Dmitri Alexejewitsch Gluchowski

russischer Schriftsteller und Journalist From Wikipedia, the free encyclopedia

Dmitri Alexejewitsch Gluchowski (russisch Дмитрий Алексеевич Глуховский, wiss. Transliteration Dmitrij Alekseevič Gluchovskij, anglisiert Dmitry Alekseyevich Glukhovsky; * 12. Juni 1979 in Moskau, Russische SFSR, Sowjetunion) ist ein russischer Schriftsteller, Journalist und Dissident.

Dmitri Gluchowski auf der Frankfurter Buchmesse (2022)

Leben

Dmitri Gluchowski (2018)

Gluchowski wuchs in seiner Heimatstadt Moskau auf und lernte am Polenow-Gymnasium №1231 Französisch. Anschließend studierte er Journalismus und Internationale Beziehungen an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Neben seiner Muttersprache Russisch spricht er auch Deutsch[1] sowie Englisch, Französisch, Hebräisch und Spanisch.[2][3][4] Bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 lebte er in Moskau, ging aber kurz darauf ins westeuropäische Exil.[5]

Im Juli 2007 unternahm er die erste Direktübertragung vom Nordpol in Kooperation mit der Deutschen Welle und Sky News. Als Journalist schreibt er unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Zeit oder Magazine wie Harper’s Bazaar, L’Officiel und den Playboy. Früher war er auch für den Fernsehsender Russia Today tätig.[6]

Sein Roman Metro 2033 spielt in der Moskauer Metro und war Grundlage für ein gleichnamiges Computerspiel. Die Fortsetzung trägt den Titel Metro: Last Light. Auf der Umgebung von Metro 2033 basieren auch einige Werke anderer Autoren, die auf der gleichen Ausgangslage aufbauen (siehe Metro-2033-Universum). 2009 erschien mit Metro 2034 der zweite und 2015 mit Metro 2035 der dritte Band der Reihe,[7] die laut Süddeutscher Zeitung das System Putin kritisiert.[8] Im Jahr 2018 kam die deutschsprachige Übersetzung seines Romans Text heraus, der im zeitgenössischen Moskau spielt. Gluchowski bezeichnet ihn als Techno-Thriller und Krimi-Intrige.[9] In der gleichnamigen Verfilmung des Romans hat Gluchowski einen Cameo-Auftritt.

Wegen seiner offenen Opposition gegen den Krieg in der Ukraine[10] wurde er im Juni 2022 formell auf die russische Fahndungsliste gesetzt.[11] Der Staat stufte ihn im Oktober 2022 als „Ausländischen Agenten“ ein[10][12] und obwohl das Kulturministerium in Moskau dementierte, dass es Listen mit „verbotenen Büchern“ gebe, wurden russische Buchhandlungen und Bibliotheken 2023 angewiesen, die Werke Gluchowskis aus dem Angebot zu nehmen.[13] Am 21. März 2023 wurde Gluchowski wegen seiner Äußerungen zum russischen Angriffskrieg vor einem Moskauer Gericht angeklagt und am 7. August 2023 in Abwesenheit zu acht Jahren Straflager verurteilt.[14][15][16]

Politische Ansichten und Aktivitäten

Gluchowski kritisiert die politischen Verhältnisse unter Wladimir Putin scharf. In Interviews für Die Zeit 2016, den Focus 2018 und seinem Buch Text äußerte er seine Sicht zu Russland. Nahezu sämtliche Medien seien unter der Kontrolle von Freunden und Anhängern Putins. Im Fernsehen würden zwar Diskussionen stattfinden, an denen auch „einige domestizierte Liberale“ teilnehmen dürften, letztlich sei das Ganze jedoch weitgehend „inszeniert und orchestriert“. Das Internet sei im Gegensatz zu China oder im Iran zwar frei, jedoch arbeiteten ganze Armeen von bezahlten Internet-Trollen daran, Informationen zu bestreiten und zu verwischen. Unwillkommene Nachrichten würden mit „Zusatzinformationen geflutet, mit Details, Simultanversionen, anderen Blickwinkeln, Nebensächlichkeiten und Absurditäten“. Es würden sogar Kommentatoren bezahlt, die gezielt liberale Ansichten verbreiteten, um dann anschließend von Regierungstreuen als „armselige Irre“ vorgeführt zu werden. Der Adressat solle darin „verloren gehen, den Blick für das Wesentliche verlieren, ermüden“.

Jahrelang habe die Staatsmacht unter Putin nach einer Ideologie gesucht und Verschiedenes ausprobiert, etwa die Modernisierung, die Wiederbelebung der orthodoxen Tradition, aber nichts habe wirklich Wurzeln geschlagen. Seit einiger Zeit sei der „Flaschengeist des Nationalismus und Imperialismus“ wieder hervorgeholt worden. Putin habe keinen „Masterplan für Russland“, er sei „kein Stratege, höchstens ein talentierter Taktiker“, er observiere und reagiere und handele situativ. Er habe kein Projekt, sondern habe eine „private Firma aus Russland gemacht“[17] und damit eine Zweiklassengesellschaft geschaffen: Leute, die zum Machtapparat gehören, und alle anderen, die ausgeschlossen sind. Dies beinhalte das Fehlen jeglicher Rechtssicherheit.[18]

2017 erwähnte Gluchowski in einem Interview mit der mittlerweile eingestellten Nowaja gaseta den Zusammenbruch der Ethik und das Eindringen einer Gefängniskultur in das tägliche Leben: Im Gegensatz zum Westen gebe es in Russland keinen Schutz des Bürgers durch Regeln und Gesetze. Andererseits machten Stiefel und Panzerketten in europäischen Ländern die Russen stolz, ganz gemäß Nikolai Berdjajew, der postuliert hätte: Die einzige in Russland verwurzelte nationale Idee sei die Expansion. Putin könne sich keine Veränderungen leisten, seine einzige Initiative sei die Annexion der Krim gewesen.[19]

2018 beschrieb Gluchowski in einem Gastbeitrag mit dem Titel Der Westen und wir für Die Zeit, was in der Beziehung Russlands zum Westen seit dem Mauerfall schiefgelaufen sei.[20] Im selben Jahr verurteilte er in dem Gastbeitrag Um die Kinder kümmert sich der Geheimdienst für die Frankfurter Allgemeine Zeitung den Generalangriff des Staates auf die eigene Jugend.[21] Zugleich kritisierte er im Gespräch mit Spiegel Online Korruption und die gesellschaftlichen Verhältnisse in Russland.[22]

Die Rechtsunsicherheit gegenüber russischen Behörden und Sicherheitskräften nannte Gluchowski 2019 eine Hydra, der gegenüber die Zivilgesellschaft ohnmächtig sei.[23] „Der Machtapparat versucht, alles zu verbieten, was lebendig und echt ist im gesellschaftlich-kulturellen Leben in Russland“ war seine Aussage im Herbst 2021.

Im März 2022 gehörte er zu den Unterzeichnern eines Appells russischsprachiger Schriftsteller an alle in Russland lebenden Menschen, die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten.[24] In einem Interview mit RFERL[25] stellte er fest, er wolle „… die Niederlage des Regimes, aber nicht die Niederlage Russlands und seines Volkes.“ Für die Emigration aus politischen Gründen habe er sich entschieden, weil er sich stets um Freiheit bemüht habe. Das könnten nicht alle Russen: „Die Bewohner einer gewöhnlichen russischen Stadt haben keinen Wunsch nach Freiheit, weil andere, viel grundlegendere Wünsche nicht erfüllt wurden; zunächst nach Sicherheit, dann nach Nahrung, dann nach etwas Wohlstand, nach gewöhnlicher Menschenwürde, nach Grundrechten.“ Der Wunsch nach „Stabilität“ sei eigentlich eine Angst, selbst wenigen Besitz zu verlieren. Dank der hysterischen Propaganda, die nun durch die Decke ging, sei jeder, der zweifle, ein Staatsverräter und jeder, der schweige, verdächtig. Der Totalitarismus sei nun mit diesem Zwang zur offenen Zustimmung in Russland fest etabliert.[26] Gluchowski beschrieb die Elite im Mai 2022 als „diebische Dumpfbacken, die nach einem Verständnis von Gaunern leben […] und dabei die Befehle eines entrückten, heuchlerischen Greises mit einer persönlichen Krise ausführen“.[11]

Publikationen

Dmitri Gluchowski (rechts) im Oktober 2014
  • Метро 2033, 2007
    • Auf Deutsch: Metro 2033. Aus dem Russischen von David Drevs, 2008 / Taschenbuch, 2012
  • Сумерки (Zwielicht), 2007
    • auf Deutsch: Sumerki. Aus dem Russischen von David Drevs, 2010 / Taschenbuch, 2018
  • Метро 2034, 2009
    • auf Deutsch: Metro 2034. Aus dem Russischen von David Drevs, 2009 / Taschenbuch, 2014
  • Будущее (Zukunft), 2013
    • Auf Deutsch: FUTU.RE. Aus dem Russischen von David Drevs, 2014 / Taschenbuch, 2016
  • Метро 2035, 2015
    • auf Deutsch: Metro 2035. Aus dem Russischen von David Drevs, 2016 / Taschenbuch, 2018
  • Текст, 2017
    • auf Deutsch: Text. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 2018 / Taschenbuch, 2020
  • Пост, 2017
    • auf Deutsch: Outpost. Der Posten. Aus dem Russischen von Jennie Seitz, Maria Rajer, 2021
  • Metro – Die Trilogie.
    • Metro 2033, Metro 2034, Metro 2035 sowie Das Evangelium nach Artjom, Das Ende der Straße. Aus dem Russischen von David Drevs, 2019
  • Рассказы о Родине
    • auf Deutsch: Geschichten aus der Heimat. Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann, Franziska Zwerg und David Drevs, 2022
  • Пост 2, 2017
    • auf Deutsch: Outpost. Der Außenposten. Aus dem Russischen von Jennie Seitz, Maria Rajer, 2023
  • Wir. Tagebuch des Untergangs. Aus dem Russischen von David Drevs. Wilhelm Heyne Verlag, München 2024, ISBN 978-3-453-21892-5.
Hörbücher

Literatur

Einzelnachweise

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