Der Widder
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Der Widder (Le Mouton) ist ein Feenmärchen (ATU 425) von Marie-Catherine d’Aulnoy und erschien 1697 in Les Contes des Fées.

Inhalt

Von seinen drei Töchtern liebt der König besonders die Jüngste, Merveilleuse. Als er siegreich vom Krieg kommt, will er wissen, warum die Älteste ein grünes, die zweite ein blaues und Merveilleuse ein weißes Kleid anhat, und was sie nachts träumten. Die beiden älteren geben gute Antworten. Merveilleuse sagt, Weiß steht ihr gut. Sie träumte, er werde ihr bei der Hochzeit der zweiten Schwester das Wasser reichen. Erbost befiehlt er dem Hauptmann, Merveilleuse zu töten, ihm Herz und Zunge zu bringen. Der führt sie in den Wald, aber kann es nicht tun und schlägt vor, den König zu täuschen. Merveilleuses treue Meerkatze, ihre Mohrin und ihr Möpschen opfern sich auf der Stelle, doch ihre Zungen sehen zu anders aus. Merveilleuse begräbt sie und läuft in den Wald. Da ist ein prächtiger Widder mit seiner Herde. Er führt sie in sein unterirdisches Paradies und erzählt: Als König folgte er einem Hirsch in einen Teich. Da war die hässliche Fee Ragotte, die ihn schon lange unerwidert liebte. Er sollte ihre Widder hüten, aber beachtete nur ihre schöne Sklavin. Die Fee tötete sie und verwandelte ihn für fünf Jahre in den Widder. Er lebt mit Schafen, die ein gleiches Los traf, und den Schatten der Getöteten. Er lässt die Mohrin, die Meerkatze und das Möpschen holen und unterhält seine geliebte Merveilleuse, bis die Verwandlung zu Ende wäre. Als ihre erste Schwester heiratet, darf sie zu ihr, aber muss ihm versprechen, zurückzukehren, oder er würde sterben. Unerkannt reist sie mit Gefolge an, früh wieder ab und lässt prächtigen Schmuck da. Dann heiratet die zweite Schwester. Wieder tröstet sie den Widder, nicht lange zu bleiben. Doch ihr Vater lässt die Türen verschließen. Er reicht ihr zum Festmahl das Wasser zum Händewaschen. Sie gibt sich zu erkennen. Er setzt ihr die Krone auf. Der Widder meint sich inzwischen verlassen und stirbt. Sie trauert.
Bemerkungen

Ein Widder ist ein Schafbock, hier groß, weiß, goldhörnig, wie das weiße Kleid der Prinzessin oder wie das sagenhafte Goldene Vlies. Ziegen ziehen seinen Wagen zur Unterwelt, vgl. Dionysos. Es ist ein kürzeres Märchen Aulnoys. Die Fee spielt fast eine Nebenrolle, etwas wie der Zauberer am Ende von Der goldene Zweig. Die Handlung, von der Ausgangslage der Lieblingstochter bis zum zeitkritischen Versprechen entspricht Märchen vom Tierbräutigam (ATU 425). Dazwischen liegen Motive von Lieb wie das Salz (ATU 923) und die Prophezeiung von künftiger Hoheit (ATU 517). Herz und Zunge als Wahrzeichen erinnern heute an Schneewittchen, ähnliches gibt es in einigen Märchen, Basiles Sonne, Mond und Talia, Jahns Hans Wunderlich.
Marc Soriano ordnet das Märchen Typ C von AaTh 425 (Amor und Psyche) zu.[1] Vgl. Aulnoys Gracieuse und Percinet, Die grüne Schlange.
Literatur
- Georgios A. Megas: Amor und Psyche. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 1. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1977, S. 464–472.
- Christoph Schmitt: Lieb wie das Salz. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1996, S. 1038–1042.
- Annika Schmitt: Prophezeiung künftiger Hoheit. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 10. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2002, S. 1413–1419.
- Christine Shojaei Kawan: Tierbraut, Tierbräutigam, Tierehe. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 13. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2010, S. 555–565.