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Erato von Armenien

Königin von Armenien (reg. ca. 8/6 v. Chr.–1 n. Chr. und 12/13–15/16 n. Chr.). From Wikipedia, the free encyclopedia

Erato (griech. Ἐρατὼ, gest. nach 15/16 n. Chr.) war eine Königin Armeniens aus der artaxiadischen Dynastie und zählt zu deren letzten nachweisbaren Angehörigen. Sie lebte an der Wende vom 1. Jahrhundert v. Chr. zum 1. Jahrhundert n. Chr. und übte zumindest zeitweise eine eigenständige Herrschaft über Armenien aus. Die Überlieferung zu ihrer Person ist lediglich in fragmentarischer Form durch literarische und numismatische Zeugnisse fassbar. In der Forschung wird sie traditionell als Schwestergemahlin des Tigranes IV.[2] (gest. um 1 n. Chr.) gedeutet. Diese Auffassung stützt auf die Verbindung antiker Textstellen mit numismatischen Befunden, erweist sich jedoch als nicht zwingend und bleibt in wesentlichen Punkten spekulativ.

Bronzemünze, Erato zeigend. Möglicherweise aus der späten Regierungszeit des Tigranes IV.[1]

Quellenbasis und Herrschaftsrekonstruktion

Antike Schriftquellen

Die antiken Schriftquellen zu Erato beschränken sich auf Tacitus (ca. 58–120 n. Chr.)[3] und Cassius Dio (ca. 163–235 n. Chr.).[4] Tacitus berichtet im Zusammenhang mit den Thronstreitigkeiten nach dem Tod Tigranes III.’ (ca. 20–8/6 v. Chr.) flüchtig, dass nach einem kurzlebigen Versuch weiblicher Herrschaft eine gewisse Erato rasch wieder verdrängt worden sei.[5] Bemerkenswert ist dabei, dass Tacitus – anders als an anderen Stellen in seinem Werk – hier keinerlei genealogische Einordnung vornimmt; insbesondere bezeichnet er Erato nicht ausdrücklich als Tochter eines früheren Königs.[6] Wenige Verse vor dieser Stelle legt Tacitus dar, dass die Herrschaft Tigranes’ III. ebenso wenig Bestand gehabt habe wie die seiner Kinder, obgleich diese sich nach fremdländischem Brauch zu einer Geschwisterehe und gemeinsamen Herrschaft zusammengeschlossen hätten.[7] Victor Langlois hat in seinem Werk Numismatique de l’Arménie von 1859 schließlich erstmals die These formuliert, die bei Tacitus erwähnten „Kinder des Tigranes III.“ seien mit Erato und Tigranes IV. zu identifizieren.[8] Diese Deutung hat sich in der Forschung in der Folge als dominierende Lesart etabliert,[9] ist jedoch letztlich als unsicher zu bewerten.[10]

Numismatische Überlieferung

Angesichts der nur spärlich überlieferten narrativen Quellen kommt den numismatischen Befunden in der Forschung zum armenischen Königtum des späten letzten vorchristlichen Jahrhunderts und des 1. Jahrhunderts n. Chr. traditionell besonderes Gewicht zu. Vier nachweisbare Emissionen nennen Erato. Ein erster Typ ist lediglich in einem Exemplar überliefert, das sich im Cabinet des Médailles der Bibliothèque nationale de France befindet. Der Avers trägt die Umschrift βασιλεὺς βασιλέων Τιγράνης; der Revers die Umschrift Ἐρατὼ βασιλέως Τιγράνου ἀδελφή. Erato trägt weder Diadem noch Krone und wird nicht als Königin, sondern nur als Schwester eines Königs Tigranes bezeichnet. Die Prägung erfolgte offenbar unter parthischem Einfluss. Die Authentizität des Stücks ist umstritten, wird in der jüngeren Forschung jedoch tendenziell positiv bewertet. Vergleichbare Exemplare sind zwar bekannt, jedoch so schlecht erhalten, dass die Legende nicht zweifelsfrei zu lesen ist. Ein zweiter Typ gehört zu derselben Münzserie, verfügt jedoch über eine abweichende Legende βασιλεὺς μέγας νέος Τιγράνης auf dem Avers.[11] Bemerkenswert ist dabei, dass diese Bezeichnung die ältere Formel βασιλεὺς βασιλέων Τιγράνης voraussetzt und gewissermaßen in eine spätere Phase königlicher Selbstdarstellung überleitet. Die beiden übrigen Typen sind Prägungen mit der Legende βασίλισσα Ἐρατώ.

Innerhalb der artaxidischen Numismatik stellen diese Münzen die einzigen bekannten Zeugnisse dar, die eine Verwandtschaft explizit benennen: Erato ist die Schwester eines Königs Tigranes (Ἐρατὼ βασιλέως Τιγράνου ἀδελφή). Diese Angabe diente offenbar der Legitimation weiblicher Herrschaft und ist in der Geschichte der Dynastie wie auch im weiteren Kontext der armenischen Antike insgesamt singulär. Die im Anschluss an Tacitus formulierte These, ein Sohn des Tigranes III. habe seine Schwester Erato geheiratet, stützt sich wesentlich auf die Typen 1 und 2. Auffällig ist dabei, dass Erato dort nicht als βασίλισσα bezeichnet wird. Erst auf den jüngeren, später entdeckten Typen 3 und 4 führt sie diesen Titel.

Auf den letztgenannten Typen findet sich zudem die retrograde Zeichenfolge „EΓ“, möglicherweise als ἔτος γʹ („Jahr 3“) zu deuten, wobei die genaue Interpretation offen bleibt. Die Angabe könnte sich auf drei kumulierte Regierungsjahre beziehen, auf die Gesamtdauer zweier gemeinsamer Herrschaften Eratos mit Tigranes sowie einer anschließenden eigenständigen Herrschaft oder auf die Gesamtzeit einer einzigen, letzten Regierungsphase. Bemerkenswert scheint noch, dass Typ 4 auf dem Revers die armenische Tiara auf eine Weise zeigt, die sonst nur aus römischen Prägungen zur Symbolisierung Armeniens bekannt ist; insgesamt reflektiert die Münzprägung Eratos eine politisch instabile Übergangsphase, in der sich dynastische Legitimation wesentlich über titulaturale Setzungen und ikonographische Programme artikulierte.[12]

Chronologische Rekonstruktion

In Teilen der jüngeren Forschung wird die Auffassung, Erato sei Tochter Tigranes’ III. (ca. 20–8/6 v. Chr.), vor allem aufgrund der taciteischen Überlieferung abgelehnt, da Tacitus die „Kinder“ Tigranes’ III. und eine „Frau namens Erato“ (feminae, cui nomen Erato) offenkundig trennt, woraus eine fehlende genealogische Verbindung geschlossen wird. Ergänzend wird auch die Münzlegende „Erato, Schwester des Königs Tigranes“ (idR als Tigranes’ IV. [ca. 6 v. Chr.–1 n. Chr.] gedeutet) gegen eine Abstammung von Tigranes III. angeführt. In Verbindung mit der Annahme eines Geschwisterpaars unter den Kindern Tigranes’ III. das mit Münzen mit der Aufschrift Tigranes in Verbindung gesetzt wird, ergibt sich ein genealogischer Widerspruch, da zwei gleichnamige Nachkommen innerhalb derselben Generation als unwahrscheinlich gelten müssen. Vor diesem Hintergrund deuten Roy Arakelian und Maxime K. Yevadian Erato als Tochter Artaxias’ II. (ca. 34; 31–20 v. Chr.) und Schwester Tigranes’ IV. (ca. 6 v. Chr.–1 n. Chr.), die gemeinsam ohne eheliche Bindung regiert hätten.[13] Stattdessen interpretieren sie eine Münze in Pariser Privatbesitz mit Darstellung des Ararat auf dem Revers als Darstellung eines Tigranes, Sohn Tigranes’ III., mit seiner namenlosen Schwestergemahlin.[14]

Chronologisch lassen sich demnach mehrere Emissions-, bzw. Herrschaftsphasen Eratos unterscheiden: Zunächst erfolgte wohl eine Mitregentschaft mit ihrem Bruder Tigranes IV., offenbar mit wechselnder außenpolitischer Orientierung.[15] Kurz nach einem Friedensschluss mit Rom um 1 n. Chr. starb Tigranes IV. an der Ostgrenze Armeniens in einem Krieg gegen ein „barbarisches Volk“.[16] Spätestens mit der Ankunft des Gaius Caesar in Armenien wurde Erato von Rom zur Abdankung gezwungen.[17] Gegen den Willen des Volkes stieß man sie vom Thron und setzte Ariobarzanes, dem Herrscher von Media Atropatene, die Tiara aufs Haupt. Nach dessen Tod im um 4 n. Chr. folgte ihm sein Sohn als Artavasdes IV. (ca. 4–6 n. Chr.), dieser traf jedoch auf den Widerstand der armenischen Nobilität und fiel nach kurzer Herrschaft einem Mordanschlag zum Opfer. Rom setzte daraufhin Tigranes V. (ca. 6–spätestens 12 n. Chr.), einen Sohn Alexanders, Sohn des Herodes, und Glaphyras, Tochter des Archelaos Sisinesals Herrscher ein.[18] Nachdem Tigranes V. die Krone wieder verloren hatte, begann offenbar eine Phase der autonomen Prägung der Erato (von ca. 12/13–15/16 n. Chr.) unter der alleinigen Titulatur „Basilissa Erato“, wahrscheinlich bis zum Auftreten des Vonones (ab ca. 16/17 n. Chr.); schließlich das Ende der Prägungstätigkeit im Kontext römischer Intervention. Das auf einzelnen Stücken belegte „EΓ“ wird von Roy Arakelian und Maxime K. Yevadian als Indikator für eine dreijährige Emissionsperiode interpretiert; dies ist jedoch nicht zwingend.[19] Die Überlieferung lässt eine politisch instabile und nur in Fragmenten greifbare Epoche erkennen, deren Ereignisabläufe ebenso wie die dynastischen Zusammenhänge einer eindeutigen Rekonstruktion entzogen bleiben.[20]

Literatur

  • Arthur Stein: Erato 9. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Bd. VI,1, Stuttgart 1907, Sp. 355f.
  • Martin Schottky: Erato 2. In: Der Neue Pauly, Bd. 4, Stuttgart/Weimar 1998, Sp. 44 (Digitalisat).
  • Frank L. Kovacs: Armenian Coinage in the Classical Period (= Classical Numismatic Studies, Nr. 10), Lancaster 2016, S. 29–31, Taf. 14f. (borndigital).
  • Roy Arakelian/Maxime K. Yevadian: Erato, reine d’Arménie. Étude historique et numismatique. In: Journal of Ancient Civilizations 36/1 (2021), S. 67–137 (borndigital).
  • Maxime K. Yevadian: Note on Erato, Queen of Armenia: Historical and Numismatic Study. In: Proceedings of the History Museum of Armenia 2/12 (2023), S. 28–48, 280–82 (borndigital).

Anmerkungen

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