Ermordung von Heinrich von Guise

Mord 1588 in Blois, im Zimmer des Königs von Frankreich From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Ermordung von Heinrich I. Herzog von Guise, markierte die Eskalation des Machtkampfes zwischen der französischen Krone und der Katholischen Liga während der Hugenottenkriege. Nachdem die Liga im Mai 1588 die Kontrolle über Paris übernommen und König Heinrich III. zur Flucht sowie zur Unterzeichnung des Unionsedikts gezwungen hatte, befand sich der Monarch in einer politisch marginalisierten Position. Heinrich von Guise wurde zum Generalleutnant ernannt, während die von der Liga dominierten Generalstände in Blois weitreichende Reformen forderten, die die königliche Autorität zugunsten einer konstitutionell begrenzten Monarchie eingeschränkt hätten. Angesichts dieser Blockade und drohender Entmachtung sah der König in der gewaltsamen Beseitigung seines Rivalen den einzigen Ausweg. Am Morgen des 23. Dezembers wurde der Herzog unter dem Vorwand einer Ratssitzung in die privaten Gemächer des Königs gelockt und dort von Mitgliedern der königlichen Leibwache, den Quarante-Cinq, getötet. Kurz darauf befahl Heinrich III. auch die Ermordung des Bruders des Herzogs, Kardinal Louis II. de Lorraine-Guise. Die Tat löste landesweite Aufstände gegen die Krone aus, führte zur Verurteilung des Königs durch die Sorbonne und verschärfte die Spannungen mit dem Heiligen Stuhl unter Papst Sixtus V. Infolge des fast vollständigen Machtverlusts und der diplomatischen Isolation war Heinrich III. gezwungen, sich mit Heinrich von Navarra zu verbünden, bevor er 1589 selbst einem Attentat zum Opfer fiel, was das Ende des Hauses Valois einleitete.

Auftakt

Heinrich III. Gemälde Öl auf Leinwand von François Quesnel

Aufgestachelt durch die Katholische Liga entlud sich ab 1588 der Zorn und Frustration der Pariser Bevölkerung gegenüber Heinrich III. pro-protestantischer Haltung. Epernon, Heinrichs III. letzter Günstling, wurde zur Hauptzielscheibe der Angriffe der Liga. Im April gab es mehrere Versuche, den König zu entführen und Epernon zu töten, die jedoch von Nicolas Poulain einem Spion von Heinrich III. und Mitglied der Liga vereitelt wurden. Aus Angst vor einer Bartholomäusnacht, nur mit umgekehrten Rollen, wandte sich die Liga an den Herzog von Guise. Obwohl Heinrich III. de Guise untersagt hatte, nach Paris zu reisen, hatte ihn seine Mutter Katharina von Medici, ohne Wissen des Königs, gebeten, in die Hauptstadt zu kommen, um eine Einigung zwischen den beiden Männern herbeizuführen und um die Situation in der Stadt zu entschärfen. Am 10. und 11. Mai fanden Gespräche zwischen de Guise und dem König statt. Als der König jedoch erfuhr, dass ein Aufstand gegen ihn bevorstand, befahl er in der Nacht vom 11. Mai die Besetzung der Stadt. Die Bürger von Paris, deren althergebrachtes Recht auf Selbstverteidigung missachtet wurde, reagierten mit Empörung. Trotz des Drängens seiner Mutter in der Stadt zu bleiben, floh der König am 13. Mai nach Chartres.[1.1]

Künstler unbekannt – Porträt von Heinrich I. von Lothringen, Herzog von Guise, genannt der Narbige.

Nachdem die Liga die Kontrolle über Paris übernommen hatte, begann de Guise damit, alle politischen Institutionen von den dem König treu ergebenen Personen zu säubern. Der Bürgermeister und die Ratsherren des Stadtrats wurden kurzerhand entlassen und durch Mitglieder ersetzt, die der Liga treu ergeben waren. Der Justizpalast, in dem das Parlement tagte, sowie die beiden obersten Gerichte des Châtelet, die Chambre des Comptes und der Cour des Aides, wurden besetzt.[2.1] Im Mai und Juli kam es zu Verhandlungen zwischen der Liga und dem König. De Guise blieb weiterhin unnachgiebig und bestand auf die Umsetzung des Vertrages von Nemours sowie die Verbannung von Épernon. Ohne geeignete Militärische Mittel und einem Großteil Nordfrankreichs unter Kontrolle der Liga gab Heinrich III. mit der Unterzeichnung des Union Edikts am 15. Juli den Forderungen der Liga nach.[3.1]

Der König bekräftigte sein Versprechen, die Ketzerei zu bekämpfen, was dazu führte, dass Heinrich von Navarra aus der Thronfolge ausgeschlossen wurde. Stattdessen wurde der Kardinal von Bourbon zum Thronfolger ernannt.[4.1] Er erklärte sich zudem bereit, allen, die am Tag der Barrikaden teilgenommen hatten, eine Generalamnestie zu gewähren.[1.2] Darüber hinaus wurde er gezwungen, die Legitimität der Revolutionsregierung in Paris anzuerkennen, und de Guise zum Generalleutnant (Oberbefehlshaber der königlichen Armee) zu ernennen. Schließlich wurde der König verpflichtet, für den Herbst eine Sitzung der Generalstände einzuberufen.[2.2] Die im Oktober in Blois zusammentretenden Generalstände, wurden infolge der vorangegangenen Wahlen, die durch einen relativ modernen Wahlkampf geprägt waren zu einem Großteil durch die Liga kontrolliert. Die Führungsrollen aller drei Stände fielen an prominente Mitglieder der Liga, namentlich der Kardinal von Bourbon und de Guise für den Klerus, Charles I. de Cossé, comte de Brissac für den Adel sowie den Pariser Bürgermeister La Chapelle-Marteau für den Dritten Stand.[5.1]

Versammlung der Generalstände

Bei der feierlichen Eröffnung am 15. Oktober betonte Heinrich III. in seiner Rede seine Entschlossenheit im Kampf gegen die Ketzerei aber auch den Bedarf an Geld, um den Kampf gegen Heinrich von Navarra und die Hugenotten fortzuführen. Er versprach, die Korruption auszumerzen, den Handel zu fördern und das Steuersystem zu reformieren. Anschließend kritisierte er, dass einige große Adlige seines Königreichs Bündnisse gegen ihn geschlossen hätten, aber bereit sei zu vergeben, woraufhin de Guise verlangte, diese beleidigenden Anspielungen auf seine Person aus der gedruckten Fassung der Rede des Königs zu streichen.[1.3]

Der darauffolgende Machtkampf konzentrierte sich auf die Finanzierung des Krieges gegen die Hugenotten und die rechtliche Natur der Monarchie. Während der Klerus die totale Ausrottung des Protestantismus forderte, verlangte der Dritte Stand tiefgreifende Verwaltungs- und Justizreformen, die Senkung von Steuern sowie die Abschaffung der Ämterkäuflichkeit. Besonders brisant war die Forderung, das Unionsedikt als lois fondamentales du royaume (Grundgesetz des Königreichs) zu verankern und die Beschlüsse der Stände der königlichen Kontrolle zu entziehen, was den Staat faktisch in eine konstitutionell begrenzte Monarchie verwandelt hätte.[6.1] Bis Mitte Dezember verschärfte sich die Lage durch Gerüchte über eine geplante Entführung des Königs und die Ambition des Herzogs von Guise, zum Connétable (Konstabler) von Frankreich ernannt zu werden. Trotz zahlreicher Warnungen vor einem Komplott und einer hitzigen persönlichen Auseinandersetzung im Schlossgarten blieb de Guise in Blois. Die gesundheitlich schwer gezeichnete Katharina von Medici besaß zu diesem Zeitpunkt keinen politischen Einfluss mehr, um zwischen den Parteien zu vermitteln. Angesichts der vollständigen politischen Blockade und der drohenden Entmachtung entschied sich Heinrich III. für eine gewaltsame Lösung.[1.4]

Attentat

Vorbereitung

Am 17. Dezember traf sich Heinrich III. mit seinen engsten Vertrauten, Marschall Jean VI. d’Aumont, dem Marquis von Rambouillet und Alphonse d’Ornano um eine Lösung zu suchen de Guise loszuwerden.[4.2] Die Möglichkeit, de Guise wegen Hochverrats zu verhaften, wurde als undurchführbar verworfen, was zu dem Beschluss führte, de Guise zu ermorden.[3.2] Da de Guise ständig von Begleitern umgeben war, war es notwendig, ihn von seinem Gefolge zu isolieren. Der einzige Ort, an dem dies möglich, war, waren die privaten Räumlichkeiten des Königs.[4.3] Am 20. Dezember beauftragte Heinrich III. seine Leibwache mit dem Auftrag de Guise zu töten. Insgesamt waren etwa 40 Personen beteiligt, darunter: François de Montpezat, René de Clermont, Charles de Balzac, Jean-François de Saint-Maline, Peri de Montsériac und Louis des Balbes de Berton de Crillon.[3.2] In den Tagen vor dem 21. Dezember 1588 verdichteten sich die Hinweise auf ein geplantes Attentat gegen de Guise. Er erhielt Warnungen des päpstlichen Nuntius, seiner Mutter sowie dem Herzog von Elbeuf. In der Nacht des 23. Dezembers wurden ihm zudem fünf anonyme Benachrichtigungen übergeben, die ihn vor dem Betreten der königlichen Gemächer warnten. Guise schenkte diesen Warnungen keinen Glauben. Gegenüber einem Begleiter äußerte er die Einschätzung: Er [der König] wird es nicht wagen.[4.3]

Ausführung

L’agguato (Der Hinterhalt) von Giovanni Battista Quadrone, Gemälde in Öl 1869. Zu sehen sind die acht Mörder: Jean-François de Lort de Saint-Victor, François de Montpezat, Sieur de Laugnac, Louis des Balbes de Berton de Crillon, Peri de Montsériac, Charles de Balzac und René de Clermont.

Heinrich III. nutzte eine für den am Morgen des 23. Dezembers angesetzte Sitzung des Conseil du Roi als Vorwand, um den Herzog in einen Hinterhalt zu locken. Während der laufenden Sitzung sollte der Herzog durch den Staatssekretär Louis de Revol angewiesen, den König in dessen altem Kabinett aufsuchen. Der vorgegebene Weg zwang den Herzog dazu, das königliche Schlafzimmer und einen schmalen Durchgang zu passieren.[A 1] Der König wurde am 23. Dezember um 4.00 Uhr morgens geweckt. Anschließend traf er sich mit den Quarante Cinq, die über ihre Aufgabe unterrichtet wurden.[4.3] Im königlichen Schlafzimmer, wurden acht Männer der Quarante-Cinq unter dem Kommando von François de Montpezat postiert. Diese Gruppe sollte, den Herzog beim Durchqueren des Zimmers stellen. Im angrenzenden Alten Kabinett warteten zwölf weitere bewaffnete Gardisten, um den Herzog abzufangen, sollte er den ersten Angreifern entkommen. Um eine Flucht über die Schlosstreppe oder die Galerie aux Cerfs zu verhindern wurden dort weitere Einheiten postiert.[7.1][8.1]

De Guise ignorierte unterdessen die Warnungen seines Sekretärs, der ihn wegen des Lärms im Schloss geweckt hatte. Dunkelheit und einsetzender heftiger Regen verschleierten die ungewöhnlichen Truppenbewegungen im Schloss, zwei weitere Warnungen tat der Herzog leichtfertig als Torheit ab. In der Ratskammer angekommen, wirkte der Herzog völlig arglos, wärmte sich am Feuer und nahm ein einfaches Frühstück zu sich, während der Rat über finanzielle Angelegenheiten beriet. Er übersah dabei die sichtbare Nervosität des Staatssekretärs Revol, der ihn schließlich zur persönlichen Audienz beim König abholte. Sobald Guise das Schlafzimmer des Königs betrat, wurde die Tür hinter ihm verschlossen und er von den Gardisten umringt. Der König selbst befand sich währenddessen im neuen Kabinett hinter einem Wandteppich und beobachtete das Geschehen.[4.3]

Paul Delaroche Assassinat du duc de Guise Öl auf Leinwand 1838. Heinrich III. tritt hervor um sich von de Guise Tod zu überzeugen.

Es kam zu einem Handgemenge bei dem de Guise zahlreiche Dolchstiche erlitt. Die Angreifer sollen sich dabei mit den Worten Traître, tu en mourras (Verräter, dafür wirst du sterben) auf de Guise gestürzt haben. Trotz heftiger Gegenwehr, de Guise soll 2 meter groß gewesen sein[7.1] und über besonders hohe Körperkraft verfügt haben, erlag er seinen Verletzungen und brach schließlich am Fußende des Bettes zusammen.[4.4] Aufgeschreckt über den Lärm aus dem königlichen Schlafgemach, erhob sich Louis II. de Lorraine-Guise, der Bruder von De Guise, von seinem Stuhl und verlangte zu erfahren, was geschehen sei. Sofort trat Marschall d’Aumont auf ihn zu und befahl ihm unter Androhung der Todesstrafe, sich keinen Schritt weiter zu bewegen.[5.2]

Heinrich III. begab sich kurz darauf zu seiner Mutter um ihr mitzuteilen das de Guise tot sei. Während des Gesprächs zwischen Mutter und Sohn ließ Larchant Kardinal de Guise, dessen Mutter, die Herzogin von Nemours, den Erzbischof von Lyon, Brissac und die führenden Vertreter der Liga festnehmen. Kardinal de Bourbon wurde in seinen Gemächern unter Hausarrest gestellt.[7.2] Zunächst hatte der König daran gedacht, Kardinal de Guise zu verschonen, da dieser aufgrund seines Amtes als Erzbischof von Reims, Kardinal und Vertreter des 2. Standes unantastbar war. Nachdem Heinrich III. über die Drohungen unterrichtet wurde die der Kardinal gegen ihn ausgesprochen hatte, entschied der König ihn ebenfalls zu ermorden. Da die Quarante Cinq die Tötung eines Kardinals als Sakrileg betrachteten, wurden drei Soldaten angeheuert, um die Tat für eine Summe von 400 Écus auszuführen. Die Leichen wurden verbrannt und die Asche anschließend in die Loire gestreut.[9.1] Offiziell billigte Katharina seine Handlungen. In einem Gespräch mit einem Kapuzinermönch am 25. Dezember beklagte sie jedoch das Unheil, das ihr Sohn über das Königreich gebracht habe.[1.5]

Folgen

Der Mord von Heinrich III.

In Blois, wo der Dritte Stand im Rathaus tagte, erschien François du Plessis de Richelieu Groß-Profos von Frankreich, um Michel Marteau, seigneur de La Chapelle, Jean Le Maistre und andere wichtige Mitglieder der Liga zu inhaftieren. Die Stände tagten noch drei Wochen lang, doch die Abgeordneten waren zu eingeschüchtert, um die Rechtmäßigkeit des königlichen Vorgehens in Frage zu stellen.[10.1] Im Rest von Frankreich viel die Reaktion umso schwerer aus. Die Sorbonne sprach ihn des Mordes für schuldig und entband alle Franzosen vom Treue- und Gehorsamseid gegenüber dem König. Die Liga ernannte Guises Bruder, Charles, Herzog von Mayenne, anstelle des Kardinals von Bourbon zum Generalleutnant. In fast allen größeren Städten wurden revolutionäre Regierungen gebildet, die die Liga unterstützten. Adlige und Beamte, die der Sympathie für die Royalisten verdächtigt wurden, wurden entweder inhaftiert oder getötet. Innerhalb von drei Monaten hatte Heinrich III. den Großteil seiner Macht eingebüßt, seine Herrschaft beschränkte sich nun mehr auf die Städte des Loire-Tals.[11.1]

Anfangs eher gleichgültig, änderte Papst Sixtus V. beeinflusst durch den spanischen Botschafter Enrique de Guzmán y Ribera und den Bericht von Kardinal Giovanni Francesco Morosini über die Ereignisse seine Meinung. Der Papst verurteilte die Tötung des Herzogs und des Kardinals als abscheuliches Verbrechen: De Guise hätte vor ein ordentliches Gericht gestellt werden müssen. Sein Bruder der Kardinal von Guise hätte an den Heiligen Stuhl überstellt werden sollen. Kardinal de Joyeuse der für den König sprach erklärte, dass der König dem Papst bezüglich des Todes des Herzogs keine Rechenschaft schuldig sei. Für die Tötung des Kardinals – als Mitglied des Kardinalskollegiums – ersuchte der König jedoch offiziell um Absolution. Sixtus V. lehnte eine sofortige Absolution ab. Stattdessen forderte er die unverzügliche Freilassung des Kardinals von Bourbon und des Erzbischofs von Lyon sowie ein Schriftliches Geständnis und ein förmliches Absolutionsgesuch.[12.1] Ein weiterer Gnadenersuch Anfang 1589 scheiterte, worauf der Papst mit Exkommunikation drohte. Sixtus Entschlossenheit, Heinrich III. zu exkommunizieren, wurde nie auf die Probe gestellt.[13.1] Nachdem Heinrich III. am 30. April 1589 einen Vertrag mit Heinrich von Navarra unterzeichnet hatte,[9.2] wurde er am 1. August 1589 von dem Dominikaner Jacques Clément ermordet.[11.2]

Anmerkungen

  1. Die direkte Verbindungstür zwischen dem Ratssaal und dem alten Kabinett war bereits zwei Tage zuvor auf Befehl des Königs zugemauert worden.
Commons: Ermordung von Henri I. de Lorraine, duc de Guise – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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