Eva schläft
Roman von Francesca Melandri (2010)
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Eva schläft (OT.: Eva dorme) ist der Titel des 2010 publizierten ersten Romans von Francesca Melandri, in dem sie am Beispiel der fiktiven Familie Huber die Geschichte Südtirols nach dem Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart erzählt. Die deutsche Übersetzung von Bruno Genzler erschien 2011.[1]

Inhalt
Überblick
An zwei Erzählsträngen, Familie Huber und Evas Italienreise, die sich im Romanaufbau abwechseln und am Ende zusammenlaufen, wird eine Drei-Generationen-Familiengeschichte vor dem historischen Hintergrund Südtirols (Alto Adige) vom Ende des Ersten Weltkrieges bis in die 1990er Jahre, mit dem Schwerpunkt auf der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, erzählt:
Die mit Jahreszahlen (1919 bis 1992[2]) überschriebenen Kapitel schildern die Geschichte Südtirols und illustrieren sie an den Beispielen einiger Bauernfamilien mit den Protagonisten Eva und Gerda Huber und ihrer Beziehung zu dem in Südtirol zur Bekämpfung der Terroristen stationierten italienischen Brigadiere Vito Anania. In der Verbindung von Fiktion und Historie lässt die Autorin ihre Romanfiguren mit historischen Personen, v. a. Silvius Magnago, dem Obmann der Südtiroler Volkspartei, zusammentreffen.
Abwechselnd mit dieser Geschichte erzählt Eva, ca. 30 Jahre nach der Trennung ihrer Mutter von Vito, in den mit Kilometerangaben überschriebenen Kapiteln, welche die Entfernung zu ihrer Heimat angeben (Km 0, Km 0–35 usw.), von ihrer 1397 Km-Bahnreise nach Reggio Calabria an der Südspitze Italiens, um Vito vor seinem Tod zu besuchen. Während sie die verschiedenen Landschaften links und rechts der Strecke durch die Zugfenster betrachtet, denkt sie über ihre vaterlose Kinderzeit in Südtirol und ihr Leben als finanziell unabhängige, emanzipierte Frau nach.
Familie Huber
Nach der Teilung Tirols als Folge der Niederlage Österreichs im Ersten Weltkrieg wird Südtirol italienisch. Die Regierung unterbindet die Autonomiebestrebungen der deutschsprachigen Bevölkerung und beginnt, begleitet von Zwangsmaßnahmen und gewaltsamen Aktionen, ein Programm der Italianisierung. Der Bergbauernsohn Hermann Huber ist zu dieser Zeit 11 Jahre alt. In den 1920er Jahren transportiert er als Kfz-Fahrer Holz, heiratet die damals 18-jährige Johanna und hat mit ihr drei Kinder: Peter (geb. ca. 1935), Annemarie und Gerda (geb. ca. 1945). Als Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien vereinbaren, die deutschsprachige Bevölkerung mit der Option der Umsiedelung zum Verlassen ihrer Heimat zu bewegen und Druck auf die „Dableiber“ ausüben, ist Hermann als SA-Mann einer der Aktivisten und greift u. a. seinen Nachbarn Sepp Schwingshackl, einen „Dableiber“, an. Dann siedelt er als Optant mit seiner Familie nach Deutschland um und kehrt nach dem Krieg in die Heimat zurück. In seinem Haus wohnt jetzt eine italienische Familie und so müssen die Hubers in eine einfache Wohnung in der Siedlung, Schanghai genannt, ziehen. Hermann transportiert wieder Holz mit einem, nach einiger Zeit des Ansparens, eigenen LKW, Peter arbeitet in einem Sägewerk, Annemarie putzt und Gerda hütet auf der Alm Kühe. Später wird Peter arbeitslos, macht Gelegenheitsarbeiten, wildert und Gerda wird als Küchenhilfe in einem Meraner Hotel angestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die Auseinandersetzungen zwischen den „Dableibern“ und den „Optanten“ der Vorkriegszeit durch die gemeinsame Reaktion auf die Italianisierung verdrängt. Die meisten versammeln sich hinter der Südtiroler Volkspartei, die auf dem Verhandlungsweg mit der Regierung eine Lösung Südtirols von Italien oder eine Autonomie erreichen will. Peter und Gerda nehmen 1957 an einer von Silvius Magnago organisierten Demonstration auf Schloss Sigmundskron teil, bei der gegen die Benachteiligung der deutschsprachigen Bevölkerung protestiert und eine Autonomie gefordert wird. Andere Unzufriedene beteiligen sich an Aktionen des BAS, einer separatistischen, terroristischen Organisation, die in den 1960er Jahren mit der Sprengung eines symbolträchtigen Denkmals und von Strommasten in der Feuernacht beginnt und sich zunehmend mit Attentaten auf italienische Polizisten und Soldaten radikalisiert. Die Regierungstruppen reagierten mit Hausdurchsuchungen in den Gebirgsdörfern, Razzien, Festnahmen von Familienangehörigen der Verdächtigen und scharfen Verhören mit Folter. Einer der Gesuchten ist der seit einiger Zeit untergetauchte und getrennt von seiner Familie lebende Peter Huber, der 1966 bei dem Versuch, eine Bombe zu deponieren, in die Luft gesprengt wird.
