Die Antiquiertheit des Menschen
Buch von Günther Anders
From Wikipedia, the free encyclopedia
Die Antiquiertheit des Menschen ist ein zweibändiges philosophisches Werk des deutsch-österreichischen Philosophen Günther Anders. Der erste Band erschien 1956 mit dem Untertitel Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, der zweite Band 1980 mit dem Untertitel Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. Das Werk gilt als Anders’ bedeutendster Beitrag zur Technik- und Zivilisationskritik des 20. Jahrhunderts.
Die Essays beider Bände untersuchen die Folgen moderner Technik, industrieller Produktionssysteme, Massenmedien und atomarer Waffen für das Selbstverständnis des Menschen. Anders vertritt die These, dass der Mensch angesichts der von ihm geschaffenen technischen Apparate „antiquiert“ geworden sei, nicht zuletzt in der Bedeutung, dass durch die neue Möglichkeit der Auslöschung der gesamten Menschheit durch einen Atomkrieg der Gedanke an eine Welt ohne Menschen stets mitgedacht werden muss.
Entstehung
Der erste Band entstand in den frühen Jahren des Kalten Krieges unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie der rasch fortschreitenden technologischen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg.[1]
Der zweite Band erschien erst 1980 und reagiert auf spätere Entwicklungen wie atomare Aufrüstung, zunehmende Automatisierung und die wachsende Bedeutung elektronischer Massenmedien. Beide Bände bestehen aus lose verbundenen Essays, die unterschiedliche Aspekte der modernen Technik- und Mediengesellschaft untersuchen.
Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution
Der erste Band versammelt Essays über die psychologischen, kulturellen und moralischen Folgen der modernen Industriegesellschaft. Anders argumentiert, dass zwischen der technischen Leistungsfähigkeit moderner Produktionssysteme und den menschlichen Fähigkeiten zur Vorstellung und Verantwortung eine wachsende Diskrepanz bestehe.
Ein wichtiges Motiv des Bandes ist die Analyse moderner Massenmedien. Anders beschreibt insbesondere das Fernsehen als Medium, das Realität in konsumierbare Bilder verwandle und dadurch eine Distanz zwischen Ereignis und moralischer Reaktion erzeuge. Weitere Essays beschäftigen sich mit der Rolle industrieller Produktion, mit der Beziehung zwischen Mensch und Maschine sowie mit den kulturellen Folgen der zunehmenden Technisierung des Alltags.
In späteren Feuilletonbeiträgen wurde Anders’ Werk als ein früher Beitrag zur Kritik der technischen Zivilisation gewürdigt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezeichnete die zweibändige Essaysammlung rückblickend als ein einflussreiches kulturkritisches Werk über die technokratische Moderne.[2]
Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution
Der zweite Band führt zentrale Überlegungen des ersten Bandes fort und überträgt sie auf die technologische Situation der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Anders untersucht darin insbesondere die Gefahren globaler technischer Systeme, darunter atomare Rüstung, industrielle Umweltzerstörung und automatisierte Produktionsprozesse. Moderne Technik erscheine nicht mehr nur als Werkzeug des Menschen, sondern als komplexes System mit weitreichenden sozialen und politischen Folgen. Zeitgenössische Rezensionen interpretierten den zweiten Band als radikale Fortführung von Anders’ Technik- und Zivilisationskritik. In einer Besprechung in Die Zeit bezeichnete Rolf Schneider das Werk als Analyse einer modernen Gesellschaft, in der der Mensch zunehmend zum „Sklaven der Maschine“ werde.[3]
Zentrale Begriffe und Thesen
Ein zentrales Argument des Werkes ist die von Anders diagnostizierte Diskrepanz zwischen den Fähigkeiten zur Herstellung und zur Vorstellung, die er prometheisches Gefälle nennt. Der Mensch sei in der Lage, technische Produkte von enormer Wirkungsmacht hervorzubringen, besitze jedoch nicht die Fähigkeit, deren Konsequenzen vollständig zu begreifen oder sich vorzustellen. Mit dem Begriff der prometheischen Scham beschreibt Anders zudem ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber den eigenen technischen Produkten. Maschinen und industrielle Systeme erscheinen dem Menschen als präziser, zuverlässiger und leistungsfähiger als er selbst, wodurch sich eine Form der Selbstentwertung entwickeln könne.
Ein weiterer zentraler Begriff ist die von Anders diagnostizierte Apokalypse-Blindheit. Darunter versteht er die Unfähigkeit moderner Gesellschaften, sich die realen Folgen technischer Katastrophen – insbesondere eines Atomkriegs – konkret vorzustellen. Die potenziellen Konsequenzen technischer Handlungen überstiegen die menschliche Vorstellungskraft. In diesem Zusammenhang kritisiert Anders auch die Rolle moderner Massenmedien, die dazu beitragen könnten, dass reale Ereignisse lediglich als entfernte Bilder wahrgenommen werden und dadurch ihre moralische Dringlichkeit verlieren.
Geplanter dritter Band
Anders plante ursprünglich einen dritten Band der Antiquiertheit des Menschen. Dieses Projekt wurde jedoch zu seinen Lebzeiten nicht mehr abgeschlossen. Manuskripte und Materialien aus dem geplanten Band befinden sich im Nachlass des Autors und wurden teilweise in FORVM-Ausgaben oder in späteren Editionen veröffentlicht, ohne jedoch die Form eines eigenständigen dritten Bandes anzunehmen.
Wirkung und Rezeption
Die Antiquiertheit des Menschen wurde in der Technikphilosophie und Kulturkritik vielfach als grundlegender Beitrag zur Analyse moderner Technikgesellschaften interpretiert. Anders’ Diagnose einer wachsenden Diskrepanz zwischen technischer Macht und moralischer Verantwortung wurde in verschiedenen philosophischen und sozialwissenschaftlichen Debatten aufgegriffen. In der Forschung gilt das Werk häufig als eine der frühesten systematischen Kritiken der technologischen Zivilisation im Atomzeitalter. Besonders hervorgehoben werden Anders’ Analysen der atomaren Bedrohung sowie seine Überlegungen zur moralischen Verantwortung im Zeitalter globaler technischer Systeme.
Auch in der Medienkritik wurden Anders’ Überlegungen rezipiert. Seine Analyse der medial vermittelten Wirklichkeit wird als frühe Diagnose einer Entwicklung interpretiert, die später im Zusammenhang mit Fernsehgesellschaft und digitaler Medienkultur weiter diskutiert wurde.
2003 wurde der erste Band der Antiquiertheit von L. Dallapiccola unter dem Titel L'uomo è antiquato ins Italienische übersetzt. Der zweite Band folgte 2007 in einer Übersetzung von M. A. Mori.
Die erste vollständige englische Übersetzung des ersten Bandes erschien am 23. Dezember 2025 unter dem Titel The Obsolescence of the Human (University of Minnesota Press). Übersetzt wurde das Werk von Christopher John Müller.[4] Im Februar 2026 fand in der Kolleg-Forschungsgruppe Zukünfte der Nachhaltigkeit ein Buchgespräch mit dem Übersetzer und weiteren Anders-Experten zur englischen Übersetzung des ersten Bandes statt.[5]
Die Regisseurin und Puppenspielerin Suse Wächter inszenierte am Schauspielhaus Hamburg mit dem Dramaturgen Christian Tschirner etwa 60 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes ein Theaterstück zum Werk. In einer Rezension auf deutschlandfunk Kultur heißt es zu einer Probe des Stücks noch vor der Premiere: „Anders‘ Text ist ein zweibändiges, starkes Stück Geistesgeschichte, eine wortreiche, pessimistische Analyse des Zustands der Menschheit. (...) die philosophische Essenz ist eine einzige Überforderung – aber eine, die Lust macht auf die Premiere – und auf eine Neuentdeckung von Günther Anders, der auf dieser Probe wie ein brandaktueller Prophet erscheint.“[6]
Literatur
- Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München : C. H. Beck, 1956.
- Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Band II: Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München : C. H. Beck, 1980.
- Christian Dries: Günther Anders. Reihe: UTB Profile. Paderborn : W. Fink, 2009.
- Marcel Müller: Von der Weltfremdheit zur Antiquiertheit. Philosophische Anthropologie bei Günther Anders. Marburg : Tectum, 2012.
- Berthold Wiesenberger: Enzyklopädie der apokalyptischen Welt. Kulturphilosophie, Gesellschaftstheorie und Zeitdiagnose bei Günther Anders und Theodor W. Adorno. (zugl. Dissertation, München, Univ., 2003) München : Herbert Utz, 2003
- Margret Lohmann: Philosophieren in der Endzeit. Zur Gegenwartsanalyse von Günther Anders. (zugl. Dissertation, Hamburg, Univ., 1994) München : Fink, 1996