Die Eisenbahnballade
Ballade von Reinhard Mey
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Die Eisenbahnballade ist eine Ballade von Reinhard Mey. Sie wurde erstmals am 1. Januar 1988 auf seinem Album Balladen veröffentlicht. In ihr erzählt Mey die Geschichte der Eisenbahn in Deutschland und ihre Bedeutung für den Alltag der Menschen, für Wirtschaft und Militär vom Bau der ersten Eisenbahnstrecken bis in die Nachkriegszeit.
| Die Eisenbahnballade | |
|---|---|
| Reinhard Mey | |
| Veröffentlichung | 1988 |
| Länge | 10:11 |
| Genre(s) | Chanson, Liedermacher |
| Autor(en) | Reinhard Mey |
| Produktion | Reinhard Mey, Wilfried Grünberg[1] |
| Label | Intercord |
| Album | Balladen |
Inhalt




Die Rahmenerzählung beginnt spät an einem kalten und nebligen Abend. Das lyrische Ich befindet sich nach einem langen Arbeitstag in einer „großen, fremden Stadt“ und möchte unbedingt nach Hause. Da es aber zum Autofahren zu müde ist und so spät auch kein Flug mehr geht, entschließt es sich, mit dem Nachtzug zu fahren. Bis zur Abfahrt gegen Mitternacht bleibt noch etwas Zeit, die das lyrische Ich damit verbringt, das Treiben am Bahnhof (einem „Prunkbau aus längst vergangener Zeit“) zu beobachten. Dabei nimmt es nicht nur die umhereilenden Menschenmassen wahr, sondern auch die Schattenseiten unserer Gesellschaft („So viel Gleichgültigkeit, so viel Jammer und Leid“). Schließlich kommt der Zug. Das lyrische Ich ist alleine im Abteil, schaut nach der Abfahrt noch eine Weile aus dem Fenster und schläft schließlich ein.
An dieser Stelle wechselt die Handlung zur Binnenerzählung, beginnend mit dem Bau der frühen Eisenbahnstrecken. Diese werden in schwerer körperlicher Arbeit von spartanisch untergebrachten und schlecht bezahlten Arbeitern errichtet, während die „Stahlbarone“ damit ein Vermögen verdienen. Als die Eisenbahn dann schließlich fährt, verbindet sie die Menschen und bringt Fortschritt und Wohlstand, „doch an jedem Meter Gleis / jeder Brücke, jedem Tunnel klebten Tränen, Blut und Schweiß“ – eine Anspielung auf die berühmte Rede Blood, Sweat, Tears von Winston Churchill.[2.1] Zwei Strophen weiter wird die Ambivalenz des technischen Fortschritts dann direkt angesprochen:[2.1]
„Doch der großen Erfindung haftet stets die Tragik an,
dass sie dem Frieden, aber auch dem Kriege dienen kann.“
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs transportiert die Eisenbahn zunächst vor allem jubelnde Soldaten sowie Waffen und militärischen Nachschub an die Front. Doch schon bald werden auch Lazarettzüge benötigt. Schließlich endet der Erste Weltkrieg mit der Schließung des Waffenstillstands im Wagen von Compiègne.