Gerda Huber
1961 findet Gerda als 16-Jährige eine Anstellung als Küchengehilfin und Tellerwäscherin im Meraner Hotel Frau Mayers und lernt durch Beobachtung von Herrn Neumann die Zubereitung von Speisen. Der Chefkoch entdeckt ihre Begabung und fördert sie. So wird sie Hilfsköchin und später seine Nachfolgerin. Nach dem ersten Arbeitsjahr kehrt sie am Sommersaisonende für einige Zeit in ihr Dorf zurück. Peters Frau Leni hat gerade ihr erstes Kind Ulrich (Ulli) geboren und erfährt, dass ihr Mann an den Anschlägen beteiligt ist. Der Hoteliersohn Hannes entdeckt, dass Gerda sich zu einer schönen jungen Frau entwickelt hat und beginnt mit ihr eine Affäre. Sein Vater, Paul Staggl, ist ein vorausschauender Geschäftsmann, der den beginnenden Winter-Tourismus durch den Bau von Skiliften fördert und zu den Profiteuren der neuen Zeit zählt. Gerda aus der Armen-Siedlung „Schanghai“ würde als Schwiegertochter nicht in das Aufsteigerfamilienbild passen. Hannes zeigt sich deshalb nicht mit ihr in öffentlichen Lokalen und bietet ihr, nachdem sie schwanger wird, auch nicht die Heirat an. Gerda bricht daraufhin die Beziehung ab. Sie bringt 1963 ihre Tochter Eva in einem von Nonnen geführten Heim des Nationalen Hilfswerk für Mutter und Kind in Bozen zur Welt, gibt das Baby dann in Pflege bei der Familie Schwingshackl, was Frau Mayer zur Bedingung für ihre Weiterbeschäftigung in der Hotelküche gemacht hat, und verbringt jeweils die Zeit zwischen der Hotelsaison mit der Tochter in einer Pension ihres Heimatdorfes.
Vito Anania
In den 1960er Jahren ist das Leben für eine alleinerziehende ledige Mutter in einem Gebirgsdorf schwer. Hermann bricht, als Gerdas Schwangerschaft bekannt wird, die Beziehung zu seiner Tochter ab und im Dorf nennt man sie eine Hure, doch Gerda überhört die Bemerkungen und ignoriert stolz die Blicke. Eine Verbindung mit einem attraktiven Mann und eine bürgerliche Ehe ergeben sich nicht. In Meran hat sie kurze Affären ohne Zukunftsperspektive. Eine Ausnahme ist der süditalienische Carabiniere Vito Anania, mit dem sie von 1971 bis 1973 zusammenlebt, einen Urlaub zu Dritt in Venedig verbringt und den ihre Tochter als ihren wahren Vater ansieht. Doch die Legalisierung der Beziehung wird verhindert: einmal durch Vitos Mutter und zweitens durch seinen Vorgesetzten, die einer Ehe nicht zustimmen, weil sie eine ledige Mutter und zudem die Schwester eines Terroristen sei, dessen Gruppe Anschläge auf italienische Soldaten verübt habe. Vitos Mutter stellt ihren Sohn vor die Alternative: Familie oder Heirat, der Vorgesetzte sieht eine Unvereinbarkeit zwischen Beruf und der Ehe mit Gerda. Vito bietet ihr an, seinen Dienst zu quittieren, sich eine Stelle als Buchhalter zu suchen, sie zu heiraten und Eva zu adoptieren, doch sie fürchtet, dass er ohne seinen Brigadiere-Rang, in einem Schreibtisch-Beruf im Norden, fern der Anania-Familie, unglücklich werden würde und lehnt, wie sie fühlt, in seinem Sinn ab. Vito widerspricht ihr nicht und sie trennen sich.
Nicht nur ledige Mütter werden von der Gesellschaft geächtet, sondern noch mehr Homosexuelle und dies Schicksal trifft Evas Cousin und Spielfreund Ulli. Als er seinen Freund Costa seiner Familie vorstellt, wird dieser von seinem Bruder Sigi verprügelt und aus dem Haus geworfen. Ulli beendet darauf 1988 sein Leben durch einen Absturz mit der Schneeraupe, offiziell „durch einen Arbeitsunfall“.
Eva
Gerda arbeitet weiterhin als Köchin in Meran. Eva entscheidet sich gegen den Wunsch ihrer Mutter, eine Hotelfachschule zu besuchen, und wechselt nach der Mittleren Reife zur gymnasialen Oberstufe einer Internatsschule in Bozen, studiert dann Jura, bricht im 2. Semester ab und nimmt eine Stelle in einem PR-Büro an. Mit 22 Jahren lernt sie auf ihrem ersten Tropenurlaub in Sri Lanka, den sie sich von ihrem selbst verdienten Geld geleistet hat, Wesley Muno, einen Lehrbeauftragten für englische Literatur an der Universität von Indiana kennen. Sie heiraten in Reno, Nevada. Als sie jedoch entdeckt, dass er ein unbeständiger Abenteurer ist, lassen sie sich zwei Wochen später scheiden. Sie macht sich als Events-Managerin selbständig, verdient gut und kauft sich ein Haus. Seit 11 Jahren hat sie eine Beziehung zu dem verheirateten Ingenieur Carlo, die sie vermutlich beenden wird. Zu Beginn des Romans kommt Eva gerade von einer Vernissage aus New York zurück nach Südtirol und erfährt, dass der kranke Vito sie noch einmal vor seinem Tod sehen will. Auf ihrer Bahnfahrt nach Reggio Calabria, ca. 30 Jahre nach ihrer Trennung, denkt sie über ihr Leben, ihre Freundschaften und Beziehungen, und ihre fehlende Vaterbindung nach, versöhnt sich mit Vito und kehrt zu ihrer Mutter nach Südtirol zurück, das inzwischen seine vollständige Autonomie, in einem Europa ohne Grenzkontrollen, erreicht hat.
Titel
Der Romantitel Eva schläft steht im Zusammenhang mit der Emanzipationsthematik und taucht wörtlich oder in Variationen an mehreren Romanstellen auf. Z. B. verweigert Gerda mit dieser Begründung die Annahme eines Päckchens von Vito an ihre 16-jährige Tochter. Schlaf „überfällt“ Eva auch bei ihrem Besuch bei Vito: „Jetzt schläft sie“. Im Kapitel Km 715–850 erklärt Evas kurzzeitiger Ehemann, mit Bezug auf Miltons Paradise Lost, warum sie so wenig schlafe: „Du willst an den Geheimnissen Anteil nehmen, die der Erzengel Michael Adam anvertraute.“: Bevor in Miltons Epos der Erzengel die Zukunft der Menschheit Adam offenbart, versetzt er Eva in Schlaf: „…lass dein Weib Hier unten ruhn, indessen Du hier wachst, Hellsehend, so wie einst Du schliefst, als Eva Geschaffen ward.“ Am Ende seiner Prophezeiung schließt Michael: „Geh‘ drum und wecke jetzt Dein holdes Weib. Auch sie hab‘ ich mit süßem Traum beruhigt, Der Gutes kündet und die Lebensgeister Ihr so stimmt, dass sie sich in Alles fügt.“[3] Der Roman schließt, während Eva ihre Mutter beobachtet, mit dem Satz: „Gerda schläft“.
Rezeption
Francesca Melandris Südtirol-Roman Eva schläft, in dem sie ein bisher vorwiegend nur in der Südtiroler Literatur behandeltes Thema aufgriff und die italienische Öffentlichkeit an die vielfach verdrängte Geschichte der nördlichen Alto-Adige-Provinz vom Ende des Ersten Weltkrieges an bis in die 1970er Jahre erinnerte,[4] wurde überwiegend positiv rezipiert und mit Preisen ausgezeichnet.
Mit ihrem Erstling in der Übersetzung von Bruno Genzler wurde die Schriftstellerin und Drehbuchautorin einem breiten deutschsprachigen Lesepublikum bekannt und gehört seitdem zu den bekanntesten zeitgenössischen italienischen Autorinnen, was sich, z. B., auch in ihren Beiträgen zur Frankfurter Buchmesse 2024, als Italien Ehrengast war,[5] und ein Jahr später mit ihrem ARTE-Talk mit Shila Behjat (ZDF/ARTE) im Literaturhaus in Bonn ausdrückt.[6]
- Francesca Melandri erhielt 2010 den Rhegium-Julii-Preis für eine Erstarbeit und den Cesare de Lollis Internationalen Literaturpreis, 2011 den Il Molinello Special Jury Preis und den Mariateresa Di Lascia-Preis, 2012 den Prix Bouchon de cultures und 2013 den Prix des Lecteurs beim Littératures Européennes - Cognac.
- 2018 wurde sie für Eva dorme mit dem Großen Verdienstorden des Landes Südtirol ausgezeichnet.
- 2019 erhielt sie den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln. In der Begründung heißt es, Melandri entfalte ein Bild Europas, „wie es viele nicht kannten“. Sie verknüpfe „die Vergangenheit des Kontinents mit der Gegenwart und die geografischen Ränder mit seiner Mitte“. So trage sie zu einem „neuen und besseren Verständnis der unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaften Europas bei“. Damit sei Melandri eine „prädestinierte Empfängerin des Ehrenpreises.“[7]
- 2024 wurde der Bruno-Kreisky-Preis für das publizistische Gesamtwerk an Francesca Melandri vergeben: Die Autorin verarbeite „mit literarischer Präzision gesellschaftspolitische Themen und persönliche Geschichten zu komplexen und nuancierten Erzählungen“. Sie verknüpfe „meisterhaft Schicksale aus Vergangenheit und Gegenwart mit historischen und aktuellen Ereignissen“. Die Autorin wird mit einer Aussage über ihre Schreiben zitiert, sie mache sich „immer auf die Suche nach persönlichen, privaten Erzählungen, nach Momenten lebendigen oder gelebten Lebens“ und höre den betroffenen Menschen zu. Das durchziehe „spürbar ihr gesamtes Werk“. Mit dieser Fähigkeit, so wird die Preisvergabe weiterhin begründet, gelinge es ihr, „das Vergangene im Gegenwärtigen und das Große im Kleinen erfahrbar zu machen“. Die Autorin sei „eine Art literarisches Gewissen Italiens“ geworden und habe sich „als eine der bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen europäischen Literatur etabliert“. Ihre Bereitschaft, „eigene politische Positionen und Präferenzen kritisch infrage zu stellen“, sei eine „zusätzliche Quelle Melandris literarischer Größe“: „Die Schriftstellerin ist der Überzeugung, dass hinter einem guten Roman immer gute Fragen stehen“. Das erhelle „viele Facetten der Geschichte“ und mache „differenzierte Fragen an eine nervöse und krisengeplagte Gegenwart transparent“.[8]
Literatur
- Paul Wimmer: Wegweiser durch die Literatur Tirols seit 1945. (Brennpunkte 15), Bläschke Darmstadt, 1978.
- Gottfried Solderer (Hrsg.): Das 20. Jahrhundert in Südtirol, Bd. 4: 1960–1979 – Autonomie und Aufbruch, Edition Raetia Bozen, 2002.
- John Butscher und Anna Maria Chierici (Hrsg.): Ein Jahrhundert schweren Zusammenlebens. Eine Bilanz über die letzten 50 Jahre Südtiroler Literatur. Edizioni Alphabeta Verlag Meran, 2019.