Die Erfindung der Nation
Buch von Benedict Anderson
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Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts (englischer Originaltitel: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism) ist ein Buch des Politikwissenschaftlers Benedict Anderson über die Entstehung nationaler Zugehörigkeitsgefühle in unterschiedlichen historischen Perioden und Weltregionen. Das Werk prägte den Begriff der „vorgestellten Gemeinschaft“ (englisch: Imagined Community) als Beschreibung sozialer Gruppen, insbesondere der Nation, und wurde in zahlreichen Feldern der Politik- und Sozialwissenschaften rezipiert. Das Buch erschien erstmals 1983 bei Verso, 1991 in einer erweiterten Ausgabe und 2006 in einer erneut überarbeiteten Fassung. Die deutsche Erstausgabe erschien 1996 unter dem Titel Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts im Campus Verlag in der Übersetzung von Christoph Münz und Benedikt Burkhard; die dritte deutsche Auflage erschien 2005.[1][2]
| Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts | |
|---|---|
| Beschreibung | politikwissenschaftliches Sachbuch über die Entstehung und Verbreitung des Nationalismus |
| Fachgebiet | Nationalismusforschung, Politikwissenschaft, Soziologie |
| Sprache | Englisch |
| Verlag | Verso; deutsch: Campus Verlag (Vereinigtes Königreich; deutsch: Deutschland) |
| Erstausgabe | 1983 |
Das Werk gilt in den Sozialwissenschaften als sehr einflussreich.[3] Eric G. E. Zuelow bezeichnete es als „das vielleicht meistgelesene Buch über Nationalismus“.[4] Es wurde unter den meistzitierten Arbeiten der Sozialwissenschaften geführt.[5] Gemeinsam mit Ernest Gellners Nationalismus und Moderne sowie Eric Hobsbawms The Invention of Tradition, die ähnliche Ansätze verfolgen und zu einem ähnlichen Zeitpunkt erschienen, leitete es eine konstruktivistische Wende in der Forschung zum Nationalismus ein.
In der chinesischen Ausgabe schrieb der taiwanische Übersetzer Wu Rwei-Ren im Vorwort, der unmittelbare Anlass für Anderson für das Buch, der sich lange mit Südostasien beschäftigt hatte, sei der Ausbruch des Dritten Indochinakriegs 1978/79 zwischen China, Vietnam und dem Demokratischen Kampuchea gewesen.[6]
These
Für Anderson ist die Nation eine Konstruktion der Moderne und erst in der Zeit der Französischen Revolution bzw. unmittelbar davor entstanden. Davor seien Großsippen, Stämme, Theokratien, Großreiche oder Fürstentümer die vorherrschenden Organisationsformen der Menschheit gewesen. Nach den nationalen Revolutionen der Moderne sei die Vergangenheit in nationalistischer Deutungsweise uminterpretiert worden. So wurde die Varusschlacht, eine Abwehrschlacht dreier verschiedener germanischer Stämme gegen die Römer, im Deutschen Kaiserreich mythologisch zu einem Ereignis „deutscher“ Geschichte erklärt worden.[7]
Nach Andersons Theorie der vorgestellten Gemeinschaften lagen dem modernen Nationalismus mehrere historische Entwicklungen zugrunde. Dazu zählten die wachsende Bedeutung massenhafter Lesefähigkeit in Volkssprachen, die Zurückdrängung von Vorstellungen göttlich legitimierter Herrschaft und dynastischer Monarchie sowie die Herausbildung des von Anderson als Printkapitalismus beschriebenen Zusammenhangs von kapitalistischer Buchproduktion, Drucktechnik und standardisierten Kommunikationsräumen.[4] Nach Anderson entstand der Begriff der Nation in einer Epoche, in der Aufklärung und Revolution die Legitimität der göttlich begründeten, hierarchischen dynastischen Ordnung untergruben; das Symbol der nationalen Freiheit sei der souveräne Staat gewesen.[8] Diese Entwicklungen fielen mit dem Beginn der Industriellen Revolution zusammen.[4][9]
Eine große Bedeutung für die Entstehung des Nationalismus schreibt Anderson Amerika zu. Hier hätten die Eliten von Siedlerkolonisten eigene Nationen wie die Vereinigten Staaten, Argentinien oder Brasilien erfunden, um sich von ihren kolonialen Mutterländern abzugrenzen. Diese nationalen Revolutionen (z. B. durch die Amerikanische Revolution oder die Südamerikanische Unabhängigkeitskriege) hatten dann wieder auf Europa eingewirkt. Amerika sei damit das eigentliche Mutterland des Nationalismus.[7]
Nationen als imaginierte Gemeinschaft
Nach Anderson sind Nationen sozial konstruiert.[10] Die Idee der Nation sei relativ neu und Ergebnis verschiedener sozialer und materieller Kräfte. Anderson definierte die Nation als „eine vorgestellte politische Gemeinschaft – vorgestellt als begrenzt und souverän“.[8] Sie sei vorgestellt bzw. eingebildet, weil selbst die Angehörigen der kleinsten Nation die meisten anderen Mitglieder niemals kennen, treffen oder auch nur von ihnen hören würden, in ihrem Bewusstsein aber dennoch die Vorstellung einer gemeinsamen Zugehörigkeit lebe.[8] Obwohl die Mitglieder einer solchen Gemeinschaft einander in der Regel nicht persönlich kennen, verstehen sie sich als Teil derselben Nation und können gemeinsame Interessen oder Affekte mit ihr verbinden. Diese vorgestellte Zugehörigkeit wird etwa in Konflikten mit Nachbarstaaten oder bei internationalen Ereignissen wie den Olympischen Spielen aktualisiert.
