Dunkles Gold

Jugendroman von Mirjam Pressler From Wikipedia, the free encyclopedia

Dunkles Gold ist ein Jugendroman von Mirjam Pressler, der 2019 erschienen ist. Er ist Presslers letztes Buch und wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Im Zentrum der Geschichte steht der Jüdische Schatz von Erfurt. Das Buch erzählt von einer Erfurter Schülerin, die sich mit der Geschichte des Schatzes auseinandersetzt, und von der Familie, der der Schatz gehörte und die ihn im Jahr 1349 versteckte, bevor sie aus Erfurt floh.

Hintergrund

Der Hochzeitsring, einer der Hauptfunde aus dem Jüdischen Schatz von Erfurt, ausgestellt in der Alten Synagoge

Als Inspiration für das Buch diente Pressler den sogenannte Jüdische Schatz, der 1998 bei Ausgrabungen in der Erfurter Altstadt gefunden wurde. Er gehörte dem wohlhabenden jüdischen Kaufmann Kalman von Wiehe, der kurz vor dem antijüdischen Pogrom in Erfurt im März 1349 den Schatz versteckte. Der Schatz ist seit 2009 in der Alten Synagoge Erfurts ausgestellt.

Pressler schrieb Dunkles Gold, während sie an einer Krebserkrankung litt. Sie stand dabei im Austausch mit der Kuratorin des Erfurter Schatzes Maria Stürzebecher und der in Erfurt lehrenden Literaturwissenschaftlerin Karin Richter, mit der Pressler befreundet war. Pressler starb im Januar 2019, kurz vor dem geplanten Veröffentlichungstermin. Ihre Tochter Gila und ihre Enkelin Malka Yolanda stellten das Buch am Erscheinungstag, dem 13. März 2019 in der Alten Synagoge Erfurt vor.[1][2]

Handlung

Dunkles Gold ist in zwei sich abwechselnden Handlungssträngen erzählt: der in der Gegenwart spielenden Geschichte der Erfurter Schülerin Laura und der 1349 spielenden Geschichte des jüdischen Mädchens Rahel.

Laura ist eine 15-jährige Schülerin mit einem Talent für das Zeichnen. Sie lebt in Erfurt mit ihrer Mutter, die Kunsthistorikerin ist und den Jüdischen Schatz erforscht. Laura beschließt, eine Graphic Novel über die Familie von Wiehe zu verfassen, der der Schatz einst gehörte. Sie denkt sich aus, dass Kalman von Wiehe eine Tochter in Lauras Alter hatte, die Rachel hieß. Um mehr über jüdisches Alltagsleben zu erfahren, spricht sie ihren Mitschüler Alexej an, von dem sie weiß, dass er Jude ist. Alexej, dessen Familie als Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kam, verheimlicht in der Schule seine jüdische Identität aus Angst vor Ausgrenzung und Mobbing. Durch ihn erfährt Laura, welche Bedrohung auch heute noch von Antisemitismus ausgeht, und sie lernt zu widersprechen, als ein anderer Mitschüler sich antisemitisch äußert. Laura und Alexej verbringen immer mehr Zeit zusammen und verlieben sich ineinander, und ihre Familien lernen einander kennen. Alexejs Großmutter erzählt Laura, dass auch ihre Familie einen Schatz versteckte, als sie 1933 aus Breslau floh. Sie vergruben ihre Wertgegenstände auf dem jüdischen Friedhof. Als später Alexejs Großmutter mit ihrem Sohn versuchte, den Schatz auszugraben, mussten sie feststellen, dass der Friedhof geschändet und geplündert und der Schatz geraubt worden war.

Eine zweite, historische Ebene erzählt die Handlung von Lauras Graphic Novel, die im Jahr 1349 spielt. Die 15-jährige Rachel lebt mit ihrem Vater, dem jüdischen Kaufmann Kalman von Wiehe, ihrem jüngeren Bruder Joschua und zwei Hausangestellten in Erfurt. Ihr Vater hört aus nahegelegenen Städten zunehmend von Angriffen auf die jüdische Bevölkerung, der die Schuld an der aufkommenden Pestepidemie gegeben wird. Er befürchtet ähnliches in Erfurt und beschließt, mit seinen Kindern die Stadt zu verlassen und nach Polen zu ziehen, wo er Verwandte hat und die jüdische Bevölkerung mehr Sicherheit genießt. Zuvor versteckt er mit Rachel unter dem Keller seines Hauses seine Wertgegenstände. Mit nur wenig Geld zieht die Familie los, um unauffälliger Reisen zu können. „Reiche Juden leben gefährlich,“ pflegt Kalman von Wiehe zu sagen. Rachel, Joschua und ihr Vater nehmen christliche Namen an, und als christliche Familie getarnt reisen sie Richtung Krakau. Als Kalman von Wiehe bei einem Raubüberfall getötet wird, müssen die Kinder allein weiterziehen. Auf einem Jahrmarkt erfahren sie durch einen fahrenden Sänger von dem Pogrom in Erfurt, bei dem die gesamte jüdische Bevölkerung der Stadt ermordet wurde. Auf dem Jahrmarkt lernen sie auch Mendel kennen, einen jüdischen Geiger. Er entdeckt Joschuas Talent für Tanz und Akrobatik und bietet ihm an, als Duo aufzutreten. Joschua entscheidet sich, mit Mendel weiterzureisen, während Rachel am Plan ihres Vaters festhält und allein nach Krakau weiterreist. In Krakau fragt sie nach dem jüdischen Viertel. Sie wird daran als Jüdin erkannt und von einer Meute bedroht, die Rachel ihr weniges Geld abnehmen möchte und sie in die Weichsel treibt, wo sie beinahe ertrinkt. Sie überlebt dank der Rettung durch Noah, den Sohn eines Schuhmachers. Mit Hilfe von Noahs Familie lebt sich Rachel im jüdischen Viertel von Krakau ein und heiratet später Noah. An die Worte ihres Vaters denkend, dass reiche Juden gefährlich leben, entscheidet sich Rachel, den in Erfurt vergrabenen Schatz für immer hinter sich zu lassen und niemandem davon zu erzählen.

Rezeption

Sybil Gräfin Schönfeldt lobt in ihrer Rezension in der Süddeutschen Zeitung das Buch als eine Erzählung mit „Tiefe und Weite“. Die beiden Protagonistinnen seien so unvergesslich wie Mirjam Pressler selbst.[3] Sylvia Schwab hebt in ihrer Rezension für Deutschlandfunk Kultur die eindrückliche, präzise Darstellung der Figuren hervor sowie die lebhafte Schilderung des Lebens in Mittelalter. Dunkles Gold sei „kein modernes Jugendbuch im Sinne von cool oder flott. Sondern ein sorgfältig, souverän und auch emotional erzählter Roman, der viele Aspekte und Ereignisse der jüdischen Geschichte beleuchtet“.[4] Gerrit Bartels in seiner Rezension für den Tagesspiegel hält den mittelalterlichen Handlungsstrang für gelungener als den modernen: Ersterer sei authentisch und einfühlsam, Letzterer wirke teilweise etwas bemüht, möglichst viele Aspekte der jüngeren jüdischen Geschichte und Gegenwart abzuhaken. Der Dialog klinge teilweise didaktisch, werde aber ausgeglichen von den glaubhaften Schilderungen des Gefühlslebens der beiden jungen Hauptfiguren. Alles in allem sei das Buch „bruchlos“ lesbar. Trotz der glücklichen Enden beider Geschichten sei es als Mahnung zu verstehen, dass die Welt sich in Bezug auf Antisemitismus in 700 Jahren kaum verbessert habe.[5] Katrin Diehl schreibt in der Jüdischen Allgemeinen, Dunkles Gold habe „alles […], was ein Jugendbuch braucht“: „Es weist eine stringente Handlung mit starkem Sog auf, die Personen besitzen große Authentizität, es bietet Möglichkeiten der Identifikation, und es wird darin in altvertrauter Art und Weise erzählt.“ Die Figuren hätten teilweise einen Hang zum Dozieren, da Pressler so viel Wissen in dem Buch vermitteln wollte. Dadurch wirkten einige Szenen konstruiert. Es ermögliche aber auch der heutigen Protagonistin Laura, ihr Engagement gegen Antisemitismus zu zeigen. Diehl bezeichnet Dunkles Gold als „so etwas wie Presslers Vermächtnis“.[6] Anders als Diehl und Bartels findet Thomas Fischer in seiner Einschätzung für die Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendmedienforschung der Universität zu Köln die Vermittlung von Sachinformationen im Buch geschickt untergebracht und gut gelungen. Er beschreibt Dunkles Gold als „virtuos“ in seiner Komposition der parallelen Handlungen vom dem Mittelalter bis zur Gegenwart. Zwar habe das Buch einige Längen und Wiederholungen und Wechsel des Erzähltempus, die vermuten lassen, dass Pressler mit mehr Zeit das Werk noch besser hätte abrunden können. Dennoch sei die Handlung spannend und die Figuren lebendig. Presslers Fähigkeit, sich in junge Menschen verschiedener Epochen hineinzuversetzen, sei bewundernswert. Fischer weist auf wiederkehrende Motive in Presslers Werk hin, so die Halbwaisen als Hauptfiguren – eine Parallele zu Presslers eigener Kindheit – und das Aufgreifen religiöser Themen, wobei er auf Presslers Roman Nathan und seine Kinder verweist. Dunkles Gold habe „das Zeug zum Jugendbuchklassiker über das Thema Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart“.[7] Auch Mirjam Presslers Freundin Karin Richter setzte das Buch in Verbindung mit Nathan und seine Kinder sowie mit Golem, stiller Bruder, in denen Pressler jüdische Erzähltraditionen verarbeitete. Wie der Schatz von Erfurt, der gleichzeitig ein Grund zur Freude und eine Mahnung sei, sei auch der Roman Dunkles Gold ein „großartige[r] literarische[r] Schatz“. Presslers Bücher seien ein Genuss, aber ebenso eine Anleitung zum Nachdenken und aktiven Handeln.[8]

Einzelnachweise

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