Der junge Mann
Roman von Botho Strauß
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Der junge Mann ist der Titel eines 1984 publizierten experimentellen Romans von Botho Strauß, der der Postmoderne zugeordnet wird.[1] Erzählt werden Stationen der Persönlichkeitsentwicklung Leon Prachts: seine Beziehungsprobleme und Identitätssuche bei Theaterinszenierungen, die Erforschung einer synkretistischen-Aussteigergruppe, die Beteiligung an einer kleinen Gesellschaft, die sich gegenseitig Geschichten vorträgt, seine Wiederbegegnung mit seinem ehemaligen Schauspielleiter und der Theaterszene im exklusiven Hotel-Turm. In die Haupthandlung eingeschoben sind thematisch und intertextuell miteinander verknüpfte Erzählungen und Skizzen.

Inhalt
Überblick
Der Roman ist eine Textsammlung aus der in Ich-Form geschilderten Entwicklungsgeschichte Leon Prachts und elf eingeschobenen Binnenerzählungen.
Im ersten Kapitel (Die Straße) inszeniert der 22-jährige Jung-Regisseur nach einem abgebrochenen Theologiestudium Genets Zofen in Köln. Dort werden in wenigen Probewochen die großen Ideen des in Freiburg als talentierter Anfänger gefeierten Künstlers von zwei bühnenerahrenen Diven zerrieben und er beendet seine kurze Theaterkarriere. Im dritten Kapitel (Die Siedlung) beobachtet und erforscht Leon für eine Kommission die Lebensweise des Aussteigervolkes der Syks. Er gerät in den Sog ihrer Philosophie, will sich der Gruppe anschließen, wird abgewiesen und verstrickt sich in sexuelle Abgründe. Die nächste Station (Kp. 4: Die Terrasse) spielt auf einem Schlossareal. Nach dem durch den Tod des Königs abgebrochenen Fest trifft Leon auf der Palastterrasse einige verbliebene Gäste und der kleine Kreis erzählt sich abwechselnd selbst erlebte oder erfundene Geschichten. Eine Erzählerin ist Yossica, mit der Leon im letzten Kapitel (Kap. 5: Der Turm) zusammenlebt. Nach unbeständigen, wechselvollen Wanderjahren arbeitet der inzwischen 37-Jährige als Foto- und Bildarchivar bei einer Zeitung. Yossica nimmt in ihrem Studio eigene Lieder auf und bastelt, trotz ihrer kleinen Stimme, an ihrer Karriere als Sängerin. Die beiden führen ein bürgerliches Leben und fahren in ihrer Freizeit zum Entspannen und Angeln in ihre Wochenendhütte. In dieser Situation wird Leon, 15 Jahre nach seiner Kölner Inszenierung, wieder an seine Theaterzeit erinnert, als er Alfred Weigert, seinen ehemaligen Schauspielleiter, im Turm-Hotel wiedersieht. Inzwischen ist Weigert als asketisch wirkender Komiker Ossia ein berühmter Filmschauspieler geworden, doch Leon trifft ihn dickleibig in einer Schaffenskrise an. Der Filmemacher bittet ihn, ihm bei der Suche nach neuen Ideen und beim Schreiben eines Drehbuchs zu helfen. Leon lehnt jedoch das Angebot ab und verlässt erleichtert und glücklich den Turm der Kunst mit seinem „trügerischen Licht und der schalen Kühle“.[2]
In diese Stationen-Handlung eingeschoben sind Binnenerzählungen, die entweder in die Haupthandlung einbezogen sind (Der stehende Liebespfeil, Die Frau meines Bruders, Der Prinz und der Kojote) oder als Parallelgeschichten (Der Wald) assoziativ thematisch (Identitäts- und Beziehungsprobleme, erotische Phantasien, Suchwanderungen) mit ihr korrespondieren.
Einleitung
Der Erzähler stellt in der Einleitung seine aus der Analyse der Zeit entwickelte Poetik vor:
Durch das „große Medium und sein weltzerstückelndes Schalten und Walten“ wird „das Gespräch, das wir über Jahre hin mit wenigen Menschen führen wollten, […] nicht durchgehalten“. Man hört nicht zu, man lässt nicht ausreden. Und das zerstört die „elementare Situation, jemandem etwas zu erzählen“. Ein „empfindlicher Chronist“ wird sich „der vorgegebenen Lage stärker noch anpassen, statt sich ihr verhalten entgegenzustellen“. Er wird versuchen, „die Dinge im Maß ihrer erhöhten Flüchtigkeit zu erwischen“. Statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen“: „Wo mancher nur den glitzernden Zerfall erkennt, da sieht er viele Übergänge und Verwandlungen, sieht den verschwenderischen Markt der Differenz, der aus der wesentlichen Unsicherheit und Offenheit dieser Gesellschaft hervorgeht“. Anstelle der linearen Vorwärts-, der Fortschritts- und Utopievorstellungen brauchen wir „weitere Wahrnehmungen“: „Rückkoppelungswerkzeuge […] Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind […] die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel“. Man darf nicht immer die „Gesellschaft in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen“. Denn man kann in dieser Gesellschaft „nicht fruchtbar leben, wenn man unentwegt nur gesellschaftlich“ denkt. Man muss zu „jenen lautlosen und ruhenden Ereignissen zurückfinden und sie zum Leben erwecken: „Allegorien, Initiationsgeschichten. RomantischerReflexionsRoman. […] abgehauene Wurzeln, die von neuem ausschlagen, alte Sachen, die wiederkehren, verkannte Wahrheiten, die sich wieder zur Geltung bringen.“[3]
In Gesprächen der Romanfiguren der Haupthandlung und der Binnenerzählungen werden einzelne Aspekte aufgegriffen und diskutiert.
Die Straße
Der junge Mann, Leon Pracht, erzählt im ersten Kapitel Die Straße von seiner Genet-Inszenierung 1969 am Theater in Köln: Er ist in Kandern aufgewachsen und von seinem Vater, einem Professor für Religionsgeschichte an der Universität Freiburg, sozialisiert und in der Wahl seines Studiums beein-flusst worden. Er studiert ebenfalls Theologie in Freiburg und arbeitet als Hilfskraft seines inzwischen emeritierten Vaters an dessen Montanus-Forschung. Neben seinem Studium entwickelt er der fast 22-Jährige auch andere Interessen. Durch die Freundschaft eines Dramaturgen knüpft er Kontakte mit dem Stadttheater, beobachtet die Proben und den Theaterbetrieb, übernimmt zuerst kleine Aufgaben und wird dann Regieassistent. Als ein Gastregisseur ausfällt und man keinen Ersatz findet, bietet man ihm die Regie für Strindbergs Fräulein Julie an. Er erfüllt seine Aufgabe innerhalb von drei Wochen zur Zufriedenheit aller Beteiligten und erhält in der Lokalpresse viel Lob für seine vielversprechende Anfängerarbeit. Offenbar hat man die Rezensionen auch am Theater in Köln gelesen, denn eines Tages bekommt Leon Besuch von zwei Schauspielerinnen, Margarethe (Mag) Wirth und Petra Kurzrok (Pat), die ihm das Angebot machen, Genets Die Zofen zu inszenieren.
Damit beginnt die 1969 in Köln spielende Haupthandlung des Kapitels: Obwohl ihn sein Vater vor diesem Experiment warnt, ein Regisseur sei doch nur ein „Handlanger und ein Affendressierer“,[4] er solle bei seiner Wissenschaft bleiben, ist Leon von den Möglichkeiten des „Regietheaters“ fasziniert: Er könne „Gestalter“, „Visionär“ sein. Er beschäftigt sich intensiv mit dem Stück, entwickelt eine Inszenierungs-Idee und detaillierte Abläufe. Den Theaterleiter Alfred Weigert überzeugt er nach einem langen Gespräch schließlich von seinen Vorstellungen: Er müsse „etwas Neues machen“, daher hätte dessen Erfahrungen für ihn „nur eine beschränkte Gültigkeit“, denn „etwas Neues“ müsse „man doch wollen, wenn man am Anfang“ stehe.[5] Er erklärt bei den Leseproben den beiden Protagonistinnen, Mag als Zofe Solange und Pat als deren Schwester Claire, seine Idee: Das Stück spiele in seiner Konzeption in „einer nicht allzu fernen Zukunft“, nach dem „Zusammenbruch aller menschlichen Kommunikation“. Die Menschen hätten sich „in ihre Zeremonien zurückgezogen“.[6] Er wolle nicht die psychologische, sondern die kulturelle Dimension erarbeiten, den tieferen „symbolischen Grund“, die Schritte „hinter die Dinge“, die „aus fernem, altem Gedächtnis durchdringenden Zeichen am Menschen“.[7] Seine Ausführungen stoßen auf Unverständnis und Ablehnung und ihm wird klar, dass die beiden Diven sich nur als Schauspielerinnen in Szene setzen wollen und einen unerfahrenen Neuling angeworben haben, um ihr Spiel durchzusetzen. Er ist mit ihrer konventionellen „Mimenmentalität“ unzufrieden, kann ihnen aber die Umsetzung seiner Ideen nicht verständlich machen und schon gar nicht handwerklich vorspielen. Ihm wird dabei klar, dass er „keine Lehre, keine Theorie, keine Vision von einer neuen Schauspielkunst“ hat und er fragt sich: „Ist nicht, was mir vorschwebt, ganz einfach das perfekte Spiel“, aber „ist es nicht gerade ihre Perfektion, die mich so heftig abstößt […] wenn sie ihre hohlen Gesten abperlen“?[8]
Nach heftigen Auseinandersetzungen findet er sich mit der Situation ab. Er will nicht mehr seine Ideen durchsetzen und nicht mehr die Individualität der Darstellerinnen überfordern, er will nur noch durchhalten und seine Prüfung bestehen. Von der Kritik wird die Inszenierung des, wie der Rezensent schreibt, im Laufe der Zeit „staubgrauen“ Genet-Stückes „trotz überragender Schauspielerleistungen“ als „im ganzen ein wenig bieder“ bewertet.[9] Leon ist schon vorher bewusst geworden, dass er nicht am Theater bleiben wird: „Es war [ihm] nur als ein Übergang von Nutzen“. Schon zieht es ihn „in die Straße hinein […] in diesen blinkenden Fluss der Augen und Waren, die [ihn] erst verschlungen und dann wieder hatte aufle-ben lassen.“[10] Am Ende der Straße schaut er den auf ihren Start wartenden Leichtathleten, zwei Frauen und zwei Männer zu, zwischen denen „der stehende Liebespfeil“ schwirrt (s. u. Binnenerzählungen).
Der Wald
Leon ist im zweiten Kapitel nur eine Episodenfigur im Traum einer jungen Kölner Frau (s. u. Binnenerzählungen). Im surrealen Wald trifft sie den als Wächter arbeitenden jungen Mann und ist von seinen warmen, kräftigen Augen angetan. Nach ihrer Intimität mit dem „aus heiterem Himmel eines Blicks Erwünschten“, erklärt er ihr bei einer Abschiedszigarette im Wächterhäuschen, bevor sie weiterzieht: „Es gibt doch immer wieder Menschen, denen öffnet überhaupt nur die Liebe die Augen. Erst dann sehen wir, wo genau sie sich auf der Welt befinden…“ Da sie ihn nicht liebe, wie sie ihm versichert, werde sie „nun weiter im Unbekannten herumtappen.“[11]
Die Siedlung
Leon Pracht ist jetzt Wissenschaftler, wohnt in einer kleinen Pension und beobachtet im Auftrag einer Kommission im dritten Jahr das in einem Reservat, in Hütten und Bungalows eines ehemaligen Freizeitzentrums im nahe gelegenen „Gründschen Forst“, lebende „Volk der Synkreas“. Die ca. 300 Syks sind eines der vielen Völker, die „aus dem raschen Auseinanderfallen unserer westlichen Erfolgsge-sellschaft hervorgegangen“ sind. Eine Ursache dieser Entwicklung ist die „Benommenheit, die zum Lebensgefühl einer Vielzahl von Menschen Mitteleuropas wurde und sie tiefgreifend verändert hatte“.[12] So haben sich auch die Syks gegen ein gewöhnliches Leben entschieden und damit auch gegen die Gesellschaft, die sie umgibt, und im Wald-Reservat das Volk der Syks gebildet. Es sind Aussteiger und, wie es im Untertitel des dritten Kapitels heißt, Gesellschaftslose. Sie können ihr Leben nicht selbst finanzieren und werden als Gegenleistung für ihre für ihre Zustimmung der Beobachtung unterstützt. Trotz dieser Absicherung sind sie sehr aktiv, um ihr Leben nicht in einen Leerlauf geraten zu lassen. Die Kommission ist an diesem „sozialen Experiment“ interessiert, um Erkenntnisse über „menschenwürdige Überlebens-Modelle“ in einer zukünftigen „Gesellschaft mit beschränktem Arbeitsbedarf“ zu gewinnen.[13]
Leon und Ines, seine Mitarbeiterin, haben die Anweisung, sich nicht in das Leben der Syks einzumischen und sie nur zu beobachten und Berichte darüber zu schreiben: Die Synkreas sind eine Gruppe kreativer, friedlicher, ganzheitlich orientierte Menschen, allerdings ohne festgelegte Doktrin, sondern nach Imagination und „dem Gesetz der offenen Verwandlung“. Sie haben für ihr Zusammenleben keine neuen Ideen entwickelt, sondern sind „erfinderische Synthetiker“, kreative „Sammler und Resteverwerter“.[14] „Kombination“ gilt bei ihnen mehr als „Innovation“: „Traum, Spiel, Sammeln, ganzheitliche Vorstellungen“ haben sich „gegen die eiserne Vorherrschaft von abstrakter Logik, Plan, Fortschritt und Traditionszwang erhoben“. Mit Ines, seiner „scheuen Gefährtin“ und „schönen und gelehrigen Mitarbeiterin“ wertet Leon die Umschrift einer Geister-Fabel aus dem Syk-Gebiet und die Sprache des Volkes aus: „Infantilität, der Quell nimmermüder Verwandlungen, das Modell der Fabeln und des Märchens [ist] an die Stelle des seriösen Bewusstseins gerückt.“[15] Elementare Tugenden sind: „Schauen, Bewundern, Dienen und Preisen. Streiten, Kämpfen, Konkurrieren, dafür [gibt] es nicht einmal Bildbegriffe.“ In magischen Ritualen versuchen sie die „Strömungskräfte, die die persönliche Energie jedes einzelnen wie auch den seelischen und sozialen Zusammenhalt der Gruppe ernähren, wenn sie miteinander nicht harmonieren wie „Bestien“ in Käfigen zu bändigen. Eines ihrer Ziele ist „die Teilhabe“, d. h., die Aufgabe des Individuums anstelle eines Teils, „als Element eines urtümlichen Wissens, einberaumt, allempfindlich“. In jeder der 100 Billionen Körperzellen ermessen sie „eine kosmologische Zeit, und im Traum wie in der Ekstase reichen [sie] weit hinter die menschliche Geschichte zurück“. Weil sie fürchten, dass die „herkömmliche, abstrakte Wort-Sprache ihr Bewusstsein“ bedroht, montieren sie zur Verständigung eine „Teil-Sprache“ mit „direkten Ausstrahlungsimpulsen“, sinntragenden Strahlenemissionen“, die „präzise und unverfälschte Nachrich-ten“ senden.[16]
Leon ist zunehmend fasziniert von den Syks, verliert seine Beobachterposition, möchte sich der Gruppe anschließen und Ines mitnehmen, aber sie lehnt ab. Leon hält sich immer mehr allein im Reservat auf und versucht Kontakte zu knüpfen, bis ihn zwei Abgesandte des Volksrats, mit der Nachricht, er werde von der Frau seines Bruders erwartet, aus dem Reservat ausweisen und in ein Chalet schicken. Dort trifft er die angebliche Schwägerin und verstrickt sich eine Sexualbeziehung, aus der ihn nach einem Saliromanie- bzw. Koprophilie-Rausch eine surreale Tötung der „Bestie“ und eine Ohnmacht befreit. Gesäubert erwacht er und sieht „seine unheimliche Hostess“, offenbar eine Angestellte des Feriendorfes am Rande des Syks-Reservats, beim Völkerballspiel mit „ihresgleichen“. Ines holt ihn aus dem Chalet, „diese[r] schreckliche[n] Druckkammer der Lüste, in der [er] unter hohen Belastungen geprüft worden war“, und er verlässt das Gelände, nachdem er die Rechnung für „Kur und Verpflegung“ bezahlt hat.
Ines reißt ihn aus seinen Gedanken des „uns alle überflügelnde[n] Neue[n]“,[17] nimmt ihn mit zur Kommission nach Frankfurt und berichtet dort über die „verminderte Selbstkontrolle“ ihres Chefs. Er fühlt sich von seiner Assistentin in den „Niederungen […] der Erfolgsgesellschaft“ verraten, bestätigt aber in der Anhörung durch seine verworrenen Rechtfertigungsversuche ihre Beschreibung und wird beurlaubt.
Die Terrasse
Die Handlung des vierten Kapitels setzt nach dem Tod des Königs auf seinem Fest ein. Während die meisten Gäste das Schloss verlassen, bleiben auf der Terrasse einige ungefähr gleichaltrige, nach dem Zweiten Weltkrieg geborene, junge Leute zurück: neben dem 25-jährigen Leon, dem autodiegetischen Erzähler, u. a. Reppenfries, der „Sanitäter-Denker“ und Philosoph, Almut, die Lüftlmalerstochter mit hohen Kunstambitionen, Hanswerner, der „Moderne“, Pressesprecher einer Kaufhaus-Kette, und Yossica, die Briefsortiererin und Liedermacherin. Sie spazieren durch die Parkanlagen und diskutieren über die gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit und die unterschiedlichen Bewertungen zwischen Zerfall der kulturellen Einheit und Bereicherung durch demokratische Vielfalt, wobei Hanswerner den Fortschritt der Technik und Reppenfries den Rückschritt betont. Sie experimentieren mit Hypnose, reden über das Wesen des Menschen, Rationalität und Irrationalität, das weibliche Wissen, die Ideale der Liebe, die Kunstgeschichte, Metaphysik und Mythologie usw. und erzählen sich zwischen den Diskursen ihre „Bekundungen“ genannten Geschichten (s. Abschnitt Binnenerzählungen). Nachdem Leon sein surreales Meno-Erlebnis erzählt hat, diskutiert die Gesellschaft über Liebe und Sexualität. Der erotische Genuss, erklärt Leon, hindere ihn daran, „auf Dauer nur einem anderen Menschen anzugehören“. Nie werde er, „wie der wahrhaft Liebende, durch die vielen hindurch die Eine suchen“. Ihn erinnere „jede Eine immer nur an die Vielen.“ Almut bezeichnet Leon als „Erotiker aus Entsagung“: Ihm bereite es eine weit größere Lust, „sich eine aufregende Idee vom erotischen Genuss zu machen, als sich diesem im vollen Umfang hinzugeben“. Er solle sich endlich von seinen 25 Jahren „Dauererregung“ erholen. Sie wolle in ihrer Geschichte (s. Die Geschichte der Almut) aus „einer Gegend des Lebendigen“ berichten, in der er ihm [dem „idealen Leib“] „noch in seiner ursprünglichen Gestalt“ begegnen könne: „in der Malerei und der Skulptur“.[18]
Nach Almuts Geschichte beobachtet Leon von der Terrasse aus den Beerdigungszug des Königs, in dem alle gesellschaftlichen Gruppen dem Sarg folgen: die Vertreter des alten Reiches und Geistes, das neue Lager der „modernen Gewissensmacher, der kritischen Aufräumer und Durchleuchter“, „Musterdemokraten und Berufsantifaschisten“, die der Vergangenheitsdebatte gegenüber „entschieden Gleichgültigen“, die „neubarbarischen“ Provokanten, die „Großen Gesinnten“, Arm in Arm mit ihren Schattenseiten: Kapitalismus mit „erbarmungsloser Zerstörungswut, Marxismus mit „der finsteren Knechtschaft“, Reformeiferer mit Vergesslichkeit, Konservativpropheten mit Verächtlichkeit, Nationalstolz mit „hasssüchtiger Schwester“. Ihnen folgen „Kranke, Beladene und Bedränge“, die „armen Schöpferischen“, die „Unglückswürmer“: die „Überinformierten und intellektuellen Tölpel“, die Bessergestellten und darunter die „Herrennaturen“, die Außenseiter“ usw.
