Das Medium der Verinnerlichung

Sketch von Loriot From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Medium der Verinnerlichung ist ein Sketch des deutschen Humoristen Loriot. Er zeigt eine Parodie einer von Hoimar von Ditfurth moderierten Wissenschaftssendung. Teil dieser Parodie ist ein Experiment mit einem völlig vom Fernsehen abhängigen Ehepaar.

Der Sketch wurde im März 1976 in der ersten Folge der Sendereihe Loriot ausgestrahlt. 1981 erschien der Text des Sketches in gedruckter Form.

Handlung

Hoimar von Ditfurth steht in einem Fernsehstudio und spricht zu den Zuschauern. Die Menschen strebten, seit es sie gebe, nach wissenschaftlichen Großtaten. Grund sei ihre körperliche Winzigkeit im Vergleich zur Dimension des Weltalls. Dies will von Ditfurth anhand von Modellen der Sonne, der Erde und des Monds zeigen. Um die ungeheure Größe dieser Himmelskörper zu verdeutlichen, hält er neben sie einen Stecknadelkopf. Die Menschen seien außerdem zu klein, um auf der Erde erkennbar zu sein, selbst wenn man mit der Kamera nah an das Modell herangehe.

Als Nächstes präsentiert von Ditfurth einen der aus seiner Sicht bedeutendsten kulturellen Fortschritte des Jahrhunderts: „Das Fernsehen als Medium der Verinnerlichung im Streben nach geistiger Vollkommenheit“. Dies soll anhand eines Experiments verdeutlicht werden. Zu sehen ist ein Ehepaar, das völlig apathisch auf einem Sofa sitzt. Es reagiert weder auf Ansprachen noch auf optische Reize wie einen farbigen Ball, den von Ditfurth vor sie hält. Dies ändert sich, als der Moderator eine Fernseherattrappe mit einem simulierten Sendegeräusch hereinrollt. Nun richtet das Paar seine Aufmerksamkeit auf das Gehäuse der Attrappe und kann den in die Attrappe gehaltenen Ball und einen Plüschhasen als solche benennen. Dies bezeichnet von Ditfurth als „eindrucksvolles Ergebnis“ und schaltet das Sendegeräusch wieder ab, woraufhin die beiden wieder in ihre Apathie zurückfallen. Der Moderator betont: „… und noch sind nicht alle Möglichkeiten des Fernsehens zur geistigen Vervollkommnung der Menschheit voll ausgeschöpft“.[1]

Produktion und Veröffentlichung

Der Sketch entstand für Loriots Sauberer Bildschirm, die erste Folge der Sendereihe Loriot. Die Dreharbeiten fanden am 25. August 1975 in den Studios von Radio Bremen statt.[2] Loriot stellte Hoimar von Ditfurth dar, das Ehepaar wurde von Ingeborg Heydorn und Karl-Heinz Tauss gespielt.

Loriots Sauberer Bildschirm wurde am 8. März 1976 im Ersten Programm ausgestrahlt. In der Sendung ist Das Medium der Verinnerlichung zusammen mit den Sketchen Heimoperation und Schweifträger Teil des von Ditfurth alias Loriot moderierten biologischen Magazins Du und Dein Körper.[3]

Im Gegensatz zu vielen anderen Sketchen aus den Originalfolgen von Loriot wurde Das Medium der Verinnerlichung nicht in die Neuschnittfassung der Reihe von 1997 aufgenommen. Dasselbe gilt für die Sketche Heimoperation und Schweifträger. Die neue Fassung war entstanden, da zu der Zeit deutsche Fernsehsender für Comedy-Formate keine Sendeplätze von mehr als 30 Minuten mehr vorsahen.[4] Auch in Bildtonträger-Sammlungen von Loriot wurden die drei Sketche lange Zeit nicht aufgenommen. Deshalb standen der Öffentlichkeit nur die gedruckten Sketchtexte zur Verfügung, die erstmals 1981 im Sammelband Loriots Dramatische Werke erschienen waren. Dies änderte sich 2007 mit der DVD-Sammlung Loriot – Die vollständige Fernseh-Edition, die die Originalfolge mit den drei Sketchen enthält.[5]

Analyse und Einordnung

Die Parodien von Fernsehsendungen und Fernsehpersönlichkeiten waren 1971 und 1972 ein Hauptbestandteil der späten Folgen von Loriots erster Sendereihe Cartoon. Zu den parodierten Sendungen gehörten unter anderem Was bin ich?, Aktenzeichen XY … ungelöst und Der 7. Sinn.[6] Im Sauberen Bildschirm orientierte sich Loriot inhaltlich noch stark an diesen Cartoon-Folgen. So ist neben der Sendung Du und Dein Körper – eine Parodie auf Ditfurths ZDF-Sendung Querschnitt – auch eine Parodie der Tagesschau Teil dieser Folge.[7] In späteren Folgen der Sendereihe trat die Fernsehparodie zurück, und andere Themen wie das Verhältnis zwischen Mann und Frau und innerhalb der Familie gewannen an Bedeutung.[8]

Neben dem Ziel, zu unterhalten und Komik zu erzeugen, nutzte Loriot seine Parodien auch für satirische Kritik am Fernsehen.[9] In Das Medium der Verinnerlichung setzt er sich kritisch mit populärwissenschaftlichen Sendungen auseinander. In solchen Sendungen werden wissenschaftliche Inhalte oft stark vereinfacht, um sie für ein breites Publikum verständlich zu machen. In Loriots Parodie sind die Vereinfachungen jedoch bis ins Absurde gesteigert. So ist sowohl der Größenvergleich der Modelle von Himmelskörpern mit einer Stecknadel als auch das Heranzoomen an des Erdmodell, um Menschen zu finden, völlig unsinnig.[10] Da Loriot dies jedoch mit einem selbstverständlich belehrenden Ton vorträgt, erkennt man die Unsinnigkeit erst auf den zweiten Blick.[11] Auch der verwendete Sprachstil soll Seriosität und ein hohes Niveau suggerieren. Ein Beispiel ist die Wendung „Das Fernsehen als Medium der Verinnerlichung im Streben nach geistiger Vollkommenheit“, die durch Nominalstil und Verschachtelungen gekennzeichnet ist. Dieser Stil ist auch geeignet, Inhalte zu verschleiern, da er dem Zuschauer das Verständnis erschwert. So bleibt beispielsweise unklar, was unter Verinnerlichung zu verstehen ist.[12]

Der Ablauf des Experiments mit dem Ehepaar zeigt Loriots ambivalentes Verhältnis zum Fernsehen. Auf der einen Seite bediente er sich für seine Komik gern der Mittel dieses Mediums. Auf der anderen Seite beklagte er immer wieder, dass das Fernsehen seine Zuschauer verdummen lasse.[13] Diese Einstellung, die etwa auch beim Philosophen Theodor W. Adorno zu finden ist, ist ein Ausdruck seiner kulturpessimistischen Grundhaltung und seiner Skepsis gegenüber moderner Technik.[14] Ein Beispiel dafür ist das Vorwort für seine Dramatischen Werke. Darin schreibt er, fast keine seiner Dramen überschritten eine Länge von fünf Minuten. Dies sei „dem biologischen Rhythmus von Menschen und weißen Mäusen angepaßt“.[15] Die weißen Mäuse lassen sich laut dem Germanisten Felix Christian Reuter als Labormäuse oder –ratten deuten und weckten damit Erinnerungen an das Ehepaar aus Das Medium der Verinnerlichung, das nur noch auf einfache Reize reagiert.[16] Auch in seiner Rede Satire im Fernsehen, die er 1979 an der Evangelischen Akademie Tutzing hielt, äußerte sich Loriot kritisch zur Auswirkung des Fernsehens auf den Menschen: „Der moderne, verbildete Mensch ist nach festen Rhythmen auf das eingeschaltete Gerät programmiert und genußbereit.“[17] Hier fühlt sich Reuter nicht nur an das Ehepaar aus Das Medium der Verinnerlichung, sondern auch an das im Sketch Fernsehabend erinnert, das vor seinem Fernseher sitzt, obwohl er kaputt ist.[18] Fernsehabend wurde in der dritten Folge von Loriot ausgestrahlt und kann laut Stefan Neumann als trickfilmische Fortführung von Das Medium der Verinnerlichung gelten.[19]

Ausgaben (Auswahl)

Bildtonträger

  • Loriot – Die vollständige Fernseh-Edition. Warner Home Video, Hamburg 2007, DVD Nr. 3 (als Teil von Loriot I).

Bücher

Literatur

  • Uwe Ehlert: „Das ist wohl mehr ’ne Kommunikationsstörung“. Die Darstellung von Mißverständnissen im Werk Loriots. ALDA! Der Verlag, Nottuln 2004, ISBN 3-937979-00-X, S. 161–172 (zugleich Dissertation an der Universität Münster 2003).
  • Stefan Neumann: Loriot und die Hochkomik. Leben, Werk und Wirken Vicco von Bülows. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2011, ISBN 978-3-86821-298-3.
  • Felix Christian Reuter: Chaos, Komik, Kooperation. Loriots Fernsehsketche (= Oliver Jahraus, Stefan Neuhaus [Hrsg.]: FILM – MEDIUM – DISKURS. Band 70). Königshausen & Neumann, Würzburg 2016, ISBN 978-3-8260-5898-1 (zugleich Dissertation an der Universität Trier 2015).

Einzelnachweise

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