Nationen sind nach Anderson „begrenzt“, weil sie endliche, wenn auch elastische Grenzen besitzen, jenseits derer andere Nationen liegen.[8] Sie sind außerdem „souverän“, weil in der Moderne keine dynastische Monarchie mehr legitime Autorität über sie beanspruchen könne:
Der Begriff entstand in einer Epoche, in der Aufklärung und Revolution die Legitimität des von Gott eingesetzten, hierarchischen dynastischen Reiches zerstörten. In einer Phase der Menschheitsgeschichte, in der selbst die gläubigsten Anhänger universaler Religionen unausweichlich mit der lebendigen Pluralität solcher Religionen und der Nichtübereinstimmung zwischen den ontologischen Ansprüchen jeder Glaubensrichtung und ihrer territorialen Ausdehnung konfrontiert waren, träumten Nationen davon, frei zu sein – und, wenn unter Gott, dann unmittelbar unter ihm. Maß und Symbol dieser Freiheit ist der souveräne Staat.[8]
Auch wenn die Mitglieder einer vorgestellten Gemeinschaft einander nie sehen, wissen sie durch Kommunikationsmittel wie Zeitungen von der Existenz der anderen. Anderson beschreibt das Lesen einer Tageszeitung als eine „Massenzeremonie“: Sie werde in stiller Privatheit vollzogen, zugleich wisse jeder Teilnehmer, dass dieselbe Handlung gleichzeitig von Tausenden oder Millionen anderen vollzogen werde, deren Existenz er sicher voraussetze, ohne ihre Identität zu kennen.[11]
Eine Nation ist nach Anderson schließlich eine Gemeinschaft, weil sie ungeachtet tatsächlicher Ungleichheit und Ausbeutung als tiefe, horizontale Kameradschaft vorgestellt werde. Diese Brüderlichkeit mache es möglich, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten viele Millionen Menschen für solche begrenzten Vorstellungen nicht nur getötet hätten, sondern auch bereit gewesen seien, für sie zu sterben.[8]
Kritik
Eine frühe einflussreiche Kritik an Andersons Theorie formulierte Partha Chatterjee. Er argumentierte, der europäische Kolonialismus habe dem Nationalismus faktisch Grenzen gesetzt; selbst die Imagination der Kolonisierten bleibe demnach kolonisiert.[12]
Feministische Historikerinnen und Geographinnen wie Linda McDowell kritisierten eine aus ihrer Sicht breite, aber unreflektierte Übernahme nationaler Vorstellungen als geschlechtlich codierte Vision. McDowell verwies darauf, dass Andersons Formulierung einer „horizontale Kameradschaft“ Konnotationen männlicher Solidarität mit sich führe.[13] In dieser Lesart behandelt Imagined Communities die geschlechtliche Dimension des Nationalismus nur begrenzt.
Adrian Hastings kritisierte die modernistischen Deutungen Andersons und des marxistischen Historikers Eric Hobsbawm, weil sie die Entstehung des Nationalismus auf die Moderne und das 18. Jahrhundert beschränkten. Am Beispiel Englands vertrat Hastings die Auffassung, frühe Formen nationaler Identität seien bereits im Mittelalter entstanden.[14]
Dean Kostantaras argumentierte, Andersons Untersuchung des Nationalismus sei zu breit angelegt; das Thema erfordere eine sehr viel genauere historische Analyse.[15]
Samuel Clowes Huneke schrieb 2024 in einem retrospektiven Essay für The New Republic, das Buch leide unter Schwächen seines marxistischen Bezugsrahmens. Es könne die Hingabe, die Nationen hervorgerufen hätten und weiterhin hervorriefen, nicht hinreichend erklären. Zudem lasse Andersons Betonung der Liebe, die Nationen inspirieren könnten, die Geschichte des Rassismus im Aufstieg des Nationalismus zu wenig hervortreten. Das Werk biete zwar eine überzeugende Darstellung der Ursprünge des Nationalismus, sage aber wenig über die Formen aus, in denen Nationalismus im 21. Jahrhundert wieder auftrete.[16]
Literatur
- Benedict Anderson: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. Verso, London 1983, ISBN 0-86091-059-8.
- Benedict Anderson: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. Revised and extended edition. Verso, London/New York 1991, ISBN 0-86091-329-5.
- Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. Aus dem Englischen von Christoph Münz und Benedikt Burkhard. Campus, Frankfurt am Main/New York 1996, ISBN 3-593-35572-8.
- Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts. 3. Auflage. Campus, Frankfurt am Main/New York 2005, ISBN 978-3-593-37729-2.
Weblinks
- T. J. Clark: In a Pomegranate Chandelier. In: London Review of Books. Band 28, Nr. 18, 21. September 2006, ISSN 0260-9592, S. 6–8 (englisch, lrb.co.uk [abgerufen am 9. Juli 2026]). Rezension der Ausgabe von 2006.
- Anthony Reid: Reviewed Work: Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism. In: Pacific Affairs. Band 58, Nr. 3, 1985, S. 497–499, doi:10.2307/2759245, JSTOR:2759245 (englisch). Rezension der Ausgabe von 1983.