Eva ist in ihrer Katze

Kurzgeschichte von Gabriel García Márquez From Wikipedia, the free encyclopedia

Eva ist in ihrer Katze (Originaltitel: Eva está dentro de su gato) ist eine erstmals 1948 in El Espectador[1] veröffentlichte Kurzgeschichte des späteren kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul.

Kurzbeschreibung

Die Protagonistin Eva leidet an Schlaflosigkeit und unter dem Verlust eines Kindes. Neben der Trauer empfindet Eva ihre außergewöhnliche Schönheit als belastend. In Evas Vorstellung sind winzige, in ihren Arterien hausende Insekten für diese Schönheit verantwortlich. Eines Nachts verlagert sich dieses Insektengefühl plötzlich aus ihren Arterien in ihren Mund, wo es sich wie Gummi anfühlt, das Eva mit der Säure einer Orange auflösen möchte. Als Eva aufstehen will, bemerkt sie, dass ihr Körper verschwunden ist und sie ein neues, unräumliches Dasein führt. Eva erwägt, den Körper einer im Hause befindlichen Katze zu besetzen. Ihr Nachdenken braucht 3000 Jahre, und Katze und Haus existieren daher am Ende nicht mehr.

Inhalt

Die Hauptfigur, die in der Überschrift der Kurzgeschichte Eva heißt, leidet an Schlaflosigkeit und unter dem Verlust eines Kindes, das im Innenhof des Hauses unter einem Orangenbaum bestattet liegt; „immer und unweigerlich, wenn sie schlaflos lag, dachte sie an ‚das Kind‘, das sie sicherlich aus seinem Stückchen Erde rief, damit sie ihm dabei half, diesem ungereimten Tod zu entkommen“,[2.1] und das aus Evas Sicht wiederkehren wird, „damit man es an ihrer Seite schlafen ließe wie zu der Zeit, als es am Leben war. Sie hatte Angst davor, es von neuem neben sich zu spüren, nachdem es die Mauer des Todes übersprungen hatte.“[2.2] Außer an Schlaflosigkeit und am Tod des Kindes, der „soviele Jahre“ schon her ist,[2.3] leidet Eva noch unter ihrer außerordentlichen Schönheit, die sie als „nutzlose Tugend“[2.4] ansieht. „Das war schon keine Schönheit mehr, es war eine Krankheit, der es Einhalt zu gebieten, die es energisch und radikal zu kupieren galt“,[2.5] denn Eva kann „diese Last unmöglich noch länger tragen. [...] Sie war es müde, Mittelpunkt so vieler Aufmerksamkeiten zu sein, von den aufgerissenen Augen der Männer belagert zu leben.“[2.6]

In Evas Vorstellungswelt sind es Insekten, die ihre Schönheit bewirken. „Nein, diese Insekten waren nicht die ihren. Sie überlieferten sich von Generation zu Generation“ und bevölkern Evas „Arterien mit winzigen heißen“ Insektenleibern, „die dort in den Kanälen ihren Bluts sie noch immer peinigten und unbarmherzig verschönten.“[2.7] Unerwartet weicht das Insekten-Gefühl eines Nachts aus den Arterien, und Eva ist überzeugt, die Insekten wären nun in dem zähen Speichel in ihrem Mund, eine Art „Gummi, das sie erstickte“[2.3] und das sie durch die Säure einer Orange aufzulösen gedenkt: Das „war die einzige Medizin gegen dieses Gummi“.[2.3] Als sie von ihrem Bett aufzustehen versucht, um in die Speisekammer zu gehen, stellt sie fest, „daß sie nicht mehr in ihrem Bett lag, daß ihr Körper verschwunden war [...]. Jetzt war sie körperlos, schwebend, sie schwamm über einem vollständigen Nichts, verwandelt in einen formlosen, winzigkleinen, richtungslosen Punkt. [...] Sie fühlte sich in eine körperlose Frau verwandelt“[2.8] mit einem „neuen zeitlichen, unräumlichen Leben“[2.9] in einer Welt, „in der alle Größenverhältnisse ausgemerzt waren“.[2.9] Das Verlangen nach der Orange verspürt Eva allerdings weiterhin. „Hatte sie nicht sagen hören, daß die reinen Geister nach Belieben jeden beliebigen Körper durchdringen können?“[2.10] Es ist allerdings „niemand im Haus“[2.11] außer der Katze, und Eva sinniert, ob es ratsam ist, den Katzenkörper zu durchdringen. „Schließlich würde sie vielleicht mit diesem fleischfressenden Katzenmaul nicht die Orange essen können.“[2.12] Nachdem Eva mit dem Nachdenken fertig ist, macht sie sich auf die Suche nach der Katze, findet das einstige Herrenhaus jedoch nicht mehr vor. „Erst jetzt begriff sie, daß seit dem Tag, da sie das Verlangen verspürt hatte, die erste Orange zu essen, dreitausend Jahre vergangen waren.“[2.13]

Textanalyse

Bei Eva ist in ihrer Katze handelt es sich um eine personal erzählte Kurzgeschichte mit ungenannter Berichtszeit und Verortung. In Evas Vorstellungswelt treten noch ihre Mutter sowie „das Kind“ auf. Die Hauptfigur wird als außerordentlich schön bezeichnet und ist am Ende „befreit von den ‚Insekten ihrer Schönheit‘, von ihren Ängsten und ihrer Schlaflosigkeit“.[3] Weitere Themen der Erzählung sind „seltsame Verhaltensweisen des Körpers“,[4] der Tod[5] sowie Evas Wunsch, „einen Fluch zu beenden, den sie seit Jahrtausenden, ‚seit Anbeginn der Welt‘ [...], geerbt“ hat.[6]

Rezeption

Die Kurzgeschichte Eva ist in ihrer Katze brachte García Márquez die Wertschätzung von Eduardo Zalamea Borda (1907–1963) ein, „dem führenden Buchkritiker des Landes“.[7] Samrah Tayyab von der University of Education in Lahore befand, Márquez halte den Leser zwar „im Spannungsfeld zwischen Realität und Traum, [...] die Leser genießen dennoch seine Charakterbeschreibungen, die eine Grauzone zwischen realer und phantasmagorischer Welt schaffen.“[8] Das Literaturportal El Estante Literario sah dagegen „eine unausgewogene Erzählung, überlang und voller unnötiger Details“.[9]

Literatur

  • Hassan El Baz Iguider: Eva está dentro de su gato. In: Hassan El Baz Iguider: Realidad y ficción en „Vivir para contarla“, memorias de Gabriel García Márquez. (Tesis Doctoral.) Universidad de Málaga, Málaga 2015. S. 383–386. (pdf).
  • Werner Müller: Eva ist in ihrer Katze. In: Werner Müller: Lateinamerikanischer Zauber – Europäische Sachlichkeit? Eine kritische Auseinandersetzung mit der Kurzprosa von Robert Musil, Franz Kafka, Heimito von Doderer – Jorge Luis Borges, Alejo Carpentier und Gabriel García Márquez. Rombach Druck- und Verlagshaus, Freiburg im Breisgau 2011. ISBN 978-3-7930-5059-9. S. 339–342.
  • Raysa Barbosa Corrêa Lima Pacheco: „Eva está dentro de su Gato“ de Gabriel García Márquez. A aproximação entre homem e animal através de um caleidoscópio interpretativo. In: Revista Estação Literária. Jg. 17, Juli, 2016, ISSN 1983-1048, S. 235–250. (pdf).

Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl)

  • Eva ist in ihrer Katze. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 30–42.
  • Eva ist in ihrer Katze. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (=KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 40–59.

Einzelnachweise

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