Eisenbahnunfall im Hüttengrund

Unfall eines Militärzuges im Jahr 1945 im Hüttengrund, Stadt Marienberg, Sachsen From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Eisenbahnunfall im Hüttengrund ereignete sich in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1945 im Hüttengrund auf der Bahnstrecke Reitzenhain–Flöha in Sachsen. Infolge Bremsversagens lief ein mit sowjetischer Militärtechnik beladener Güterzug mit hoher Geschwindigkeit im Gefälle talwärts. In einem engen, bogenreichen Taleinschnitt kam der Turm eines der geladenen Kampfpanzer durch die einwirkende Fliehkraft in Bewegung und blieb mit dem Geschützrohr an einer Felswand hängen. Dadurch verkeilte sich der Panzer, der Flachwagen und die ihm folgenden vier Wagen rissen ab und weitere neun Panzer und drei andere Fahrzeuge wurden heruntergerissen und zerstört. 18 Menschen starben, die als Angehörige der sowjetischen Roten Armee den Zug begleiteten.

Ausgangslage

Grenzbahnhof Reitzenhain – hier fand der Lokwechsel statt
Vereinfachtes Höhenprofil der Strecke

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges begaben sich aus den sowjetisch besetzten Gebieten Truppenverbände der Roten Armee mit ihrem Militärgerät wieder in die Sowjetunion zurück. So auch am 30. Mai 1945 aus Chomutov in der Tschechoslowakei auf der Bahnstrecke Chomutov–Reitzenhain, die über den Kamm des mittleren Erzgebirges nach Sachsen führte. Der lange Militärzug war mit schwerem Gerät in Begleitung von mehreren sowjetischen Soldaten bestückt. Zwei tschechoslowakische Schiebelokomotiven schoben den Zug über die tschechoslowakisch-deutsche Grenze zum Grenzbahnhof Reitzenhain in einer Höhe von 776 Metern, wo der Zug an die Deutsche Reichsbahn übergeben wurde. In Reitzenhain stand eine Dampflokomotive der Baureihe 52 für die Weiterfahrt in Richtung Flöha bereit.

Angesichts des starken Gefälles der Bahnstrecke lehnte der Fahrdienstleiter Walter Bräuer in Reitzenhain die Erteilung des Abfahrauftrages für den Zug an den Lokführer Karl Baasner (* 1895) aufgrund der geringen Bremskraft von nur einer Dampflok zunächst ab. Vom sowjetischen Zugbegleitoffizier wurde Bräuer unter Androhung von Waffengewalt gegen 22 Uhr zur Freigabe der Abfahrt des Zuges in Reitzenhain gezwungen.

Unfallhergang

Der im Bahnhof Gelobtland geplante Halt des schweren Güterzuges war infolge unzureichender Bremswirkung des Zuges nicht möglich. Im nunmehr folgenden, deutlich größeren Gefälle nach Marienberg erhöhte sich die Geschwindigkeit des Zuges auf über 70 Kilometer pro Stunde. Im Hüttengrund bei Bahnkilometer 21,25 verkeilte sich ein geladener Panzer in einem Einschnitt, nachdem sich der Turm aufgrund der Fliehkräfte gedreht und das Rohr die Felswand gestreift hatte. Fünf Flachwagen rissen ab und die geladenen Panzer aller nachfolgenden Wagen wurden abgestreift.[1][2] Der Zug mit den verbliebenen Wagen kam erst kurz vor Pockau zum Halten.[3]

Folgen

Insgesamt 18 Soldaten und Offiziere der Roten Armee verloren ihr Leben. Noch in der Nacht zum 31. Mai begannen erste Bergungsmaßnahmen. Die Räumung der Unfallstelle dauerte bis August 1945, da die zerstörten Panzer- und Wrackteile sich teilweise stark verkeilt hatten und durch Bergetechnik aus dem Felseinschnitt des Hüttengrundes gezogen werden mussten. Die Strecke über den Erzgebirgskamm war zwei Monate gesperrt.

Für den Unfall machte die sowjetische Besatzungsmacht das deutsche Zugpersonal, den Bahnhofsvorsteher und den Fahrdienstleiter des Bahnhofes Reitzenhain[3] verantwortlich. Sie wurden am 31. Mai 1945 inhaftiert und ihnen aufgrund der gewesenen NSDAP-Mitgliedschaft Sabotage vorgeworfen. Der Lokführer Karl Baasner, früheres NSDAP-Mitglied, soll die Geschwindigkeit des Zuges bei ständig wechselnden Anstiegen und Gefällestrecken bis auf 70 Kilometer pro Stunde erhöht haben, was letztlich zur Katastrophe geführt hätte.[4] Dem Zugführer Emil Schreier wurde zur Last gelegt, nichts unternommen zu haben, um die am Bremssystem aufgetretenen Mängel zu beseitigen und begann die Zugfahrt auf einem Zug mit technischen Defekten, bei fehlenden Bremsen am 9. Plattformwagen.[5]

Fahrdienstleiter Walter Bräuer hingegen, seit 1942 ebenfalls NSDAP-Mitglied, soll die Annahme des Transportes und die Ausfertigung der für die Weiterfahrt notwendigen Dokumente, die Überprüfung des technischen Zustandes des Zuges vorgenommen haben und die Freigabe zur Weiterfahrt trotz offensichtlichen Defektes des Bremssystems erteilt haben.[6]

Linus Kaden war damals Bahnhofsvorsteher am Bahnhof Reitzenhain. Ihm wurde vorgeworfen, keine Maßnahmen zur Überprüfung des technischen Zustandes des Zugs getroffen zu haben. So wurde der Zug mit Defekten am Bremssystem auf Fahrt geschickt, was zu der Katastrophe führte, die Menschenleben kostete.[7]

Baasner, Bräuer, Kaden und Schreier wurden am 4. Juni 1945 aufgrund des Artikels 58-14 des Strafgesetzbuches der RSFSR („Konterrevolutionäre Sabotage“) zum Tod durch Erschießen verurteilt. Das Todesurteil wurde am 30. Juni 1946 vollstreckt. Der ebenfalls inhaftierte Lokheizer entkam der Todesstrafe.[1]

Am 6. Juni und am 13. Juni 2006 wurden Linus Kaden und Walter Bräuer vom russischen Staat rehabilitiert. Am 19. Mai 2011 erfolgte auch die Rehabilitierung von Emil Schreier, lediglich die Rehabilitierung des Lokomotivführers Karl Baasner wurde an jenem Tag abgelehnt.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI