Evangelisches Hilfswerk
deutsche Organisation
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Das Evangelische Hilfswerk war nach dem Zweiten Weltkrieg eine Hilfsorganisation der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Ziele



Ziel war es angesichts der Not im Nachkriegsdeutschland, jede Gemeinde und jedes Gemeindeglied zur tätigen Mithilfe anzuregen. Geschehen sollte dies durch die Beschaffung von Kleidern und Nahrung, Wohnraum und Geldmitteln sowie „Arbeit und Heimat für die Heimatlosen“.[1] Dazu entstanden in den Landeskirchen Hauptbüros sowie das Zentralbüro in Stuttgart. Das Hilfswerk kümmerte sich um die Probleme von Flüchtlingen, den Bau von Wohnungen (Siedlungswerk, 1949 bis 1959 entstanden 36.227 Wohnungen), den Aufbau von Alten- und Lehrlingsheimen sowie von 207 (Not-)Kirchen, Gemeinde- und Jugendzentren.[2]
Für Auswanderer hielt die Zentralstelle für die evangelische Auswandererbetreuung unter ihrem Leiter Ferdinand Schröder Hilfestellung bereit. Das Evangelische Hilfswerk unterstützte den Kirchlichen Suchdienst, der Familienzusammenführungen ermöglichen sollte. Ende 1947 umfasste dessen Zentralkartei 10 Millionen Personendaten.
Geschichte
Das Evangelische Hilfswerk wurde Ende August 1945 auf der Kirchenführerkonferenz von Treysa gegründet. Initiator und erster Leiter war von 1945 bis 1951 Eugen Gerstenmaier, der außerdem zum Vorsitzenden des Evangelischen Siedlungswerks bestimmt wurde. Unterstützung hatte er durch das von Landesbischof Theophil Wurm verfasste „Stuttgarter Manifest der christlichen Liebe“ vom 1. August 1945 erhalten.[3]
Von 1945 bis 1948 strömten infolge der Flucht und Vertreibung Deutscher aus Mittel- und Osteuropa etwa 12 Millionen Menschen nach Deutschland. Die Hilfe für diese Flüchtlinge stellte angesichts der materiellen und moralischen Not die größte Herausforderung an die kirchliche Nachkriegshilfe im Evangelischen Hilfswerk dar. Vorrangig war die Einrichtung von Notaufnahmelagern, um den Vertriebenen eine halbwegs erträgliche Unterkunft bieten zu können. Bekannte Projekte waren der Aufbau der Flüchtlingssiedlung Espelkamp auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsanstalt sowie das Sozialwerk Stukenbrock, das in den Baracken eines ehemaligen Kriegsgefangenenlagers seinen Anfang nahm.[4]
Bis zur Währungsreform 1948 (Westdeutschland) wurden in Deutschland 180 Mio. Reichsmark an Spendenmitteln gesammelt, zwischen 1949 und 1960 in der Bundesrepublik 68,5 Mio. DM. In den ersten drei Jahren seines Bestehens erwarb oder errichtete das Hilfswerk 143 Heime und Anstalten mit 10.805 Betten (Krankenhäuser und Heilstätten sowie Heime für Heimkehrer, Versehrte, Kinder und Säuglinge).[5] Von 1945 bis 1949 arbeiteten etwa 55.000 Menschen, davon 5000 hauptamtlich, für das Hilfswerk.
Eine wichtige Wirkung erreichte es als Verteilungsorganisation von Auslandsspenden, unter anderem des chilenischen Hilfswerkes Salvad a los Niños (span.: Rettet die Kinder).[6] Das Evangelische Hilfswerk verteilte 62 Millionen Kilogramm Lebensmittel und Kleidung. In der britischen Besatzungszone war das Hilfswerk zu 50 % für die Verteilung der CARE-Pakete zuständig, in der amerikanischen Zone zu 34 %. Mit Kinder- und Schulspeisungen sowie Jugendlagern und -kuren kümmerte sich das Hilfswerk um Jugendliche: Im Jahr 1947 nahmen 168.500 Teilnehmer an 3450 Jugendlagern teil.
Das Evangelische Hilfswerk legte unter der Leitung von Otto Bartning zwischen 1946 und 1953 zwei Serienkirchenprogramme auf. Zunächst wurden 43 Notkirchen errichtet, in einem Folgeprogramm dann weitere kleinere Kirchbauten in drei Typen: Gemeindezentren, Diasporakapellen und Häuser der Kirche.[7]
Das Evangelische Hilfswerk setzte sich nach dem Krieg auch für Internierte ein. Das waren ehemalige Nationalsozialisten höherer Funktion, mutmaßliche Kriegsverbrecher und KZ-Personal. Zu den Hilfsmaßnahmen gehörte auch die Prozesskostenhilfe für die Anklagen vor den Spruchkammern im Rahmen der Entnazifizierung. Viele ehemalige Internierte wurden dann selbst im Hilfswerk aktiv. Im Januar 1948 setzte es sich in einer Denkschrift auch für die Internierten ein, die als mutmaßliche Kriegsverbrecher in die Länder der Kriegsgegner ausgeliefert werden sollten.[8]
Nach dem Zweiten Weltkrieg spendete das Hilfswerk auch Papier zum Drucken kirchlicher und theologischer Werke, z. B. 1949 für das Buch Die Gemeinde des Auferstandenen von Karl Heim.[9]

Durch das Kirchengesetz zur Ordnung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1951 wurde das Hilfswerk enger an die EKD gebunden.[10] Im Jahr 1957 wurde es dann mit der Inneren Mission - zunächst unter der Bezeichnung Diakonisches Werk der Inneren Mission und des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland - vereinigt,[11] das unter seinem Geschäftsführer, dem Pastor Claus von Aderkas,[12] 1975 im Diakonischen Werk der EKD aufging. Zuvor hatten Integrationsbestrebungen der beiden Organisationen mit Blick auf die verfasst-kirchliche Struktur des Hilfswerks einerseits und die davon rechtlich unabhängige Vereinsstruktur der Inneren Mission andererseits noch keinen Erfolg gehabt. Immerhin beauftragte ein Teil der Landeskirchen die bei ihnen existierenden Landesvereine für Innere Mission mit der Durchführung der Aufgaben des Hilfswerks und sorgte so für eine Verklammerung. Auch die schon 1945 seitens der evangelischen Seite versuchte institutionalisierte Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche kam nicht zustande.[13]
Literatur
- Dietmar Merz: Das Evangelische Hilfswerk in Württemberg von 1945 bis 1950. Epfendorf 2002.
- Kurt Nowak: Geschichte des Christentums in Deutschland. München 1995, ISBN 3-406-38991-0.
- Gerald Schwalbach: Das Evangelische Hilfswerk Westfalen (1945–1950). Die „Stunde der Kirchen“ und der „Hilfswerkimpuls“ der Nachkriegszeit. In: Udo Krolzik (Hrsg.): Zukunft der Diakonie. Zwischen Kontinuität und Neubeginn. Luther-Verlag, Bielefeld 1998, ISBN 3-7858-0402-4, S. 171–182,
- Martina Skorvan: Das Hilfswerk der Evangelischen Kirche und seine Flüchtlingsarbeit in Hessen 1945–1955. Historische Kommission für Nassau, Wiesbaden 1995, ISBN 3-922244-99-8.
- Johannes Michael Wischnath: Kirche in Aktion. Das Evangelische Hilfswerk 1945–1957 und sein Verhältnis zu Kirche und Innerer Mission. Göttingen 1986.