Leon, „ein Protestant in der Erscheinungen Flut, ein Spötter in Trance“, fragt sich bei Betrachtung der Zeremonie, ob es ein „Passionszug oder eine kunterbunte Parade“ sei, ein „karnevalistisches Zwischenspiel oder einen Kehraus für immer?“[19] Bei einsetzendem Unwetter flieht er von der Schlossterrasse durch einen tiefen Wald in die freie Wirklichkeit der Großstadt und gerät durch ein neues Labyrinth, eine Art Holodrom, zurück in einen Märchenwald, wo er Yossica als Kopfgewächs, als „zwittriges Geschöpf, Zweidrittel Pflanzenknolle, ein Drittel Vorderkopf mit Gesicht“[20], im Boden verwurzelt findet. Sie erzählt ihm, wie es dazu gekommen ist (s. Die beiden Talentsucher) und bittet ihn, sie mitzunehmen und in seinen Garten zu pflanzen.
Der Turm
Leon, „aus allen Künstler-Träumen verstoßen“, kann „in einer rüden und illusionslosen Alltagswelt Fuß fassen.“[21] Er findet eine Anstellung als Foto- und Bild-Archivar einer Zeitung. Im fünften Kapitel ist er 37 Jahre alt und lebt mit der drei Jahre jüngeren Yossica zusammen. Sie nimmt in ihrem Studio eigene Lieder auf und „bastelt“, trotz ihrer kleinen Stimme, an ihrer Karriere als Sängerin. Die beiden führen ein bürgerliches Leben und fahren in ihrer Freizeit zum Entspannen und Angeln in ihre Wochenendhütte.
Yossica liest in der Zeitung die Notiz, dass der berühmte Film-Regisseur und -Komiker Ossia sich als Gast in der Stadt aufhält und im Tower-Bellevue, einem luxuriösen „Meisterwerk der postmodernen Hotel-Architektur“, wohnt. Ossia ist der Künstlername von Alfred Weigert, Leons Meister aus seiner 15 Jahre zurückliegenden Theater-Zeit. Yossica und Leon haben in den letzten Jahren alle Filme mit dem schwie-rigen, exzentrischen komischen Helden, der sogar bei einem breiten Publikum ankommt, mehrmals gesehen und entschließen sich spontan, ihn zu besuchen. Als sie sein Zimmer betreten, ist Leon schockiert. Er hat einen kultivierten Star in der schlanken Statur des Film-Clowns erwartet, doch er findet einen dick aufgeschwemmten Koloss. Er liegt auf dem Bett inmitten einer schöpferischen Unordnung loser Notizblätter und Skizzen und ist auf der offenbar hoffnungslosen Suche nach einer neuen Filmidee für seine Schauspielerin Pat Kurzrok. Leon erkennt sofort, dass der Künstler in seinem „geisterhaften Imperium von Ideen und Entwürfen, Treatments, Gags und Storyboards“ bedroht wird „durch eine gewaltige Entschlusslosigkeit, durch die Krankheit der offenen Wahl und der Inkonsequenz. Nichts [scheint] ihm mehr notwendig zu sein. Der Künstler [ist] eins geworden mit dem Schweigen der ungeformten Materie: Pläne, nichts als Pläne.“[22] Ossia braucht jemandem, der ihm beim Sortieren hilft und möchte Leon als Mitarbeiter engagieren an. Er gibt ihm sein Skizzenbuch zu lesen, eine Fragment-Sammlung, mit Zetteln und Fotos vollgestopft, mit unzähligen Zeichnungen und Notizen, die als Grundlage für die Konzeption eines Films dienen sollen.
Leon und Yossica bewerten nach dem Besuch im Turm Ossia und sein Angebot an Leon unterschiedlich. Sie kann sich seine Mitarbeit an dem Drehbuch vorstellen, auch wenn er weniger Zeit für ihre Gemeinsamkeiten hätte. Auch sie wolle sich in nächster Zeit mehr um ihre eigenen Belange, ihre Lieder und kleinen Konzerte, kümmern. Leon fragt sich, ob er dies als „Zurückweichen“ oder als „Entgegenkommen“ Yossicas zu verstehen habe.
Bei der Durchsicht von Ossias Skizzenbuch wird er in seinem Entschluss bestätigt, mit dem Theater und seinem Umfeld abgeschlossen zu haben, und dies teilt er Ossia bei seinem zweiten Treffen mit. Er gibt seinem alten Meister den Rat, den „Episodenkram“ zu lassen: „Du musst wieder zu einer großen, bündigen Geschichte finden. Nur eine Geschichte mit einer soliden Spannung gewährt die echte Freiheit für allerlei Seitensprünge und Nebenkriegsschauplätze.“ Ossia erwidert darauf, je älter man werde, „um so weniger liebt man die Folgerichtigkeit. Die Anordnung, in der man die Dinge wahrnimmt, erscheint immer zufälliger, ihr Verhältnis zueinander als ein beinahe willkürliches, und nur ein loses, spielerisches Erlebnis vermag wohl ihre geheimen Gesetze noch aufzuspüren.“ Leon hat am Ende des Gesprächs den Eindruck, „dass Ossia mit vollem Ernst gar nicht mehr daran dachte, einen neuen Film zu realisieren.“[23] Leon ist nach seiner Absage froh, den Turm zu verlassen. Er empfindet eine große Erleichterung:
- „Ich blickte mich nicht mehr um […] Ich war einfach nur glücklich, dass ich dem trügerischen Licht und der schalen Kühle des Turms entkommen war.“[24]
Binnenerzählungen
In die Leon-Handlung sind mehrere Binnenerzählungen eingeschoben, die teils in die Haupthandlung einbezogen (Der stehende Liebepfeil, Die Frau meines Bruders, Nur noch wenig lichte Momente), teils mit ihr und untereinander inhaltlich, leitmotivartig in der grotesken labyrinthischen, traumatischen Szenerie oder intertextuell vernetzt sind.
Der stehende Liebespfeil
Nach Beendigung des Theaterengagements beobachtet Leon vier auf ihren Start wartende Leichtathleten, zwei Frauen und zwei hinter ihnen stehende Männer, zwischen denen „der stehende Liebespfeil“ schwirrt. Bereits am Nachmittag bereiten sie sich auf ihren Start vor. Leon überlegt: „Aber wie, wenn sie gar nicht zum Einsatz kämen, wenn sie am Ende doch gar nicht benötigt würden und sich selbst über-lassen blieben? Plötzlich würden sich die Frauen einmal für immer umdrehen und stünden im Angesicht ihrer Hintermänner. Diese aber sähen nicht länger über die weibliche Schulter dem Kampf entgegen - sie sähen dann nur noch bis ans Auge der Frau.“ In der Nacht werden sie aufgerufen und ziehen auf der mondhellen Aschenbahn „Runde um Runde, erstreben Rekorde in einer Leistung, die nach dem Zeitmaß des Säumens berechnet wird. Eine große Wolke mit aufgerissenem Fenrir-Rachen näher-te sich dem Mond, und ich verdeck[-]e mein Gesicht.“[25]
Der Wald. Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger
Die Hauptfigur, eine Bankkauffrau und Anlageberaterin auf ihrer Identitätssuche, ist zu Beginn des zweiten Kapitels (Der Wald) auf der Fahrt zu einem Kunden, dessen Namen sie vergessen hat. So fährt sie ziellos durch die Gegend um Köln. Dabei strömen „eine Vielzahl bunter und ferner Erinnerungen“, eigene und von anderen Leuten aus verschiedenen Zeiten übernommene, auf sie herein und versetzen sie in eine surreale Traumwelt:
An einem Acker lässt sie ihr Auto stehen und geht zu Fuß weiter in einen Wald hinein, begegnet seltsamen Menschen und wird von einem Wolfsmann verfolgt. Die Bestie ist ein verwandelter Wattefabrikant, der wegen einer Suchaktion von Polizisten nach einem Bankräuber in seiner Jagdhütte auf das Ende der Aktion warten musste und nicht, wie geplant, in seinem Revier Niederwild jagen durfte. In seinem Zorn über seine blockierte Jagdleidenschaft hat er sich in einen Blutrausch hineingesteigert und sich in einen Wolfsmenschen verwandelt.
Auf ihrem Weg stößt die Frau auf ein Kaufhaus, den „Turm der Deutschen“, mit einem Vogelstimmenladen. Von einem Detektiv wird sie des Diebstahls einer Stimme beschuldigt und durch eine unterirdische Kanalanlage zu einer Schaltzentrale geführt. Auf einem Bildschirm erscheint ein Aquarium, in dem der Turm-Besitzer mit einem Karpfenkopf schwimmt. Er schlägt ihr ein Abendessen mit ihm in „Jerrys Luftblase“ vor, zu der sie, entkleidet, schwimmt. Nach dem Essen mit Poesie-Einlagen („Dem Neuen entschwunden, dem Alten entbunden“) taucht sie in einem See auf und läuft nackt durch den Wald, bis sie den „jungen Mann“ trifft, einen Wächter, der ihr die Kleider zurückgeben will. Sie hat mit ihm eine Sexszene, mit der Folge einer Schwangerschaft, und versucht anschließend, wieder angekleidet, aus „dieser Wildnis von Gleicher Zeit“ herauszufinden. Sie spürt in sich „die Frucht des eiligen Lebens“,[26] gebärt sich selbst und wächst bei ihrer Mutter im Wald auf. Der Wolfsmann taucht auf, tötet die Mutter und jagt die Tochter. Auf der Flucht begegnen ihr Gestalten aus ihrer Kindheit und sie wird älter. Ein Blitz und das Auftauchen des Turmbesitzer lösen den Alptraum auf und ihr fällt der Name ihres Auftraggebers ein.
Sie fährt zur Villa des Leuchtröhrenfabrikanten Wolf-Dieter Gründe, der ihr sein Projekt vorstellt: einen Turmbau im Wald als „Frei-Gehege“, in dem sich „ein gemeinschaftliches Leben unter selbständigen Menschen entwickeln ließe“.[27] Die Kauffrau verliebt sich „unsterblich“ in den Utopisten, verschmilzt „mit seinem glücklichen Wesen“ und arbeitet an seiner Idee „mit verschwenderischer Liebe und unerschro-ckener Tatkraft.“[28]
Die Händlerin auf der hohen Kante
Eine Edelsteinhändlerin erwacht in ihrem Bett, das auf einigen hundert Meter langen Stelzen in Hochhaushöhe im Wind schwankt. Ein Bussard lässt sich mit einer Kröte auf ihrem Lager nieder, zerreißt seine Beute und legt dabei einen Opal frei. Bevor sie nach dem Edelstein greifen kann, kommt ihr ein plötzlich „aus dem Sonnenschacht“ heruntergeklettertes „ruhmloses giftiges Männlein“ zuvor. Sie wird mit dem sie mit „lüsternen Gebeten“ übergießenden „schmierigen Schwärmgeist“ intim, obwohl sie sich vor ihm ekelt. Dabei empfängt sie den Opal aus seinem Mund. Dann verschwindet das Männlein im Sonnenschacht, aus dem jetzt ein Palast niedersinkt. Ein unsichtbares Wesen küsst ihr den Opal von ihrer Zunge. Plötzlich geben die Pfosten des hohen Bettturms nach, aber sie wird mit einem von einem Helikopter heruntergelassenen Seil gerettet.
Wissenschaftler untersuchen „diesen sonderbaren Fall“ von Levitation.
