Die Doppeltgänger
1821 erschienener Roman von E. T. A. Hoffmann
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Die Doppeltgänger ist eine Ende Juni, Anfang Juli 1821 Erzählung von E. T. A. Hoffmann, die im Herbst 1821 im Almanach Feierstunden mit einer Vordatierung auf das Jahr 1822 veröffentlicht wurde.

Die Erzählung war ursprünglich als Teil des fragmentarisch gebliebenen Romans des Freiherrn von Vieren konzipiert, den Hoffmann mit Adelbert von Chamisso, Julius Eduard Hitzig und Karl Wilhelm Salice-Contessa plante.
In der Literaturwissenschaft zählten Die Doppeltgänger lange Zeit zu den am geringsten geschätzten und nicht selten schroff abgelehnten Werken Hoffmanns. Die überwiegend negativen Bewertungen wurden in der Forschung allerdings teilweise korrigiert.
Inhalt
Deodatus Schwendy wird von seinem Vater Amadeus Schwendy nach Hohenflüh geschickt, um das Geheimnis seines Lebens zu lüften. Dort kehrt er im Silbernen Lamm ein und speist im Goldenen Bock. Durchweg wird er für den Maler Georg Haberland gehalten, ohne dass er dies bestreitet. Als Georgs Freund Berthold zu ihm kommt, gerät Deodatus in Bedrängnis. Berthold fragt ihn, ob er wieder seinem periodisch wiederkehrenden Wahn verfallen sei, und behandelt ihn weiterhin so, als wäre er Georg. Dabei zeigt er ihm einen Brief von Georg, der zu Deodatus’ Erschrecken in dessen eigener Handschrift verfasst ist. Die Zigeunerin, die im Goldenen Bock Weissagungen verkündet, gibt am Abend im Bosket eine Vorstellung, an der Deodatus teilnimmt. Als er beobachtet, wie sich die alte Frau in eine junge Schönheit verwandelt, ruft er den Namen Natalie. Nach seiner Rückkehr ins Wirtshaus erhält er eine schriftliche Drohung von einem ihm unbekannten Grafen von Zelies. Deodatus beschließt daraufhin, sich nicht von einem Fremden aus Hohenflüh vertreiben zu lassen, und beschafft sich eine Waffe.
Er trifft erneut auf die Zigeunerin, die ihn auffordert, Natalie zu retten. Zu diesem Zweck zieht er mit ihr in den Wald, wo er kurz bevor er angeschossen wird, seine eigene Stimme hört. Von dem Anschuss erfährt der Leser jedoch erst in einer komischen Szene, in der die Wirte des Goldenen Bocks und des Silbernen Lamms im Wald miteinander streiten, bevor sie vom Fürsten Remigius unterbrochen werden. Anschließend wendet sich der Erzähler direkt an den Leser und berichtet vom Verschwinden der Frau des Fürsten und seines Kindes. Gerüchten zufolge hatte sie ihn mit seinem Vertrauten, Graf Törny, betrogen, woraufhin er an der „Echtheit“ seines Sohnes zweifelte. Berthold macht sich auf den Weg zu seinem Freund Georg, den er für den Angeschossenen hält und der im Silbernen Lamm gepflegt wird. Unterwegs trifft er auf eine Gruppe von Schaustellern, unter denen sich ein Puppenspieler und eine Zigeunerin befinden. Es stellt sich heraus, dass der Puppenspieler in Wahrheit sein Freund Georg ist. Dieser erzählt ihm, dass es einen Doppelgänger seiner selbst gibt, und berichtet von seiner Liebe zu Natalie, in die er sich verliebt hatte, als er sie malen sollte. Ihr Vater, Graf von Zelies, war jedoch gegen die Verbindung und verschwand schließlich mit seiner Tochter.
Georg bittet die Zigeunerin, ihm bei der Suche nach Natalie helfen. Berthold denkt, die Zigeunerin will Georg nur für sein Geld ausnutzen, doch die Zigeunerin stellt klar, sie ist Georgs Mutter. So erklärt sich auch die Stimme, die Deodatus vor dem Schuss gehört hatte: Es war Georg, der zur Zigeunerin sprach. Als Nächstes wird nachgetragen, dass Förster Deodatus gerettet haben. Der Graf von Zelies kommt zu ihm und erfährt von Deodatus, dass er Natalie noch nie im Leben gesehen hat und dennoch verliebt in sie ist. Er droht ihm und verschwindet. Ein Ratsherr betritt das Zimmer und will Deodatus gerade dafür bestrafen, dass er sich im Wald duelliert habe – wofür alle Beweise sprechen. Doch da kommt ein Offizier herein, der des Fürsten Remigius Wunsch überbringt, den Angeschossenen zu ihm zu bringen. Deodatus reist nach Sonsitz zum Fürsten. Der Fürst empfindet Schmerz und Zorn, als der Deodatus erblickt und will über seine Lebensverhältnisse Bescheid wissen. Als er erkennt, dass Graf von Zelies Deodatus töten wollte, will er Deodatus des Landes verweisen, doch er erleidet selbst einen Anfall und muss behandelt werden. Deodatus darf aufgrund seiner Verwundung gegen den Willen des Fürsten am Landsitz bleiben, um zu genesen. Nachts beobachtet er von dort aus, wie im verlassenen Schloss immer ein Licht angeht, was ihm unerklärlich scheint. Dem Fürsten geht es immer schlechter und wir erfahren, dass er einen Bruder – Fürst Isidor – hat, der ihn verraten haben soll. Georg Haberland kommt in den Goldenen Bock und wird nach dem Befinden des Fürsten gefragt, da ja ganz Hohenflüh glaubt, Georg Haberland wurde angeschossen und sei nun beim Fürsten gewesen. Indessen findet Deodatus einen Liebesbrief von Natalie, in welchem sie Georg um ein Treffen bittet. Nachdem er den Brief seiner Geliebten gelesen hat, fragt er sich selbst, ob er Georg sei. Er trifft sich zur vereinbarten Zeit mit Natalie und erzählt ihr, dass er sie liebe aber nicht Georg sei. Sie beschließen zusammen vor ihrem Vater zu fliehen. Doch Deodatus wird „entführt“ und zu seinem Vater, Amadeus, gebracht, welcher ihn so vor der Ermordung gerettet hat. Der Fürst stirbt und sein Bruder Isidor taucht auf, um den Thron zu übernehmen.
Nun werden alle Umstände aufgeklärt: Isidor hatte den Namen Graf von Zelies angenommen und sich die letzte Zeit im alten Schloss versteckt, was das nächtliche Licht erklärt. Fürst Remigius erklärt in seinem Testament, dass er den Sohn, den er „in satanischer Verblendung“ verstoßen habe, doch anerkennt und dass dieser bei seinem Freund Graf Törny, getarnt als Amadeus Schwendy, aufgewachsen sei. Amadeus kommt mit Deodatus herbei, aber auch Georg und die Zigeunerin finden sich ein. So sehen sich die beiden Doppeltgänger zum ersten Mal. Wir erfahren nun, dass Graf Törny/Amadeus Schwendy zusammen mit dem Fürsten Remigius aufgewachsen sei und sie sich gleichzeitig verliebt hätten – in zwei Frauen, die ebenfalls zusammen aufgewachsen sind. So heiratete Törny eine Gräfin und Remigius eine Prinzessin. Die beiden entbanden am selben Tag zwei Söhne, die beide dem Grafen Törny aus dem Gesicht geschnitten waren. So verstieß der Fürst seine Frau und seinen Sohn, da er ihn für das Ergebnis des Betrugs seiner Frau mit Törny hielt. Die Frau wurde zur Zigeunerin und der Sohn bei einem Priester zur Obhut gebracht. Bevor all dies geschah, war geplant, dass der Sohn der Törnys Natalie heiraten sollte. Törny erklärt nun, dass er eine Gefahr für des Fürsten Sohn sah, ausgehend von Isidor, der nach dem Thron strebte. So ließ er des Fürsten Sohn eine Markierung auf der Brust geben und tauschte ihn gegen seinen eigenen aus. So zog Törny des Fürsten Sohn auf und sein eigener wurde mit des Fürsten Frau verbannt und wuchs bei dem Priester auf. Deodatus hat also diese Markierung und wird zum Fürsten. Georg und Deodatus streiten sich um die Liebe Natalies, welche schließlich dazu auffordert, zu entsagen. Da vertragen sich Georg und Deodatus, Natalie geht ins Kloster und Georg entscheidet sich für ein Leben als Maler, statt als Graf.
Interpretation
Die Identitätskrise ist ein zentrales Element der Erzählung. „Fürst Isidor und die Zigeunerin […] sind die einzigen beiden aus dem zentralen Personal, die gewissermaßen Einzelfiguren sind - allen andern ist ein Doppel, wenn auch nicht ein Doppelgänger zugeordnet.“[1]. Doch auch die Zigeunerin hat mehrere Identitäten, als Prinzessin Angela und Mutter des Deodatus. Sie spielt eine große Rolle bei der Aufklärung nach der Ähnlichkeit Georgs und Deodatus‘. Sie selbst kennt offenbar den Unterschied zwischen den beiden nicht, da sie sich für Georgs Mutter hält, obwohl eigentlich Deodatus ihr leiblicher Sohn ist. Die wunderbaren Phänomene führt Hoffmann häufig auf den animalischen Magnetismus zurück. Anzeichen auf Fürst Isidor als teuflischen Fadenzieher und Magnetiseur gibt es einige. Der Magnetismus wäre auch eine mögliche Erklärung dafür, dass die Fürstin glaubt treu gewesen zu sein, obwohl sie unter Einfluss des Magnetismus vielleicht etwas im Zustand des Schlafwandels o. ä. getan hat. Sie wird auch im Laufe der Erzählung einmal als „Somnambule“[2] bezeichnet.
Weiters stellt sich aber die Frage, ob von einer biologischen Vererbungslehre, wie wir sie heute kennen, ausgegangen werden kann. Esoterische Ansätze, wie der Hysterismus, welcher eigene Bedingungen für die Empfängnis konstituiert, oder die Theorie mütterlicher Affektionen, kursierten in der Zeit um 1800. Ein „geistiger Ehebruch“ mit Auswirkungen auf biologische Konstellationen kann auch in Goethes Wahlverwandtschaften beobachtet werden. Ginsburg[3] argumentiert für Die Doppeltgänger, dass die absolute Ähnlichkeit Georgs und Deodatus mit dem Grafen Törny gleichzeitig bedeutet, dass keiner von beiden seiner eigenen Mutter ähnlich sieht. Dies korreliert mit Theorien der Reproduktion, in denen die Mutter lediglich als Trägerin des Fötus gesehen wird. Die Abwesenheit der mütterlichen Gene legitimiert die patrilineare Abstammung und Vererbung. Die Fürstin jedoch überwindet diese Vater-Gebundenheit und die Gesetze der Natur, indem sie einen Sohn zur Welt bringt, der dem Mann ihrer Phantasie gleicht[4]. Solch übernatürliche Fähigkeiten tragen eventuell dazu bei, dass sie später auch als Hexe betitelt wird. Graf Törny wird als der Idealtypus von Mann wahrgenommen. Welche Bedeutung das Begehren für die eigene Identifikation spielt, zeigt auch die Szene mit Georg und Natalie. Sie hält ihn für Deodatus, und da er ihr Geliebter sein will, tut er auch so. Die Identifikation durch den Blick bzw. die Liebe des anderen geht so weit, dass Georg sich fragen muss: „Aber! - bin ich es denn? - Bin ich der Georg?“[5] und die Verwechslung geht in Doppeltgängertum über.
Verwechslungskomödien gibt es seit der Antike. Hoffmanns Erzählung weist auch einige komische Elemente auf, wie die Szene mit den Wirten in Kapitel zwei oder die seltsame Versöhnungsszene zum Schluss, die so übertrieben ist, dass sie kaum ernst zu nehmen sein kann. Das Komödiantische geht durch die Steigerung der Verwechslung zum Doppeltgängertum in das Unheimliche über.
Verwechslungsmotive gibt es aber auch bei Freud und Ferenczi, die sich mit dem Familienroman bzw. dem Familienroman der Erniedrigung beschäftigt haben, wo es um die kindliche Phantasie der Verwechslung mit einem adeligen Kind geht bzw. noch im Erwachsenenalter um die Vorstellung, das Ergebnis einer verworfenen Genealogie zu sein. Natürliche und symbolische Elternschaft sowie Adoption sind ein zentrales Motiv in den Doppeltgängern.
Ein anderer Erklärungsversuch ergibt sich aus den sprechenden Namen, die so oft bei E.T.A. Hoffmann vorkommen. Wie auch die Spiegelfiguren seiner selbst Theodor und Nathanael, bedeutet auch Deodatus der von Gott gegebene.[6] Dies könnte als ein Hinweis auf die „unbefleckte Empfängnis“, und die Treue der Fürstin gedeutet werden. Schließlich ist die Fürstin vor ihrer Heirat auch Prinzessin Angela (angelus, lat. = der Engel)[7], wieder ein sprechender Name und die Andeutung auf einen Engel.
