Deseret-Alphabet

im 19. Jahrhundert im Umfeld der University of Deseret entwickeltes phonetisches Schriftsystem From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Deseret-Alphabet war ein im 19. Jahrhundert im Umfeld führender mormonischer Autoritäten und der University of Deseret entwickeltes, vollständig phonemisches Schriftsystem. Es zielte darauf ab, die englische Sprache durch eine konsequente Zuordnung von Laut und Schriftzeichen zu reformieren und damit den Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeiten zu erleichtern. Das Alphabet entstand 1853 unter der Ägide Brigham Youngs; die konkrete Ausarbeitung lag vor allem in den Händen George D. Watts und orientierte sich deutlich an dem phonographischen System Isaac Pitmans. Das Projekt entstand dabei nicht ausschließlich unter den praktischen Gesichtspunkten einer Orthographiereform, sondern war zugleich mit weitergehenden, teils utopischen Sprachvorstellungen innerhalb der mormonischen Gemeinschaft verknüpft. Ungeachtet der Unterstützung durch die kirchlich-politische Führung Utahs blieb das Alphabet ein kulturhistorisches Experiment mit begrenzter Wirkung. Zwischen 1859 und 1869 erschienen einige wenige Drucke, darunter zwei Lesebücher sowie eine Ausgabe des Buches Mormon. Hohe Kosten, geringe Verbreitung und schwindendes Interesse führten schließlich dazu, dass das Projekt nach dem Tod Brigham Youngs im Jahr 1877 endgültig aufgegeben wurde.

Umschlag des jüngeren der beiden 1868 gedruckten Lesebücher für Schüler im Deseret-Alphabet; es zählt zu den wenigen Werken, die im 19. Jahrhundert in dieser Schrift gedruckt wurden

Reformkontext und frühe Prägungen Watts

Die Reform der englischen Orthographie war im 18. und 19. Jh. Teil weitreichender sprachwissenschaftlicher Bestrebungen, die teilweise eine konsequent lautgetreue Schreibung anvisierten.[1] Maßgeblichen Einfluss gewann Isaac Pitmans (1813–1897) 1837 als phonematische Schrift entwickelte Pitman-Kurzschrift,[2] deren Systematik auch auf den aus Preston stammenden George D. Watt (1812–1881) früh prägend wirkte. Im Jahr der Veröffentlichung der Pitmanschen Lautschrift trat Watt nach Begegnungen mit Missionaren der Kirche der Heiligen der Letzten Tage der Kirche bei und wurde von Heber C. Kimball getauft. 1842 emigrierte er mit seiner Frau nach Illinois und schloss sich der Nauvoo-Gemeinschaft an. Dort unterrichtete er Lautschrift, erstellte stenographische Protokolle offizieller Sitzungen und leitete den Phonographic Club des Ortes. Zu seinen Schülern zählten u. a. Heber C. Kimball, Orson Pratt und Wilford Woodruff. Auch Brigham Young nahm bei ihm Unterricht und erwog bereits in dieser Frühphase der mormonischen Gemeinschaft zeitweilig die Entwicklung eines eigenen Alphabets; die Ermordung Joseph Smiths 1844 und die anschließende Flucht aus Nauvoo unterbrachen jedoch diese Überlegungen. Watt verließ die Stadt 1846 zu einer Missionsreise nach Großbritannien.[3]

