Elisabeth Schultz
deutsche Botanikerin, Pflanzenmalerin, Erzieherin und Zeichenlehrerin (1817-1898)
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Elisabeth Johanna Friederike Schultz (* 12. Mai 1817 in Frankfurt am Main; † 26. September 1898 in ebenda) war eine deutsche Pflanzenmalerin, Lehrerin und autodidaktische Naturforscherin. Ihr Lebenswerk Atlas der wildwachsenden Pflanzen aus der Umgebung von Frankfurt am Main ist bis heute eine wichtige Quelle für Botaniker.[1]

Leben und Ausbildung
Kindheit
Elisabeth Schultz wurde als dritte von vier Töchtern in Frankfurt am Main geboren. Sie wuchs in einem wohlhabenden bürgerlichen Haushalt auf.[2]
Ihr Vater, Karl Heinrich Schultz (1777–1837), war ein Weinhändler aus Speyer und stammte aus einer Familie von Theologen. Er interessierte sich sehr für Kunst und richtete in der Familienwohnung an der „Schönen Aussicht“ eine Gemäldegalerie mit Werken „älterer Meister“ ein. Laut zeitgenössischen Nachrufen erbte Elisabeth von ihm ihr Interesse und Talent für Malerei und Zeichnung. Ihre Mutter, Elisabeth Catharina, geborene Schubart, war naturkundlich interessiert und sprachbegabt. Auch sie prägte das gebildete und vielseitige Umfeld, in dem Elisabeth aufwuchs.[2]
Schon in ihrer Kindheit zeigte Elisabeth Schultz ein ausgeprägtes Interesse an der Natur. Bereits im Alter von etwa sechs Jahren verfügte sie über ein erstaunlich genaues Wissen über Pflanzen und kannte die meisten Feldblumen ihrer Umgebung mit ihren botanischen Bezeichnungen. Sie unterschied verschiedene Baumarten im Frankfurter Umland und hielt ihre Beobachtungen zeichnerisch fest. Auch Vögel faszinierten sie, und sie lernte früh, ihre Stimmen voneinander zu unterscheiden.[2]
Ihre Mutter und deren Freundin Amalie Mosche boten ihr durch ihre botanischen Kenntnisse Auskunft über Vögel, Fauna und Flora. Von Fräulein Mosche hörte Elisabeth Schultz von der Frankfurter Künstlerin und Naturforscherin Maria Sibylla Merian.[3] Schultz begann mit dem Zeichnen der Botanik, vor allem Bäume, Feld- und Waldblumen.
Schon früh zeigte Elisabeth Schultz eine besondere Begabung für die Malerei, blieb dabei jedoch stets zurückhaltend und bescheiden. In einem Nachruf heißt es, ihr größter Lohn sei zu allen Zeiten die Freude an der künstlerischen Arbeit selbst gewesen.[2]
Jugend und Ausbildung
Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr besuchte sie die Frankfurter Katharinenschule[4] und wechselte 1829 an die 1824 gegründete Lehr- und Pensionsanstalt Dr. Brecht (auch „Brechtsches Institut“ genannt), eine Privatschule für Mädchen.[3] Der Lehrplan dieser Einrichtung kombinierte sprachliche, musische und naturkundliche Fächer mit einer für die Ausbildung bürgerlicher Töchter typischen Betonung auf Sittsamkeit und praktischer Lebensführung.[5] Dort erhielt sie unter anderem Unterricht im Porträtzeichnen bei dem Zeichenlehrer Nikolaus Hoff. Statt nach dem damals üblichen Lehrplan nach Vorlagen stilisierte Blumenarrangements abzuzeichnen, bestand Schultz darauf, Pflanzen naturgetreu darzustellen. Dabei unterstützte sie die Frankfurter Malerin und Kupferstecherin Ursula Magdalena Reinheimer, die als Zeichenlehrerin am Institut arbeitete. Reinheimer unterrichtete Schultz außerdem im landschaftlichen und figürlichen Zeichnen nach der Natur.[3]
Schultz begann zudem auch in ihrer Freizeit botanische Studien zu betreiben und lernte über das Institut die Botanik nach dem so genannten Linnéschen System. Als Vierzehnjährige begann sie 1831, den jüngeren Schülerinnen Zeichenunterricht zu geben und erwirtschaftete sich so einen Teil ihres Schulgeldes, was bedingt durch die finanzielle Notlage ihrer Familie nötig war, denn gegen Ende der 1820er Jahre verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der Familie deutlich. Verluste im Weinhandel des Vaters führten zu einem Umzug an den Stadtrand, in die Seilerstraße. Karl Heinrich Schultz nahm daraufhin eine Anstellung als städtischer Beamter an, die jedoch kein vergleichbares Einkommen bot.[6]
1835 reiste Elisabeth Schultz nach Iferten in der französischsprachigen Schweiz und besuchte dort zwei Jahre lang die Niederlassung des „berühmten Institut von Madame Niederer in Genf“.[7] Das Institut war eine angesehene Mädchenschule im Umfeld der Pädagogik Johann Heinrich Pestalozzis und verfolgte ein modernes Bildungskonzept. Der Unterricht legte besonderen Wert auf die Vertiefung der französischen Sprache, die mit einer allgemeinen kulturellen Bildung verbunden war.[2]

Weiter wurde Wert auf Naturwissenschaften und Blumenmalerei nach der Natur gelegt.[7] Um ihre botanischen Studien fortzuführen, konzentrierte sie sich in dieser Zeit bei Ausflügen auf das Malen der Alpenflora. In ihrem 18. Lebensjahr begann sie auf diese Weise mit der Arbeit an ihrem Lebenswerk, der Frankfurter Flora. Im Frühjahr 1837 kehrte sie nach Frankfurt zurück und führte ihre künstlerische Ausbildung durch Privatunterricht bei ihrem ehemaligen Lehrer Johann Hoff sowie dem Frankfurter Landschaftsmaler Theodor Georg Hut fort. Nachdem sie sich bei ihm der Ölmalerei gewidmet hatte, wechselte sie zur Gouachemalerei, die aufgrund der Farbwirkung für die naturgetreue Darstellung von Pflanzen besser geeignet ist.
Mittlere und späte Jahre
Das Städelsche Kunstinstitut ließ erst 1869 Frauen zum Kunststudium zu, und auch ein auswärtiges Studium war durch die finanzielle Lage für Schultz nicht möglich. Diese Schwierigkeiten sowie der Tod beider Eltern führten dazu, dass sie 1843 mit ihren Schwestern zusammen in die Neue Rothofstraße 15 in Frankfurt a. M. zog. Nach ihrer Rückkehr nach Frankfurt im Herbst 1836 arbeitete Elisabeth Schultz zunächst wieder als Zeichenlehrerin am Berchtschen Institut und später als Privatlehrerin.[2]
Nachdem Reinheimer das Institut verlassen hatte, welches zu der Zeit in das Haus Weißer Hirsch am Großen Hirschgraben umgezogen war, übernahm Schultz die Stelle als Mal- und Zeichenlehrerin. Als eine der bedeutenden Lehrkräfte des Instituts gab sie 1844 ihre Stelle auf. Den Zeichenunterricht führte sie an weiteren Instituten fort sowie ab 1837 in Form von privatem Malunterricht für Töchter aus gutem Hause. Diesen Unterricht machte sie ab Ende der 1840er-Jahre zu ihrer Haupttätigkeit. Bis zu ihren 70ern unterrichtete sie über drei Generationen die Töchter aus Frankfurter Familien im Malen und Zeichnen, womit sie wesentlich zur zeichnerischen und naturkundlichen Ausbildung bürgerlicher Frauen beitrug.
Im Sommer 1879 veranstaltete Schultz eine Ausstellung ihrer bisherigen Studien der Frankfurter Flora, an der sie zu dem Zeitpunkt 40 Jahre gearbeitet hatte. Um 1880 war es Schultz trotz der schlechten Ausstellungsmöglichkeiten für Frauen in dieser Zeit möglich, ihr Gemälde Die schwimmende Rose als Reproduktion in Frankfurt zu verbreiten und auch ihr Gemälde Die geschmückte Garbe erhielt positive Resonanz.
In ihrem 1886 verfassten Testament hielt sie fest, ihre Frankfurter Flora gebe sie mit der Bedingung, „dass die Bilder ab und zu gezeigt werden mögen“, in den Besitz der Naturforschenden Senckbergischen Gesellschaft. Diese verlieh ihr 1898 die außerordentliche Ehrenmitgliedschaft. Sie wurde so zur ersten Frau, der diese höchste und seltene Auszeichnung verliehen wurde. Sie starb am 26. September 1898 in Frankfurt am Main.
Schultz’ Schwestern
Elisabeth Schultz blieb unverheiratet und lebte ihr ganzes Leben in enger Gemeinschaft mit ihren älteren Schwestern Maria und Emilie. Nach dem frühen Tod der Mutter im Alter von 48 Jahren und dem Tod des Vaters im Jahr 1837 bezogen die drei Schwestern eine gemeinsame Wohnung in der Neuen Rothofstraße 15 in Frankfurt.[2]
Zum familiären Erbe gehörte auch ein Gemälde, das Peter Paul Rubens zugeschrieben wurde und den Titel Heilige Familie mit dem Papagei trug. Das Werk lag Elisabeth Schultz besonders am Herzen. Ihr Vater hatte es den Schwestern als finanzielle Absicherung hinterlassen, und sie mieteten eine entsprechend große Wohnung, um das großformatige Gemälde unterbringen zu können.[2]
Die Lebensgemeinschaft der Schwestern, die von gegenseitiger Unterstützung geprägt war, bestand bis ins hohe Alter fort. Während Maria und Emilie weiterhin im Bildungswesen tätig waren und zum gemeinsamen Einkommen beitrugen, schufen sie zugleich die soziale und wirtschaftliche Grundlage, die es Elisabeth ermöglichte, über Jahrzehnte hinweg an ihrem Hauptwerk, der Flora von Frankfurt, zu arbeiten.[8]
Zeitgenössische Nachrufe beschreiben die Schwestern als über Jahrzehnte hinweg eng verbundene Gemeinschaft. Der Tod Emilies im Jahr 1886 und Marias im Jahr 1890 waren für Elisabeth tiefgreifende Verluste, hielten sie jedoch nicht davon ab, ihre Arbeit fortzusetzen. Sie widmete sich weiterhin der Ordnung und Vervollständigung ihres bildnerischen Werks. In den 1890er Jahren lebte sie zunehmend zurückgezogen, blieb jedoch in Kontakt mit Frankfurter Bildungs- und Kulturkreisen.[2]
Frankfurter Flora

Im Jahre 1834, mit 18 Jahren, begann Schultz mit der Arbeit an dem Atlas der wild wachsenden Pflanzen aus der Umgebung von Frankfurt am Main, auch als Frankfurter Flora bekannt. Es handelt sich hierbei um ein Verzeichnis der gesamten Frankfurter Flora aus 1262[9] kleinformatigen Gouachen. Das Werk schließt alle Farne sowie Blüten- und Samenpflanzen mit ein, die zu dieser Zeit im Raum Frankfurt heimisch waren. „Viele Pflanzenarten – wie etwa das Katzenpfötchen, die Kornrade bis zum Venuskamm sind vom Verschwinden bedroht. Manche von ihnen kommen heute in Frankfurt nicht mehr vor. Die maßstabsgetreuen Zeichnungen stellen nicht nur deshalb einen wertvollen Beitrag für die Kartierung der Pflanzenvielfalt von Frankfurt dar. Das Werk von Elisabeth Schultz zeigt die damalige Diversität der vielen Pflanzenarten, die von den heutigen Lebensbedingungen bedroht oder bereits verdrängt wurden.“[10]
Die Konzeption der Flora von Frankfurt knüpfte an die seit dem späten 18. Jahrhundert zunehmende Ästhetisierung der Pflanzenkunde sowie an die im 19. Jahrhundert verbreitete Praxis des Sammelns und Katalogisierens botanischer Darstellungen an, die unter dem Begriff herbarium pictum zusammengefasst wurden. Im Frankfurter Umfeld entstanden in dieser Zeit mehrere gedruckte Floren, darunter Johannes Beckers Flora der Gegend um Frankfurt am Main (1828) und Georg Fresenius’ Taschenbuch zum Gebrauch auf botanischen Exkursionen in der Umgebung von Frankfurt am Main (1832).[2] In diesem Kontext verstand Schultz ihre Bildflora als bewusstes visuelles Gegenstück zu den wissenschaftlichen Buchfloren – als eine Form des ikonographischen Datenblatts, das Anschauung, Erkennungsmerkmale und Benennung vereinte.[5]
Die Pflanzen sind in der Flora von Frankfurt mit großer malerischer Genauigkeit wiedergegeben. Schultz hielt dabei in Aufbau und Beschriftung die wissenschaftlichen Standards ihrer Zeit ein: Die Pflanzen erscheinen isoliert vor neutralem Hintergrund, mit korrekten Bezeichnungen nach dem Linné’schen System und Angaben zur Blütezeit.[2] Auch die Komposition der Darstellungen folgt wissenschaftlichen Prinzipien – einzelne Exemplare sind so porträtiert, als handele es sich um reale Pflanzen, etwa durch leicht geknickte Halme oder natürliche Unregelmäßigkeiten. Zwar vermerkte Schultz keine genauen Fundorte und führte nur die Blühmonate statt der Funddaten an, wodurch heutige floristische Vergleiche erschwert sind, doch bleibt der dokumentarische Wert ihres Werkes unbestritten. Die Flora von Frankfurt gilt nicht als reines kunsthandwerkliches Werk, sondern als bedeutender Beitrag zur regionalen Botanikgeschichte – als ein „Bildarchiv“ der Vegetation des 19. Jahrhunderts im Rhein-Main-Gebiet, das auch zahlreiche heute verschwundene Pflanzenarten dokumentiert.