Die Frau meines Bruders
Zwei Abgesandte des Volksrats bringen Leon die Nachricht, er werde von der Frau seines Bruders erwartet. Er trifft sich mit ihr in einem abgelegenen Haus und verriegelt es. Die Frau macht auf ihn wegen ihrer bronzefarbenen Haut einen levantinischen Eindrucks. Sie können sich sprachlich nicht verständigen und widerstehen zuerst mit rituellen Gebärden der Höflichkeit dem Sog, der sie zusammentreibt, bis die Spannung zu übermächtig wird und er „mit der fremden Verwandten durch Höhen und Tiefen, durch Kreise und Fluchten, durch die weite Ideen-Welt der Liebe“ wirbelt.[29] Aus dieser sexuellen Verstrickung befreit er sich nach einem Saliromanie- bzw. Koprophilie-Rausch durch die surreale Tötung der „Bestie“ und eine Ohnmacht. Gesäubert erwacht er und sieht „seine stille, unheimliche Hostess“, offenbar eine Angestellte des Feriendorfes am Rande des Syks-Camps, beim Völkerball hinter einem Maschendrahtzaun „mit ihresgleichen“. „Sie lächelt[-] fragend, ein wenig verlegen sogar, wie [er] denn alles hingenommen und [sich] verwunden hätte“ und er küsst „ihre in die Maschen greifenden Fingerspitzen“. Ines holt ihn aus dem Chalet, „diese[r] schreckliche[n] Druckkammer der Lüste, in der [er] unter hohen Belastungen geprüft worden war“, und sie verlassen das Gelände, nachdem er die Rechnung für „Kur und Verpflegung“ bezahlt hat.[30]
Nur noch wenig lichte Momente
Nach der „einstweiligen Beurlaubung“ als wissenschaftlicher Feldforscher der Kommission wandert Leon an einem Sonntagmittag durch leere Vorgartenstraßen und Plätze Frankfurts und kommt zu einem ihm bekannten überwachsenen Tennisplatz: „Man gelangte immer wieder an denselben Fleck und schlug sich durchs Gebüsch, so gut es eben ging und solange der Atem reicht. […] Unverwüstlich und schmerzlicher denn je bleibt von dir. Die arme Ironie.“[31]
Der Prinz und der Kojote
Das in das fünfte Kapitel eingeschobene Skizzenbuch Ossians ist Diskussionsmaterial der Haupthandlung. Leon liest die Ideensammlung zwischen seinen beiden Besuchen bei Ossia.
Der Prinz und der Kojote ist der Titel eines Filmentwurfs. Die Geschichte handelt von dem Schauspieler Martin Rhein, der an 57 Abenden die Hauptrolle des Prinzen von Dänemark in Shakespeares Hamlet gespielt hat und dann von der Theaterdirektion verlangt, die Rolle des Norwegischen Hauptmanns umzubesetzen. Hintergrund ist der Beziehungskonflikt Rheins mit dem Darsteller, der ihn stalkt: ihn bewundert und krankhaft überwacht. Deshalb empfindet Rhein ihn als seinen Peiniger. Ossia plant, diese Hörigkeit einer Berühmtheit gegenüber und die Folgen in einem Film thematisieren.
Fabeln am Morgen nach dem Fest
Das vierte Kapitel ist eine Erzählsammlung. Die Gäste eines Festes, Hanswerner, Yossica, Reppenfries, Leon und Almut, erzählen Fabeln, selbsterlebte Geschichten, Bekundungen genannt, und diskutieren darüber. Diese Binnenerzählungen sind thematisch miteinander verknüpft und beziehen sich auf Leons Problemfelder, Liebe, Sexualität und Partnerschaft. Almut erklärt, sich auf die jeweilige Bekundung beziehend, Hanswerner zum Gesellschaftsfeind, Reppenfries zum Naturgeschichtsgläubigen, Leon zum Erotiker aus Entsagung und sich selbst zur Kunstverletzten.
Das Liebeslicht
Hanswerner verbringt eine Liebesnacht mit einer Unbekannten, in der ein Gnom mit einem Baudelaire-Hitler-Gesicht entsteht. Während der Erzähler Ekel empfindet und aus dem Bett fliehen will, beschützt die Gefährtin einer Nacht den Zwerg, den sie Boris nennt: er sei das „Liebeslicht“ und schmelze am Morgen beim ersten Lichtstrahl. Den zufällig entstandenen Zwitterkopf des Bastards erklärt sie damit, dass manchmal „aus dem heftigsten Glück gerade der fieseste Unhold“ herausschlüpfe.[32]
Bernd und Bäumin
Reppenfries erzählt die Geschichte von Bernd, einem jungen Mann, der sich in eine Frau verliebt, deren Oberkörper aus dem Stamm einer im Boden verwurzelten Ulme herausgewachsen ist. Als er an ihrer Rinde nagt und sie sexuell begehrt, erklärt sie ihm sanft, da sei „nun gar nichts zu machen“. Er könne sie nur wie ein den Jahreszeiten sich wandelndes Naturwesen keusch lieben. Bernd reagiert darauf wütend, er brauche eine Frau und keinen Baumstumpf, und behauptet, alle Männer hätten sie schon als Geliebte gehabt. Die Ulmfrau fühlt sich in ihrer Keuschheit beleidigt. In diesem Augenblick schlägt ein Blitz in den Baum ein und spaltet den Stamm. Bernd zwängt sich in die gebrannte Höhlung. Daraufhin zieht sich der Leib der ächzenden Bäumin schaudernd zusammen und sperrt den jungen Mann ein. Als Forstarbeiter den Stamm klammern wollen, finden sie in der Höhlung die Knochen des Liebhabers.
Die Frau auf der Fähre
Leon ist zur Beerdigung eines türkischen Freundes, eines Schauspielers und Lyrikers, nach Istanbul gereist. Nach der Begräbnisfeier folgt ihm auf der Fähre von Üsküdar über den Bosporus zur alten Stadt eine auf ihn geheimnisvoll wirkende Frau, Mero. Sie passen einander ihre Schritte an zu einem gemeinsamen Rhythmus und er folgt willenlos seiner „Führerin“ zu einem Haus. In ihrem Zimmer werden die beiden miteinander intim. Als Leon nach dem Liebesspiel erwacht, ist seine „herrschaftliche Gastgeberin“ verschwunden. Leo sucht nach ihr und entdeckt sie an einer Gartenmauer stehend. Beim Versuch, sich ihr zu nähern, hält ihn eine unsichtbare Wand zurück. Meros Stimme erklärt ihm, er existiere jetzt nicht mehr in der Welt, sondern sei nur noch ein Teil von ihr, „eine glückselige Erinnerung“ in ihrer Zeit.[33] Dadurch erfährt er von ihrer unglücklichen Kindheit, der Trennung vom Vater, ihrem Gewerbe als Fängerin von einsamen Einzelreisenden, wie es Leon erlebt hat, der jetzt eines ihrer Opfer und ihr Gefangener ist.
Vor der anderen Seite der Mauer hört er eine Mädchenstimme. Er folgt ihr, erblickt die 16-jährigen Mero und führt mit ihr einen „Tanz der Vereinigung“ auf.[34] Doch vor der Erfüllung ruft ihn die ältere Mero in den Garten zurück. Sie versöhnt sich mit ihrer früheren Person und entlässt Leon, als den „Mittler der Wiedervereinigung“, aus der „Erinnerungshaft“. Das Erlebnis der befriedeten Konfrontation zweier Lebensalter-Meros bereichert sein Leben.
