Dieter Falkenhagen

deutscher Mediziner und Physiker From Wikipedia, the free encyclopedia

Dieter Falkenhagen (* 23. März 1942 in Dresden; † 11. August 2015 in Berlin) war ein deutscher Mediziner, Physiker und Hochschullehrer.

Leben

Familie

Falkenhagen entstammte einer akademischen Familie mit ausgeprägter wissenschaftlicher Tradition. Er war der älteste Sohn von Hans Falkenhagen, Hochschullehrer für Theoretische Physik und Direktor des Instituts für Theoretische Physik an der Technischen Universität Dresden und später Hochschullehrer an der Universität Rostock; seine Mutter, eine geborene Arledter, stammte aus Österreich.[1]

Der Nobelpreisträger Lars Onsager war sein Onkel.[2]

Falkenhagens Ehefrau Ursula (* 1942 in Lutherstadt Wittenberg), die Tochter des Kreisoberinspektors Richard Specht, war ebenfalls Hochschullehrerin und bekleidete eine Professur für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Rostock[3]; gemeinsam hatten sie zwei Töchter.[4]

Ausbildung und frühe akademische Laufbahn

Nach dem Abitur im Jahr 1960 in Rostock begann Falkenhagen zunächst ein Studium der Physik an der Universität Rostock, das er von 1960 bis 1966 absolvierte und mit dem Diplom abschloss. Diese naturwissenschaftliche Grundausbildung sollte seine spätere interdisziplinäre Arbeitsweise prägen. Unmittelbar im Anschluss nahm er von 1966 bis 1971 ein Studium der Humanmedizin an derselben Universität auf, das er mit dem Medizinischen Staatsexamen erfolgreich beendete. Diese ungewöhnliche Doppelqualifikation in Physik und Medizin bildete das Fundament für seine späteren Arbeiten an der Schnittstelle zwischen Ingenieurwissenschaften und Medizin. Von 1971 bis 1976 absolvierte Falkenhagen seine Fachausbildung für Innere Medizin an der Universität Rostock und erwarb 1976 die Facharztanerkennung für Innere Medizin. Bereits 1974 promovierte er zum Dr. med. mit einer Arbeit über die Katalase-Aktivität in der Leber bei Patienten mit malignen Tumoren, die seine frühe Beschäftigung mit biochemischen Prozessen im menschlichen Körper dokumentiert.

Spezialisierung und wissenschaftliche Etablierung in Rostock

Von 1976 bis 1984 war Falkenhagen als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock tätig, wobei er parallel von 1976 bis 1978 eine Subspezialisierung für Nephrologie durchlief. Die Nephrologie, die Lehre von den Nierenerkrankungen, wurde zu einem seiner Kernarbeitsgebiete und führte ihn zur intensiven Auseinandersetzung mit Blutreinigungsverfahren und extrakorporalen Therapiesystemen. 1978 erwarb er die Facharztanerkennung für Nephrologie. In dieser Zeit leitete er bereits den Forschungsdialysebereich der Abteilung für Innere Medizin und etablierte sich als Experte für innovative Dialyseverfahren.

Seine wissenschaftliche Leistung wurde 1984 mit der Habilitation zum Dr. sc. med. im Fach Innere Medizin gewürdigt. Die Habilitationsschrift, die er gemeinsam mit James McNiven Courtney (1940–2023)[5][6] verfasste, trug den Titel Blood purification by sorption an assessment of the effectiveness and blood compatibility of selected haemosorbents und dokumentiert seine Arbeiten zur Blutreinigung durch Adsorptionsverfahren, die international Beachtung fanden. Die Schrift galt als die erste gemeinsame Dissertation, die in einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen einem Forscher aus dem Osten (DDR) und einem Forscher aus dem Westen (Großbritannien) stattfand. Die Arbeit befasste sich mit der Hämoperfusion, einem Verfahren der extrakorporalen Blutreinigung. Dabei werden Adsorbentien (Hämosorbentien) eingesetzt, um Giftstoffe direkt aus dem Blut zu entfernen. Seine Dissertation bewertete die Wirksamkeit dieser Materialien sowie deren Verträglichkeit mit Blutkomponenten (Biokompatibilität). Der Rostocker Professor Horst Klinkmann, ein Pionier der Dialyse und damaliger Präsident der Welthemanalyse-Gesellschaft, war die treibende Kraft dieser Zusammenarbeit. Er pflegte internationale Kontakte und ermöglichte seinen Mitarbeitern – trotz der Restriktionen in der DDR – den Austausch mit westlichen Spitzenforschern. In Fachkreisen wurde die Arbeit als Hommage an Klinkmanns Vermittlerrolle gesehen. Während die Arbeitsgruppe von Courtney in Glasgow weltweit führend in der Materialforschung und der Entwicklung blutverträglicher Polymere war, verfügte Rostock mit Falkenhagen über eine starke klinische Basis in der Anwendung der Blutreinigung.

Leitungsfunktionen und internationales Engagement

Von 1984 bis 1991 wirkte Falkenhagen als Oberarzt an der Klinik für Innere Medizin der Universität Rostock und übernahm gleichzeitig von 1984 bis 1988 die Leitung der Forschungsabteilung dieser Klinik. Von 1987 bis 1991 hatte er zusätzlich die Position eines Hochschuldozenten an der Universität Rostock inne. In dieser Phase baute er von 1988 bis 1991 das Zentrum für Bioengineering auf, dessen Leitung er übernahm und das seine Vision einer systematischen Verbindung von medizinischer Praxis und technologischer Innovation institutionalisierte.

Er nutzte seine große Erfahrung als Leiter einer Expertengruppe, um gemeinsam mit Kollegen neue medizinische Geräte zu entwickeln. Dabei entstanden viele verschiedene Systeme: zum Beispiel ein künstliches Herz für Tierversuche, spezielle Filter für die Dialyse (Blutwäsche) sowie moderne Monitore und Messgeräte für wichtige Blutwerte.

Da er sich bereits früher mit Lebererkrankungen beschäftigt hatte, untersuchte er zudem, wie man Giftstoffe bei Nieren- und Leberversagen am besten aus dem Blut filtern kann. Falkenhagen erkannte schon früh, wie wichtig es ist, direkt mit der Industrie zusammenzuarbeiten. Er startete Projekte mit Firmen in der DDR, blickte aber auch über die Grenzen und den Eisernen Vorhang hinaus: Er initiierte und unterstützte gemeinsame Projekte mit dem VEB MLW Keradenta-Werk Radeberg in der DDR und überschritt nationale Grenzen mit AKZO ENKA AG in Westdeutschland sowie mit der Cordis Dow Corporation[7] in den USA.

Mit der Unterstützung von Fresenius Medical Care wurde ein neues Therapiesystem zur Behandlung von Leberversagen namens Prometheus[8][9] entwickelt und erfolgreich getestet, basierend auf seiner ursprünglichen Arbeit in Rostock.

Bereits seit 1981 war Falkenhagen als Vorstandsmitglied der International Society for Artificial Organs[10] für Osteuropa tätig, eine Position, die er bis 1991 innehatte und die seine frühe internationale Vernetzung und Reputation auf dem Gebiet der künstlichen Organe belegt. Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde sein Dr. sc. med. 1991 in einen Dr. med. habil. umgewandelt, was ihm die weitere akademische Karriere im gesamtdeutschen Wissenschaftssystem ermöglichte.

Übergang in die Wirtschaft und internationale Professuren

Von 1991 bis 1992 wechselte Falkenhagen vorübergehend in die Privatwirtschaft und arbeitete als Manager für wissenschaftliches Marketing bei der Firma Fresenius, einem der weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Dialysetechnik und medizinischen Versorgung. Diese Position ermöglichte ihm tiefe Einblicke in die praktische Umsetzung und Vermarktung biomedizinischer Technologien. Bereits 1992 kehrte er in den akademischen Bereich zurück und übernahm die Leitung des Instituts für Bioingenieurswesen an der Landesakademie für Niederösterreich in Krems, eine Position, die er bis 1995 innehatte. Zahlreiche internationale wissenschaftliche Tagungen mit hochrangigen Rednern aus den Bereichen Bioengineering, Biomaterialien, Geräteherstellung und Hämodialyse sowie aus der Adsorber- und Nanotechnologie wurden nach den Konzepten von Dieter Falkenhagen organisiert und förderten die wissenschaftliche Reputation der Stadt Krems, aber nicht nur die Landesakademie profitierte von diesem Ideenaustausch, sondern auch Wissenschaftler auf der ganzen Welt.[11]

Parallel dazu wirkte er von 1992 bis 1993 als Gastprofessor an den Universitäten Gent in Belgien und Bologna in Italien, was seine zunehmende internationale Anerkennung dokumentierte. 1993 wurde er zum Hochschullehrer an der International Faculty for Artificial Organs der Universität Bologna ernannt, eine prestigeträchtige Auszeichnung, die seine führende Rolle auf diesem Forschungsgebiet unterstrich.

Aufbau der biomedizinischen Forschung in Krems

Im Jahr 1995 übernahm Falkenhagen die Leitung des Zentrums für Biomedizinische Technologie an der Donau-Universität Krems in Österreich, eine Institution, die er maßgeblich ausbaute und zu einem international renommierten Forschungszentrum entwickelte. Ein Jahr später, 1996, wurde er zusätzlich Leiter der Abteilung für Umwelt- und Medizinische Wissenschaften sowie von 1996 bis 2005 Vorsitzender des Kollegiums an derselben Universität.[12] Seine internationale Reputation wurde 1997 durch die Ernennung zum Tenured Professor (Professur auf Lebenszeit) an der International Faculty for Artificial Organs der University of Strathclyde in Glasgow, Großbritannien, weiter gefestigt. Von 1999 bis 2002 war er als Visiting Professor an der Bioengineering Unit dieser schottischen Universität tätig.

1999 gründete er das Unternehmen Biotec Systems, das 2010 in Fresenius Medical Care Adsober Tec GmbH umfirmiert wurde.[13]

Im Jahr 2005 erfolgte seine Ernennung zum Hochschullehrer für Gewebe- und Organersatz an der Donau-Universität Krems, womit seine wissenschaftliche Expertise auch formal in dieser zukunftsweisenden Disziplin anerkannt wurde.[14] Gleichzeitig übernahm er die Leitung des Departments für Gesundheitswissenschaften und Biomedizin sowie die Leitung mehrerer Zentren, darunter das Zentrum für Biomedizinische Technologie und das Zentrum für Gesundheitsförderung, Sport und Sozialwissenschaften.

Im Jahr 2009 initiierte und etablierte er die interdisziplinäre Kongressreihe BioNanoMed in Krems.

Er verfasste oder war Mitautor von mehr als 300 häufig zitierten Publikationen und hielt zahlreiche Patente.

2013 erfolgte seine Pensionierung.

Wissenschaftspolitische Funktionen und Gremientätigkeit

Neben seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit engagierte sich Falkenhagen intensiv in wissenschaftspolitischen Gremien und Beratungsfunktionen. Von 1995 bis 1997 war er Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Großforschungseinrichtung GKSS Geesthacht GmbH, der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (siehe Helmholtz-Zentrum Hereon), sowie im wissenschaftlichen Beirat des Interdisziplinären Zentrums für klinische Forschung BIOMAT an der RWTH Aachen. Im Jahr 1995 wurde er vom Bundesministerium für Forschung als Experte für die Auswahl von Kompetenz-Zentren für Biomedizinische Technik in Deutschland berufen, was seine Schlüsselrolle bei der Gestaltung der biomedizinischen Forschungslandschaft im deutschsprachigen Raum unterstrich. Seit 1999 war er Vorstandsmitglied der Erwin-Schrödinger-Gesellschaft für Nanowissenschaften und wurde 2008 zu deren Vizepräsidenten gewählt. Von 2000 bis 2002 amtierte er als Präsident der European Society for Artificial Organs (ESAO)[15], der wichtigsten europäischen Fachgesellschaft auf diesem Gebiet. Er hielt nicht nur Vorlesungen für Studierende im Rahmen akademischer Lehrpläne, sondern initiierte auch die Einrichtung der ESAO Winter- und Sommerschulen als erfolgreiches Modell zur Bereitstellung einer Plattform für interdisziplinäre Lehre nicht nur für Studierende, sondern auch für Postdoktoranden, Kliniker und Ingenieure auf hohem Niveau.

Seit 2008 bekleidete er zusätzlich das Amt des Vizepräsidenten der World Apheresis Association[16], was seine führende Rolle in der internationalen Forschungsgemeinschaft für Blutreinigungsverfahren dokumentierte.

Falkenhagen wurde auch zum gewählten Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften in Deutschland ernannt.

Er war Mitglied von Redaktionsausschüssen und häufiger Gutachter für viele wissenschaftliche Publikationen in Zeitschriften wie Artificial Organs, The International Journal of Artificial Organs, Therapeutic Apheresis and Dialysis und anderen.

Auszeichnungen und Ehrungen

Falkenhagens wissenschaftliche Leistungen wurden durch zahlreiche Ehrungen gewürdigt. Bereits 1985 erhielt er den Rudolf-Virchow-Preis, eine der renommiertesten Auszeichnungen im Bereich der Medizin im deutschsprachigen Raum. 1989 wurde ihm die Ehre eines Honorary Lecturer (Ehrendozent) an der Bioengineering Unit der University of Strathclyde in Glasgow zuteil.

In der Kategorie Innovation wurde die mit 100.000 Schilling dotierte Meilenstein-Statuette im Rahmen des niederösterreichischen Meilenstein-Zukunftspreis 2000 an Dieter Falkenhagen vom Zentrum für Biomedizinische Technologie der Donau-Universität Krems verliehen, weil dessen dort entwickeltes Leberunterstützungssystem eine kosteneffiziente und wirkungsvolle Therapie bei Organversagen ermöglichte.

Im Jahr 2009 wurde er mit dem Wissenschaftspreis Niederösterreich ausgezeichnet, der seine Verdienste um den Wissenschaftsstandort Österreich würdigte.[17] Im selben Jahr erhielt er den Emil Bücherl Award der ESAO[18], die höchste Auszeichnung dieser Fachgesellschaft für herausragende Beiträge zur Entwicklung künstlicher Organe. 2011 verlieh ihm das Land Niederösterreich das Silberne Komturkreuz in Anerkennung seiner Verdienste.[19]

Für seine Verdienste wurde er 2013 mit dem Ehrenring der Donau-Universität Krems ausgezeichnet[20]; im selben Jahr erhielt er auch den Ehrenring der Stadt Krems.[21]

2014 wurde ihm die Ehrenmitgliedschaft des BioTec Area Vereins Krems verliehen.[22]

Schriften und Interviews (Auswahl)

  • Die Katalase-Aktivität in der Leber bei Patienten mit malignen Tumoren. 1974.
  • Blood purification by sorption an assessment of the effectiveness and blood compatibility of selected haemosorbents. 1984.
  • Hans Robert Müller; Rudolf Gräfe; Dieter Falkenhagen: Grundriss der Physik für Mediziner und medizinische Berufe. 1990.
  • Dieter Falkenhagen; Johann Günther: Telemedizin, eine Telematikanwendung. Hrsg. und Verlag: Donau-Universität Krems, Krems 1998, ISBN 3-901876-02-2.
  • Dieter Falkenhagen im Interview mit Doris Griesser von Der Standard vom 24. Januar 2005 (Digitalisat).

Literatur

  • Eintrag im Katalog zu Dieter Falkenhagen im Catalogus Professorum Rostochiensium.
  • Trauer um Univ.-Prof. Dr. Dieter Falkenhagen. In: Presseinformationen der Universität für Weiterbildung Krems (Digitalisat).
  • Viktoria Weber; Thomas Groth: In Memoriam Dieter Falkenhagen (1942–2015): Pioneer, Enthusiast, Visionary. In: The International Journal of Artificial Organs (IJAO). 2015; 38 (11): Dezember 2015. S. 615–616. (Digitalisat).

Einzelnachweise

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