Schultz’ Arbeitsweise war von disziplinierter Beständigkeit geprägt. Über Jahrzehnte widmete sie sich täglich der Beobachtung, Sammlung und zeichnerischen Darstellung von Pflanzen. Sie verstand sich nicht als Künstlerin im romantischen Sinne, sondern als Zeichnerin im Dienst einer möglichst exakten Wiedergabe der Natur. Zudem arbeitete sie eng mit lokalen Botanikern zusammen, die ihr Exkursionsmaterial zur Verfügung stellten oder Fundorte vermittelten.[11] Gemeinsam mit ihrer botanisch versierten Schwester Emilie unternahm sie zahlreiche Exkursionen in das Frankfurter Umland und in den Taunus, um Standorte selbst zu erkunden und Habitatbedingungen zu dokumentieren. Von manchen Pflanzen fertigte sie mehrere Darstellungen an; fand sie ein neues, besser geeignetes Exemplar, ersetzte sie die frühere Abbildung durch eine neue.
Nach über 60 Jahren beendete sie mit 77 im Jahr 1894 die Arbeit an ihrem Werk. Sie vermachte es nach ihrem Tode der Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft,[12] wo die Arbeiten zum Schutz unter Glas einzeln gerahmt nach dem Linnéschen System geordnet in vier Schränken aufbewahrt werden.[13]

In ihrem Testament bestimmte Schultz, ihr Werk der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft zu übergeben. Sie verband dies mit der ausdrücklichen Bitte, die Tafeln als Lehr- und Anschauungsmaterial zu nutzen und sie gelegentlich der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[2] Die Entscheidung, ihr Lebenswerk einer naturwissenschaftlichen Institution und nicht einem Kunstmuseum zu vermachen, unterstreicht den wissenschaftlich geprägten Charakter ihres Selbstverständnisses. Als Anerkennung für diese Stiftung ernannte die Gesellschaft sie als erste Frau in ihrer Geschichte zum Ehrenmitglied – ein außergewöhnlicher Schritt in einer Zeit, in der Frauen im wissenschaftlichen Bereich kaum institutionelle Anerkennung erhielten.
Elisabeth Schultz’ Flora von Frankfurt gilt heute als kultur- und wissenschaftshistorisch bedeutendes Werk. Neuere Forschungen ordnen sie als Schnittstelle zwischen Kunst, Naturbeobachtung und Wissensgeschichte ein und machen ihren Beitrag zur visuellen Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse deutlich.[14] Das Werk besitzt zudem einen hohen umwelt- und stadtgeschichtlichen Quellenwert: Es dokumentiert die Flora des Frankfurter Raums im 19. Jahrhundert und zeigt zahlreiche Pflanzenarten, die in der heutigen Stadtlandschaft verschwunden oder nur noch vereinzelt zu finden sind – darunter Heracleum mantegazzianum (Riesen-Bärenklau), Impatiens balsamina (Indisches Springkraut), Senecio inaequidens (Schmalblättriges Greiskraut) sowie die mittlerweile ausgestorbenen Wasserpflanzen Utricularia vulgaris (Wasserschlauch) und Hottonia palustris (Wasserfeder).[2] Damit stellt die Flora von Frankfurt sowohl eine präzise Momentaufnahme der historischen Vegetation als auch ein frühes Zeugnis ökologischer Veränderungen dar.
Bis heute wird Schultz’ Frankfurter Flora ausgestellt, zuletzt im Historischen Museum Frankfurt in der Ausstellung „Die Stadt und das Grün – Frankfurter Gartenlust“ (25. März bis 10. Oktober 2021).[15]
Literatur
- Stefanie Bickel, Esther Walldorf: Elisabeth Schultz (1817-1898) und Louise von Panhuys (1756-1844). Zwei Frankfurter Malerinnen des 19. Jahrhunderts zwischen Kunst und Wissenschaft. Frankfurt a. M. 2009.
- Nina Gorgus, Lisa Voigt: Frankfurter Gartenlust. Ein Lesebuch zur Ausstellung. Frankfurt a. M. 2021.
- Dagmar Gambichler: Malerinnen und Kupferstecherinnen des Rhein-Main-Gebietes von 1780 bis 1850. Ausbildung und künstlerisches Schaffen zwischen Profession und Dilettantismus. Mainz 2000.