Entstehung
Die Erzählung Die Doppeltgänger wurde im Herbst 1821 im Almanach Feierstunden mit einer Vordatierung auf das Jahr 1822 veröffentlicht. Ihre Entstehung lässt sich bis ins Jahr 1815 zurückverfolgen, da sie ursprünglich als Teil eines umfangreicher angelegten Romanprojekts konzipiert war.[8] Hoffmann plante gemeinsam mit seinen Freunden Adelbert von Chamisso, Julius Eduard Hitzig und Karl Wilhelm Salice-Contessa einen Gemeinschaftsroman, den er als „Roman vom Hrn. Freiherrn von Vieren“ bezeichnete.[9] Die ursprüngliche Idee stammte von Chamisso.[10] Als Hoffmann die drei Freunde Anfang Januar 1815 einlud, um ihnen seine kürzlich beendete Erzählung Die Abenteuer der Sylvester-Nacht vorzulesen, notierte er am 13. Januar 1815 in seinem Tagebuch: „Abends Chamisso, Hitzig und Contessa bei mir [...] – Entschluß des Romans en quatre – sehr gemütliche Stimmung.“[11] Später trat an die Stelle von Hitzig als vierter Beiträger Friedrich de La Motte Fouqué hinzu, wobei er aufgrund der räumlichen Entfernung weniger aktiv war als die übrigen drei.[12]
Im Mittelpunkt des unvollendet gebliebenen „Romans vom Hrn. Freiherrn von Vieren“ steht der Maler Georg Haberland. Dieser begegnet zwei Doppelgängern, die ebenso wie er selbst nach dem Idealbild einer jungen Frau suchen.[13] Die Anregung zu diesem Werk ging zurück auf den 1808 erschienen Roman Die Versuche und Hindernisse Karls. Eine deutsche Geschichte aus neuerer Zeit von Varnhagen von Ense, Wilhelm Neumann, Friedrich Baron de la Motte Fougué und August Ferdinand Bernhardi. Dieses Werk wiederum wurde angeregt durch Jean Pauls Roman Flegeljahre (1804–1805). Darin fassen die Zwillingsbrüder Walt und Vult den Entschluss, den Plan eines gemeinsamen Werkes, eines „Doppel-Romans“, in dem sie die Gegensätzlichkeiten und Verwandtschaften ihres Doppelwesens literarisch zum Ausdruck bringen.[14]
Das Vorhaben Hoffmanns und seiner Freunde den Gemeinschaftsroman weiterzuverfolgen, wurde jedoch infrage gestellt, weil Chamisso im Juli 1815 zu einer mehrjährigen Weltreise aufgebrochen war.[15] In der Folge blieb der Gemeinschaftsroman unvollendet. Hoffmann und Contessa verarbeiteten ihren Anteil an dem Gemeinschaftsroman zu jeweils eigenständigen Erzählungen. Die Erzählung von Contessa erschien 1818 unter dem Titel Das Bild der Mutter.[16] Hoffmann arbeitete seinen Anteil an dem Gemeinschaftsroman möglicherweise Mitte 1821 zu einer eigenständigen Erzählung aus.[17] Der genaue Zeitpunkt dieser Umarbeitung ist zwar nicht bekannt, jedoch wird vermutet, dass die Erzählung auf Drängen des Verlegers Freiherrn von Biedenfeld innerhalb kurzer Zeit Ende Juni oder Anfang Juli 1821 entstand.[18]
Rezeption
Die Erzählung gilt als eine der weniger gelungenen Arbeiten Hoffmanns und erfuhr eine überwiegend negative bis entschieden ablehnende Rezeption. Unter den Zeitgenossen fand sie nur geringe Resonanz. Bekannt sind lediglich zwei kurze Erwähnungen im Literatur-Blatt zum Morgenblatt für gebildete Stände von 1823 und in der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung von 1825.[19] Die Rezension der im Literatur-Blatt bezeichnet zwei der aufgenommenen Erzählungen als „anziehend“ und hebt hervor, eine davon stamme vom „humoristischen“ Hoffmann. Ebenso wenig aussagekräftig sind nach Steinecke weitere, kurz nach Hoffmanns Tod erschienene Äußerungen; sie reflektieren die allgemeinen Vorurteile gegenüber den Erzählungen in Almanachen.[20]
Der Philologe und Literaturkritiker Konrad Schwenck widmete in der 1823 erschienenen ersten umfangreichen Darstellung von Hoffmanns Gesamtwerk den Doppeltgängern als einziger der späten Erzählungen einen ausführlichen Abschnitt, obwohl das Werk seiner Ansicht nach „zu den schwächsten und mißrathensten gehört“, die Hoffmann geschrieben hat.[21]
In der Literaturwissenschaft zählten Die Doppeltgänger lange Zeit zu den am geringsten geschätzten und nicht selten schroff abgelehnten Werken Hoffmanns.[22] Nach Ansicht des tschechischen Literaturhistorikers Johann Černys seien Die Doppeltgänger in der Gestaltung der Handlung „ein schwacher Abklatsch des ‚Titan‘, nur daß noch das Motiv der unschuldig verstoßenen Fürstin hineingearbeitet ist.“[23] In der Forschung begründete das mehrfach wiederholte Urteil Černys eine „Überbietungsmetaphorik“ in der Ablehnung der Erzählung.[24] Der Literaturhistoriker Hans von Müller qualifiziert Hoffmanns Die Doppeltgänger ebenso wie die Erzählung Datura fastuosa als lediglich „zusammengezimmert“.[25] Nach Toggenburger wirkt die Erzählung „auf weite Strecken etwas konstruiert und die genalogischen Hintergründe, Verwechslungen und Zufälle teilweise an den Haaren herbeigezogen“.[26]
Die überwiegend negativen Bewertungen wurden in der Forschung jedoch auch teilweise korrigiert. Der Literaturwissenschaftler Georg Ellinger entdeckt in den Doppeltgängern ansatzweise „die alte Kraft von Hoffmanns Erzählkunst; diese äußert sich namentlich in der Vergegenwärtigung einzelner Nebengestalten, während die Hauptfiguren nicht klar und anschaulich heraustreten.“[27] Insbesondere der Germanist Wulf Segebrecht stellt sich gegen die abwertenden Urteile. Nach seiner Ansicht gilt es die Vorurteile der Forschung gegenüber Hoffmanns Almanach-Erzählungen abzubauen. Denn zu oft sei gesagt worden, dass diese von minderer Qualität seien, ohne dass solche Behauptungen auf brauchbaren Kriterien basieren würden.[28] Segebrecht nennt Die Doppeltgänger hinsichtlich der Figurenkonstellation „eine geradezu meisterhafte Geschichte, in der die Souveränität des Autors selbst thematisch und nur vom Humor als bewältigender Kraft eingeholt wird.“[29]
Textausgaben
- Die Doppeltgänger. Erzählung von E. T. A. Hoffmann. In: Feierstunden. Eine Schrift für edle Unterhaltung in zwanglosen Bänden. Herausgegeben von Ferdinand v. Biedenfeld und Christoph Kuffner. Band 2. Joseph Georg Traßler, Brünn 1822, S. 215–328 [Erstdruck] (Digitalisat im Internet Archive).
- Hoffmann’s sämmtliche Werke in einem Bande. Baudry, Paris 1841. S. 952–968 (Digitalisat in den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin).
- E. T. A. Hoffmann: Poetische Werke. Mit einer Einleitung von Hans Meyer. Band 6. Meister Floh. Briefe aus den Bergen. Letzte Erzählungen. Aufbau Verlag, Berlin 1958.
Literatur
- Gerald Bär: Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie in der Literatur und im deutschen Stummfilm. Rodopi, Amsterdam, New York 2005, ISBN 978-90-420-1874-7, S. 264–266.
- Michal Peled Ginsburg: The Portrait Painter and His Doubles: Hoffmann's „Die Doppeltganger“, Gautier's „La Cafetiere“ and Nerval's „Portrait du diable“. In: Michael Peled Ginsburg: Portrait stories. Fordham University Press, New York 2015, S. 43–58.
- Christoph Kleinschmidt: Die Doppeltgänger. In: Detlef Kremer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Leben – Werk – Wirkung. 2. Auflage. De Gruyter, Berlin [u. a.] 2010, ISBN 978-3-11-022999-8, S. 364–370.
- Annemarie Opp: Die Doppeltgänger. Erzählung (1821). In: Christine Lubkoll, Harald Neumeyer (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Metzler, Stuttgart [u. a.] 2015, ISBN 3-476-02523-3, S. 188–191.
- Wulf Segebrecht: Autobiographie und Dichtung. Eine Studie zum Werk E. T. A. Hoffmanns. Metzler, Stuttgart 1967, S. 153–166.
- Hartmut Steinecke (Hrsg.): E. T. A. Hoffmann. Lebens-Ansichten des Kater Murr. Werke 1820–1821. Herausgegeben von Hartmut Steinecke unter Mitarbeit von Gerhard Allroggen. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1992, S. 1162–1177.
- Hans Toggenburger: Die späten Almanach-Erzählungen E. T. A. Hoffmanns. Lang, Frankfurt am Main [u. a.] 1983, ISBN 3-261-03263-4, S. 174–187.
Weblinks
- Die Doppeltgänger bei Zeno.org.
- Die Doppeltgänger in den Digitalisierten Sammlungen der Staatsbibliothek zu Berlin.