David Rokeah
israelischer Dichter
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David Rokeah (hebräisch דוד רוקח; geboren 22. Juli 1916 in Lemberg, Österreich-Ungarn; gestorben 29. Mai 1985 in Duisburg) war ein israelischer Dichter.

Leben
David Rokeah wuchs in einer Kleinstadt im Südosten Polens auf,[1] in einer frommen und gebildeten Familie. Sein Großvater war ein bekannter Kabbalist, der sich mit Architektur und Malerei beschäftigte.[2] Sein Vater war ein Kaufmann, der „die strengen, rationalen Traktate des Talmuds“ liebte, so erinnerte sich David Rokeah an ihn, ebenso die deutsche Literatur, zumal deren Klassiker.[3] In der Familie sprach man zu Hause Hebräisch, zudem Jiddisch, Deutsch und Polnisch. Rokeah besuchte das Hebräische Gymnasium in Lemberg.
1934 wanderte Rokeah als Zionist im Zuge der fünften Alija nach Palästina aus, wo bereits Verwandte lebten.[4] Er begann, an der Hebräischen Universität in Jerusalem Hebräische Literatur zu studieren. Weil ihm das Geld ausging, musste er abbrechen. Er schlug sich als Tagelöhner in den Obstplantagen in Kfar Saba durch, danach verdingte er sich als Straßenarbeiter.[2] Als er genug zurückgelegt hatte, kehrte er ins Studium zurück, nun zuerst ein Jahr lang Jura an der Hochschule für Rechtswissenschaft in Tel Aviv, schließlich Elektrotechnik an einer Fachhochschule.[2] Fortan arbeitete er als Elektroingenieur. Er lebte in Tel Aviv und in Jerusalem.[2]
Als Elektroingenieur hatte Rokeah regelmäßig dienstlich im Ausland zu tun. Das gab ihm Gelegenheit, Kontakte mit anderen Schriftstellern und Künstlern aufzunehmen und zu pflegen.[5] Rokeah hatte ein Talent für Freundschaften (samt der Begabung, in seinen Anliegen Freunde um Hilfe zu bitten). Zu seinen Freunden zählten Michael Hamburger, der Komponist Heinz Holliger, dem Rokeah einige Gedichte aus dem Zyklus „Etüden“ widmete,[6] der niederländische Lyriker, Essayist und Literaturkritiker Adriaan Morriën, der israelische Maler Yosl Bergner, der einen von Rokeahs Gedichtbänden illustrierte, und Verena Haller.
Rokeah unternahm zahlreiche Lesereisen, insbesondere durch Westdeutschland und die Schweiz. Eine Rokeah-Lesung am 18. November 1982 war die erste Lesung in der im selben Jahr von Rachel Salamander in München eröffneten Buchhandlung „Literaturhandlung“.[7]
In seinem letzten Lebensjahrzehnt widmete sich Rokeah mehr und mehr der Malerei. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) lud Rokeah als Stipendiat seines Künstlerprogramms 1984 nach Berlin ein.[8]
David Rokeah starb während einer Lesereise in Duisburg.
Literarisches Werk
Seine erste Gedichtsammlung veröffentlichte Rokeah noch auf Jiddisch. Ab 1939 schrieb er ausschließlich Hebräisch.[6] Die Nachrichten über die Schoa, durch die seine Familie ermordet wurde und er viele Freunde verlor, ließen ihn 1941 literarisch verstummen. Erst 1954 begann er wieder zu veröffentlichen. Bis zu seinem Tode folgten weitere acht Gedichtbände, ein neunter posthum. Doch die Resonanz in Israel blieb eher verhalten.[9] Zwar nahm Ruth Finer Mintz in die von ihr herausgegebene, vielfach aufgelegte hebräisch-englische Anthologie Modern Hebrew Poetry acht Gedichte von David Rokeah auf, doch im 1962 erschienenen Handbuch Die neue hebräische Literatur von Pnina Navé, dem ersten Gesamtüberblick über die hebräische Literatur des 20. Jahrhunderts in deutscher Sprache, kommt Rokeah (noch) nicht vor.
Ein immer wiederkehrendes Motiv in Rokeahs Lyrik ist Jerusalem.[10] Jerusalem ist der Titel mehrerer Gedichte und eines seiner Gedichtbände in deutscher Übersetzung. Wörter und Bilder, die für Jerusalem stehen, finden sich in vielen weiteren Gedichten, und es passt, dass ein Buch über das Vermächtnis von Rachel Salamander mit Rokeahs Gedicht Nacht in Jerusalem anhebt.[11]
Dominik Jost schrieb über Rokeahs Sprache und Dichtung: „Rokeahs Zeilen aus Sprache sind nicht vom Leben abgetrennt, er schreibt trotz hermetischer Metaphorik keine Rätsel, sondern belebende Verse. Er kennt den Punkt, wo Schweigen eintreten muss, um der immer drohenden Nichtigkeit der Rede zu begegnen.“[12]
Übersetzungspraxis und Rezeption
Rokeah Gedichte wurden in zehn Sprachen übersetzt, unter anderem ins Deutsche, in Englische, ins Französische, ins Arabische und ins Katalanische.
