Dualla Misipo

kamerunischer Schriftsteller und politischer Aktivist From Wikipedia, the free encyclopedia

Dualla Misipo (* 4. Juni 1901 in Douala, Kamerun; † 1973) war ein in der deutschen Kolonie Kamerun geborener Schriftsteller und politischer Aktivist.

Leben

Misipos Vater, Thomas Missipo Molobi, war ein Angehöriger der Oberschicht in Douala und arbeitete als Postbeamter in Kamerun. Dualla Misipo, der der gleichen königlichen Familie angehörte wie Rudolf Duala Manga Bell, kam, nachdem er die deutsche Regierungsschule in Douala besucht hatte, im Jahr 1913 in Begleitung eines deutschen Beamten auf der Eleonora Woermann nach Deutschland. Fortan lebte er in Herborn bei seinem Adoptivvater, dem Kaufmann Louis Hans, und dessen Frau Karoline Hermine Antonie, die er „Onkel“ und „Tante“ nannte. Er besuchte zunächst in Herborn und später in Gießen die Schule und nahm an Leichtathletikwettkämpfen teil.[1]

Um 1920 verlagerte er seinen Lebensmittelpunkt nach Frankfurt am Main, wo er – wie viele emigrierte Afrikaner aus den ehemaligen deutschen Kolonien – als Musiker (Stehgeiger) auftrat. Dort lernte er auch, vermutlich Mitte der 1920er Jahre, seine spätere Ehefrau, Luise Dutine, kennen. Das erste Kind, der Sohn Ekwé, wurde unehelich 1926 geboren (zwei später geborene Kinder starben sehr früh), während Luise weiterhin bei ihren Eltern lebte, bis ihre Mutter starb und ihr Vater wegzog. Das Paar heiratete 1930. „Mischehen“ waren sozial stigmatisiert und rassistischen Angriffen ausgesetzt, angefeuert schon in den 1920er Jahren durch die Propaganda gegen die „Schwarze Schmach“ während der alliierten Rheinlandbesetzung, gegen die sich Misipo in dem von ihm gegründeten kurzlebigen Verband engagiert hatte.[2] Misipo interessierte sich für die Arbeiten des Ethnologen Leo Frobenius und für die Medizin. Vermutlich war er zumindest für kurze Zeit am Serum-Institut der Gesellschaft für Seuchenbekämpfung in Frankfurt angestellt. Spätestens ab 1930 verfasste Misipo Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Um 1930 zirkulierte wahrscheinlich schon eine frühe Fassung von Der Junge aus Duala: Ein Regierungsschüler erzählt.[1]

Während des Nationalsozialismus war die Familie Misipo verstärkt rassistischen Angriffen ausgesetzt. Wenn das Ehepaar etwa zusammen spazieren oder ins Theater ging, wurde es verbal angegangen, bei Spaziergängen von Luise mit dem Sohn wurde dieser von SA-Mitgliedern angespuckt und bei Besuchen von NSDAP-Parteikadern wurde ihr nahegelegt, sich von Dualla zu trennen. Eine Kampagne in der Lokalzeitung Frankfurter Volksblatt gegen Misipo und seine Familie machte es ihm (er hatte zuvor nach eigenen Angaben als Bakteriologe gearbeitet) und Luise unmöglich, eine Arbeit zu finden. 1937 wurden den Misipos durch die Frankfurter Polizei die deutschen Papiere entzogen und das Paar floh nach Frankreich. Dort bemühte sich Misipo um eine Rückkehr nach Kamerun, die aber die französischen Behörden ablehnten, weil sie die Ehe eines Schwarzen mit einer weißen Frau als Gefahr für die nun französische Kolonie Kamerun sahen und den Verdacht hatten, dass Misipo mit den Deutschen sympathisiere. Er erhielt im November 1937 eine Stelle in einem Pariser Labor. Ihre Wohnung hatten die Misipos mit Unterstützung der evangelischen Kirche gefunden, später nahmen sie auch andere aus Deutschland geflüchtete Schwarze auf. Die Familie blieb während der deutschen Besetzung Frankreichs in Paris. Misipo hatte 1939 seine Arbeit verloren und einen Job als Kellner angenommen, wodurch er im Restaurant den rassistischen Kommentaren deutscher Offiziere zuhören musste und in Angst vor der Verfolgung durch die Gestapo lebte.[2][3] Nach dem Krieg blieb Misipo in Frankreich.[4] Er veröffentlichte zwischen den 1940er und 1960er Jahren Artikel in verschiedenen, überwiegend deutschsprachigen Zeitschriften. 1961 und 1973 folgte die Publikation seiner beiden Bücher Korrongo: Das Lied der Waganna und Der Junge aus Duala: Ein Regierungsschüler erzählt. Beide wurden von ihm selbst illustriert.

Werk

Sarah Lennox und Dirk Göttsche sehen Misipo als einen der ersten postkolonialen Schriftsteller Deutschlands.[4][5] Sein teilweise autobiographischer Roman Der Junge aus Duala: Ein Regierungsschüler erzählt, dessen Entstehungszeit unklar ist, wurde 1973 in Form eines abgedruckten getippten Manuskripts verbreitet. 2022 erschien der Roman als Neuauflage beim Rüdiger Köppe Verlag.[6] Gianna Zocco sieht in ihm „eines der sehr raren Zeugnisse davon, wie Schwarze Menschen selbst den deutschen Kolonialismus und seine Auswirkungen wahrgenommen haben“.[7] Misipos zweite Buchveröffentlichung, Korrongo: Das Lied der Waganna, ist als kamerunisches Heldenepos ausgewiesen.[4] Das Buch zeige, wie schon Der Junge aus Duala, laut George Joseph „das Talent eines fähigen Schriftstellers, der ein großes Wissen über afrikanische Traditionen mit einer lebhaften Erzählweise verbindet“.[8] Albert Gouaffo sieht in Misipos Werk eine „Dekonstruktion der deutschen Afrikanistik durch die afrikanische Diaspora“, die rassische und rassistische Wahrnehmungen von Afrika und Afrikanern herausfordere und kritisiere.[9]

Romanausgaben

  • Der Junge aus Duala. Ein Regierungsschüler erzählt... Herausgegeben von Jürg Schneider. Rüdiger Köppe Verlag, Köln 2022, ISBN 978-3-89645-182-8.
  • Der Junge aus Duala. Ein Regierungsschüler erzählt… In: Dualla Misipo: Der Junge aus Duala / Anthologie de l’Association Nationale des Poètes et Ecrivains Camerounais. Hrsg. von Lilyan Lagneau-Kesteloot. Kraus Reprint, Nendeln 1973 (= the black experience 2, Bd. 104).
  • Korrongo, das Lied der Waganna. Ilmgau Verlag, Pfaffenhofen/Ilm 1961.

Einzelnachweise

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