Die Geschichte der Almut
Almuts Mutter erzählt ihrer Tochter immer wieder ihre „Geburtsmythe“: Drei nordische Feen, Frau Zorn, Frau Puppe und Frau Nord hätten ihr bei der Geburt einige ungünstige Charakteranlagen beigegeben. Als Folge der mütterlichen Kritik an ihren Eigenarten wendet sich das Kind stärker seinem Vater zu, einem Dekorationsmaler, der die 14-Jährige an schulfreien Tagen ihm bei seiner Lüftlmalerei helfen lässt und ihr den Weg zu Kunst weist: Sie stehe „im Dienst eines umfassenden In-Erscheinung-Tretens des Schönen und Früheren“, das eine nützliche Wirkung auf die Menschen ihrer Zeit habe. Die traditionelle Malerei bestehe „bis ans Ende aller Zeiten“ und sei Vorbild für „ein besseres Geschlecht“.[35] Doch dieser Plan wird nicht weiterverfolgt: Als ihr Vater kurz vor ihrem Abitur stirbt, bricht Almut die Schule ab und beginnt eine Ausbildung als Dolmetscherin. Desorientiert und durch den Verlust wie betäubt, verliert sie die Affinität zur Kunst und ihren Schönheitssinn und lebt in ganz anderen als ursprünglich gewünschten gesellschaftlichen Bereichen. Sie arbeitet zuerst für ein Transportunternehmen, dann als Konferenzdolmetscherin im Ausland.
Die Betrachtung eines Simone-Martini-Bildes in den Uffizien in Florenz ist für sie ein Erweckungserlebnis und führt sie zurück zur Kunst. Ein Schockerlebnis hat Almut dagegen in die Düsseldorfer Kunsthalle. Die dort ausgestellte amerikanische moderne abstrakte Kunst überrascht, schockiert und überfordert sie, denn sie steht im Kontrast zu den Kunstwerken der Alten Meister, die für Almut der Inbegriff des Kunstschönen sind. Entrüstet sticht sie mit einer Nagelschere auf ein Gemälde von Morris Louis. Im folgenden Gerichtsprozess werden vergeblich politische, psychoanalytische und geistesverwirrte Aspekte gesucht. Da der Verlust ihrer Anstellung bei einer Textil-Firma und die Trennung von ihrem Freund schwerer als der Schaden gewogen werden, wird sie freigesprochen.
Almut besucht die Restauratoren, die das moderne Gemälde reparieren und entdeckt wieder ihre unterdrückte Liebe für das Kunsthandwerk. Sie lernt die neuen Verfahren und Techniken kennen, die handwerklich-fachgerechte, arbeitsteilige Methode und die distanzierte Einstellung der Restauratoren zu ihren Auftragsarbeiten. Sie vermisst deren Kunst-Leidenschaft und Bewunderung der großen Meister, sucht den „schöpferischen Kern“, den Geist hinter der Malerei.[36] Sie strebt eine Neuschöpfung, die geistige Wiederherstellung, die Authentizität der alten Zeit an. Als sie mit den Restauratoren darüber spricht, verweisen diese sie auf die unterschiedlichen Techniken zur Entstehungszeit des Originals und zur Zeit der Restauration und warnen vor einer zu großen Idealisierung der Meister. Sie teilen weder Almuts Traum noch ihren Ehrgeiz. Auch ihre Gemeinschaftsarbeit fördere einen Geist, der nicht geringer sei als der der alten einsamen Künstler. Als sie ihre Trennung von ihnen mitteilt, bieten sie ihr als Abschlussarbeit einen kleinen Restaurierungsauftrag, eine Sopraporte im Stuttgarter Neuen Schloss an: Die Überarbeitung einer misslungenen Restauration. Sie bereitet alles sorgfältig vor, besichtigt erhaltene Originale des Schöpfers, zeichnet einen Entwurf und reinigt den Putz von der Malerei. Aber sie ist mit ihrer Neugestaltung unzufrieden, korrigiert immer wieder und gibt schließlich auf. Die Restauratoren bessern in kurzer Zeit Almuts missglückte Malerei professionell aus.
Die beiden Talentsucher
Yossicas Traum ist es immer gewesen, Liedermacherin zu werden. Und so singt sie im Schlossgarten ihre Lieder. Zwei Talentsucher, Schwarzsicht und Zuversicht, machen ihr Angebote: der erste verspricht ihr behutsame Förderung, „reife Kunst“, „treue Kenner“ und „langen Ruhm“, der andere „steile Karriere“, „breite Menge“ und „Welterfolg“.[37] Yossica möchte beides zugleich haben, verhandelt getrennt und wendet dann die beiden gegensätzlichen Magien gemeinsam an. Dies misslingt. Sie wird zerrissen und nur ihr Gesicht bleibt übrig und verwurzelt im Boden.
Rezeption und Interpretation
Zur Zeit der Publikation des Romans, 1984, war Strauß der meistgespielte Dramatiker der deutschen Gegenwartsliteratur der 1970er- und 1980er-Jahre,[38] aber als Prosa-Autor weniger bekannt. Sein umfangreicher Roman Der junge Mann fand in der Literaturkritik viel Beachtung und gilt seitdem als das komplexeste, aber auch umstrittenste Prosawerk des Autors. Nach Strauß‘ eigener Aussage gehört es „zu einer Periode seiner schriftstellerischen Versuche und Erkundungen, die sich immer nur auf die Welt der Literatur erstrecken“.[39]
Einerseits kritisieren einige Rezensenten die Gedankenlastigkeit und die wegen der experimentellen Montage- und Verknüpfungstechnik schwere Lesbarkeit des Buches, andererseits wird der Roman, v. a. in der Entstehungsdekade, als „das Schlüsselwerk für Strauß (und [seine] Generation) und als wohl das wichtigste deutschsprachige Buch dieses Jahrzehnts [der 1980er-Jahre]“ gelobt.[40] „Der Traumzustand der modernen Zivilisation“ zeige sich im „Abenteuer ihrer Helden, denen teils real, teils allegorisch widerfährt, was die Gesellschaft im Ganzen kennzeichnet. Die Ungewissheit; die Furcht; vor allem die Erwartung des Neuen“.[41]
Der Autor bestätigt indirekt in einem Interview den Vorwurf der Esoterik und des hohen Anspruchs an seine Leserschaft: „Ich akzeptiere nichts außerhalb der Schrift. Ich meine sogar, die Literatur besteht nur für Literaten, für literarisch tingierte Menschen. Mein Leser ist mir zum Verwechseln ähnlich. […] Er gehört nicht zur Elite. Es wird jemand sein, der völlig spiegelbildlich dem Autor entspricht. Einsamkeit plus Einsamkeit.“[42]
Wissenschaftliche Arbeiten analysieren v. a. die literarische Form und ordnen den Roman der Postmoderne zu.[43] Schwerpunkte der Untersuchungen sind die Beziehungen zwischen der Haupthandlung und den einmontierten Binnenerzählungen sowie die Intertextualität.
Text-Sammlung
In Der junge Mann wird die Biographie des Protagonisten nicht linear erzählt, sondern im Wesentlichen auf vier Stationen konzentriert, unterbrochen von miteinander thematisch und motivlich assoziativ verschachtelten, mehr oder weniger in die Hauptgeschichte einbezogenen Binnenerzählungen. Dieses Verfahren wird in der Literaturwissenschaft als digressives, d. h. in Exkursen von der Handlungslinie abschweifendes, Erzählen bezeichnet. Im vierten Kapitel (Die Terrasse) löst sich die Entwicklungsgeschichte auf in einen Erzählreigen, der an Boccaccios Decamerone erinnert: die Figuren tragen sich in ihrem kleinen Kreis gegenseitig Fabeln und „Bekenntnisse“ aus ihrem Leben vor.
In der Einleitung des Romans erklärt der Erzähler die heterogene Text-Sammlung der Binnenerzählungen wie auch die ausgewählten Stationen als sein Erzählprinzip: „Statt in gerader Fortsetzung zu erzählen, umschlossene Entwicklungen anzustreben, wird er dem Diversen seine Zonen schaffen, statt Geschichte wird er den geschichteten Augenblick erfassen, die gleichzeitige Begebenheit. Er wird Schauplätze und Zeitwaben anlegen oder entstehen lassen anstelle von Epen und Novellen.“[44]
Der Autor erweitert durch die Sammlung verschiedenartiger Texte die Sichtweise des Ich-Erzählers Leon zu einem polyperspektiven Bild. Man könnte Strauß‘ Roman nach Bachtin als polyphon beschreiben: Es werden „nicht eine Vielzahl von Charakteren und Schicksalen in einer einheitlichen, objektiven Welt im Lichte eines einheitlichen Autorenbewusstseins entfaltet, sondern eine Vielfalt gleichberechtigter Bewusstseine mit ihren Welten wird in der Einheit eines Ereignisses miteinander verbunden, ohne dass sie ineinander aufgehen“.[45]
Diesem Erzählverfahren, Text-Sammlung, isolierte Handlungsstationen (Z. B. Die Straße,[46] Der Turm[47]) und Intertextualität, fehlt die vom traditionellen Lesepublikum erwartete Geschlossenheit und der fragmentarische Charakter lässt viele Fragen nach den Zusammenhängen offen. Deshalb wird den Texten und Stücken von Strauß oft vorgeworfen, sie seien nicht fertig, sie seien ein unendliches Spiel, das sich durch das Lesen der Bezugstexte (s. Intertextualität) immer mehr vertiefen und erweitern lasse.[48]
Intertextualität
In der Einleitung des Romans bereitet der Erzähler sein Publikum auch auf die literaturhistorischen Referenzen hin: „Nur der sich selbst bewusste Menschen-Geist […] bedurfte der jahrtausendewährenden ‚Lebenslüge‘ und […] immer neuer Trostbeweise, dass etwas zeitlos gültig sei. […]“ Anstelle der linearen Vorwärts-, der Fortschritts- und Utopievorstellungen brauchen wir „weitere Wahrnehmungen“: „Rückkoppelungswerkzeuge […] Schaltkreise, die zwischen dem Einst und Jetzt geschlossen sind[49] […] die lebendige Eintracht von Tag und Traum, von adlergleichem Sachverstand und gefügigem Schlafwandel“. Vielleicht gelinge es, „zu den lautlosen und ruhenden Ereignissen zurückzufinden, die lange darauf warten müssen, dass jemand zu ihnen stößt und sie zum Leben erweckt. Allegorien, Initiationsgeschichten. RomantischerReflexionsRoman.[50] Ein wenig hergebracht, ein wenig fortgetragen.“ Er zitiert Giordano Bruno: „Es sind abgehauene Wurzeln, die von neuem ausschlagen, alte Sachen, die wiederkehren, verkannte Wahrheiten, die sich wieder zur Geltung bringen, es ist neues Licht, das nach langer Nacht am Horizont unserer Erkenntnis wieder aufgeht und sich allmählich der Mittagshöhe nähert.“[51]
Einige Hinweise gibt der Erzähler bereits im Text: u. a. zu Goethe (Faust), Schiller (Tell), Shakespeare (Hamlet), Strindberg, zur Romantik und zur Thematik des Bildungsromans. „Der junge Mann, das ist Wilhelm Meister, ein Heinrich von Ofterdingen, ein Grüner Heinrich der Moderne“.[52] Das große Beziehungsgeflecht, die Intertextualität des Werks mit den vielfältigen Wechselwirkungen,[53] wird jedoch erst durch fachwissenschaftliche Untersuchungen entdeckt: zur Romantik, v. a. zu Novalis,[54][55][56][57] und zum Theater:[58]
Zum einen findet man eine Referenzialität zum Theater als der Gesamtheit der Dramen (Systemreferenz): die Theaterthematik in Goethes Wilhelm Meister-Romanen[59] und, als eigenes Textkollektiv, die Stationendramen August Strindbergs, zum anderen zu einzelnen Autoren und Werken (Einzeltextreferenzen): Solche Bezugstexte, sogenannte Genotexte[60] für Strauß’ Roman als Phänotext, sind v. a. Strindbergs Ein Traumspiel, Nach Damaskus und Die große Landstraße, einzelne Werke von Shakespeare und Goethe, Shaws Die heilige Johanna. s Im Jungen Mann sind weiterhin zahlreiche mythologische Referenzen[61][62] zu finden: Z. B. auf das Belsazar-Menetekel, auf Ovids Metamorphosen, Werwolf-, Gnomen-, Feen- oder Märchenwald-Motive. Die Protagonisten des Romans brechen aus der „fiktionalisierten Realität“ aus in ein „mythologisch anmutendes, aber auch phantastisch märchenhaft inszeniertes Umfeld“ mit irrationalen Elementen: Leon bewegt sich „vor allem am Romananfang und -ende in einer Welt, die als gewöhnlich und alltäglich erscheint. In den mittleren drei Kapiteln bricht die Handlung jedoch aus dieser Gegenwart aus; sie wird ausgelagert in Traumwelten.“[63]
Literatur
- s. Anmerkungen
- Literaturliste in der Dissertation von Teresa Herlitzius (2020)[64]