Die Nacht der Rohrdommeln

Kurzgeschichte von Gabriel García Márquez From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Nacht der Rohrdommeln (Originaltitel: La noche de los alcaravanes) ist eine erstmals 1953 in Crítica[1] veröffentlichte Kurzgeschichte des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul.

Kurzbeschreibung

Drei Blinde verlassen vorsichtig tastend ein Haus. Einer kriecht als Kundschafter voraus und meint, sie müssten nahe bei aufgestapelten Truhen sein. Bei den Truhen treffen die Blinden auf eine Frau, die ihre Geschichte bestätigt: In Zeitungsberichten habe gestanden, dass Männer in einem Hinterhof von Rohrdommeln angegriffen worden seien, die ihnen die Augen ausgehackt hätten, doch niemand habe dem geglaubt. Eine weitere Frau verweigert Hilfe und will stattdessen einen Jungen die Blinden führen lassen; der Junge aber lehnt ab, aus Angst, verspottet zu werden, und liest lieber einen Comic. Einer der Blinden folgert aus den Äußerungen des Jungen, dass sie schon mehrere Tage umherirren; schließlich ruhen sich alle drei in der Sonne aus.

Inhalt

Drei blinde Menschen, hilflos sich gegenseitig an den Händen haltend, verlassen ein Haus, bleiben zunächst vor der Tür. Sie bewegen sich vorsichtig, an Wänden tastend oder kriechend. „Die Rohrdommeln haben uns die Augen ausgehackt.“[2.1] Einer der drei Blinden kriecht vorübergehend weg, als Kundschafter: „Wir müssen schon nahe daran sein“, sagte er: „Hier riecht es nach aufgestapelten Truhen“, und er kenne „den Geruch aufbewahrter Wäsche“.[2.2] Die drei Blinden bewegen sich zu den Truhen, treffen dort auf eine Frau, die ihnen ihre Geschichte vom Augen-Verlust bestätigt: „In den Zeitungen hätte gestanden, drei Männer hätten Bier in einem Hinterhof getrunken, in dem fünf oder sechs Rohrdommeln waren. Sieben Rohrdommeln. Einer der Männer habe wie eine Rohrdommel zu singen begonnen, habe sie nachgeahmt.“[2.3] Das sei „zu später Stunde“ gewesen.[2.3] „Dann sind die Rohrdommeln auf den Tisch gehüpft und haben ihnen die Augen ausgehackt.“[2.3] Die Frau stellt jedoch fest, „das hätte in den Zeitungen gestanden, aber niemand habe es geglaubt.“[2.3] Die Geschichte mit dem Zeitungsbericht wird ihnen von der nächsten Frau bestätigt, auf die die drei Blinden treffen, die aber nichts mit ihnen zu tun haben will und einem Jungen befiehlt: „Bring sie nach Hause“.[2.4] Diese zweite Frau will das nicht selbst tun, denn ihr würde niemand die Wahrheit mit den augenaushackenden Rohrdommeln glauben, „wenn ich Sie durch die Straße führte.“[2.5] Stattdessen solle der Junge sie führen: „Wenn der da Sie führen will, ist es etwas anderes. Schließlich würde niemand etwas darauf geben, was ein Junge sagt.“[2.5] Doch auch der Junge will die drei Blinden nicht führen, denn wenn er auf Nachfrage die Wahrheit mit den augenaushackenden Rohrdommeln bestätige, „würden die Jungen mit Steinen nach mir werfen. Alle auf der Straße sagen, daß so etwas nicht passiert.“[2.5] Im Übrigen sei er gerade mit Lesen beschäftigt: Terry und die Piraten. Einer der drei Blinden will den Jungen günstig stimmen, sich interessiert zeigen, ruft aus: „Terry war in einem Labyrinth!“, doch der Junge erklärt „Das war Freitag. Heute ist Sonntag“, was einen der drei Blinden zur Erkenntnis führt: „Wir irren schon seit etwa drei Tagen umher und haben uns nicht ein einziges Mal ausgeruht.“[2.6] Daraufhin ruhen sich die drei Blinden in der wärmenden Sonne aus.

Textanalyse

Bei der „sinnlichen und beklemmenden Erzählung“[3] Die Nacht der Rohrdommeln handelt es sich um einen in Wir-Form verfassten Text, dessen Zeit und Ort ebenso ungenannt bleiben wie Details über die handelnden Personen – abgesehen von der Blindheit der drei Hauptfiguren. Themen der Kurzgeschichte, die der Autor seine „rätselhafteste Erzählung“ nannte,[4] sind soziale Ausgrenzung, Hilflosigkeit und die Diskrepanz zwischen der Realität und dem, was Menschen glauben wollen über die Vergangenheit, „die reine Vergangenheit, die unbekannt ist, weil sie verdrängt, weil sie geleugnet wird. Die Männer können nichts sehen, sie sind verloren, doch ihre Blindheit lässt sich nicht erklären, niemand glaubt es, niemand hat die Freiheit, ihnen zu helfen, weil das Geschehen nicht anerkannt wird.“[5]

Literatur

  • Hassan El Baz Iguider: La noche de los alcaravanes. In: Hassan El Baz Iguider: Realidad y ficción en „Vivir para contarla“, memorias de Gabriel García Márquez. (Tesis Doctoral.) Universidad de Málaga, Málaga 2015. S. 394–396. (pdf).
  • Liisi Niisuke: La noche de los alcaravanes (1953). In: Liisi Niisuke: Gabriel García Márquez y el tema del amor en sus cuentos. (Tesina de grado.) Tartu Ülikool, Tartu 2013. S. 14. (pdf).

Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl)

  • Die Nacht der Rohrdommeln. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 92–96.
  • Die Nacht der Rohrdommeln. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 137–145.

Einzelnachweise

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