Diphenhydramin

Arzneistoff, organische Verbindung From Wikipedia, the free encyclopedia

Diphenhydramin (kurz DPH, gelegentlich auch DHM[5]) ist ein Arzneistoff aus der Klasse der H1-Antihistaminika. Er wirkt gleichzeitig stark anticholinerg.[6]

Schnelle Fakten Strukturformel, Allgemeines ...
Strukturformel
Strukturformel von Diphenhydramin
Allgemeines
Freiname Diphenhydramin
Andere Namen
  • 2-Benzhydryloxy-N,N-dimethyl-ethylamin
  • 2-(Diphenylmethoxy)-N,N-dimethylethanamin (IUPAC)
  • Diphenhydramini hydrochloridum (Latein)
Summenformel
Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer
EG-Nummer 200-396-7
ECHA-InfoCard 100.000.360
PubChem 3100
ChemSpider 2989
DrugBank DB01075
Wikidata Q413486
Arzneistoffangaben
ATC-Code
Wirkstoffklasse

Antihistaminika, Psychotropikum

Wirkmechanismus
Eigenschaften
Molare Masse 255,36 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Dichte

1,02 g·cm−3 (20 °C)[1]

Schmelzpunkt

168–172 °C (Hydrochlorid)[1]

Siedepunkt

150–165 °C (ca. 300 Pa)[1]

pKS-Wert

8,98[2]

Löslichkeit

schlecht in Wasser (3 g·l−1 bei 37 °C)[2]

Brechungsindex

1,5485[1]

Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung[3]

Hydrochlorid

Achtung

H- und P-Sätze H: 302
P: 264270301+312501[3]
Toxikologische Daten
Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen (0°C, 1000 hPa). Brechungsindex: Na-D-Linie, 20 °C
Schließen

Diphenhydramin kam früher in der Therapie von Allergien zur Anwendung; heute wird es jedoch in Deutschland nur noch als Beruhigungsmittel sowie bei Übelkeit und Erbrechen eingesetzt.[7] In Nordamerika ist Diphenhydramin neben seinem Einsatz als Schlaf- und Beruhigungsmittel in anderer Dosisempfehlung auch weiterhin weitverbreitet als Antiallergikum in Gebrauch. Ferner hat Diphenhydramin die FDA-Zulassung zur symptomatischen Behandlung von Parkinson und extrapyramidalen Dyskinesien.[8]

Die Abgabe von Diphenhydramin unterliegt in Deutschland, Österreich, und der Schweiz der Apothekenpflicht, in Deutschland allerdings auch der Verschreibungspflicht, wenn es zur parenteralen Anwendung verordnet werden soll.

Pharmakologie

Pharmakokinetik

Diphenhydramin wird gut und schnell in den Blutkreislauf aufgenommen. Die Bioverfügbarkeit bei oraler Aufnahme beträgt etwa 50 %. Die höchste Konzentration im Blut wird nach ca. einer Stunde gemessen, die Plasmahalbwertszeit beträgt zwischen 4 und 6 Stunden. Diphenhydramin wird hauptsächlich in der Leber durch den Cytochrom-P450-Typ CYP2D6 über den Weg der N-Demethylierung metabolisiert. Die Ausscheidung der Metaboliten erfolgt weitestgehend auf renalem Wege, also über die Nieren mit dem Harn.[9]

Wirkmechanismus

Diphenhydramin hemmt als kompetitiver Antagonist die Wirkung von Histamin an H1-Rezeptoren. Aufgrund dieser Wirkung können bei einer therapeutischen Dosierung von 25–50 mg antiallergische, antiemetische und sedierende Effekte beobachtet werden. Diphenhydramin zeigt ebenfalls eine hohe Affinität zu Muskarinrezeptoren und hat damit eine spezifische anticholinerge Komponente, weswegen Diphenhydramin in den USA auch zur symptomatischen Behandlung von Parkinson und extrapyramidalen Dyskinesien genutzt wird. Es ist darüber hinaus ein nichtselektiver Serotoninwiederaufnahmehemmer, woraus eine antidepressive Wirkkomponente resultiert.[10][11] Für bestimmte Antidepressiva (selektive Serotoninwiederaufnahmehemmer), vor allem das Fluoxetin, war Diphenhydramin damit der Ausgangsstoff der Entwicklung.[12][13][14] Ferner hat Diphenhydramin eine Wirkung auf Opioidrezeptoren, die bei der Einnahme von Opioiden zu einer Wirkungsverstärkung führen kann.[15]

Weitere Informationen Rezeptor, Wirkungsweise ...
Überblick über Bindungstellen und Wirkungen von Diphenhydramin
RezeptorWirkungsweiseEffekt
H1-Rezeptor (peripher)Inverser AgonistAntiallergisch
H1-Rezeptor (Gehirn)AntagonistSedierung
Muskarinischer Acetylcholinrezeptor M1, M2, M3, M4, M5[6]AntagonistAnti-Parkinson, anti-extrapyramidal, anticholinerg
Na-KanäleBlockerLokalanästhetisch
μ,δ, κ OpioidrezeptorenVerstärkung der MorphinwirkungAnalgesie
Schließen

Nebenwirkungen

Fast immer lässt sich bei Einnahme von Diphenhydramin Müdigkeit beobachten. Ferner können Mundtrockenheit, Photophobie und Sehstörungen auftreten. Patienten mit einem Engwinkelglaukom und Patienten mit Beschwerden beim Wasserlassen sollten auf Diphenhydramin verzichten, da es zur Verstärkung dieser Beschwerden führt. Gleiches gilt für Patienten mit angeborenem Long-QT-Syndrom, da das QT-Intervall im EKG durch Diphenhydramin bei entsprechender Veranlagung gefährlich verlängert werden kann.

Wechselwirkungen

MAO-Hemmer führen zu einem verlangsamten Abbau von Diphenhydramin und zur Überdosierung bei wiederholter Einnahme. Ebenso wird die Wirkung von Diphenhydramin durch andere Anticholinergika, zentral dämpfende Arzneimittel und Ethanol verstärkt.

Notfallmedizin

Als Histaminantagonist wird Diphenhydramin-HCl unter dem Namen Dibondrin symptomatisch bei anaphylaktischen Reaktionen (Stadium 1–3) angewandt.[16]

Sonstige Indikationen

Aufgrund seiner Eigenschaft, die Blut-Hirn-Schranke zu passieren, und seiner spezifischen Wirkungen auf diverse Botenstoffe im Gehirn wird Diphenhydramin auch als Off-Label-Medikation in der Neurologie und Psychiatrie eingesetzt, z. B. bei Parkinson (in den USA für diese Indikation zugelassen) und Zwangsstörung.[17][18][19][20]

Diphenhydramin als Halluzinogen

Die Einnahme von Diphenhydramin kann auch halluzinogen wirken, was insbesondere bei höheren Dosierungen oberhalb des therapeutischen Bereichs ab 200 mg der Fall ist. Der delirante Rausch ähnelt in seinen Effekten dem von Nachtschattengewächsen [z. B. Atropin (rac-Hyoscyamin)]. Bei hohen Dosierungen kann unter Umständen totaler Realitätsverlust eintreten. Diphenhydramin wird auch in Kombination mit Dextromethorphan zu Rauschzwecken konsumiert.[21]

Darstellung und Gewinnung

Die Synthese von Diphenhydramin erfolgt durch die Veretherung von Bromdiphenylmethan mit N,N-Dimethylethanolamin in Gegenwart von Kaliumcarbonat.[4]

Synthese von Diphenhydramin
Synthese von Diphenhydramin

Handelsnamen

Diphenhydramin
Monopräparate

Abopretten (D), Benadryl (DK, USA), Benocten (CH), Betadorm (D), Bonox (CH), Calmaben (A), Dermodrin (A), Dibondrin (A), Docpelin Nachtsterne (D), Dolestan (D), Dorm (D), Dormutil (D), Emesan (D), Halbmond (D), Hevert-Dorm (D), Hemodorm (D), Moradorm (D), Nardyl (CH), Nautamine (VN), Nervo OPT (D), Noctor (A), Nytol (UK), Olidon (D), Sediat (D), Sodormwell (D), Vivinox Sleep (D)

Kombinationspräparate

Anaesthecomp (D), Apozema Insecticum (A), Benylin (CH), Coldistan (A), DayNait (D), Detensor (CH), Histaderm (A), Lunadon (CH), Makatussin Comp (CH), Multodrin (A), Parapic (CH), Pruristop (A), Rhinitin (CH), Rhinodrin (A), Somnium (CH), Sunsan (A), Tossamin plus (CH), Zantall (A)

Commons: Diphenhydramin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI