Das Vorbild

Roman von Siegfried Lenz From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Vorbild ist der Titel eines 1973 publizierten Romans von Siegfried Lenz: Drei Experten treffen sich im November 1968 in Hamburg, um den Abschnitt „Lebensbilder – Vorbilder“ eines Lesebuchs zu erarbeiten. In einer Überlagerung mit ihren persönlichen Problemen diskutieren sie über geeignete Erzählungen und erarbeiten einen umstrittenen Vorschlag.

Siegfried Lenz (1972)

Inhalt

Überblick

Der kürzlich pensionierter Rektor Valentin Pundt aus Lüneburg, die Hamburger Lektorin Rita Süßfeldt und der 38-jährige Studienrat Janpeter Heller aus Diepholz erarbeiten im Auftrag eines Arbeitskreises der Kultusministerkonferenz ein repräsentatives Lesebuch für Deutschland. Die beiden ersten Kapitel, „Arbeit und Feste“ und „Heimat und Fremde“, haben sie fertiggestellt. Zum Entwurf des dritten Abschnitts „Lebensbilder – Vorbilder“ treffen sie sich im November 1968 in Hamburg in der Hotel-Pension Ida Klöver, einer alten Villa an der Alster. Zur Vorbereitung hat jeder zwei Erzählungen ausgewählt. Nach kontroversen Diskussionen finden jedoch alle Texte keine ungeteilte Zustimmung.

In einem zweiten Anlauf beschäftigt sich der Kreis mit dem Lebenslauf der Biochemikerin Lucy Beerbaum, die 1967 aus Solidarität mit ihren von der griechischen Militärjunta inhaftierten Kollegen einen Hungerstreik beginnt und an den Folgen stirbt. Dieser Entwurf wird schließlich von den beiden in der Kommission verbliebenen Sachverständigen eingereicht, jedoch vom Chefredakteur des Verlags abgelehnt. Am Schluss verabschieden sich Heller und Süßfeldt, wie zuvor Pundt, aus dem Gremium.

Überlagert wird ihre Arbeit am Tagungsort durch persönliche Probleme: Süßfeldt wohnt zusammen mit ihrer Schwester Margarethe (Mareth) und versorgt mit ihr ihren nervenkranken Cousin Heino Merkel, der unter der Abhängigkeit von den Schwestern leidet und sie am Ende der Handlung verlässt. Pundts Sohn Harald hat sich nach erfolgreichem Studium und Examen in Hamburg getötet. Der Vater sucht nach Erklärungen dafür, nutzt seinen Aufenthalt zu einer Spurensuche und wird mit seiner Erziehungsmethode konfrontiert. Hellers Frau Charlotte hat sich von ihm getrennt. Sie ist Arzthelferin und plant mit ihrem Chef Gerhard Thormählen eine zweite Ehe, doch gibt es für sie und ihren Mann auch Ansätze für eine Wiederbelebung der Familie mit ihrer Tochter Stefanie.

Beziehungsprobleme

Bei den drei Kommissionsmitgliedern zeigt sich eine Diskrepanz zwischen ihren Theorien zur ethischen Bildung der Jugendlichen und der Umsetzung der Ideen in ihrem Privatleben. Parallel zu dem Scheitern ihrer Lesebuch-Konzeption verändern sich auch ihr Selbstbild und ihre Familienbeziehungen.

Pundt

Valentin Pundt nutzt seinen Hamburg-Aufenthalt zu einer Spurensuche. Sein Sohn Harald hat sich nach erfolgreichem Studium und Examen getötet und der Vater sucht nach Erklärungen dafür. In Haralds Kneipe trifft er seinen ehemaligen Schüler Eckelkamp, der sich an die konsequente Prinzipienreiterei seines alten Lehrers und an dessen Spitznamen „Wegweiser“ erinnert. Er erzählt ihm von Haralds Freundin Lilly Fligge (Kp. 7). Sie ist gerade im Aufbruch zu einem Semester in Aberdeen und berichtet über ihre Trennung von Norbert wegen seiner insistierenden Begründungssucht auch bei Kleinigkeiten, was sie nicht aushalten konnte. Sie vermutet als Motiv für seinen Suizid Angst vor der Zukunft.

Dem Kern des Problems kommt Pundt durch sein Gespräch mit dem Sänger Mike Mitchner näher. Harald sah den ehemaligen Protestsänger als sein Vorbild an. Nachdem dieser jedoch als „Sänger einer heilen Welt“ bei „Licht, Bewegung und Musik“-Shows vor phantasievoll kostümierten Fans (Kp. 3) und in Kaufhaus-Werbeveranstaltungen auftritt, hat sich Harald, wie er in seinem letzten Brief an den Sänger mitteilt, von ihm getrennt (Kp. 14): „Wir waren nicht bereit, die Welt als vollendete Tatsache anzuerkennen, mit diesen Vätern, diesen Richtern, mit diesen Verbrauchern und Vorgesetzten, und du hast unserer Ablehnung die Stimme gegeben. […] Von Dir lernte ich, dass nicht etwa Beliebiges zu tun sei, sondern systematisch das, was wir uns selbst schuldig sind. Gemeinsam besichtigten wir die Zustände. Wir sagten nein. Wir verklagten die Zeit. Wir ließen keinen im Unklaren darüber, dass wir nicht mitmachen wollten, und wir haben manchem beigebracht, dass Wegsehen korrumpiert.“[1]

Durch diese Recherchen blickt Pundt kritisch auf seine Erziehungsmethode und erkennt, „dass er nicht der Mann [ist] der anderen Vorbilder empfehlen kann“.[2] Als Heller und Süßfeldt ihn nach einer Misshandlung durch eine Straßengang im Krankenhaus besuchen, teilt er ihnen mit, dass er aus dem Unternehmen aussteige (Kp. 20). Er sei zwar immer noch davon überzeugt, dass „es im pädagogischen Auftrag lieg[e], auf die vorbildliche Tat hinzuweisen“, doch ihm fehle „das Recht zur Empfehlung“. „Seine Irrtümer“ hätten „das zulässige Maß erreicht“.[3]

Heller

Der 38-jährige Janpeter Heller unterrichtet als Studienrat an einem Gymnasium in Diepholz. Seine Frau Charlotte hat sich vor einigen Jahren von ihm getrennt und lebt mit Tochter Stefanie in Hamburg am Isebek-Kanal. Sie ist Arzthelferin, hat inzwischen eine Beziehung mit ihrem Chef Gerhard Thormählen und plant mit ihm ihre zweite Ehe. Grund der Trennung war Hellers zeitaufwändiges Engagement für die Mitbestimmungsrechte seiner „Pennäler“, das sich auch in den privaten Bereich ausdehnte und zu einer Vernachlässigung seines Familienlebens führte, und zum Vorwurf Charlottes: „…du benimmst dich, als seist du einer von ihnen: du sprichst wie sie, du kleidest dich wie sie, du spielst dich an sie heran, als ob ihr Wohlwollen dir das Wichtigste sei. Ja, sie sind begeistert von dir, und du genießt es. Sie machen dich zu ihrem Vertrauten, diese Jungen und Mädchen von neunzehn, und du revanchierst dich dafür, indem du vergisst, was dich von ihnen trennt. […] wieviel ist geblieben, was uns noch gemeinsam angeht? Die Mahlzeiten und die üblichen Nachfragen, wie es dem Kind geht; und das alles findet statt an der Grenze der Rufweite.“[4] Auch bei seinem Hamburg-Besuch interessiert sich Heller für die progressive Jugendszene, besucht das Konzert seines ehemaligen Schülers Mike Mitchner, beteiligt sich spontan an einer Schüler-Demonstration gegen Erhöhung der Straßenbahngebühren und wird als deren Wortführer zur Überprüfung seiner Personalien verhaftet (Kp. 5).

Heller versucht immer wieder, mit seiner Frau über eine Wiederbelebung der Ehe zu sprechen, und er nutzt sein Recht, seine Tochter zu sehen, obwohl diese Treffen meist enttäuschend enden. Beim gemeinsamen Nachmittag in Hamburg geht er nach der Überreichung des Geschenks nicht auf die Wünsche des Kindes ein, sucht als Programm am Hafenjubiläumstag die Besichtigung eines Militärschiffes aus und reagiert zunehmend gereizt auf die Fragen des Kindes. Dabei reflektiert er sein Verhalten: „Warum hatte er darauf bestanden, das Kind zu sehen? Hatte ihn die Erinnerung nicht gewarnt? All die Augenblicke der Ungeduld, des Überdrusses, all die Gelegenheiten, die ihn an seiner Tauglichkeit als Vater selbst zweifeln ließen“.[5] Heller ist sich unsicher über seine weitere Beziehung zu Charlotte. Zwar taucht er überraschend in Thormählens Praxis auftaucht und fordert Charlotte auf, mit ihm zu kommen (Kp. 19). Als sie, nach einer Auseinandersetzung mit dem Arzt wegen der Provokation, mit ihm über seinen Vorschlag und die Kündigung ihrer Stelle reden will, bleibt er jedoch unbestimmt, warnt sie vor übereilten Entschlüssen, rät zum Abwarten und verlässt am Ende der Handlung Hamburg (Kp. 23).

Süßfeldt

Rita Süßfeldt arbeitet als freie Lektorin in Hamburg wohnt in einer mit alten Möbeln vollgestellten Wohnung zusammen mit ihrer Schwester Margarethe (Mareth) und ihrem nervenkranken Cousin Heino Merkel, (Kp. 4). Seine Krankheit ist die Folge einer schweren Verletzung, als bei der Verfilmung seines Buches „und die Arche schwamm doch“ das nach seinen Angaben gebaute Schiff mit den Tieren verbrannte und der Archäologe schwer verletzt wurde (Kp. 8). Seitdem leidet der unter Gewaltausbrüchen und Zerstörungswut. Er fesselt sich dann auf einem Spezialstuhl, bis er sich wieder beruhigt hat. Die Schwestern haben unterschiedliche Vorstellungen von Merkels Zukunft. Mareth findet in die Rolle der Pflegerin einen Lebensinhalt und will die Situation fixieren, während Rita merkt, dass ihr Cousin unter seiner Abhängigkeit leidet und sich im Haus gefangen fühlt. Um dem Kranken zu mehr Selbstbewusstsein und Bestätigung zu verhelfen, setzt sie sich als Jury-Mitglied dafür ein, dass er mit dem „Hamburger-Tradition“-Preis der Züllenkoop-Stiftung für seine Forschung ausgezeichnet wird (Kp. 20). Als Merkel jedoch von Ritas Unterstützung erfährt, zerreißt er Urkunde und Scheck und verlässt fluchtartig das Haus der miteinander streitenden und ratlosen Schwestern (Kp. 22).

Vorbild-Projekt

Erzählungen

Die drei Experten haben als Vorbereitung für ihr Hamburger Treffen Erzählungen und Ersatzbeispiele ausgewählt. Sie stellen sie dem Arbeitskreis vor und diskutieren über ihre Eignung für des Lesebuch:

  • „Die Absage“ (Hellers Vorschlag): Ein Sohn lehnt das Angebot seines Vaters ab, in dessen zweigeteilte Praxis, Vertrauensarzt einer Rentenbehörde und Privatarzt mit Interessenkonflikten, einzutreten und sie später zu übernehmen, und zieht dem die Arbeit als Schiffsarzt vor (Kp. 2).
  • „Die Falle“ (Pundts Vorschlag). Ein Wachsoldat versteckt einen entflohenen Häftling in einem Waffendepot, versorgt ihn mit Nahrungsmitteln und setzt sein Leben aufs Spiel, als er ihn vor der Sprengung aus dem Lager rettet (Kp. 4).
  • „Das Zugeständnis“ (Süßfeldts Vorschlag): Ein aus der Jugendstrafanstalt entflohener Junge taucht bei seiner Mutter auf und behauptet, für ein Wochenende auf Ehrenwort beurlaubt worden zu sein. Obwohl sie ihm nicht glaubt, versteckt sie ihn vor der Polizei und gibt ihm aus Mitleid Geld, damit er mit Freunden ein schönes Wochenende verbringen kann. Doch er verspielt das Geld und die Jungen versuchen, es durch einen Einbruch zu ersetzen. Erst als die Mutter dies herausfindet, benachrichtigt sie die Polizei und lässt ihren Sohn abholen (Kp. 6).
  • Süßfeldts Ersatzbeispiel: An der norddeutschen Küste ist ein Schiff gestrandet und wird aufgegeben. Nach anderthalb Jahren baggert eine kleine private Bergungsfirma eine Rinne frei und schleppt mit großer Ausdauer nach mehreren vergeblichen Versuchen das Wrack zur Küste. Doch nachts im Nebel wird es von einer Fähre gerammt (Kp. 8)
  • Pundts Ersatzbeispiel: In einem Saal kommen zwei Gefangenentransporte zusammen, eine Gruppe ist aus der Gefangenschaft entlassen worden, die andere wird in das Lager transportiert. Ein alter entlassener Häftling tauscht mit einem jungen, der die Haft noch vor sich hat, den Platz (Kp. 8).
  • Hellers Ersatzbeispiel: Nach einer Sturmflut sind die überfluteten Gehöfte verlassen. Ein Mann steuert mit einem Floß ein Haus an, durchsucht es und findet in einem Schrank Silberschmuck. Beim Ablegen hört er aus dem Dachraum ein Wimmern. Er kehrt um, bringt eine Frau mit ihrem Säugling auf seinem Floß an Land, obwohl er weiß, dass sie seinen Diebstahl beobachtet hat, und verschwindet (Kp. 8).

Ausgehend von den Beispielen entwickeln sich Diskussionen über die Interpretationen und über die Frage nach einem Vorbild für die Kinder. Alle drei Experten äußern sich skeptisch gegenüber dem überhöhten traditionellen Vorbild des sich aufopfernden beispielhaften Helden. Heller lehnt grundsätzlich literarische Vorbilder ab, da dies die freie Entwicklung der Jugendlichen einschränke. Pundt dagegen meint, die Schüler erwarteten von den Erwachsenen Angebote und Anregungen für ihre Lebensführung. An den literarischen Beispielen könnten sie „kritische Fähigkeiten“ entwickeln und auf dem „Weg der Selbstversetzung“ für sich „Situationen ausprobieren“, das Verbindende, aber auch das Trennende erkennen: „Wir versetzen uns rigoros in den anderen und erfahren uns selbst.“[6]

Lucy Beerbaum

Da sich die Drei auf keine Erzählung einigen können, schlägt Süßfeldts bei der Besprechung anwesender Cousin Heino Merkel als Beispiel den Lebenslauf der Biochemikerin Lucy Beerbaum vor, die seit 20 Jahren in Hamburg lebte und als Professorin an einem Forschungsinstitut arbeitete. Sie wohnte in ihrer Nachbarschaft und er diskutierte mit ihr über die Definition des Menschen aus der Entschlüsselung seines genetischen Code-Systems: aus einer „hundertachtzig Zentimeter langen bestimmten molekularen Folge von verschiedenen Atomen und die daraus entstehenden Möglichkeiten und Gefahren“ (Kp. 15). Als sie 1967 nach der Machtübernahme des Militärs in ihrem Geburtsland von der Inhaftierung ihres Jugendfreundes Victor Gaitanides und seiner Kollegen erfuhr, beschloss sie, aus Solidarität in freiwilliger Gefangenschaft genauso eingeschränkt zu leben, und starb nach 88 Tagen an Unterernährung.

Die Kommissionsmitglieder verständigen sich darauf, das Leben Beerbaums in Johannes Steins Biographie „Preis der Hoffnung“ zu durchsuchen, bei Beerbaums Haushälterin Johanna zu recherchieren und dann verschiedene Situationen auszuwählen, um ein Gesamtbild zu bekommen (Kp. 12):

  • Lucy wird in Griechenland geboren. Ihr Vater ist ein „Anwalt der Beleidigten“, der sich auch um Klienten der unteren sozialen Schicht kümmert. Als Schulkind beobachtet sie im Büro des Advokaten die gleichaltrige Andrea, deren Vater irrtümlich als Mitglied einer Fälscherbande angeklagt wird. Sie geht zum Haus der Familie und bringt Andrea einige Orangen. Diese lehnt das Geschenk ab und vertreibt sie. Lucy merkt, dass sie das Ehrgefühl des Mädchens verletzt hat, und positioniert jetzt vor den Besuchen der Familie in der Kanzlei ihre Gaben in der Nähe von Andreas Sitzplatzes, so dass diese die Geschenke unbemerkt mitnehmen kann.
  • Als Studentin arbeitet Lucy gelegentlich in einer Bäckerei, um die Arbeitsbedingungen kennenzulernen. Ein Angestellter schmuggelt in die Brote, die ins Gefängnis geliefert werden, Briefe und Fluchtwerkzeuge ein. Als dies bemerkt wird und die Polizei den Bäcker und seine Gesellen verhört, nimmt Lucy die Schuld auf sich und erklärt, dies aus Überzeugung getan zu haben: „Gewisse Vergehen […] übersteigen die Absicht des Täters. Sie werden zu einem allgemeinen menschlichen Unglück. In gewissen Vergehen müssen wir uns alle wiedererkennen; denn sie enthalten eine Beschreibung der Welt und der Verhältnisse. […] Wenn einem das Nötigste verweigert wird, kann ein Verbrechen zu neuen Möglichkeiten führen.“ Gewisse überführte Täter halte man deshalb zu Unrecht fest.[7] Die Polizei glaubt jedoch der Advokatentochter nicht und entlässt sie aus dem Verhör.
  • In dieser Zeit wird sie zur Sprecherin der Studenten gewählt, allerdings vermutlich durch eine Manipulation bei der Stimmenzählung (Kp. 16). Victor rät ihr, eine Neuauszählung zu beantragen, doch sie lehnt ab: „Nur wenn wir bereit sind, mitunter gegen das Prinzip zu verstoßen, können wir etwas ändern […] Auch die Mehrheit kann irren, und manchmal können wir nur etwas für sie tun, indem wir uns über sie hinwegsetzen.“[8]
  • In einer illegalen Werkszeitung informiert Lucy mit ihren Genossen die Arbeiter über die Ungerechtigkeiten der Arbeitsbedingungen. Nach ihrem Artikel „Die Peitsche“ werden sie verhaftet. Victor Gaitanides und Nikos gestehen nach Folter fälschlicherweise die Autorenschaft, um sie zu entlasten. Sie drängen sie, dem zuzustimmen, um freigelassen zu werden und als die wichtigste Autorin der Gruppe die Zeitung weiterzuführen: „Du wird mehr gebraucht als wir […] darum nehmen wir es auf uns; keiner der Freunde würde es verstehen, wenn wir zurückkämen und du nicht“.[9] Trotz Gewissensbissen geht sie darauf ein.

Die Kommissionsmitglieder rätseln über die Motive für Lucys Hungerprotest, nachdem sie erfahren, dass die Studentin bei einem Besuch ihrer Verwandten vor 20 Jahren in Hamburg von der Verlobung ihres Freundes Victor mit seiner Sekretärin erfahren hat und dann in Deutschland geblieben ist (Kp. 18). Die Beziehung zu Victor deutet auf ein, zumindest teilweise, persönliches Motiv hin. Als Professor Pietsch, der Direktor ihres Instituts, sie mit dem Argument, ihre wissenschaftliche Arbeit sei viel sinnvoller, zur Aufgabe ihrer Aktion zu überreden versucht, lehnt sie dies ab: Ihr Hungerstreik sei ihre öffentliche „Anteilnahme“ und „eine Art unfreiwillige Heimkehr“.[10] Nachdenklich werden die Experten auch durch ein Interview der Professorin mit dem Reporter Hermann Graf Katulla (Kp. 19), der sie nach der Vergleichbarkeit der Situationen in einem Gefängnis und einer Villa mit Haushälterin fragt und sie mit der Meinung des inhaftierten Professors Gaitanides konfrontiert, ihre Protest-Aktion sei „ein sinnloses Zeichen […], das keinem hilft.“[11]

Nach dem Rückzug Pundts aus der Kommission einigen sich Süßfeldt und Heller auf die widersprüchliche Aktion Lucy Beerbaums als Anregung für die Jugendlichen und reichen ihre Texte unter dem Titel „Umstrittene Entscheidung“ bei dem Chefredakteur des Buchverlags Dunkhase ein (Kp. 21). Dieser lehnt jedoch ihren Vorschlag ab: Ihren jungen Leuten sei nicht mit einem Beispiel für wirkungslose passive Auflehnung angemessen. Eine „emanzipatorische Erziehung“ könne sich nicht mit tatenlosem, beschaulich-meditativem Protest, einem „elegischen Nein“, das „vor allem einprägsam leidet, mitleidet“, zufriedengeben.[12]

Am Schluss der Romanhandlung verabschieden sich auch Heller und Süßfeldt aus dem Gremium. Sie schicken ihrem früheren Kollegen Pundt eine Karte mit dem Bild einer „abgesoffenen Schute“ und der Überschrift „Die Bergung“ und teilen ihm mit, sie hätten als „zeitgemäßes Vorbild“ eine „intakte Windmühle“ entdeckt, die „bei ausreichender Regung in der Luft, für jedermann sichtbar vierflügelig um sich schlägt.“[13]

Rezeption und Interpretation

In seinem Roman „Das Vorbild“ greift Lenz ein zentrales Motiv seiner 1968 publizierten „Deutschstunde“ auf: Der Gymnasiast Siggi muss einen Aufsatz mit dem Titel „Mein Vorbild“ schreiben und denkt sich dafür einen Vogelschützer auf einer bombardierten Insel aus. Der Autor bestreitet allerdings eine Fortsetzung der Deutschstunden-Thematik: „Wer schreibt, ist bereits Pädagoge. […] Das Vorbild geht sowohl in die Politik wie in die privateste Sphäre“.[14]

Im Vergleich mit der „Deutschstunde“ war die Resonanz auf „Das Vorbild“ negativer. Während Reich-Ranicki den Roman fast 30 Jahre nach Erscheinen noch für ein wichtiges Buch hält,[15] wurde er von vielen anderen Rezensenten inhaltlich und formal kritisch bis ablehnend beurteilt.

Ein Schwerpunkt der Kritiken Mayers und Kloses ist die Untersuchung der Lehrbuch-Kommission und ihrer Arbeitsweise im Roman im Vergleich zur Praxis. Mayers[16] Fazit nach seinem Vergleich ist: Die „Debatten […] stehen nicht auf der Höhe der erziehungswissenschaftlichen, soziologischen, auch literaturtheoretischen Sachdiskussion. […] von den realen, nicht novellistischen Widersprüchen moderner Erziehung, Schule, Lerntheorie vermag sein Roman nichts mitzuteilen. Das rächt sich am Roman: dessen Diskussionsstand ist anachronistisch.“

Klose[17] beschreibt aus eigener Erfahrung die Arbeit einer Lesebuch-Kommission und differenziert die Beurteilung Mayers: Lesebücher würden heute anders entstehen als im Roman beschrieben, sie seien allerdings bis in die sechziger Jahre ähnlich wie bei Lenz aufgebaut gewesen. Die Unterschiede zwischen Roman und Praxis erklärt Klose damit, dass dem Autor die Details für seinen Roman unwichtig waren. Die Produktion eines Lesebuchs habe ihm offenbar „zum bloßen Rahmen für das Erzählen exemplarischer Geschichten“ gedient. Zwar sei das Lenz-Lesebuch ein Lesebuch von vorgestern, aber es sei durchaus möglich, dass „wir wieder intellektuelle und moralische Tugenden zu Leitbildern entwickeln und solche Leitbilder in entsprechenden Lesebüchern vorstellen müssen. […] Wir können deshalb jetzt nicht sagen, ob Lenz ein veraltetes oder vielleicht ein kommendes Lesebuch beschrieben hat.“

Unterschiedlich wird auch die Gestaltung des Romans beurteilt. Für Mayer rächt sich die „Unschärfe der wissenschaftlichen Positionen dieser drei Erzieher […] am Erzähler als Unschärfe der epischen Konturen.“ Die sehr übersichtliche Komposition bleibe „seltsam abstrakt: nicht bloß in der Grundfrage, ob das - amtlich verordnete - Suchen nach Vorbildern aus Literatur und Geschichte überhaupt sinnvoll sei oder als Überbleibsel einer bürgerlichen Säkularisation betrachtet werden müsse, wo Klassiker und andere Riesen bei der Überich-Bildung herhalten müssen.“ Seltsam sei auch, dass Lenz seine Pädagogen „immer wieder mit Jugendproblemen der großen Stadt konfrontiert“. Insgesamt hält Mayer das Werk für „literarisch misslungen“: „Es leidet an zwei schweren Kunstfehlern. Einmal an dem Vorurteil: bei intellektuellen Debatten zwischen Romanfiguren komme es auf geistige Präzision durchaus nicht an. Es sei denn - was Lenz nicht beabsichtigt haben mochte -, der Autor wolle, wie es Dostojewski gern tut, das Schwafeln seiner Figuren demonstrieren.“ Die Kunstfiguren hätten „keine Aura, die ins Leben hineinwirken könnte“. Das sei „der Grundirrtum jener anachronistischen Pädagogen, die dem Schüler eine Anbiederung an Carlos oder Posa empfahlen“, gewesen.

Die von Mayer kritisierte Verbindung mit dem Hamburger Stadtleben wird von anderen Rezensenten gelobt: Lenz zeige das brodelnde, „zerrissene, hektische Leben der Großstadt“ und erreiche „damit die Höhe der stärksten Realisten, anschaulich und hintergründig, mit dem Humor eines Gottfried Keller entdeckt er hinter dem Dringlichen oft poetischen Glanz.“[18]

Auch Klose lobt die Verbindung der Erzählstränge: Es sei „ein genialer Einfall des Autors, die Entstehung eines Lesebuchs zu benutzen, um immer neuen Erzählstoff in die Rahmenhandlung zu bringen“ und die drei Experten selbst zum „Handlungsträger von Erzählungen“ zu machen. Damit stehe „ihre eigene Story ironisch als Vorbild-Möglichkeit zur Diskussion; denn der Leser darf sich fragen, was das für Vorbilder selbst sind, die ›bestimmen, was vielleicht einer ganzen Generation von Schülern als Vorbild erscheinen soll‹“. Siegfried Lenz lasse deshalb seine Experten auf der Suche nach dem Vorbild mit vollem Recht scheitern. Denn die „Zeiten sind gewesen, da die Schulmeister im Auftrage von Kirchen, Behörden und Parteien die Vorbilder setzten“.

Diese Interpretation wird von anderen Rezensenten geteilt: Es gehe um die Frage, „ob es in der Bundesrepublik angesichts der Studenten- und Jugendrevolte noch Vorbilder geben könne, und wie in einem ‚Zeitalter der Diskontinuität‘ vor jeder ‚Begeisterung‘ im Politischen zu warnen wäre, die für Siegfried Lenz einer ‚ansteckenden Krankheit‘ gleichkommt“. Der Autor präsentiere keine Antworten, sondern besteche „mit denkscharfem Skeptizismus“ und stelle seine Leser „vor einen Kosmos an Fragen und Fragwürdigkeiten“. Er kritisiere „scharf die ‚Besessenheit, junge Menschen stumpfsinnig nach Vorbildern auszurichten‘“, aber er ermögliche „seinen Lesern […] eine eigene Orientierung“.[19]

Lesung

Literatur

  • Winfried Baßmann: Siegfried Lenz. Sein Werk als Beispiel für Weg und Standort der Literatur in der Bundesrepublik Deutschland. Bouvier, Bonn 1976 (= Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, 222).
  • Ming-fong Kuo: Das Romanwerk von Siegfried Lenz unter besonderer Berücksichtigung des Romans „Das Vorbild“. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1991 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 1; 1223).
  • Rudolf Wolff (Hrsg.): Siegfried Lenz. Werk und Wirkung. Bouvier, Bonn 1985 (= Sammlung Profile; 15).

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI