Dieser Drang nach Härte
Buch von Eva von Redecker
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Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus[1] ist ein Sachbuch, in dem die Philosophin Eva von Redecker eine zeitgemäße Bestimmung des Begriffs Faschismus versucht, die sie aus einer „entfesselten Eigentumslogik“ des Kapitalismus ableitet. Das Buch erschien 2026 beim S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main.
Inhalt
Im ersten Kapitel des Buches – Ausverkauf der Symbole oder warum wir einen Begriff des Faschismus brauchen[1.1] – bemängelt Redecker den inflationären Gebrauch des Vorwurfs, etwas oder jemand sei faschistisch. Keiner wisse mehr so genau, was mit der ultimativen Anschuldigung eigentlich gemeint sei.[1.2] Sie diagnostiziert: „Genau in dem Moment, wo wir sie am dringendsten brauchen, scheint die Sprache, mit der wir über den Faschismus reden, kaputtgegangen zu sein.“[1.3] Dagegen helfe aus philosophischer Sicht nur das Bemühen um brauchbare Begriffe. Ihren Faschismus-Begriff skizziert sie bereits im selben Kapitel. Im letzten Kapitel des Buches – Eingedenken und Gegenstrategien[1.4] – bezweifelt sie dann, ob der Faschismus-Begriff wirklich gebraucht wird. „Wenn wir einen klaren Blick dafür haben, wo der wahnhafte Eigentumsrausch wütet, müssen wir ihn nicht unbedingt Faschismus nennen. Ich glaube auch nicht, dass es im Kampf gegen ihn viel hilft, den Faschismus »Faschismus« zu nennen. Die Hoffnung mit dem schrillsten Begriff, die Gegenwart zum Innehalten zu bringen, ist vergebens.“[1.5]
„Liquidierende Phantombesitzverteidigung“
Gemäß Redeckers Definition bildet eine „entfesselte Eigentumslogik“ den Kern des Faschismus. „Seine Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe.“[1.6] Das seien diejenigen, die ein „Quasi-Eigentum“ angreifen und deshalb liquidiert werden müssen. Faschisten würden sich im Verteidigungsmodus sehen. Somit sei Faschismus „liquidierende Phantombesitzverteidigung“.[1.7] Er habe ein Objekt – den Phantombesitz, der zu schützen ist – und ein Abjekt – „das Phantasma, das ausgelöscht werden muss“.[1.7]
Phantombesitz sei ein Scheinbesitz, der aus einer lange eingeübten Anspruchshaltung hervorgeht. Phantombesitzer wollten weiterhin über die Körper dienstbarer Frauen und verdinglichter schwarzer Menschen verfügen, so, wie es in patriarchalen und rassistischen Ordnungen Realität war. Phantombesitz könne auch den eigenen Heizungskeller, Verbrennermotoren, die Familie, das „völkische Blut“, die Nation oder die Identität umfassen.[1.6] Er sei nicht grundsätzlich faschistisch, werde es aber, „sobald eine Notlage postuliert wird, in der plündernde Feinde (Migranten, Grüne, ‚Globalisten‘, radikale Linke) eliminiert werden müssen.“[2] Der Faschismus agiere im „Modus der Selbstverteidigung“, und weil er kein echtes Eigentum, sondern Phantombesitz verteidige, könne er sich so leicht einreden, dass die Plünderung in vollem Gange sei.[1.8] Dann proklamiere er einen Ausnahmezustand, um seine Ansprüche, „die meist durch vergangene Gewalt vorgezeichnet sind“, zu schützen.[1.9]
„Gang durchs Philosophiemuseum“
Im Verlauf des Buches referiert Redecker ausführlich moderne Klassiker kritischen Denkens, wie Hannah Arendt, Walter Benjamin, Ernst Bloch, Erich Fromm, und wiederholt Max Horkheimer und Theodor W. Adorno und gleicht ihre Faschismus-Formel mit deren Ansichten ab. In einem Gespräch mit Spiegel-Redakteuren erläutert sie: „Mein Buch ist ein Gang durchs Philosophiemuseum, aber in einem Moment, in dem das Museum brennt. Ich wollte noch einmal die Augen öffnen für die ungehobenen Schätze der Kritischen Theorie.“[3]
Besonderer Referenzpunkt ihrer Überlegungen ist die Dialektik der Aufklärung, wobei sie sich auf den Aspekt Liberalismuskritik konzentriert.
Sie zitiert Horkheimers Satz „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen“[1.10] und erläutert Kapitalismus sei „preisgebende Sachherrschaft“.[1.11] Dabei handele es sich um ein System, in dem immer dreifach akkumuliert wird: „Verfügungsmacht zu mehr Verfügungsmacht. Vermögen zu mehr Vermögen und Ausgesetzes zu mehr Ausgesetztem.“[1.11] Es gebe keinen Kapitalismus nur des Profits, er sei immer auch „Unterwerfungsmacht und Trümmer, Kolonialisierung und Preisgabe von Leben.“[1.11] „Preisgebende Sachherrschaft“ könne partiell gezähmt werden, die Gefahr des Übergangs zu „Liquidierender Phantombesitzverteidigung“ steige jedoch, wenn soziale Schutzvorrichtungen schwinden, was mit dem Neoliberalismus eintrat.[1.11] Redecker postuliert: „Die liberale demokratische Ordnung ist nicht nur das Andere des Faschismus, sondern auch sein Ausgangpunkt.“[1.12] Damit sei jedoch nicht unterstellt, der Liberalismus sei eigentlich schon immer faschistisch gewesen. Die liberale Ordnung lasse nicht bloß ihre Masken fallen und zeige sich dann als Faschismus. Sie zerbreche und ändere dabei ihr Antlitz. „Aber dass sie das auf diese katastrophale Weise tut, das spricht dennoch gegen diese Ordnung, spricht auch gegen ihre bloße Reparatur.“[1.13]
Rezeption
In seiner Rezension für die Süddeutsche Zeitung befindet Joachim Käppner, das Buch sei klug, geistreich und zur Auseinandersetzung anregend. „Nur eine klare neue Definition seines Gegenstandes kommt nicht dabei heraus.“ Redeckers Gedanken hätten einen Hauch von neomarxistischer Anmutung, verbunden mit einem tiefen Misstrauen gegen den Liberalismus. Käppner fragt: „Wie aber soll sich die demokratische Mitte gegen den Angriff von rechts verteidigen, wenn eigentlich die Marktwirtschaft, ›der Kapitalismus‹, den Nährboden für Faschismus biete?“[4] Das sei eine „gute Frage“, heißt es in der Buchbesprechung der Schweizer WOZ von Daniel Hackbarth, die «demokratische Mitte» solle sie sich dringend stellen.[5]
Im Wiener Standard nennt Ronald Pohl die Autorin „epigonal“. Ihr Buch folge „mit erstaunlicher Treue“ all den Einsichten aus Dialektik der Aufklärung (1944) von Adorno und Horkheimer. Mit bald neunzigjährigen Konzepten sei noch immer Staat zu machen.[6]
Im Philosophie Magazin schreibt Elisa Primavera-Lévy, Redeckers Definition stehe fest auf dem Boden der Kritischen Theorie. Zum Kern der Gegenwartsanalyse zähle außerdem die Auseinandersetzung mit dem Liberalismus. Redecker zeige, warum unsere liberale Ordnung ein Potenzial zur Selbstzerstörung in sich trägt.[2]
Henriette Hufgard (die tagezeitung) nennt das Buch eine „Stopptaste“. Es zwinge die Lesenden näher an Dinge, die man doch so gerne als das Undenkbare von sich weghalten möchte: „Kommt der Faschismus wirklich wieder? Ist er vielleicht schon da? Woran könnte man das überhaupt festmachen?“[7]
Für Nils Schniederjann (Deutschlandfunk Kultur) schafft Eva von Redecker mit ihrem Buch etwas Seltenes: „eine tatsächlich neue Definition des Faschismus, die nicht aus der Luft gegriffen scheint.“ Die Lektüre verändere den Blick auf den Liberalismus. Gerade, wenn es um den Kampf gegen rechts geht, lasse sich oft beobachten, dass auch der linkeste Denker plötzlich zum glücklichen Verteidiger der bestehenden Ordnung wird. Das sei bei Eva von Redecker nicht der Fall. „Wo andere den Liberalismus als glückselige Insel begreifen, die es gegen einen übergriffigen Autoritarismus zu verteidigen gilt, kritisiert sie ihn als die Ordnung, die die faschistischen Phantasmen erst hervorbringt.“[8]