Dienstmädchen in Uniform
Gemälde von Irma Stern von 1955
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Dienstmädchen in Uniform (englisch Maid in Uniform) ist ein Gemälde der südafrikanischen expressionistischen Malerin Irma Stern von 1955. Es behandelt die verflochtenen Themen Rasse, Klasse und Geschlecht und gilt als ihr letztes bedeutendes Werk.
| Dienstmädchen in Uniform |
|---|
| Irma Stern, 1955 |
| Öl auf Leinwand |
| 69 × 63 cm |
| Irma Stern Trust Collection, Kapstadt |
Bildbeschreibung
Eine Schwarze sitzt mit verschränkten Armen auf einem weißen Stuhl. Ihre niedergeschlagenen Augen blicken nach links unten aus dem Bild. Ihr Gesichtsausdruck wirkt nachdenklich, beinahe skeptisch. Die Frau trägt eine Dienstmädchenuniform, die aus einer weißen Kopfbedeckung (Tuch oder Haube) und einem weißen Schürzenkleid über einer Bluse in blauen und grünen Farbtönen besteht. Gelbe Farbkleckse deuten einen Knopf an ihrer Unterwäsche an. Auch die Kontur der Unterlippe wird mit einem gelben Klecks hervorgehoben. Ein horizontal geteiltes Fenster mit grünem Rahmen nimmt den Großteil des Hintergrunds ein. Oben links ist das Gemälde signiert mit „Irma Stern 1955“.
Das Bild ist expressionistisch gehalten. Die Pinselstriche sind kräftig und sichtbar, erdige und kühle Töne dominieren: Braun für die Haut, Grün und Blau für Kleidung und Fensterrahmen sowie Weiß für Schürze und Kopfbedeckung. Durch den Kontrast der kühlen Farben (Grün, Blau, Weiß) zum warmen Hautton der Frau wird der Fokus auf ihr Gesicht gelenkt, das den emotionalen Mittelpunkt des Bildes darstellt.
Geschichte
1955 lag Irma Sterns Lebensmittelpunkt, abgesehen von Arbeitsaufenthalten, seit 35 Jahren wieder in Südafrika. Während man sie in ihren ersten Jahren dort als Repräsentantin der „Exzesse“, der „Dekadenz“ des europäischen Modernismus geschmäht hatte, hatten sich ihre jährlichen Ausstellungen Ende der 1940er Jahre zu einem gesellschaftlichen Event entwickelt. Ein Kritiker schrieb darüber, dass sie „Triumphzügen“ eines römischen Prokonsuls ähnelten. Sie war auf dem Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. 1947 hatte es eine Vernissage ihres Werks in Paris gegeben. Ab 1955 begann sie wieder im deutschsprachigen Raum auszustellen, zunächst in München, dann in Berlin und Linz.[1.1]
In dieser Zeit entstand 1955 mit Dienstmädchen in Uniform ihr letztes bedeutendes Gemälde.[1.2] 1948 waren in Südafrika die Gesetze verabschiedet worden, mit denen die Rassendiskriminierung in Südafrika, die Apartheid, auf systematische Art und Weise institutionalisiert und gesetzlich festgeschrieben wurde. Im Entstehungsjahr des Bildes versammelte sich bei Johannesburg ein Bündnis politischer Organisationen, der sogenannte Congress of the People, und beschloss eine neue Vision für Südafrika, die Freiheitscharta. Unter den Vorschlägen der Charta war die Forderung, dass Hausangestellte ebenso wie Bergleute und Landarbeiter „dieselben Rechte haben sollten wie alle anderen, die arbeiten“. 1958 spendete Stern eine Gouachemalerei an einen Rechtsschutzfond, als die Urheber der Charta, darunter Nelson Mandela, verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt wurden. Doch darüber hinaus engagierte sie sich nicht im Kampf gegen Apartheid.[1.3] Letztendlich überwogen für sie die Vorteile einer vom Staat protegierten Nationalkünstlerin, die für ihre Ausstellungen im Ausland finanziell unterstützt wurde. Als Jüdin war sie vermutlich auch erleichtert, dass die Apartheid-Gesetze die jüdische Bevölkerung Südafrikas vergleichsweise schonten. Der Antisemitismus der burischen Nationalisten und Nationalistinnen war in der ersten Jahrhunderthälfte stark gewesen.[2.1] Die Kunsthistorikerin Lisa Hörstmann schrieb:
„So war Stern sicherlich dankbar für die Kompatibilität ihrer oft stereotypisierenden Porträts Schwarzer Südafrikaner*innen mit dem Interesse des Apartheidregimes an einer Nationalkunst, die vermeintliche ethnische Unterschiede innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft betonte.“

Irma Stern verkaufte das Bild nicht. Seit ihrem Tod 1966 gehört es zur Irma Stern Trust Collection.[3] Es wurde im Irma Stern Museum ausgestellt, das 1970 in ihrem Kapstadter Haus The Firs eröffnet wurde. Das Museum wurde im Oktober 2025 aus konservatorischen Gründen geschlossen;[4] die Sammlung wurde in Lagerräume gebracht.[5]
Deutung
Für Sterns Biografen Sean O’Toole spiegelt sich in Dienstmädchen in Uniform die „Bitternis der Apartheid“ wider:[1.3] Das sozialrealistische Porträt der namenlosen Frau gilt als einzigartig in Sterns Œuvre, da es nichts mehr von der romantisch verklärten Schönheit des ländlichen Afrikas zeigt und die Schwarze statt in traditioneller ethnischer Kleidung in einer Arbeitsuniform darstellt.[1.3][6]
Marilyn Wyman konstatierte, dass der gesenkte Blick und das introvertierte Auftreten des Dienstmädchens die Ungleichheit der sozialen Positionen zwischen den Betrachtern und der Porträtierten deutlich ausdrückt. Das Porträt bekräftige den niedrigen sozialen Status der Hausarbeit. Wyman wie auch LaNitra Berger verwiesen auf die Argumentation der Soziologin Jacklyn Cock, die 1978 die Hausarbeit in Südafrika als „Unterdrückung von Frauen durch Frauen“ beschrieben hatte. Das Paradox des südafrikanischen Feminismus sei, dass Weiße Frauen durch die Unterdrückung Schwarzer Angestellter von ihren Haushaltspflichten befreit wurden. Diese nähmen durch „ein engmaschiges Geflecht von Zwängen: einen Zustand der Unterwerfung und Unbeweglichkeit“ eine „Maske der Ehrerbietung“ als schützende Verkleidung an. Das Gesicht von Sterns Dienstmädchens lehne sich in mehrfacher Hinsicht an diese Maske an.[7][6]
Berger schrieb, dass sich Schwarze beim Anblick des Bildes sofort mit der Dargestellten identifizieren würden, vor allem mit „dem Blick“ („the look“), der eine „Mischung aus Stärke, Selbstvertrauen und Wut im Gesicht“ zeige. Ihn erkenne fast jedes Schwarze Kind bei einer Schwarzen Frau und wisse genau, was er bedeute.[8]
Das Bild weiche von Sterns sonstigen Darstellungen von Schwarzen ab: Üblicherweise hatten diese einen neutralen Gesichtsausdruck, und ihr Blick begegnete den Betrachtenden nicht direkt. Doch das Dienstmädchen in Uniform schaue bewusst weg, „als wäre [es] gezwungen worden, für das Gemälde zu posieren“. Auch die Farben unterschieden sich von Sterns Werken, die sonst ein „ländliches Afrika“ darstellen sollten: Die Stimmung sei durch die dunkleren Blau- und Grautöne deutlich bedrückender. Das Bild offenbare die Brüche und Spannungen, die während der Apartheid ihren Höhepunkt erreichten, und drücke visuell die Ablehnung der Apartheid durch Schwarze Frauen aus.[6]
Wirkungsgeschichte
Lisa Hörstmann bezeichnete Dienstmädchen in Uniform zusammen mit dem Bild Malay Bride von 1942 als Irma Sterns größtes Vermächtnis.[2.2]
LaNitra Berger wies darauf hin, dass Sterns Erfolg größtenteils auf ihren Gemälden von schwarzen Frauen basiere. Sie kritisierte, dass Stern nie gegen die schlechte Behandlung von Schwarzen protestierte und sich sogar über das Verhalten der Schwarzen beklagte, als diese begannen, gegen die Apartheid zu protestieren.[6]
Der südafrikanische Künstler Athi-Patra Ruga hat sich intensiv mit Sterns Werk auseinandergesetzt, darunter mit dem Bild Dienstmädchen in Uniform. Seine beiden Großmütter arbeiteten ebenfalls als Hausangestellte, wie auch ihre Vorfahren. Doch seien sie viel mehr gewesen als nur Dienstmädchen. So hätte eine seiner Großmütter ein Molkerei-Unternehmen gegründet. Dies hat er in seinem Wandteppich Manifest Destiny/Autistic Empire verarbeitet, das eine Königin zeigt, die das Gesicht einer seiner Großmütter habe. Das sei seine Art gewesen, das „Dienstmädchen“ zu entschädigen und ihre Unterdrückung wiedergutzumachen.[9]
Sterns Bilder in südafrikanischen Kunstmuseen (vor allem Johannesburg Art Gallery) gehören zu den wenigen, die Schwarze Menschen Südafrikas positiv zeigen. Die Darstellung der Porträtierten habe „nichts Entwürdigendes“ an sich, so 2025 Gcotyelwa Mashiqa, Kuratorin der Johannesburg Art Gallery. Jedoch seien die ursprünglichen Bildtitel problematisch. Für südafrikanische Schwarze Kunstschaffende heute hätten Sterns Bilder allerdings keine Relevanz, sie würden sie nicht inspirieren.[10]
Mashiqa griff eine These LaNitra Bergers auf: „If Rhodes Must Fall, Must Stern Fall?“ („Wenn Rhodes fallen muss, muss auch Stern fallen?“), womit auf eine Protestbewegung von Studierenden 2015 in Südafrika angespielt wurde, die letztendlich zur Entfernung der Statue von Cecil John Rhodes vom Campus der Universität Kapstadt führte. Das Rhodes-Denkmal war das Symbol für die noch nicht erfolgte Dekolonialisierung des Bildungssystems in Südafrika. Mashiqa fragte: „Wer ist daran interessiert, dass das Erbe von Künstler*innen wie Stern fortbesteht, auch wenn es sehr problematisch ist? […] Aber irgendwie wird Stern weiterhin geschützt, sie regiert aus dem Grab heraus – wie auch Rhodes.“ Es sei aber nicht die Aufgabe der Schwarzen im Kunstbetrieb, diese Dekolonialisierung zu leisten.[10]
Weblinks
- Informationsseite zum Bild des Irma Stern Museums
- Informationsseite zum Bild der Irma Stern Trust Collection