Entwicklung des Alphabets

George D. Watt; vor 1881

Nach der Ansiedlung im Tal des Großen Salzsees griff Brigham Young seine Reformpläne erneut auf. Am 13. März 1850 leitete er die konstituierende Sitzung des Kuratoriums der University of Deseret und forderte das Gremium in der folgenden Sitzung auf, die Schriftsprache zu reformieren. Die konkrete Ausarbeitung überließ er dem Kuratorium. Am 20. März legte W. W. Phelps einen Entwurf zur Reform des lateinischen Alphabets vor, der ersichtlich keinen Bezug zu Pitmans Kurzschrift hatte. Young zeigte sich aufgeschlossen gegenüber diesem Vorschlag, hinterfragte jedoch, weshalb nicht ein angepasstes lateinisches Alphabet genüge und ob eine stärkere Anlehnung an die Lautschrift möglich wäre. Die genaue Gestalt des Phelps’schen Entwurfs ist unbekannt; offenbar reduzierte er das Alphabet stärker, als Young beabsichtigt hatte. Der Vorstand vertagte daher weitere Schritte, um das Problem gründlicher zu prüfen. Angestrebt wurde ein klares und möglichst schlichtes Schriftsystem.[4] Youngs Eindruck, das Gremium verfüge in Fragen der Sprachreform nur über eine eingeschränkte Sachkompetenz, bewog ihn offenbar dazu, Watt noch während dessen Missionsaufenthalts in England nach Utah zurückzuberufen. Gegen Ende des Jahres 1850 erhielt Watt den Befehl zur Rückkehr nach Amerika; im Spätsommer 1851 erreichte er das Gebiet des Großen Beckens. Während seiner Abwesenheit hatte sich das Gremium intensiv dem Aufbau eines Schulsystems in Utah gewidmet. Im November 1850 äußerten mehrere Mitglieder Kritik an der bestehenden Orthographie und brachten Reformvorschläge ein, die den Lernfortschritt der Schüler beschleunigen sollten.[5]

Während der Generalkonferenz im April 1852 berichtete Orson Spencer, Kanzler der University of Deseret, über die Bildungsaktivitäten des Kuratoriums; Young betonte dabei erneut die Notwendigkeit einer eindeutigen Laut-Buchstaben-Zuordnung.[6] Die Reformarbeiten am lateinischen Alphabet stagnierten jedoch und wurden erst im April des folgenden Jahres wieder aufgenommen. John Vance, ein weitgehend unbekannter Akteur, stellte im Kuratorium ein neues System für Konsonanten und Vokale vor, das Lautkombinationen nach phonographischen Prinzipien zusammenfasste. Das Gremium befand, dass das System etwa halb so viel Schreibaufwand wie das englische Alphabet erforderte, aber doppelt so viel Raum wie die Lautschrift beanspruchte. Streitpunkt blieb, ob die Zahl der Zeichen reduziert oder jedem Laut ein eigenes Symbol zugewiesen werden sollte – offenbar eine Folge von Youngs uneinheitlichen Vorstellungen. Vances Vorschlag bildete letztlich einen Kompromiss. Das Thema der Sprachreform wurde in der Sitzung vom 20. September 1853 erneut aufgegriffen, als Young erläuterte, dass sowohl die Lautschrift als auch ein hieroglyphisches System geeignete Lehrmethoden für Kinder darstellen könnten.[7]

Ende Oktober 1853 wurde ein Ausschuss aus Parley P. Pratt, Heber C. Kimball und Watt eingesetzt. Dieser präsentierte wenig später ein vollständiges Alphabet, das sich als direkte Übernahme von Pitmans phonotypischem System erwies – mit vierzig Zeichen, jeweils einem Laut zugeordnet. Das Kuratorium diskutierten dieses System eingehend; manche Mitglieder forderten, es müsse gänzlich neue Zeichen enthalten, um Verwechslungen mit dem lateinischen Alphabet zu vermeiden. In der Folge legten mehrere Mitglieder eigene Entwürfe vor. Wenige Tage später präsentierte Vance in Anwesenheit Brigham Youngs seinen Vorschlag erneut. Young beharrte darauf, jedem Laut ein eigenes einfaches Zeichen zuzuweisen und keine kombinierten Zeichen zu verwenden. In den folgenden Sitzungen prüfte und benannte das Kuratorium die Zeichen einzeln. Von den vierzig Zeichen der Phonotypie wurden schließlich nur achtunddreißig angenommen.[8] Die beiden weggelassenen Buchstaben waren diejenigen für den Diphthong u in mule und den Diphthong oi in oil.[9] Da das Alphabet dem lateinischen Alphabet ähnelte, ließ es sich mit einiger Übung vergleichsweise leicht lesen.[10]

Am 24. November 1853 berichtete ein unbekannter Autor in der Deseret News, dass das Kuratorium über die Ergänzung des alten lateinischen Alphabets oder die Entwicklung eines neuen Alphabets debattierte. Zugleich hieß es, die Reform solle den Aposteln in Salt Lake City ermöglichen, so zu schreiben, dass jede Nation und Sprache sie sogleich verstehen könne.[11] Der Artikel veranlasste Willard Richards, der zuvor nur selten an Sitzungen des Kuratoriums teilgenommen hatte, erneut teilzunehmen. In der folgenden Sitzung erklärte er, Pitmans Phonotypie sei ungeeignet und müsse neu gestaltet werden; Spencer, Phelps und Grant stimmten zu. Watt verwies auf den Auftrag, möglichst viele bestehende Buchstaben zu erhalten, und Woodruff forderte einen besseren Entwurf. Gegen Ende der Sitzung erschien Young und befand, die Einführung eines neuen Alphabets sei unproblematisch.[12] Das ausführliche Sitzungsprotokoll des Kuratoriums schließt mit dieser Versammlung ab. Eine knappe Übersicht späterer Aufzeichnungen liefert jedoch Hinweise auf den weiteren Verlauf. Zwischen dem 22. November und dem 22. Dezember beschäftigte sich das Kuratorium mit dem neuen Alphabet und beauftragte den Ausschuss, ein Lautschriftalphabet zu entwickeln, das sich grundlegend vom lateinischen Alphabet unterscheide. Da Pratt und Kimball abwesend waren, fiel die Hauptarbeit Watt zu. Am 22. Dezember 1853 wurde das Ergebnis einstimmig angenommen und als Deseret-Alphabet benannt.[13]

Mögliche Inspirationsquellen der Glyphen

Die Herkunft der Zeichen des Deseret-Alphabets ist unklar. Zahlreiche Autoren haben versucht, die Inspirationsquellen für die ungewöhnlichen Glyphen zu identifizieren. Teilweise sind die Zeichen mit denen auf den Platten des Buchs Mormon verglichen worden; doch diese scheinen keinen oder kaum Einfluss gehabt zu haben. Die Ähnlichkeiten beschränken sich auf jene Zeichen welche griechischen Buchstaben ähneln. Es wurden Anleihen am hebräischen, phönizischen, äthiopischen und griechischen Alphabeten diskutiert. Einige Zeichen sind offenkundig Abwandlungen lateinischer Buchstaben. Die Laute des Alphabets entstammen der Pitmanschen Lautschrift.[14]

Konzeption und Aufbau

Undatierter Druck einer frühen Fassung des Alphabets von 1854[15]
Die Alphabettafel am Anfang des in Deseret gedruckten Buchs Mormon von 1869

Das Deseret-Alphabet erfuhr nach 1853 verschiedene Modifikationen und es bestanden parallel unterschiedliche Fassungen.[16] Allerdings bildete eine Version mit 38 Zeichen (mit leichten Abweichungen) die Grundlage für sämtliche Druckerzeugnisse.[17] Jedes Zeichen erschien in nur einer Form; Groß- und Kleinschreibung unterschieden sich ausschließlich durch die Größe.[18] Gestalterische Elemente wie Ober- und Unterlängen oder diakritische Zeichen wurden bewusst vermieden.[19] Daraus resultierte ein homogener, monotoner Stil, der beim Lesen rasch ermüdete.[20] Eine Schreibschrift bestand nicht.[21] Das Alphabet war phonematisch angelegt: Jedem der achtunddreißig Zeichen war – zumindest der Konzeption nach – ein eindeutig definierter Laut des Englischen zugeordnet.[22] Damit sollten die Unregelmäßigkeiten der englischen Orthographie umgangen und der Spracherwerb für Kinder wie auch für nichtenglischsprachige Einwanderer erleichtert werden.[23] Diese phonematische Zuordnung wurde allerdings nicht konsequent durchgehalten. Die Zeichen konnten sowohl ihren lautlichen Wert als auch ihren konventionellen Buchstabennamen repräsentieren. So schrieb etwa Watt people als ppl und setzt damit voraus, dass der Leser das erste p als pi artikuliert, also gemäß dem traditionellen Namen des Buchstabens beim Aufsagen des Alphabets.[24] Da dem Alphabet der Schwa-Laut als grundlegender englischer Laut fehlte, erforderte dies bei Teilen des Wortschatzes eine Neuschreibung auf Grundlage der traditionellen Rechtschreibung.[25]

Motivationen und Zielsetzungen der Reform

Warum die Mormonen das Deseret-Alphabet einführten, bleibt schwer zu erklären. Trotz dringlicherer Aufgaben investierte die Regierung Uthas beträchtliche Mittel in die Herstellung der Lettern außerhalb des Territoriums – ein bemerkenswerter Aufwand für eine Gemeinschaft, die zu dieser Zeit vor allem mit der Neuorganisation an den Ufern des Großen Salzsees befasst war. Im mittleren 19. Jh. herrschte innerhalb der Kirche die Erwartung einer umfassenden Sprachreform und der Wiederherstellung einer vollkommenen Sprache. Frühere Verlautbarungen der Deseret Typographical Association betonten, das Alphabet sei lediglich der erste Schritt dieser Reform. Das Projekt ist damit auch als Teil einer breiteren Vision zu begreifen, in der religiöse, politische und wirtschaftliche Ziele verschmolzen und eine ideale Ordnung bis zur Wiederkunft Christi vorbereitet werden sollte.[26] Brigham Young verstand die Alphabetreform als Bestandteil eines umfassenden zivilisatorischen und religiösen Programms, das alle Bereiche der entstehenden „Zionsgesellschaft“ – von Sprache, Erziehung und Ökonomie bis hin zu Körperdisziplin, Mission und sozialer Ordnung – durchdringen und normieren sollte. Daraus leitete sich die Erwartung ab, das neue, in seinem Konzept strikt phonetische Schriftsystem könne nicht nur den inneren Zusammenhalt der Gemeinschaft festigen, sondern zugleich als effizientes Instrument missionarischer Expansion dienen, indem es die rasche Alphabetisierung von Konvertiten unterschiedlicher Herkunft erleichterte und so die universale Zugänglichkeit des Evangeliums beförderte.[27]

Praktische Überlegungen spielten ebenfalls eine Rolle. Das Alphabet sollte das Lesenlernen erleichtern und die Schulzeit verkürzen. Außerdem galt es als Möglichkeit, Nicht-Muttersprachlern das Erlernen des Englischen zu erleichtern. Spätere Theorien, nach denen das Alphabet Kinder vor äußeren Einflüssen schützen sollte, finden in den zeitgenössischen Quellen keine Bestätigung.[28]