In der Zwischenkriegszeit kommt es zunächst zu Schwarzmarkt, Spekulation und Arbeitslosigkeit, aber auch zur Bildung eines demokratischen Staates, der Weimarer Republik. Dieser „zarte, schutzbedürft'ge Halm der ersten Republik“ geht jedoch mit dem Erstarken der NSDAP und der Machtergreifung zugrunde.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dient die Eisenbahn wieder dem Militär – Mey zitiert dabei explizit den Propagandaslogan „Räder müssen rollen für den Sieg!“. Schließlich beginnt „das dunkelste Kapitel der Nation“, nämlich die Deportation von Juden aus Deutschland und ihr Transport in die Vernichtungslager. Die Strophen 15 und 16 der Eisenbahnballade stellen dabei eine der ganz wenigen Auseinandersetzungen mit diesem Thema in Songs der Bundesrepublik dar.[2.2]
Dann aber bringt der Luftkrieg der Alliierten, von Mey als „Zorn der Gedemütigten“ bezeichnet,[2.2] die Wende. Das ganze Land ist zerstört, dazu kommen immer mehr Flüchtlingstrecks. In den Trümmern kämpfen die Menschen ums Überleben. Sie stehlen Kohle oder fahren mit Hamsterzügen aufs Land in der Hoffnung, dort an zusätzliche Nahrungsmittel zu gelangen. Dann kommen die Züge mit den Kriegsheimkehrern in Deutschland an. Das führt an den Bahnhöfen zu vielen Freudentränen, oftmals aber auch zu großer Enttäuschung, wenn Angehörige vergeblich zum Bahnhof gekommen waren.
Derweil versuchen die Mitarbeiter der Bahn, oft unter abenteuerlichen Bedingungen und mit viel Improvisationsgeschick, das zerbombte Schienennetz und das schwer beschädigte Rollmaterial notdürftig wieder instand zu setzen und den Eisenbahnbetrieb wieder in Gang zu bringen. Mit den Zeilen „Und der Puls begann zu schlagen, und aus dem Nichts entstand / mit Hoffnungen und Träumen beladen, ein neues Land.“ endet die Binnenerzählung.
Kurz vor dem Ziel seiner Fahrt wacht das lyrische Ich auf. Im Halbschlaf („im leeren Raum zwischen Wachen und Traum“) sieht es noch einmal einige besonders ikonische Schienenfahrzeuge vor dem inneren Auge vorbeiziehen, darunter den Adler, den Fliegenden Hamburger, die Preußische P 8 oder die „sagenumwobene“ DR-Baureihe 05. Schließlich wacht das lyrische Ich endgültig auf und stellt fest, dass es seinen Zielbahnhof in zehn Minuten erreicht haben und noch rechtzeitig zum Frühstück zu Hause sein wird, während draußen die Menschen bereits auf dem Weg zur Arbeit sind. Das Lied endet mit den Worten „Und eine Hoffnung lag / Über dem neuen Tag / Und in dem Sonnenaufgang.“
Form
Das Lied ist mit über 10 Minuten Dauer Meys längstes Studio-Stück. Es besteht aus insgesamt 27 Strophen, von denen die Strophen 1–5 sowie 24–27 die Rahmenhandlung bilden.[2.3] Diese sind überwiegend in sechszeiligen Schweifreimen verfasst.[2.3] Eine Ausnahme bilden die beiden fast wortgleichen Strophen 5 und 24, die jeweils den Übergang zwischen Wachen und Schlafen markieren. Hier handelt es sich jeweils um einen fünfzeiligen Haufenreim.
Für die 18 Strophen der Binnenhandlung hat Mey dagegen vierzeilige Paarreime verwendet.[2.3] Dabei entfallen auf die Vorkriegszeit (Str. 6–9) sowie auf den Ersten Weltkrieg einschließlich der Weimarer Republik (Str. 10–13) jeweils vier Strophen, auf die Zeit des Nationalsozialismus (Str. 14–18) sowie die frühe Bundesrepublik (Str. 19–23) jeweils fünf.[2.3]
Veröffentlichungen
Literatur
- Ole Löding: Reinhard Mey: Die Eisenbahnballade (1988) in: Deutschland Katastrophenstaat. Der Nationalsozialismus im politischen Song der Bundesrepublik, Transcript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1567-8, S. 338–343.
Weblinks
- Die Eisenbahnballade 1988 – Text (unvollständig), Noten und Gitarrengriffe auf www.reinhard-mey.de (PDF)
- Reinhard-Mey-Textsammlung (14. Auflage) – vollständiger Text (auf S. 205 ff.) auf www.reinhard-mey.de (PDF)
- Die Eisenbahnballade auf YouTube