschreibung des Magister Ludi Josef Knecht samt Knechts hinterlassenen Schriften. Herausgegeben von Hermann Hesse. 2 Bände. Fretz & Wasmuth, Zürich 1943.
  • Das Glasperlenspiel. […]. Suhrkamp, Berlin 1951.
  • Das Glasperlenspiel. […]. Heiner Hesse, Küsnacht 1971.
  • Das Glasperlenspiel. […]. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972 (= suhrkamp taschenbuch. Band 79), ISBN 3-518-36579-7.
  • Das Glasperlenspiel.[…]. Aufbau-Verlag, Berlin/Weimar 1987, ISBN 3-351-00433-8 (zweibändige Taschenbuchausgabe)
  • Das Glasperlenspiel. Versuch einer allgemeinverständlichen Einführung in seine Geschichte, Lebensbeschreibung des Magisters Ludi Josef Knecht, Josef Knechts hinterlassene Schriften. (= suhrkamp taschenbuch. Band 2572). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-518-39072-4.
  • Das Glasperlenspiel. […]. (= Hermann Hesse: Sämtliche Werke. Band 5). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-41105-5.
  • Das Glasperlenspiel. Suhrkamp, Berlin 2012, ISBN 978-3-518-46357-4

Literatur

  • Maurice Blanchot: Das Spiel der Spiele. In: ders.: Der Gesang der Sirenen. Hanser, München 1962, DNB 450489426. (wieder: Ullstein, Frankfurt am Main 1982, ISBN 3-548-35139-5; wieder: Fischer TB, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-596-27402-8, S. 238–251).
  • Elke-Maria Clauss (Hrsg.): Erläuterungen und Dokumente zu Hermann Hesse: „Das Glasperlenspiel“ (= Reclams Universalbibliothek. 16056). Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-016056-5.
  • Jens Göken: Hermann Hesses Glasperlenspiel – Ein platonisches Vermächtnis im 20. Jahrhundert. edition immanente, Berlin 2018, ISBN 978-3-942754-18-7.
  • Maria-Felicitas Herforth: Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel (= Königs Erläuterungen und Materialien. 316). korr. Auflage. C. Bange Verlag, Hollfeld 2003, ISBN 3-8044-1700-0.
  • Dirk Jürgens: Die Krise der bürgerlichen Subjektivität im Roman der dreißiger und vierziger Jahre. Dargestellt am Beispiel von Hermann Hesses „Glasperlenspiel“. Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-631-52092-1.
  • Volker Michels (Hrsg.): Materialien zu Hermann Hesses „Das Glasperlenspiel“.
    • Band 1: Texte von Hesse. (= Suhrkamp-Taschenbuch. 80). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-518-36580-0.
    • Band 2: Texte über das Glasperlenspiel (= Suhrkamp-Taschenbuch. 108). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1974, ISBN 3-518-06608-0.
  • Volker Michels (Hrsg.): Von Wesen und Herkunft des „Glasperlenspiels“. Die vier Fassungen der Einleitung zum „Glasperlenspiel“ (= Suhrkamp-Taschenbücher. 382). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-06882-2.

Einzelnachweise

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