Implementierung, praktische Hindernisse und Scheitern

Die Einführung des neuen Alphabets erfolgte schrittweise und stieß von Anfang an auf praktische Hindernisse. Bereits 1854 kündigte die Deseret News an, dass das Alphabet zunächst für den Schulunterricht eingesetzt werden solle. Die ersten Lehrkräfte waren lokale Lehrer sowie Mitarbeiter des Historian’s Office. Ein zentrales Problem erwies sich jedoch das Fehlen geeigneter Drucktypen.[29] Mehrere Versuche, die Lettern lokal herzustellen, scheiterten; erst 1857 wurden in St. Louis Lettern gegossen, deren Qualität Young jedoch als unzureichend bewertete. Zuvor hatten Diskussionen über mögliche Änderungen am Alphabet die weitere Umsetzung erheblich behindert. Zwischen 1854 und 1855 wurde zeitweilig das vierzig Buchstaben umfassende Alphabet erprobt. Im August 1854 schlug Watt Young ein alternatives Alphabet mit dreiunddreißig Buchstaben vor, zeigte Beispiele in Schreibschrift und verglich seine Modifikation sowohl mit dem bestehenden Deseret-Alphabet als auch mit Pitmans Phonotypie. Als zentrales Problem machte Watt aus, dass Buchstaben in Deseret teils entgegen der Schreibrichtung geschrieben werden mussten. Young lehnte die Änderungen jedoch ab.[30] Schließlich führten der Utah-Krieg und der Amerikanische Bürgerkrieg dazu, dass das Projekt nahezu vollständig zum Erliegen kam.[31] Zwischen 1859 und 1860 sowie erneut 1864 erschienen in der Deseret News mehrere Artikel in einer Version des Alphabets, das jenen des Readers und des Buches Mormon in Deseret im Wesentlichen entsprach.[32] Ein Versuch Youngs, 1862 die Veröffentlichung eines Lesebuchs in der von ihm in diesem Zusammenhang als „trash“ bezeichneten Standardschrift zu verhindern, scheiterte.[33] Zwischen 1866 und 1867 bevorzugte der wechselmütige Young zeitweilig die Pitman-Lautschrift gegenüber dem Deseret-Alphabet und Watt warb für die Einführung des seiner Meinung nach dem System von Pitman überlegenen Graham-Systems.[34]

Umschlag des ersten Bands des Buchs Mormon in Deseret von 1869

1868 kam neuer Schwung in das Projekt: das Das Kuratorium beschloss, zwei Lesefibeln für Grundschüler in Deseret drucken zu lassen. Orson Pratt erstellte die Manuskripte, und David O. Calder beaufsichtigte den Druck in New York. Einige tausend Exemplare wurden gedruckt und nach Utah versandt. Dort offenbarten sich eklatante Fehler in den Büchern. 1869 folgte eine Ausgabe des Book of Mormon im Deseret-Alphabet, allerdings nur in einer geringen Auflage von 500 Exemplaren.[35] Zur Veröffentlichung der bereits in Manuskripten vorliegenden Bibel in Deseret kam es nie. Die vier Bände blieben letztlich die einzigen in Deseret gedruckten Werke.[36]

Trotz intensiver Bemühungen fand das Alphabet in der Bevölkerung weitgehend keine Beachtung. Einige Schulen in Utah verwendeten die neuen Bücher, und kleinere Gruppen sowie einzelne Lehrer erprobten das System. Es erscheint in wenigen privaten Tagebüchern und kirchlichen Dokumenten der Zeit; zeitweilig wurden Münzen in Deseret geprägt, und vereinzelt finden sich die Zeichen sogar auf Grabsteinen. Doch all dies blieben Randerscheinungen. Die große Mehrheit der Mormonen zeigte weder Bereitschaft noch Interesse, ein völlig neues Schriftsystem zu erlernen, da sie ja bereits mit dem herkömmlichen Alphabet vertraut war. Für Personen, die gerade Englisch lernten, bot das Deseret-Alphabet nur wenig geeigneten Lesestoff, während das lateinische Alphabet über eine breite Textbasis verfügte – erst recht, nachdem 1869 die Eisenbahn Utah erreicht hatte.[37] Lehrer lehnten die Reform weit überwiegend ab.[38]

Bereits in der zweiten Hälfte des Jahres 1870 zeichnete sich das Scheitern des Alphabets deutlich ab. Besonders augenfällig war dies daran, dass die Deseret News in dieser Zeit den Verkauf von in Deseret gesetzten Büchern einstellte. Im Verlauf der 1870er Jahre verschwand das Alphabet vollständig aus dem öffentlichen Diskurs.[39] 1877 reiste Orson Pratt nach England, um das Buch Mormon und die Lehre und Bündnisse im Pitman-Lautschrift drucken zu lassen – ein Zeichen dafür, dass Young auch weiterhin an die Notwendigkeit einer Reform des lateinischen Alphabets glaubte.[40] Mit dem Tod Youngs war das mormonische Experiment einer umfassenden Sprachreform des Englischen im August 1877 endgültig gescheitert.[41]

Faktoren für den Untergang waren, dass die Lettern nur schwer lesbar waren, da die Schrift keine gewohnten Ober- und Unterlängen aufwies. Der Druck und Vertrieb eigener Lehrmittel verursachte erhebliche Unkosten – insgesamt über 20.000 Dollar. Mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn 1869 gelangten preiswerte Ostküstenbücher nach Utah; die Exklusivität des neuen Alphabets wurde wirtschaftlich sinnlos.[42] Zudem fehlte ein staatlicher Schulapparat, der die allgemeine Einführung hätte erzwingen können.[43] Zuletzt starb mit Brigham Young auch der Befürworter und die treibende Kraft hinter dem Projekt.[44]

Moderne Linguistik und populäre Rezeption

Nach dem Tod Brigham Youngs wurde das Vorhaben einer grundlegenden alphabetischen Reform von den Mormonen nicht weiter verfolgt. Das Deseret-Alphabet gilt seither als kulturhistorische Kuriosität und als markantes Beispiel für Sprachplanung im 19. Jh., das sich insbesondere durch seine religiöse Komponente von anderen zeitgenössischen Projekten abhebt. Da das System phonematisch konstruiert war, erlaubte seine Schreibung einen unmittelbaren Rückschluss auf die zeitgenössische Aussprache – zumindest auf jene der Personen, die an seiner Entwicklung beteiligt waren. Auffällig ist etwa die Transkription von Deseret, die nicht dem heute üblichen de-ze-ret [ˌdɛ.zəˈɹɛt], sondern einem de-see-ret [ˌdɛ.siːˈɹɛt] entspricht. Weitere im Utah-Territorium belegte Aussprachen lauten harse (horse), farbid (forbid), shart (short), barn (born) und archurd (orchard); ebenso nur-see-ri (nursery), e-nee-mi (enemy) und to-urds (towards). Mitunter wurde vermutet, das Alphabet habe ungewöhnliche regionale Akzente im Gebiet des Großen Beckens hervorgebracht. Angesichts seiner geringen Verbreitung kann dies allerdings ausgeschlossen werden. Die im Schriftbild erkennbaren Varianten geben vielmehr bereits bestehende lokale Ausspracheformen wieder.[45] Darüber hinaus hat das Alphabet über die Aufzeichnungen von Marion Jackson Shelton als Träger wertvoller historischer Daten für die moderne Hopi-Linguistik Bedeutung erlangt.[46]

Ab dem ausgehenden 20. Jahrhundert erlangte das Alphabet in populären und künstlerischen Kontexten vermehrte Präsenz.[47] Seit der Aufnahme des Alphabets in Unicode 2001 als Unicodeblock Mormonenalphabet hat sich zudem eine kleine, aber aktive Fankultur herausgebildet, die vor allem im digitalen Raum agiert. Sie setzt sich aus linguistisch und historisch interessierten Laien sowie Künstlern zusammen, die das Alphabet in Memes, typographischen Experimenten und Rekonstruktionsversuchen als „lebendige Tradition“ bewusst weiterführen und popularisieren.[48]

Literatur

  • Stanley S. Ivins: The Deseret Alphabet. In: Utah Humanities Review 1/3 (1947), S. 223–39 (Digitalisat).
  • Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86.
  • Richard G. Moore: The Deseret Alphabet Experiment. In: The Religious Educator 7/3 (2006), S. 63–76.
  • Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009.

Anmerkungen

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