Die Wildstreune
jemenitisches Märchen
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Die Wildstreune ist ein jemenitisches Märchen (AaTh 301 + 315 A + 313 + 314).[1]
Handlung
Einst lebte ein Sultan mit vielen Kindern, von denen zwei schon jugendlich waren, ein Junge und ein Mädchen. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen eine Wildstreune war, so etwas wie ein reißendes, wildes Tier, das des Nachts das Volk heimsuchte, um neugeborene Kinder zu fressen. Also trugen die Leute ihr Anliegen dem Bruder des Mädchens vor, der daraufhin das Erzählte überprüfte, indem er seiner Schwester heimlich nachschlich und anschließend seinem Vater davon berichtete. Dieser jedoch schenkte ihm keinen Glauben und verbannte seinen Sohn.
Der Jüngling zog von dannen und kam in ein Land, in dem ein Sultan, ein Vater von sieben Töchtern, herrschte, der jedoch von einem Afrit heimgesucht wurde. Vier Töchter des Sultans hatte der Dämon bereits geholt, da dieser jedes Jahr aufs neue damit drohte, das Wasser zu sperren, es sei denn eine der Töchter des Sultans würde ihm als Braut vorgeführt werden. Der Jüngling rettete daraufhin die fünfte Tochter, indem er den Afrit enthauptete, der nur durch sein eigenes Schwert und mit einem einzigen Schlag getötet werden konnte, und befreite somit auch das ganze Land. Der Sultan gab ihm die gerettete Tochter zur Frau. Der Jüngling aber wollte erst noch weiterziehen und befreite drei weitere Mädchen aus den Fängen eines anderen Afrits, den er auf dieselbe Weise umbrachte und wofür er von den Mädchen drei Gaben erhielt: eine Nadel und einen Salzkristall, die sich, wenn er diese hinter sich werfen würde, in ein Gebirge und einen Salzberg verwandeln würden, und einen Käfig mit zwei weißen Tauben, die unruhig werden würden, wenn er in Not geriete, und sich, freigelassen in zwei helfende Flügelrosse verwandeln würden. Drei volle Jahre lang zog der Jüngling dann durch die Welt, bis er zu seiner Frau zurückkehrte, dieser den Käfig überließ und sich aus Heimweh auf den Weg ins Land seines Vaters begab.
Dort angekommen fand der Jüngling keine Menschenseele vor, da die Wildstreune das gesamte Volk ausgerottet und auch ihre Eltern und ihre Geschwister gefressen hatte. Sie wartete schon auf ihren Bruder, erkannte ihn als Beute und fiel völlig wahnsinnig über dessen Pferd her, um sich anschließend auf die Jagd nach ihm zu begeben. Auf der Flucht warf der Jüngling erst die Nadel und dann den Salzkristall hinter sich, doch die Wildstreune konnte die Hindernisse schnell überwinden. Da fingen die Tauben an zu flattern, woraufhin die Frau des Jünglings sie freiließ, sodass sie, in Flügelrosse verwandelt, zu ihrem Gatten flogen und den um sein Leben Laufenden erretteten. Seiner Frau erzählte er nichts von seiner Schwester und gab vor, dass eine Krankheit sein Volk dahingerafft hatte, um von da an mit seiner Familie in Seligkeit und Glück zu leben.[1]
Hintergrund
Das Märchen wurde von Chāl Abdallah erzählt und bekam im Deutschen in Werner Daums Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus dem Jemen – Mythen und Märchen aus dem Reich von Saba den Titel Die Wildstreune. Nach Daum fasst die Rahmengeschichte von der Wildstreune zwei verschiedene Geschichten zusammen. Sie selbst sei wohl die mythologische Erklärung für eine Epidemie, die durch einen weiblichen Dämon symbolisiert wird, wobei darin eventuell die babylonische Lilith gesehen werden kann. Der Hauptteil der Geschichte bildet, in zweifacher Ausführung, die Geschichte über die alt-arabische Figur des Afrits, der außerhalb des Jemens Ifrit genannt wird.[1][2] In diesem sieht Daum die Personifizierung des Tropengewitters, das einmal im Jahr, zur Regenzeit, das Wasser bringt.[1]
Weiterhin verweist Daum auf die Nächte 769 und 770 in Tausendundeine Nacht (Enno Littmann V, S. 273).[1]
Literatur
- Werner Daum (Samm., Übers. und Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus dem Jemen – Mythen und Märchen aus dem Reich von Saba. Eugen Diederichs Verlag, Köln 1983, S. 38–55, 261–262.