Erich Retzlaff
deutscher Fotograf
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Erich Retzlaff (* 9. Oktober 1899 in Reinfeld, Provinz Schleswig-Holstein; † 22. März 1993 in Dießen am Ammersee, Bayern) war ein deutscher Fotograf.
Leben
Retzlaff entstammte einer wohlhabenden protestantischen Familie der Mittelschicht. Als Soldat nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Er kam als Maschinengewehrschütze in Flandern zum Einsatz und erlitt eine schwere Verwundung. Anschließend zunächst als Kaufmann tätig, wandte er sich ab etwa 1925 als Amateur der Fotografie zu. 1924 wohnte Retzlaff im Haus des Dekorationsmalers Carl Hemming in der Düsseldorfer Kapellstraße 36, hier noch unter der Berufsbezeichnung Kaufmann.[1] 1926 handelte er mit Farben und Lacken, das Geschäft wurde jedoch 1927 liquidiert.[2] Unter dem Namen Retzlaff-Dammermann arbeitete er dann in einer Lichtbildwerkstatt auf der Königsallee, bis er sich um 1928 als Fotograf selbständig machte und ein eigenes Atelier eröffnete.[3] Zu dieser Zeit heiratete er Erna Hemming (* 1900), die 1931 den Sohn Jürgen gebar.[4] Bis kurz vor dem Zweiten Weltkrieg befand sich sein Atelier in der Kaiserstraße 52 in der 2. Etage.[5]
Ab 1930 veröffentlichte Retzlaff mit wachsendem Erfolg Bildbände seiner fotografischen Werke. Üblicherweise enthielten sie Serien thematisch zusammengehöriger Bilder. Seine erste Veröffentlichung Das Antlitz des Alters umfasste beispielsweise mehrere Dutzend Porträtaufnahmen von Greisinnen und Greisen. Ein ihm zugeschriebenes Titelblatt der Reise-Zeitschrift Durch alle Welt (Heft 34, August 1936) weist auf fotojournalistische Arbeiten und eine Griechenlandreise 1935 oder 1936 hin.[6] Ein Schwerpunkt seines Œuvres war die Darstellung von Durchschnittsmenschen in ihrer natürlichen Lebenswelt, so zum Beispiel von Bauern und Industriearbeitern. Häufig figurierten die ins Bild gesetzten Personen dabei in den traditionellen Trachten ihrer Heimat sowie vor dem Hintergrund der Landschaft, von der sie geprägt worden waren. Seine Porträtfotografie war beeinflusst von der Physiognomik und völkischem Nationalismus, wobei er insbesondere Bauern als typische Repräsentanten eines ursprünglichen Volkskörpers ansah.[7] Zum 1. März 1932 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.014.457).[8] Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten galt er angesichts solcher Sujets als Pionier der völkisch-deutschen Lichtbildkunst. Dem neuen Regime stellte er sich auch als Porträtfotograf zur Verfügung. Zeugnis hiervon legt der 1933 erschienene Bildband Wegbereiter und Pioniere für das neue Deutschland ab, der unter anderem Porträts von Rudolf Heß, Gregor Strasser und Joseph Goebbels enthält. Nach der Einführung von Agfacolor Neu (1936) war er einer der ersten Fotografen, die sich künstlerisch mit den dadurch eröffneten Möglichkeiten der Farbfotografie beschäftigten. Häufig wählte Retzlaff das Format des Monumentalporträts. Die künstlerische und dokumentarische Qualität seiner Aufnahmen fand unter Kritikern Anerkennung als moderne Form des Porträtgenres.
Retzlaff führte ab 1927/28 nacheinander Studios in Düsseldorf, Berlin und im Schwarzwald, ab 1971 schließlich in Dießen am Ammersee. Auch hielt er sich in Wiesbaden und Simmern auf. Studiostempel verweisen zudem auf Tätigkeiten in Hamburg und Leverkusen. In den ersten Nachkriegsjahren nahm er noch regelmäßig an Gruppenausstellungen teil. Zwischen 1950 und 1953 und ab 1979 war er Mitglied der Gesellschaft Deutscher Lichtbildner.[9] Eine Sammlung seiner Fotografie befindet sich im Münchner Stadtmuseum.[10]
Werke
- Das Antlitz des Alters. 1930 (Einführungstext: Jakob Kneip).
- mit Peter Bauer: Ein Kind ist da. Die frühe Kindheit im Bilde deutscher Lyrik. 1930.
- Menschen am Werk: Sechsundfünfzig photographische Bildnisse aus deutschen Industriestädten. 1931 (Einführungstext: Heinrich Lersch).
- Die von der Scholle: Sechsundfünfzig photographische Bildnisse bodenständiger Menschen. 1931.
- Wegbereiter und Vorkämpfer für das neue Deutschland. 1933.
- Deutsche Trachten. 1936.
- Niederdeutschland – Landschaft und Volkstum. 1940 (Text: Wilhelm Peßler).
- Komm, spiel mit mir. Ein Bilderbuch. 1943.
- Länder und Völker an der Donau, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Kroatien. 1944 (Text: Franz Thierfelder).
- Das Gesicht des Geistes. 1944.
- Das erste Bilderbuch. 1949.
- Das geistige Gesicht Deutschlands. 1952 (Text: Hanns-Erich Haack).
Literatur
- Christopher Webster: ‘The Deepest Well of German Life’: Hierarchy, Physiognomy and the Imperative of Leadership in Erich Retzlaff’s Portraits of the National Socialist Elite. In: Christopher Webster (Hrsg.): Photography in the Third Reich. Art, Physiognomy and Propaganda. Open Book Publishers, 2021, ISBN 978-1-78374-914-0, S. 61 ff. (Google Books).
- Christopher Webster van Tonder: Colonising Visions: A Physiognomy of Face and Place in Erich Retzlaff’s Book ‘Länder und Völker an der Donau: Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Kroatien’. In: PhotoResearcher. 23 (1. April 2015).
- Christopher Webster van Tonder, Rolf Sachsse, Wolfgang Brückle: Erich Retzlaff. Volksfotograf. Aberystwyth University School of Art Press, Aberystwyth 2013.
- Christopher P. Webster: The Volkskorper Photographs of Erich Retzlaff 1929–1945. In: Politics, Identity, Ideology. Eastern Mediterranean Academic Research Center, 2013.
- Rolf Sachsse: Skizze zu Erich Retzlaff. In: Fotografie. Zeitschrift internationaler Fotokunst. 4 (1980), Heft 12, S. 43, 48–51.
Weblinks
- Erich Retzlaff, Auktionsresultate im Portal artnet.de
- Erich Retzlaff, Kurzbiografie im Portal aberystwythuniversitycollections.wordpress.com
- Selbstbildnis um 1930, Objektdatenblatt im Portal sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de
- Erich Retzlaff, Personendatenblatt im fotografenwiki.greven-archiv-digital.de