Emilie Winkelmann
erste freiberufliche deutsche Architektin
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Emilie Winkelmann (* 8. Mai 1875 in Aken; † 4. August 1951 auf Gut Hovedissen) war die erste freiberufliche Architektin Deutschlands.
Leben und Wirken


Die Tochter eines Lehrers erlernte im Baugeschäft ihres Großvaters Christian Voigt das Handwerk des Zimmerers, wo sie auch Um- und Neubauten projektierte. Später arbeitete sie in Berlin, Dortmund und Bochum in verschiedenen Architekturbüros. 1901 gelang es ihr, obwohl Frauen zu dieser Zeit in Preußen keinen Zugang zu Hochschulen hatten, ausnahmsweise eine Zulassung für die Technische Hochschule Hannover zu bekommen, zunächst in der Abteilung V (Allgemeine Wissenschaften), ab dem Wintersemester 1902/03 schließlich in der Abteilung I (Architektur).[1] Aufgrund ihres Status als „Hospitantin“ bzw. Gasthörerin schloss sie ihr Studium ohne Abschluss ab.[2] Ihren Lebensunterhalt finanzierte sie durch Arbeit in einem Zeichenbüro.
Winkelmann ging daraufhin nach Berlin, wo sie zunächst ein Jahr in einer Baukanzlei arbeitete. 1907 eröffnete sie als erste selbstständige Architektin Deutschlands ihr eigenes Büro. Im selben Jahr errang sie den 1. Preis in einem Architekturwettbewerb für ein Theatergebäude mit Festsaal an der Berliner Blumenstraße. Nach dem Bau des Theaters, der 1908 begonnen wurde, folgten Aufträge vermögender Bauherren für Villen und Landhäuser in Berlin, Babelsberg und Schleswig. 1907/1908 errichtet für Rudolf Presber dessen Landhaus in der Trabener Straße.[3] Nach ihren Plänen wurde von 1909 bis 1910 in Berlin-Westend (damals noch ein Stadtteil der selbständigen Stadt Charlottenburg) ein großes städtisches Mietshaus, das Leistikowhaus, errichtet.[4]
Von 1910 bis 1912 führte sie zahlreiche Projekte auf ländlichen Herrensitzen in der Provinz Pommern aus, unter anderem in Wundichow im Kreis Stolp und in Karwitz im Kreis Dramburg. In Wieck bei Gützkow wurde sie von der Familie von Lepel mit dem Umbau ihres Herrenhauses beauftragt, wofür ihr nach Fertigstellung 1912 in der Zeitschrift Bauwelt Anerkennung gezollt wurde.[5] In Klein Kiesow errichtete sie ein zwölfachsiges Gutshaus. Beim Wasserschloss Mellenthin baute sie 1912 die vorhandenen Pferde- und Rinderställe zu Wohn- und Wirtschaftsgebäuden im zeitgenössischen Stil um. Um 1906 entstand in Alt Necheln bei Brüel das Gutshaus für die Familie Booth.
1913 entwarf Emilie Winkelmann im Auftrag der Genossenschaft für Frauenheimstätten in Neu-Babelsberg-Nowawes das „Haus in der Sonne“ (heute Hermann-Maaß-Straße 18/20 in Babelsberg). Das Gebäude war gedacht für alleinstehende berufstätige Frauen, die in Rente gingen, aber weiterhin unabhängig leben wollten. 1914 entstanden für sie 14 moderne Wohnungen mit 1 bis 3 Zimmern, einer schmalen Küche, Toilette, beheizbarer Loggia, teilweise eigenem Bad und Zentralheizung. Durch den Ersten Weltkrieg wurde die weitere Bebauung des Areals unterbrochen und erst 1928 durch den Architekten Friedrich Lüngen weitergeführt.[6]
1914 entwarf sie „um der großen Frauensache willen“ ehrenamtlich das Haus der Frau auf der Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig.[7] In ihrer Geburtsstadt Aken wurde ebenfalls 1914 das neue Schulhaus am Bismarckplatz fertiggestellt. Für die Umsetzung war Winkelmann verantwortlich.[8]
Zu Emilie Winkelmanns bedeutendsten Bauten zählt das 1914–1915, also schon im Ersten Weltkrieg, errichtete „Viktoria-Studienhaus“.[9] An der heutigen Otto-Suhr-Allee in Berlin-Charlottenburg gelegen, zitiert sein Äußeres die Architektur des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Heute trägt es nach der Geldgeberin[10] den Namen Ottilie-von-Hansemann-Haus und steht unter Denkmalschutz. Entstanden unter dem Protektorat der Kaiserin Auguste Viktoria, basierte das Konzept auf den Reformideen der Frauenbewegung. Die Verbindung zwischen gemeinsamen Lernen und Wohnen war damals, bei einem Projekt der Mädchen- und Frauenbildung, europaweit einzigartig.[11][12]
Bedingt durch eine seit 1916 schwere chronische Erkrankung ihres Gehörs litt sie später an Schwerhörigkeit und Desorientierung. Nach dem Ersten Weltkrieg gelang es ihr nicht, ihren früheren beruflichen Erfolg fortzusetzen. In der Weimarer Republik und während der NS-Zeit realisierte sie Umbauten und wenige umfangreichere Bauten, beispielsweise in Berlin zwischen 1925 und 1926 das Haus Bennaton oder 1928 das Haus Lion. Mit einem unrealisiert gebliebenen Projekt für ein Einküchenhaus widmete sie sich ebenfalls dem Kleinwohnungsbau. 1928 wurde sie in den Bund Deutscher Architekten aufgenommen, unter dessen Mitgliedern damals nur wenige Frauen waren. Öffentliche Aufträge blieben in diesen Jahren aus. Wesentlichen Anteil an ihrer Arbeit nahmen weiterhin Erweiterungen oder Umbauten von Guts- und Herrenhäusern ein, aber auch der Neubau z. B. des in den 1920er Jahren errichteten Schloss Nieden der Familie von Winterfeld bei Pasewalk. Von 1939 bis zu dessen Zerstörung 1945 arbeitete sie am Umbau von Schloss Grüntal bei Bernau bei Berlin.
Zum Kriegsende konnte sie bei der Familie ihrer Bauherrin Sophie von Saldern (geb. von der Schulenburg) auf Gut Hovedissen bei Bielefeld unterkommen. Dort widmete sie sich bis zu ihrem Tod der Planung von Um- und Erweiterungsbauten auf dem Gut und der Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen. Emilie Winkelmann wurde im Familiengrab in Aken beigesetzt.
Die von ihr projektierten Villen und Landhäuser können auch heute noch als wichtige Bauten der Reform gelten und sind bemerkenswert modern, beeinflusst von den Werken anderer Reformarchitekten wie Alfred Messel und Hermann Muthesius. Viele von ihr entworfene, individuell auf die Bedürfnisse der Bauherrinnen und Bauherren zugeschnittenen Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz.[13]
In Babelsberg erinnert seit 2012 eine Tafel des Projekts FrauenOrte im Land Brandenburg an die Architektin Emilie Winkelmann. Die Tafel ist vor dem von ihr entworfenen „Haus in der Sonne“, Hermann-Maaß-Straße 18/20 angebracht, das heute dem aus der Genossenschaft für Frauenheimstätten hervorgegangenen Bauverein Babelsberg eG gehört.
Rezeption
„Emilie Winkelmann, die vom Anfang ihrer Laufbahn an Aufträge gehabt hat, ist eine unermüdliche Arbeiterin. Sie geht schnurgerade ihren Weg, ohne sich einen Augenblick durch irgend etwas, das nicht ‚zum Bau‘ gehört, ablenken zu lassen. Sie hat in verhältnismäßig kurzer Zeit viel erreicht, weil sie, ganz abgesehen von ihrer außergewöhnlichen Begabung, von früh bis spät tätig ist […]. Es ist eine Freude und Erholung, den Werdegang einer Frau zu verfolgen, die unentwegt auf ihr Ziel zusteuert; Fräulein Winkelmann handelt, denkt und lebt in Steinen. Nur wenigen ist ihr Weg durch eine so stark hervortretende, geniale Begabung vorgezeichnet, wie das bei Emilie Winkelmann von Kindheit an der Fall war. Schon früh hat sie in ihrer Heimatstadt, Aken an der Elbe, Entwürfe gemacht, die ausgeführt wurden.“
„Betritt man das Gelände der Buchgewerbeausstellung, dessen eindrucksvollen Hintergrund das wuchtige Völkerschlachtdenkmal bildet, so grüßt als erstes Gebäude das freundliche, blumengeschmückte ‚Haus der Frau‘ den Besucher. Ruhige, edle Linienführung zeichnet das von der bekannten Architektin Emilie Winkelmann errichtete Gebäude aus, das zum ersten Male auf einer Weltausstellung die Leistungen unserer Geschlechtsgenossinnen zusammenfassend vorführt. Kein überflüssiges Schmuckwerk betont die oft mißverstandene ‚weibliche Note‘, ernst und sachlich reiht es sich in das Gesamtbild dieser Ausstellung ein, die in erster Linie Arbeit und angewandte Kunst zeigen will, aber gleichzeitig einen so eindringlichen Ueberblick über die Kultur unseres Volkes gibt. Durchschreitet man den Säulenvorbau und die ovale Vorhalle, so zeigen die zweckmäßig eingeteilten, gut belichteten Räume dennoch den feinen Sinn für Schönheit und Anmut, der den Frauen eigen ist.“
Literatur
- Sonia Ricon Baldessani: Wie Frauen bauen. Architektinnen. Von Julia Morgan bis Zaha Hadid. AvivA Verlag, Berlin 2001, ISBN 3-932338-12-X, S. 24–33.
- Kerstin Dörhöfer: Pionierinnen in der Architektur. Eine Baugeschichte der Moderne. Wasmuth Verlag, Tübingen 2004, ISBN 3-8030-0639-2.
- Hans-Georg Lippert: Emilie Winkelmann, Deutschlands erste Architektin. Emilie Winkelmann, Germany's First Woman Architect. In: Frau Architekt. Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architekturberuf. Over 100 Years of Women in Architecture. Hg. von Mary Pepchinski u. a. Wasmuth, Tübingen/Berlin 2017, ISBN 978-3-8030-0829-9, S. 78–85.
- Sophie Schleimer: Emilie Winkelmann, Berlin um 1914. In: Insitu 2024/2, S. 295–304.
- Jürgen Schröder: Deutschlands erste Architektin. Emilie Winkelmann baute auch in Vorpommern. In: Heimatkurier, Beilage zum Nordkurier, 24. Juli 2006, S. 24.
- Bettina Schröder-Bornkampf: Winkelmann, Louise Emilie. In: Eva Labouvie (Hg.): Frauen in Sachsen-Anhalt. Band 2: Ein biographisch-bibliographisches Lexikon vom 19. Jahrhundert bis 1945. Böhlau, Köln u. a. 2019, ISBN 978-3-412-51145-6, S. 442–445.
- Wolfgang Voigt: Die erste deutsche Architektin und die bauende Lesbe als Zerrbild im homophoben Roman: Emilie Winkelmann und Blanka Wild. In: ders., Uwe Bresan (Hg.) Schwule Architekten – Gay Architects. Verschwiegene Biografien vom 18. bis zum 20. Jahrhundert – Silent Biographies from 18th to 20th Century. Wasmuth & Zohlen, Berlin 2023, ISBN 978-3-8030-2378-0, S. 100–109.
- Rainer Schützeichel: „Eine richtige Architektin“. Emilie Winkelmann und ihre Bauten für berufstätige Frauen in Berlin und Potsdam. In: Thomas Moser, Sabine Plakolm-Forsthuber, Harald R. Stühlinger (Hg.): OFF! De-Centering Feminist Architectural History. TU Wien Academic Press, Wien 2026, ISBN 978-3-85448-083-9, S. 115–123, DOI.
Weblinks
- Emilie Winkelmann. In: archINFORM.
- Hainer Weißpflug: Winkelmann, Emilie. In: Hans-Jürgen Mende, Kurt Wernicke (Hrsg.): Berliner Bezirkslexikon, Charlottenburg-Wilmersdorf. Luisenstädtischer Bildungsverein. Haude und Spener / Edition Luisenstadt, Berlin 2005, ISBN 3-7759-0479-4 (luise-berlin.de – Stand 7. Oktober 2009).
- Emilie Winkelmann. FrauenOrte im Land Brandenburg
- Emilie Winkelmann – Deutschlands erste Architektin. (Wiederholung am 18. Juli 2021). In: rbb. Archiviert vom am 26. Juli 2021; abgerufen am 12. August 2023.
- Luisa Knödler: Mit Architektur zur Emanzipation. Forschendes Lernen am Werk Emilie Winkelmanns. BauNetz