Doppelspaltexperiment
Experiment zum Phänomen der Interferenz infolge Beugung
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Beim Doppelspaltexperiment treten kohärente Wellen, zum Beispiel Licht- oder Materiewellen, durch zwei schmale, parallele Spalte und werden auf einem Beobachtungsschirm aufgefangen, dessen Distanz zum Doppelspalt sehr viel größer ist als der Abstand der beiden Spalte. Durch Beugung der Wellenausbreitung am Doppelspalt entsteht ein Interferenzmuster. Bei Wellen mit einheitlicher Wellenlänge, z. B. beim monochromatischen Licht eines Lasers, besteht das Muster auf dem Schirm aus abwechselnd hellen und dunklen Streifen (Maxima bzw. Minima), wenn der Abstand der beiden Spalte nicht kleiner ist als die Wellenlänge.

Das Experiment gehört zu den Schlüsselexperimenten der Physik.[1] Thomas Young führte es als erster mit Licht durch und publizierte seine Ergebnisse 1803. Es führte zur Anerkennung der Wellentheorie des Lichts gegenüber der damals noch vorherrschenden Korpuskeltheorie. In der Quantenphysik dient das Doppelspaltexperiment häufig dazu, den Welle-Teilchen-Dualismus zu demonstrieren. Es wurde nicht nur mit Licht, sondern auch mit Elementarteilchen, Atomen und Molekülen durchgeführt. Die auch dabei auftretenden Interferenzmuster belegen, dass materielle Körper ebenfalls Welleneigenschaften haben. Die Wellenlänge dieser Materiewellen ist die De-Broglie-Wellenlänge.
Geschichte

Thomas Young führte das Experiment in den Jahren von 1801 bis 1803 durch, um die Wellennatur des Lichtes zu beweisen. Dabei verwendete Young noch nicht den klassischen Doppelspalt, sondern Pappkarten, mit denen er einen Lichtstrahl teilte.[2][3] Young erwähnte in seinem Werk frühere Experimente zur Natur des Lichts von Francesco Maria Grimaldi, der schon 1665 den Begriff der Diffraktion (Beugung) einführte.
Das Doppelspaltexperiment mit Elektronen wurde 1961 durch Claus Jönsson[4][5][6] durchgeführt. Mit ganzen Atomen gelang es 1990 Jürgen Mlynek und Olivier Carnal,[7] mit großen Molekülen wie z. B. C60 (Buckyballs) im Jahr 2003 Nairz et al.[8]
Das Experiment in der Lehre
Bei der Vermittlung von Wellenphänomenen im Physikunterricht hat das Doppelspaltexperiment einen festen Platz. Schon mit einfacher Geometrie und Algebra kann hierbei das Zustandekommen der Interferenzstreifen und deren Stärke erläutert werden.[9] In den Lehrbüchern von Robert Wichard Pohl werden ausführliche Demonstrationsexperimente zur Veranschaulichung der Interferenzen mit Wasserwellen in einem Wellentrog beschrieben.[10] Solche Demonstrationen werden auch per Video präsentiert, beispielsweise von der ETH Zürich.[11] Die Beugung von Licht am Doppelspalt ist ein Standardversuch in Physik-Praktika.[12]
In einigen Lehrbüchern, wie etwa Feynman-Vorlesungen über Physik, stehen Gedankenexperimente mit dem Doppelspalt an prominenter Stelle als Einstieg in die Quantenphysik. Nach Feynman trägt der Doppelspaltversuch „das Herz der Quantenmechanik“[13] in sich; „Er enthält das einzige Geheimnis“.[13] In diesen Lehrbüchern wird mit dem Doppelspalt anschaulich erklärt, wie in der Mikrophysik sowohl die Methoden der Wellentheorie als auch die Teilchentheorie genutzt werden müssen, um die Bewegung von einzelnen Elektronen und Atomen und ihr jedes Mal punktförmiges Signal auf dem Schirm zu beschreiben, und dass keine der beiden Theorien alleine die Beobachtungen erklären kann.[14][15] Die konkrete Durchführung von Experimenten zur Beugung von Materiewellen an einem Doppelspalt ist allerdings aufwendig und schwierig, da die Wellenlänge von Mikroteilchen von subatomarer Größe ist. Bei dem Doppelspaltexperiment mit Elektronenwellen von C. Jönsson war die Wellenlänge 5 pm, also etwa ein Hundertstel der typischen Ausdehnung eines Atoms.[6]
Experimentelle Beobachtung

- Die beiden interferierenden Wellen müssen eine feste Phasenbeziehung zueinander haben, damit Interferenzstreifen beobachtet werden können. Ausreichende räumliche Kohärenz ist gegeben, wenn die Breite der Quelle (bei Young ein Eintrittsspalt) aus Sicht des Doppelspaltes nicht aufgelöst werden kann (siehe Rayleigh-Kriterium). Die Anforderung an die zeitliche Kohärenz hängt davon ab, wie viele Streifen man neben dem zentralen Streifen erkennen will.
- Eine Ergänzung der Apparatur, deren Messergebnis die Information ist, durch welchen der beiden Spalte ein Teilchen den Detektor erreicht hat („Welcher-Weg“-Experiment), bewirkt unvermeidlich, dass die Interferenzstreifen verschwinden. (Bei Photonen kann die Welcher-Weg-Information auch einfach durch Polarisationsfilter realisiert sein. Platziert man vor (oder hinter) einem Spalt einen Filter mit einer bestimmten Polarisationsebene und bei dem anderen Spalt genauso eins mit dazu orthogonaler Polarisationsebene, so entscheidet die Polarisation des Photons darüber, welchen Weg das Photon nimmt. In diesem Fall tritt keine Interferenz am Schirm auf.) Die Auslöschung der Interferenz gilt auch dann, wenn die Messergebnisse dieser Zusatzapparatur unberücksichtigt bleiben, weil sie z. B. gar nicht abgelesen werden; es genügt schon die physikalische Möglichkeit dazu. Umgekehrt zeigen Aufbauten, bei denen es physikalisch unmöglich ist herauszufinden, welcher Spalt genommen wurde, immer ein Interferenzmuster.
- Die beiden vorhergehenden Aussagen gelten selbst dann, wenn die Entscheidung, ob die Information über den Weg eines Teilchens durch ein Messergebnis festgehalten wird, erst getroffen wird, nachdem es die Spalte passiert hat. Die Entscheidung, den Weg nicht zu ermitteln, führt dann dazu, dass auf dem Schirm das Interferenzmuster beobachtet wird. Das kann man so deuten, dass die schon gewonnene Information über den genommenen Weg nachträglich gelöscht („ausradiert“) wird. Daher wird ein solcher Aufbau Quantenradierer genannt.
- Das Interferenzmuster hängt nicht von der Anzahl der beteiligten Teilchen oder dem gleichzeitigen Durchtritt durch den Doppelspalt ab. Bei niedrigerer Intensität baut sich das Interferenzmuster lediglich langsamer beim Detektor auf, bleibt aber in der Gestalt gleich. Das passiert selbst dann, wenn sich zu jedem Zeitpunkt höchstens ein Teilchen zwischen Quelle und Detektor befindet. Daher muss auch die Verteilung der Wahrscheinlichkeit des Ankommens an den Positionen auf dem Detektor bei jedem einzelnen Durchflug entstehen. Dieses Phänomen lässt sich als Interferenz der Teilchen mit sich selbst umschreiben.[17]
Berechnung des Interferenzmusters

Der folgende Abschnitt geht von einem senkrechten Einfall einer ebenen Welle der Wellenlänge auf einen Doppelspalt mit Spaltbreite und Spaltmittenabstand aus. In der Spaltebene sind die Phasen noch im Gleichtakt, Phasenunterschiede, die den Interferenzeffekt ausmachen, ergeben sich erst durch die Abstände von Punkten in den Spaltöffnungen zum Beobachtungspunkt (rote Linien). Der Abstand des Schirms soll groß sein, , Fernfeldnäherung.
Orte der Minima und Maxima durch Interferenz der Wellen aus den beiden Spalten
Ein Minimum der Intensität findet man für solche Orte, wo der Gangunterschied von den Spaltmitten aus ein ungerades Vielfaches der halben Wellenlänge beträgt, also . Dann sind die beiden Teilwellen gegenphasig und löschen sich aus. Das gilt auch für den Fall, dass die Breite der Spaltöffnungen nicht klein gegenüber der Wellenlänge ist. Dann variiert zwar merklich mit der Lage des Punktes innerhalb der Spaltbreite, aber zu jedem Punkt in dem einen Spalt gibt es im Abstand einen Punkt im anderen Spalt, von dem aus die Welle gegenphasig ankommt.
Maxima befinden sich etwa mittig zwischen den Minimumstellen, wo mit konstruktive Interferenz gegeben ist. Für höhere Beugungsordnungen nehmen die Maximalintensitäten ab, denn die konstruktive Interferenz gilt zwar paarweise für Punkte in beiden Spalten, aber nicht für die Variation der Punktposition innerhalb des Spaltes (s. u.).
Für den Zusammenhang zwischen dem Gangunterschied und der Position auf dem Schirm liest man aus der Zeichnung ab:
also für kleine Winkel ungefähr
Damit beträgt die Periode des Streifenmusters , wenn der Schirmabstand groß gegenüber dem Spaltabstand ist.
Das Interferenzmuster

Allerdings hat bereits jeder der beiden Einzelspalte ein Beugungsmuster, da für bestimmte Winkel sich z. B. die Wellen aus der oberen und der unteren Hälfte des Einzelspalts der Breite gerade aufheben. Die Intensität des Doppelspaltes ist daher das Produkt zweier Intensitäten: der Beugung am Einzelspalt der Breite und der von zwei punktförmigen Quellen im Abstand :
wobei der Phasenunterschied der Wellen vom oberen bzw. unterem Rand je eines Spaltes ist, und der Phasenunterschied zwischen den beiden Teilwellen aus beiden Spalten.
Dabei ist der Beobachtungswinkel, die Spaltbreite, der Spaltabstand, die Wellenzahl.
Einfluss von Spaltgeometrie und Wellenlänge
Setzt man die Ausdrücke für und in die Gleichung des Interferenzmusters ein, so werden die Einflüsse von Spaltgeometrie und Wellenlänge des einfallenden Lichtes auf das Aussehen des Interferenzmusters deutlich:
mit .
- Eine Änderung der Spaltbreite führt zu einer Änderung der Lage der Extrema des Einfachspaltes, dessen Intensitätsverteilung (im Bild grau) die Hüllkurve der Intensitätsverteilung des Doppelspalts bildet (im Bild rot)
- → Je breiter der Spalt, desto enger wird die Hüllkurve
- Eine Änderung des Spaltabstandes führt zu einer Änderung der Lage der Extrema des Doppelspalts innerhalb der konstant bleibenden Hüllkurve
- → Je größer der Spaltabstand, desto enger liegen die Extrema des Doppelspalts beieinander
- Eine Änderung der Wellenlänge wirkt sich sowohl auf die Hüllkurve als auch auf die Intensitätsverteilung des Doppelspalts aus
- → Je größer die Wellenlänge, desto breiter werden Hüllkurve und die Interferenzabstände des Doppelspalts
Das Doppelspaltexperiment und die Wellen-Natur der Materie
Jönssons Doppelspaltexperiment mit Elektronen

Für sein Elektronen-Doppelspaltexperiment verwendete Claus Jönsson Elektronen, die auf eine Spannung von etwa beschleunigt wurden und bei einem Impuls p eine de-Broglie-Wellenlänge[19] von rund 0,05 Å besaßen:[18][20]
wobei h = 6,626·10−34 Js die Planck-Konstante, m = 9,1·10−31 kg die Masse der Elektronen und e = 1,6·10−19 As die Elektronenladung sind. Da Elektronen keine transparenten Materialien durchdringen können, mussten die Spalte vollständig materiefrei sein. Hierzu entwickelte Jönsson ein aufwendiges Herstellungsverfahren, bei dem in eine dünne Kupferfolie Doppelspalte mit Breiten von etwa 0,5 μm und Spaltabständen von etwa eingebracht wurden.
Um eine ausreichende Kohärenz des Elektronenstrahls zu gewährleisten, wurde dieser vor dem Doppelspalt durch elektrostatische Linsensysteme stark kollimiert. Die Interferenzstreifen entstanden in einer Beobachtungsebene, die sich etwa hinter den Spalten befand, und wiesen zunächst nur einen Abstand von etwa auf:
Deshalb musste das Muster mit elektrostatischen Projektionslinsen um etwa den Faktor 100 vergrößert werden, bevor es mit einer 10-fach vergrößernden Einblickoptik beobachtet oder fotografisch erfasst werden konnte.[20]
Die hohe Vergrößerung machte die Apparatur empfindlich gegenüber Störungen. Jönsson unterdrückte Vibrationen und Störfelder, bis ihm 1959 erstmals die Sichtbarmachung von Interferenzstreifen gelang. In seiner Dissertation dokumentierte er Interferenzmuster für Anordnungen mit ein bis fünf Spalten und lieferte damit den Nachweis der Wellennatur von Elektronen.
Doppelspaltversuch mit Atomen
Materiewellen von Atomen mit einer Wellenlänge von λdB können beim Durchgang durch einen Doppelspalt ebenfalls interferieren. Die Intensität auf dem Schirm in Abhängigkeit vom Winkel zeigt Interferenzstreifen. Gemäß der Abbildung Schematische Darstellung des Doppelspaltexperiments oben gilt für die Periode des Streifenmusters für kleine Winkel ungefähr:
wobei a der Spaltenabstand und d der Abstand des Schirms vom Doppelspalt ist.
Ein Young-Doppelspaltexperiment mit Heliumatomen[21] bei einem Spaltabstand von a = 8 μm liefert für einen Schirmabstand von d = 0,64 m für die de-Broglie-Wellenlänge von λdB = 103 pm ein Δ x = 8,4 μm ± 0,8 μm. Dieser Wert liegt nahe am theoretischen Wert von 8,2 μm.
Ein weiteres Experiment zeigt für die de-Broglie-Wellenlänge von λdB = 56 pm ein Δ x = 4,5 μm ± 0,6 μm. Die angeregten Heliumatome werden durch den Quellenspalt mit einer Breite von s1 = 2 μm in einer dünnen Goldfolie über den Winkel λdB / s1 = 5·10−5 rad durch den Spalt so gebeugt, dass der Doppelspalt im Abstand d = 0,64 m kohärent beleuchtet wird.
Das Heliumatom wurde ausgewählt, da es eine geringe Masse und große De-Broglie-Wellenlänge hat. Helium ist ein inertes Gas, das sehr empfindliche Strukturen ermöglicht. Die Erzeugung eines Heliumstrahls ist gut etabliert. Metastabile Heliumatome sind leicht nachweisbar und weisen Übergänge im nahen Infrarot auf. Laserfelder können sie leicht manipulieren.
Siehe auch
- Fourieroptik zwecks Berechnung des Interferenzmusters mit Methoden der Fourier-Transformation
- Optisches Gitter zur Erweiterung des Prinzips auf mehr Spalte
- Atominterferometer zur Interferenz von Materiewellen
Literatur
- John Gribbin: Auf der Suche nach Schrödingers Katze. Quantenphysik und Wirklichkeit. 5. Auflage. Piper, 2004, ISBN 3-492-24030-5.
- Claus Jönsson: Interferenz von Elektronen am Doppelspalt. In: Zeitschrift für Physik. Nr. 161, 1961, S. 454–474.
- David Halliday, Robert Resnick, Jearl Walker: Physik. 2. Auflage. Wiley-VCH, 2003, ISBN 3-527-40366-3.
- Wolfgang Demtröder: Experimentalphysik. Band 2 : Elektrizität und Optik. 3. Auflage. Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-20210-2.
Weblinks
- Video zur Interferenz einzelner Photonen (Veritasium, Englisch)
- Doppelspaltversuch – Einführung mit interaktiven Animationen (Universität Ulm)
- Wellenlängenbestimmung mit dem Doppelspalt (und grafische Darstellung des Intensitätsverlaufs mit interaktiver Einstellbarkeit von Spaltbreite, Spaltabstand und Wellenlänge.) (LEIFIphysik)
- Vielstrahlinterferenz, Schiller- und Strukturfarben (D. Zawischa, Uni Hannover)