Eric Valentine Gordon
kanadischer Philologe
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Eric Valentine Gordon, kurz auch E. V. Gordon (geboren am 14. Februar 1896 in Salmon Arm, British Columbia; gestorben am 29. Juli 1938 in Manchester, England) war ein kanadischer Philologe und Professor für englische und germanische Sprachen an den Universitäten von Leeds und Manchester. Bekannt ist er zudem durch seine Zusammenarbeit mit J. R. R. Tolkien.
Leben
Gordon war ein Sohn von James Daniel (genannt Jim) Gordon (um 1860 – 10. November 1911) und dessen Frau Annie (geborene McQueen; 31. Juli 1865 – 28. Mai 1941).[1] Er hatte zwei ältere Geschwister, die Lehrerin Jessie McQueen Gordon (1889–1971) und den Rechtsanwalt Daniel Marshall Gordon (1891–1979). Jessie McQueen (1860–1933) war seine Tante. Gordon wurde zunächst von seiner Mutter unterrichtet, die Lehrerin war, und besuchte nach dem Umzug 1907 die South Park School, die Victoria High School, das Victoria College und das McGill University Collage in Victoria. Im Juli 1915 war er einer der acht kanadischen Studenten, denen ein Rhodes-Stipendium an der University of Oxford gewährt wurde.[2] Hier wurden Kenneth Sisam, der als Lexikograf für die Oxford University Press arbeitete, und Percy Simpson (1865–1962) seine Tutoren. Im August 1916 trat er in die 1. Batterie der kanadischen Feldartillerie (englisch 1st Battery, Canadian Field Artillery) in Shorncliffe ein, um im Ersten Weltkrieg zu dienen, doch er wurde bereits im November 1916 aus gesundheitlichen Gründen wieder entlassen, so dass er stattdessen bis 1919 für die Ministerien für Nationalen Dienst und Ernährung arbeitete.[3]
Oxford und Leeds
Anschließend kehrte er nach Oxford an das University College zurück, wo Tolkien 1920 sein Tutor wurde. In dieser Zeit traf er auch erstmals mit C. S. Lewis zusammen. Er begann in Oxford nach dem Abschluss seines Bachelor of Arts (BA zweiter Klasse) ein Bachelorstudium in Literaturwissenschaften (B. Litt.), gab dieses jedoch auf, als ihm eine Stellung am Anglistik-Institut der Universität Leeds angeboten wurde. 1922 arbeitete er gemeinsam mit Tolkien an einer neuen Edition der mittelenglischen Ritterromanze Sir Gawain and the Green Knight, die 1925 veröffentlicht wurde.[4] Gordon arbeitete 1925 gemeinsam mit Albert Hugh Smith (1903–1967) an dem Artikel The River Names of Yorkshire für die Transactions of the Yorkshire Dialect Society, und er verfasste auch einen Artikel zum skandinavischen Einfluss auf die Dialekte von Yorkshire.[5] Er befasste sich mit den Namen und Daten historischer Orte und Ereignisse aus den altnordischen Dichtungen und den Isländersagas. Er bereiste dazu auch zweimal Island und lud Studenten von dort ein, damit sie Englisch studierten und ihren Kommilitonen das Isländische näher bringen sollten. Gordon und Tolkien waren Mitbegründer des Viking Clubs in Leeds, in dem altisländische Sagas gelesen und eigene angelsächsische Lieder verfasst wurden, von denen einige als Songs for the Philologists später auch veröffentlicht wurden. Beide waren eng mit der „Yorkshire Dialekt Society“ verbunden. Für diese verfasste er 1930 The Vikings in Yorkshire. Als Tolkien Leeds verließ, wurde Gordon sein Nachfolger als Professor für Englische Sprache. 1929 sorgte er dafür, dass die wertvolle, umfangreiche Sammlung aus der privaten Bibliothek des Kopenhagener Historikers Bogi Thorarensen Melsteð (1860–1929) für die Universität Leeds erworben werden konnte, die den Grundstock der isländischen Sammlung bildete.[6] In seinem Werk An Introduction to Old Norse, in dem sich Gordon mit der Literaturgeschichte des Altnordischen, deren historischer Genauigkeit und dem Stil der befasste, stellte er auch Vergleiche mit anderen Sprachen und Texten des Mittelalters an und befasste sich auch mit dem altenglischen Epos Beowulf zu dem auch Tolkien 1936 sein Essay Beowulf: The Monsters and the Critics veröffentlichte. Das Werk zur Einführung in das Altnordische enthält zahlreiche Auszüge aus altnordischen Texten, wie dem Lied von Thrymr oder aus der Saga von Hrolf Kraki und seinen Kämpen. Tolkien soll sich für seine Erzählungen zu Der Hobbit und Der Herr der Ringe auch Anregungen aus den Illustrationen in diesem Werk geholt haben, so beispielsweise für die Halle Beorns.[7] Im Sommer 1928 hielt er sich sechs Wochen lang bei seiner Mutter und seinen Geschwistern in Kanada auf.
Manchester
Im Februar 1931 wurde Gordon als „Smith Professor of English Language and Germanic Philology“ an die Universität Manchester berufen. Diese Position bekleidete er von September 1931 bis zu seinem Tod. Hier arbeitete er gemeinsam mit dem Romanisten und Professor für französische Sprache und Literatur Eugène Vinaver an einem Vergleich der Texte zu Le Morte Darthur, 1485 von William Caxton gedruckt, und dem 1934 in Winchester wiederentdeckten Manuskript (MS 59678) von Thomas Malory.[8][9][10] Inzwischen war er mit Tolkien und Lewis eng befreundet. Gemeinsam mit Tolkien arbeitete er an einer Überarbeitung der Gedichte The Wanderer und The Seafarer aus dem Exeter Book, die ursprünglich 1933 gedruckt werden sollten. Es erschien jedoch später im Druck nur Gordons von seiner Frau herausgegebene Version des Seafarers.[11] Auch mit The Battle of Maldon beschäftigten sich Gordon und Tolkien gemeinschaftlich. Im Juli 1938 bekam Gordon starke Beschwerden durch Gallensteine. Trotz einer sofortigen Operation und Entfernung der Steine, starb er kurz darauf an den Folgen. Er wurde am 2. August 1938 eingeäschert. Anlässlich seines plötzlichen Todes hielt der mit Gordon befreundete Henry Buckley Charlton (1890–1961) einen Vortrag über dessen Leben und Werk. Dabei stellte er Gordons Beliebtheit unter Kollegen und Studierenden heraus und beklagte den schmerzlichen Verlust für die Universität. Auch die begonnene Abhandlung über die ältere Edda, an der Gordon zuletzt arbeitete, blieb unveröffentlicht.[12]
Tolkien übernahm die bereits fast vollendete Bearbeitung von Pearl, um sie zu vollenden. Er fühlte sich jedoch dazu nicht in der Lage und gab es schließlich an Ida Gordon zurück, die die ab 1950 abschließende Bearbeitung in enger Zusammenarbeit mit Tolkien durchführte.[13] Im Jahr 1957 gab Arnold Rodgers Taylor (1913–1993) eine überarbeitete Auflage von Gordons An Introduction to Old Norse heraus, in der er lediglich das Fragment der Hrafnkels saga durch einen vervollständigten Text ersetzte.
Familie
Gordon war seit dem 30. Juli 1930 mit der Studentin Ida Lilian (geborene Pickles; 14. November 1907 – 26. September 2002) verheiratet, eine Tochter des Alfred Pickles, die aus West Yorkshire stammte. Mit ihr hatte er einen Sohn und drei Töchter. Als Gordon 1938 starb, übernahm sie zunächst einige seiner Vorlesungen als Lecturer in Manchester und wurde 1960 Senior Lecturer. 1968 wurde sie emeritiert. Auch sie besuchte zweimal Island, um die Sagaliteratur zu studieren.
Ehrungen (Auswahl)
- 4. Dezember 1923: Mitglied der 1834 gegründeten Surtees Society[16]
- 1929/1930: Ritter des isländischen Falkenordens (isländisch Riddari Islensku Falkuordu) durch König Christian X.[10][17]
- 1930: Ehrenmitglied (honorary Fellow) der Icelandic Society of Letters.[12]
Schriften (Auswahl)
- Mit J. R. R. Tolkien: Sir Gawain & The Green Knight The Clarendon Press, Oxford 1925 (archive.org).
- An Introduction to Old Norse. Oxford University Press, Oxford 1927 (Textarchiv – Internet Archive).
- Stella Marie Mills: The Saga of Hrolf Kraki. Blackwell, Oxford 1933 (Einleitung).
- Haakon Shetelig, Hjalmar Falk: Scandinavian Archaeology. Oxford University Press, Oxford 1937 (Übersetzung, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- The Battle of Maldon – with a frontispiece and a map. Methuen, London 1937 (Nachdruck, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- Ida Lillian Gordon (Hrsg.): Pearl. Clarendon Press, Oxford 1953 (Postum; Ausgabe 1958, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
Literatur
- Eric V. Gordon Dies in England. In: Victoria Daily Times. University of Victoria, 17. August 1938, S. 11 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Todesmeldung).
- Gordon, Eric V. In: Who Was Who. Band 3: 1929–1940. Adam & Charles Black, London 1941, S. 531–532 (Textarchiv – Internet Archive).
- Douglas A. Anderson: “An industrious little devil” E. V. Gordon as Friend and Collaborator with Tolkien. In: Jane Chance (Hrsg.): Tolkien the medievalist (= Routledge Studies in Medieval Religion and Culture. Band 3). Routledge, London / New York 2003, ISBN 0-415-28944-0, S. 15–25 (Textarchiv – Internet Archive).