Im Laufe der Jahrzehnte fanden sich viele Schriftsteller, die Rokeahs Gedichte ins Deutsche übersetzten. Zum weiten Spektrum der Übersetzer, deren Namen die Inhaltsverzeichnisse seiner Gedichtbände nennen oder die unter den Gedichten zu finden sind, gehören Henriette Beese, Werner Bukofzer, Paul Celan, Benigma Chilla, Renate Döring, Friedrich Dürrenmatt, Hans Magnus Enzensberger, Erich Fried, Walter Helmut Fritz, Ruth Geyer, Michael Krüger, Wera Lewin, Nelly Sachs, Miriam Scheuer, Gerhard Schoenberner, Werner Weber und Franz Wurm. Andere Dichter, Rokeah um Mithilfe gebeten hatte, sagten ab, so etwa Johannes Bobrowski.[13]
Diese Namensliste der Übersetzer erstaunt insofern, als die meisten von ihnen kein oder nur unzureichend Hebräisch verstanden. Dass sie sich gleichwohl an den Übersetzungen beteiligten, war dadurch möglich, als sie durchweg nur den „letzten Schliff“ der Übersetzung zu leisten hatten. Es ist mehr als angebracht, dass bei mehreren seiner Gedichtbände auf die Namen der Übersetzer der Zusatz „unter Mitwirkung des Autors“ folgt. Denn Rokeah pflegte Rohübersetzungen anzufertigen und dann deutsch-muttersprachliche Autoren zu bitten, mit ihm diese Rohübersetzungen durchzugehen und sprachliche Feinheiten einzubringen. Beispielsweise ließ er sich beraten, welches von zwei deutschen Wörtern das passendere sei.[14] Dabei nahm Rokeah keineswegs alle Ratschläge an. So kam es zu Diskussionen mit Paul Celan, weil Rokeah mutmaßte, dass Celan nicht genügend Hebräisch beherrschte, um die Nuancen dessen, was Rokeah ausdrücken wollte, zu verstehen. Celan reagierte seinerseits empfindlich auf Rokeahs Änderungswünsche.[15]
Dank der Übersetzungen gewann Rokeah im Ausland eine größere Leserschaft (und Zuhörerschaft bei seinen Lesereisen) als in seinem Heimatland Israel, insbesondere in Deutschland und in der Schweiz.[16] Er war einer der ersten Dichter der modernen hebräischen Literatur, die im Westdeutschland der Nachkriegszeit wahrgenommen wurden.[17] Dazu trug auch bei, dass die Gruppe 47 ihn zu ihrem Treffen 1958 in Großholzleute einlud.[18] Rokeah las dort einige seiner Gedichte „in der lautkräftigen und melodischen hebräischen Sprache“, dann in deutscher Übersetzung.[19]
Zumal Hans Magnus Enzensberger ist es zu verdanken, dass Rokeah in Deutschland bekannt wurde. Auch die Zeitschrift Merkur trug maßgeblich dazu bei, dass seine Lyrik Leser fand. Denn in den 1960er, 1970er und 1980 Jahren brachte sie immer wieder Rokeahs Gedichte, so in den Jahrgängen 1961,[20] 1964,[21] 1965,[22] 1967,[23] 1968,[24] 1970,[25] 1972,[26] 1973,[27] 1974,[28] 1976,[29] 1977,[30] 1978,[31] 1979,[32] 1981,[33] und 1983.[34] Zudem veröffentlichte der Merkur Auszüge aus seinem Tagebuch[35] und Rezensionen.[36]
Philippe Jaccottet und Claude Vigée übersetzten Rokeahs Gedichte ins Französische, Michael Hamburger und Ruth Finer Mintz übersetzten sie ins Englische.[37]
Familie
Ehrungen
- Heinz Holliger komponierte die Tonscherben. Orchester-Fragmente in memoriam David Rokeah, 1916–1985 in Erinnerung an seinen Freund.[38]
- Die Bayerische Akademie der Schönen Künste wählte David Rokeah zu ihrem Mitglied.[39]
Werke
Hebräische Erstausgaben der Gedichte
- Be-Gesher Ha-Ye`ud, 1939
- Yamim Ashenim, 1941
- Moadei Ergah, 1954
- Arar Alei Shaham, 1958
- Kano Shel Yam, 1963
- Mi-Kayitz El Kayitz, 1964
- Shahar La-Helech, 1965
- Einayim La-Sela, 1967
- Ve-Lo Ba Yom Aher, 1969
- Ir She-Zmanah Kayitz, 1975
- Tohen Avanim, 1981
- Gevulot Ha-Ergah, 1988
Gedichtsammlungen in deutscher Übersetzung
- Poesie. Hebräisch und deutsch. Nachwort von Hans Magnus Enzensberger. Übersetzt von Paul Celan, Werner Bukofzer und anderen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962.
- Von Sommer zu Sommer. Übersetzt von Erich Fried. S. Fischer, Frankfurt am Main 1965.
- Kein anderer Tag. Gedichte. Übersetzt von Paul Celan und anderen, unter Mitwirkung des Autors. S. Fischer, Frankfurt am Main 1971, ISBN 3-10-066302-0.
- Wo Stachelrosen wachsen. Gedichte. Übersetzt von Paul Celan und anderen, unter Mitwirkung des Autors. S. Fischer, Frankfurt am Main 1976, ISBN 3-10-066303-9.
- Jerusalem. Gedichte. Übersetzt von Henriette Beese, Erich Fried und anderen. Hanser, München 1985, ISBN 3-446-13293-7.
- Du hörst es immer. Übersetzt von Henriette Beese, Erich Fried und anderen. Hanser, München 1985, ISBN 3-446-14352-1.
- Nicht Tag nicht Nacht. Ausgewählte Gedichte. Übersetzt von Henriette Beese und anderen, unter Mitwirkung des Autors. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Michael Krüger. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-596-25958-4.
- Ich wandle Einsamkeit um in Worte. Gedichte. Übersetzt von Paul Celan und unter Mitwirkung des Autors übertragen von Henriette Beese und 11 weiteren. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Michael Krüger. Jüdischer Verlag, Berlin 2025, ISBN 978-3-633-54338-0.
Weitere Veröffentlichungen
- Aquarelle und Kohlezeichnungen. 21. bis 29. Juli 1984 (Ausstellungskatalog). Daadgalerie, Berlin 1984.
Vertonungen von Gedichten
- Heinz Holliger: Shir shavur = Zerbrochenes Lied. Zwölf Gedichte von David Rokeah. Für gemischten Chor a cappella mit Soli (SATBar). Schott, Mainz 2015, ISMN 9790001138994.
Literatur
in der Reihenfolge des Erscheinens
- Hans Magnus Enzensberger: Nachwort. In: David Rokeah: Poesie. Hebräisch-deutsch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1962, S. 107–115.
- Michael Hamburger: David Rokeah. Poet of Experience. In: "Ariel. A Review of the Arts and Sciences in Israel", Heft 12 (1965), S. 25–30.
- Ruth Finer Mintz (Herausgeberin und Übersetzerin): Modern Hebrew Poetry. A bilingual anthology. University of California Press, Berkeley 1966, S. 367–368 (über David Rokeah) und S. 270–283 (Gedichte von David Rokeah).
- Eyal Nitzan: דוד רוקח – חייו ושירתו. Tel Aviv 1990 [Übersetzung des hebräischen Buchtitels: David Rokeah – Leben und Werk].
- Barbara Wiedemann: David Rokeah: Korrekturen. In: Axel Gellhaus und andere (Red.) „Fremde Nähe“ – Celan als Übersetzer. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Verbindung mit dem Präsidialdepartement der Stadt Zürich im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar und im Stadthaus Zürich. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar, 2., durchgesehene Aufl. 1997, ISBN 3-929146-66-5, S. 491–501.
- Shmuel Eshkar: David Rokeah. La poésie comme recherche d’une voie. Université de Paris VIII, Paris 1998.
- Alfred Bodenheimer: Das Wiedererkennen des Unbekannten: Zu Paul Celans Übersetzung des Gedichts „Banechar“ von David Rokeah. In: Alfred Bodenheimer, Shimon Sandbank (Hrsg.): Poetik der Transformation. Paul Celan – Übersetzer und übersetzt. Niemeyer, Tübingen 1999, ISBN 3-484-65128-8. S. 129–136.
- Ute Bohmeier: Art. David Rokeah. In: Kritisches Lexikon zur fremdsprachigen Gegenwartsliteratur. edition text + kritik. München 2012, ISBN 978-3-86916-220-1.
- Heidy Zimmermann: »Schizophasie«. Heinz Holligers chorische Lektüren von Celan und Rokeah. In: Ulrich Tadday (Hrsg.): Heinz Holliger (= Musik-Konzepte, Band 196/197). edition text + kritik, München 2022, ISBN 978-3-96707-600-4, S. 132–147.
- Michael Krüger: Nachwort. In: ders. (Hrsg.): David Rokeah: Ich wandle Einsamkeit um in Worte. Gedichte. Jüdischer Verlag, Berlin 2025, S. 129–144.
Weblinks
- David Rokeah, bei: The Institute for the Translation of Hebrew Literature (sehr knappe Angaben zur Person; umfassendes Werkverzeichnis)
- David Rokeah: Poesie, bei planetlyrik.de