Entdeckung von Plutonium

From Wikipedia, the free encyclopedia

Der Entdeckung von Plutonium (Element 94) und den damit verbundenen radiochemisch-analytischen Experimenten gingen zunächst Studien zu dem neuen Element 93 voraus.[1] Ida Noddack postulierte das Element 93, das heute Neptunium genannt wird, bereits im Jahr 1934. Zu dieser Zeit experimentierten Enrico Fermi und seine Mitarbeiter in Rom mit der Möglichkeit der Transmutation von Elementen durch Neutronenbeschuss.[2][3]

Mit der Entdeckung der Kernspaltung Ende 1938 wurde die Kernforschung bzw. Kerntechnik zu einer der Schlüsseltechnologien des 20. Jahrhunderts. Radiochemiker und Kernphysiker auf der ganzen Welt erforschten die nuklearen Details der Materie, speziell die 1932 entdeckten Neutronen. Neben Präparaten dienten Neutronenquellen und Teilchenbeschleuniger als Instrumente, da Kernreaktoren erst ab 1942 verfügbar wurden, vgl. der „Chicago Pile“.

Die Suche nach Plutonium war Teil des Manhattan-Projekts im Zweiten Weltkrieg und unterlag daher strengster Geheimhaltung. Viele grundlegende chemisch-physikalischen Eigenschaften des Elements Plutonium wurden im Zeitraum zwischen 1941 und 1945 erforscht. Einige der Erkenntnisse wurden zunächst durch das Physical Review zurückgehalten und erst nach dem Zweiten Weltkrieg veröffentlicht. Des Weiteren wurde Plutonium als Teil des Smyth Report (1945 veröffentlicht, 1947 ins Deutsche übertragen) erwähnt und damit erste Details der Öffentlichkeit bekannt. Außerdem wurde Fachwissen von anderen Nationen, z. B. Sowjet-Forschern, im Rahmen der Genfer Atomkonferenzen ab 1955 im Zuge der Entwicklung der Kerntechnik publiziert.

Gilman Hall, Raum 307

Entdeckung des Isotop 238

Am 23. Februar 1941 gelang im Raum 307 einem radiochemischen Labor („Radiation Laboratory“) im Gebäude Gilman Hall, Berkeley, Glenn T. Seaborg und Arthur C. Wahl der Nachweis von Mikromengen (sogenannte Tracer) des später Plutonium genannten Elements.[4][5][6][7] Es handelte sich zunächst um das Isotop 238Pu, welches durch den Beschuss eines Urandioxid-Target U mit Deuteronen D, die durch ein Zyklotron beschleunigt wurden, gebildet wurde:

Dabei wurden zwei Neutronen n freigesetzt, das Zwischenprodukt Neptunium-238 wandelte sich durch Betazerfall in das Plutonium um:

Zunächst wurde bemerkt, dass dem Np-238 ein α-Strahler „nachwuchs“. Um das Element 94 nachzuweisen, wurde ausgenutzt, dass sich die Elemente 93 und 94 hinsichtlich ihrer Oxidation unterscheiden. Verwendet wurden Kaliumthiosulfat und Silberionen als Reduktionsagenten. Der Schlüssel ist, dass sich Plutonium dabei als schwieriger zu oxidieren zeigte als Neptunium.

Zu den beteiligten Wissenschaftlern gehörten anfänglich auch Edwin M. McMillan, sowie Joseph W. Kennedy u. a., welche ebenfalls im Frühjahr 1941, zusammen mit Emilio Segrè, das Plutoniumisotop 239 entdeckten.[8]

Spaltbarkeit des Isotops 239

Am 28. März 1941 wurde die Spaltbarkeit des Isotops 239 durch thermische Neutronen nachgewiesen, sie war etwa 1,7-fach so groß wie bei Uran-235. Im Mai 1941 konnte der Wirkungsquerschnitt für diese Kernreaktion angegeben werden.[8] Das Isotop emittiert bei Spaltung statistisch mehr als zwei Neutronen, was eine nukleare Kettenreaktion ermöglicht, da stets mindestens ein zu einer Spaltung führendes Neutron zur Kettenreaktion benötigt. Es wurde auf seine spontane Spaltung untersucht und eine lange Halbwertszeit ( 24.100 Jahre) festgestellt, wodurch das Material als Kernbrennstoff eingestuft wurde.

Zigarrenkiste von Gilbert N. Lewis, von Glenn T. Seaborg zum Speichern von Gegenständen ausgeliehen. Etwa 0,5 ug ( 31 nCi) Plutonium-239 wurde im Frühjahr 1941 von Wahl & Kollegen auf einer Platinscheibe zur Messung der Spaltbarkeit aufgebracht. Diese B-Probe tauchte 1966 wieder auf und wurde der Smithsonian Institution übergeben.

Die Originalprobe dieser Messungen wurde im Jahr 1966 der Smithsonian Institution übergeben.[9]

Spurenprobe von 1941

Für die Analyse des neuen Elements 94 wurden mikroskopische Mengen auf Platinscheiben aufgebracht. In dem nebenstehenden Foto sind auf einer nachträglichen Notiz vom 13. Juli 1941 Daten von einer Alphastrahlungsmessung zu lesen („α's counted in a magnet field (MF) chamber with a dist. of 2.5 cm. B = 0.025 uCi ...“). Die Werte geben die zurückgelegte Strecke der Heliumkerne in Luft an. Nach einer approximativen Formel von Geiger (vgl. auch die Bethe-Formel) gilt in Luft näherungsweise ein einfacher Zusammenhang zwischen der Energie der Alphateilchen und ihrer Reichweite: , d. h. für 3,6 cm ergeben sich MeV. Plutonium ist ein starker α-Strahler.

Jones Chemical Laboratory, Raum 405

Erste Isolation

Zwischen dem 18. und 20. August 1942 gelang es Burris B. Cunningham und Louis B. Werner eine erste prinzipiell sichtbare (unter dem Mikroskop) Menge des neuen Elements 94 durch Fällung darzustellen.[10] An den Arbeiten war auch der Mikrochemiker Michael Cefola beteiligt.[11] Dies geschah im Raum 405 des George Herbert Jones Chemical Laboratory, der University of Chicago. Die Chemiker übernahmen das Gebäude und die Einrichtung des Jones Chemical Laboratory, Teil des Metallurgical Laboratory („Met Lab“) unter der Leitung von Seaborg.

Im September erhielten Cunningham und Werner eine neue bestrahlte Probe aus Berkeley (von 1941 bis 1949 unter Leitung von Wendell M. Latimer als Dekan des College of Chemistry). Dabei wurden mit dem 60-Zoll-Zyklotron des Crocker Laboratory[12] die 12 MeV-Deuteronen auf ein Beryllium-Target mittels (d,n)-Reaktion zur Freisetzung von Neutronen verwendet, welche in rund 5 kg Uranylnitrat-Hexahydrat (UNH), mit der chemischen Formel UO2(NO3)2·6 H2O, etwa 1 μg Plutonium-239 produzierten. Dabei findet die folgende (n,γ)−Kernreaktion statt:

.

Diese Probe aus Berkeley wurde von Uran, Neptunium und Spaltprodukten gereinigt. Im Raum 405 wurde am 20. August 1942 in mehrfachen analytischen Reinigungs-, Oxidations- und Reduktions-Schritten mittels Mitfällung (genauer mit dem Lanthanfluorid-Trägerverfahren)[13][14] schlussendlich ein Plutoniumfluorid-Niederschlag (Plutonium in den Hauptvalenzzuständen Pu(III) und Pu(IV)) gewonnen.

Erste Wägung

Am 10. September 1942 wurde eine weitere Probe als Plutoniumhydroxid gefällt. Das Plutoniumoxid PuO2 wurde zu 2,77 μg gewogen. Es war das erste gewogene Plutonium in Reinform.[15]

Zu dieser Zeit wurden weitere kleine Mengen analytisch dargestellt. Erst später wurden am Los Alamos Scientific Laboratory (LASL) der University of California erste Grammmengen (>> 10 g) hergestellt.[16] Darüber hinaus wurde in Chalk River in Kanada sehr früh mit der Erforschung von Plutonium und Kernbrennstoffen als Teil der Kerntechnik begonnen.[17] In Frankreich wurde das neue Kernmaterial erstmals in den 1950er Jahren dargestellt.[18]

Metall und weitere Eigenschaften

Ende 1943 gelang es anderen Wissenschaftlern des „Met Lab“, metallisches Plutonium (etwa 3 μg) darzustellen.[19] Dabei reagierten rund 35 μg PuF4 mit metallischem Barium bei 1.400 °C. Die Dichte der dabei entstandenen Plutonium-Kügelchen wurde als rund 16 g/cm³ bestimmt.

Etwa ab diesem Zeitpunkt wurden Produktionskapazitäten in Hanford errichtet. Später untersuchten Seaborg und seine Mitarbeiter auch das natürliche Vorkommen von Plutonium.[20] Erst ab Mitte der 1950er Jahre wurde der technische PUREX-Prozess aufgebaut. Dieser ist heute der Stand der Technik für den nuklearen Brennstoffkreislauf zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen.

Eigenschaften

Glenn T. Seaborg[21], Kernchemiker, Leiter des Metallurgical Laboratory, Nobelpreisgewinner in Chemie und ehemaliger Vorsitzender der Atomic Energy Commission (AEC), ist auf diesem Foto neben einem Periodensystem zu sehen. Das Element 106 (Sg) wurde ihm gewidmet.

Plutonium ist neben Thorium und Uran ein Kernbrennstoff. Das künstliche Element hatte vor der Nutzung der Kernenergie bzw. deren Erforschung praktisch nicht existiert. In natürlichen Vorkommen lässt es sich nur in Spuren finden, die nicht erschlossen werden können.

Plutonium hat nur den Zweck, für Kernenergie zu zivilen oder militärischen Zwecken eingesetzt zu werden. Die erste Bombe, die Plutonium verwendete, wurde beim Trinity-Test gezündet. In kommerziellen Kernkraftwerken wird Plutonium-239 zu etwa einem Drittel neben dem spaltbaren Uran-235 gespalten und liefert somit einen Beitrag zur Energiegewinnung. Eine weitere Anwendung ist, dass Plutonium-238 für Radionuklidbatterien benötigt wird. Schätzungen zufolge wurden im Jahr 2003 etwa 1.855 Tonnen Plutonium produziert bzw. existierten.[22] Außerdem schätzt man, dass das Testen von Kernwaffen in der Atmosphäre zu rund einer Tonne Plutonium in der Umwelt geführt hat. Durch das LTBT-Moratorium wurden diese Tests unter die Erde verlegt.

Des Weiteren ist Plutonium das gefährlichste chemische Element des Periodensystems, es wirkt radiotoxisch im Körper aufgrund seiner hohen spezifischen Aktivität von Plutonium-239 140 × 106 α-Zerfälle pro Minute pro Milligram (mg). Bei Mengen über 1 μg muss in speziellen dafür geeigneten Handschuhkasten gearbeitet werden. Die hohe Ionisierung von 107 Ionenpaaren pro α-Teilchen auf kurzer Reichweite führt zu einer beträchtlichen Ionisierungsdichte, was hohen Schaden an biologischen Zellen oder Gewebe verursachen kann. Die Reichweite der α-Kerne ist in Luft 3,6 cm und im Gewebe 40 μ. Diese kurze Reichweite ist mit der hohen Zahl an erzeugten Ionenpaaren schädigend. Plutonium oder andere starke α-strahlende Nuklide dürfen deshalb auch in nur mikroskopischen Mengen auf keinem Fall inkorporiert werden. Speziell muss das Einatmen (Lunge) und Hautkontakt vermieden werden. Es wird auch als „Knochensucher“ bezeichnet, da es sich an Knochen anlagert. Die schädliche Wirkung rührt von der ionisierenden Strahlung (hier α, nicht γ).

Aufgrund fehlender geeigneter Daten zu den Auswirkungen einer Plutoniuminhalation auf die Gesundheit von Menschen oder Tieren wurden keine akuten, intermediären oder chronischen Minimales Risiko Level (MRL)-Werte[23] für Plutonium abgeleitet.[24] Siehe auch das Toxikologische Profil von der US-amerikanischen CDC/Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR) zu dem Element.[25] Die Maximal zulässige Konzentration in Luft für eine 40-Stunden-Woche ist etwa 10−12 μCi/cc. Empfehlungen für die Grenzwerte für die Arbeit mit ionisierender Strahlung und nuklearem Material werden von der International Commission on Radiological Protection (ICRP) gegeben.

Ein zweites Risiko besteht für das Isotop 239 durch die sogenannte kritische Masse, welche für die Verarbeitung oder Prozesstechnik strengen Vorgaben genügen muss. Ein drittes Problem ist, dass das Material sicherheitstechnisch als „kritisch“ gilt, d. h., es unterliegt Regulierungen der Besitzerländer und der weltweiten Kernmaterialüberwachung, z. B. durch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) und Partnerinstitutionen.

Die Legierungen von Plutonium haben keinen anderen konstruktiven oder industriellen Verwendungszweck. Wenn sie als Brennelement genutzt werden, dann in kleineren Prozentmengen zusammen mit Uran als Mischoxid (MOX). Des Weiteren kann es aufgrund seiner erhöhten Anzahl freiwerdender Neutronen im Falle einer Kernspaltung für das „Erbrüten“ (vgl. auch Konversion) von Kernmaterial in sogenannten Brutreaktoren verwendet werden. Die Hoffnung, mehr Kernmaterial zu erzeugen, als verbraucht wird, ließ sich jedoch nur in ganz wenigen Kernreaktorsystemen umsetzen, vgl. die BN-Reaktorbaureihe aus Russland. Diese Reaktoren werden jedoch zum „verbrennen“ von Plutonium aus dem Kalten Krieg verwendet, um das Material zu vernichten, vgl. auch das Plutonium Management and Disposition Agreement.[26]

Aufgrund seiner interessanten Eigenschaften, wie beispielsweise sechs Kristallstrukturen (vgl. auch Phasenumwandlung) und viele weitere physikalische, chemische, mechanische, elektrische, metallurgische Eigenheiten, wird Plutonium bis heute in der Kernforschung untersucht.

Die Entdeckung von Plutonium führte im Zuge der aufkommenden Kernenergie im Atomzeitalter zu einer aktiven Erforschung weiterer Transurane. Der Begründer dieser radiochemischen Forschungsaktivitäten erkannte in dem Dilemma um das nukleare Material und die damit verbundene Kerntechnik jedoch auch ein wissenschaftliches Potenzial:

„The modern technological world appears overwhelming to many people. It drives some to pessimism and despair. It makes others doubt the future of mankind unless we retreat to simpler lives and even to the ways of our ancestors. What these people fail to realize is that we cannot go back to those ways and those days. Furthermore, for all our difficulties, life today is far better for more people, and the possibilities for the future can be brighter than ever if we develop not only new knowledge, but a greater faith and confidence in the human mind and spirit. The development of that spirit, of that faith and confidence, as well as new knowledge, is a major responsibility of our universities throughout the world. It will do us little good to bring forth new ideas and technologies if the world suffers from a general failure of nerve to use them, to venture forth to new frontiers, to accept some risk, to achieve greater gain.“

„Die moderne technologische Welt erscheint vielen Menschen überwältigend. Sie treibt einige zu Pessimismus und Verzweiflung. Sie lässt andere an der Zukunft der Menschheit zweifeln, es sei denn, wir kehren zu einem einfacheren Leben und sogar zu den Lebensweisen unserer Vorfahren zurück. Was diese Menschen nicht erkennen, ist, dass wir nicht zu diesen Lebensweisen und diesen Zeiten zurückkehren können. Darüber hinaus ist das Leben heute trotz aller Schwierigkeiten für mehr Menschen weitaus besser, und die Zukunftsaussichten können besser sein als je zuvor, wenn wir nicht nur neues Wissen entwickeln, sondern auch mehr Vertrauen und Zuversicht in den menschlichen Verstand und Geist. Die Entwicklung dieses Geistes, dieses Glaubens und dieser Zuversicht sowie neuer Kenntnisse ist eine wichtige Aufgabe unserer Universitäten auf der ganzen Welt. Es nützt uns wenig, neue Ideen und Technologien hervorzubringen, wenn die Welt unter einem allgemeinen Mangel an Mut leidet, diese zu nutzen, neue Grenzen zu erschließen, Risiken einzugehen und größere Gewinne zu erzielen.“

Glenn T. Seaborg

Siehe auch

Literatur

  • Glenn T. Seaborg: The Transuranium Elements (= Atoms for Peace). Addison-Wesley Publishing Company, New York 1958 (englisch, archive.org).

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI