Evelyn Kuwertz
deutsche Malerin
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Evelyn Kuwertz (* 1945 in Bad Aussee, Österreich) ist eine deutsche Malerin.
Leben
Kuwertz absolvierte eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin und war vier Jahre in diesem Beruf tätig, bevor sie 1969 an die Hochschule der Künste wechselte.[1] Von 1969 bis 1974 studierte sie freie Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste in Berlin und war 1975 und 1976 Meisterschülerin von Hermann Bachmann. Während des Studiums beteiligte sich Kuwertz an dem Versuch der Etablierung einer „freien Klasse“, ein Vorhaben, das von Hermann Bachmann unterstützt, aber letztlich nicht umgesetzt wurde.[1] Prägend war zudem die Zusammenarbeit mit dem Gastdozenten Georg Kiefer, durch die sich für sie neue projektbasierte Arbeitsmöglichkeiten eröffneten.[1]
Evelyn Kuwertz engagierte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren in Berlin für die gleichberechtigte Wertschätzung und Wahrnehmung von Künstlerinnen in der Kunstszene. Sie war Mitinitiatorin und -organisatorin der beiden Künstlerinnenausstellungen „Künstlerinnen International 1877–1977“[2][3] und „Das Verborgene Museum“ (1986/87), die in Berlin stattfanden. Bereits während ihres Studiums an der Hochschule der Bildenden Künste entstand in Zusammenarbeit mit Brigitte Mauch und Toja Wernery das feministische Ausstellungsprojekt „Zur Situation der Frau in Familie und Gesellschaft“. Die als szenisches Environment geplante Ausstellung sollte 1973 öffentlich in Berlin gezeigt werden, was durch den Berliner Bildungssenator Gerd Löffler aufgrund „sittlicher Bedenken“ verhindert wurde.[4] Nach dem Verbot wurde die Schau für einen Tag an der Hochschule der Künste aufgebaut; die Tafeln blieben erhalten und sollen in einer Gruppenausstellung der Galerie im Körnerpark 2026 erneut präsentiert werden.[1]
Für „Künstlerinnen International 1877–1977“ setzte sie sich mit Mitstreiterinnen gegen interne Widerstände durch; die Ausstellung zeigte 182 Künstlerinnen und präsentierte früh Werke von Frida Kahlo in Deutschland.[1] Das von ihr mitinitiierte „Verborgene Museum“ erforschte Werke von Künstlerinnen in Berliner Sammlungen; seit 2022 verfügt die Institution über keine eigenen Räume mehr und wird von der Berlinischen Galerie betreut.[1] Kuwertz arbeitet heute in einem Atelierhaus des BBK in Berlin-Tempelhof.[1]
Œuvre
Frühwerk
Kuwertz schuf seit Mitte der 1970er Jahre soziale Porträts, in denen sich die Flüchtigkeit und Anonymität der Großstadt Berlin widerspiegeln, so in den Ansichten von Berliner S- und U-Bahnhöfen (Bahnhof Gleisdreieck, 1979, und S-Bahnhof Westkreuz, 1981), in denen die Verlorenheit menschlicher Individuen im öffentlichen Stadtraum zur Anschauung kommt. So werden ihre Arbeiten zu Berliner S-Bahnhöfen, die bis zur politischen Wende verwahrlost waren, zu einem Sinnbild der Resignation. Ihre Malerei dieser Jahre ist dem kritischen Realismus verpflichtet und kreist um Motive der West-U-Bahn, der Ost-S-Bahn und der Bahnhofsarchitektur, häufig mit Figurenstudien Wartender, Lesender oder Vorübergehender.[1] Ein frühes, häufig rezipiertes Werk ist Türkische Mädchen (1983), das zwei Kinder in einem Hinterhof zeigt und auf eine Begegnung in der Oranienstraße zurückgeht; das Gemälde wurde im Ephraim-Palais präsentiert.[1] U-Bahnhof Gleisdreieck (1979) verbindet ihre Beobachtung alltäglicher Großstadtszenen mit einer präzisen Figurenauffassung.[1]
Weiterentwicklungen der 1980er-Jahre
Kuwertz untersuchte machtvolle, symbolisch aufgeladene Architektur, etwa Hoch- und Atombunker in der Pallasstraße und an der Uhlandstraße, und stellte Besucher diesen massiven Räumen dar.[1] Auch urbane Erinnerungsorte wie die Oberbaumbrücke oder der Landwehrkanal, an dem Rosa Luxemburg ermordet wurde, wurden zu Trägern historischer Bezüge.[1]
In ihrer großformatigen Zeichnung Helgoland (1985–1987) fängt Kuwertz ihre Eindrücke von einem Aufenthalt auf der Insel Helgoland ein:
„Dieser konkrete Ort nun bekam für mich den Symbolwert einer weiter zu fassenden Wirklichkeit: das Gegensätzlich der fließenden Bewegungen des Meeres gegenüber der Statik der gebauten Steine, das der Natur zur Konstruktion, des Weichen zum Harten. Das Rechtwinklige, die einem numerischen Ordnungsprinzip folgende Kennzeichnung der Blöcke gegenüber dem Ungeformten des Wassers, seiner Vielfalt, der Veränderlichkeit der Formen in den sich wiederholenden rhythmischen Bewegungen. Aber diese Veränderungen sind es auch, wodurch die Formen ihre Ruhe finden, eigentlich auch unverändert bleiben, während die Steine sich verändern, verwittern, versanden. In ihnen liegt allein die Dimension ‚Zeit‘, die auf die Insel, ihre Vergangenheit und auf den Menschen verweist.“
Wendezeiten, die 1990er Jahre
Nach der politischen Wende machte Kuwertz die städtebaulichen Veränderungen der wiedervereinten, neuen Hauptstadt Berlin zum Kernthema ihrer Malerei. Ausgehend von kleinformatigen Gemälden des leeren Potsdamer Platzes fasste sie die darauf entstehende Großbaustelle zu einem großformatigen Panorama zusammen (1992–1995), wobei sie die temporäre Wasserfläche in den Baugruben – bedingt durch aufsteigendes Grundwasser – als Zeichen der Transformation ins Bild integrierte.[1] Sie kommentierte die Permanentbaustelle der historischen Stadtmitte Berlins mit zahlreichen, von expressiver Farbigkeit geprägten Gemälden. In ihren Arbeiten Hotel Adlon (1997), Esplanade (1995) und in Berlin Mitte (1998) stellte sie die Rekonstruktion in der Mitte Berlins dar. Sie thematisierte auch die Ruinen auf der historischen Museumsinsel in Rekonstruktion Neues Museum (2001). Charakteristisch ist in diesen Arbeiten eine Montage aus gekippten Fassaden und halbtransparenten Schichten, mit der sie Überlagerungen von Historie, Abriss und Neubau sichtbar machte.[1]
Berlin bildete über Jahrzehnte den zentralen Referenzraum ihres Schaffens; „heute fällt ihr zu ihrer Stadt nichts mehr ein.“[1] Jedoch versteht sie ihr künstlerisches und feministisches Engagement als Beitrag zur kulturellen Prägung Berlins.[1]
Publikationen
- mit R. Gerhardt und S. Schumann: Weibliche Inhalte auf weibliche Weise darstellen. Frauenspezifisches in der Kunst am Beispiel von sechs Künstlerinnen. In: Magazin Kunst. Band 15, Nr. 4, 1975, S. 76–86.
- mit U. Stelzl: Der ästhetische Anteil innerhalb der Publikationen der Neuen Frauenbewegung. In: Ästhetik und Kommunikation. Band 25, Nr. 7, 1976, S. 114–119.
- Realismusstudio 11. Neue Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin 1980.
- Bilder und Zeichnungen. Frölich & Kaufmann, Berlin 1985, ISBN 3-88725-174-1.
- Zeichnungen. Berlin 1990.
- Bilder Berlin. Ausschnitt aus dem Werk 1973–91. Frauen Museum – Frauen formen ihre Stadt e.V. –, Bonn 1991, ISBN 3-928239-19-8.
- Bewegung am Potsdamer Platz. Kunstamt Wilmersdorf, Berlin 1993.
- Stadt und Bewegung. Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf, Berlin 2008.
Literatur
- L. Bevilacqua, I. Dalinghaus: Ich habe die Leute mit den Augen verfolgt. Ausstellung Evelyn Kuwertz. In: Courage. Band 5, Heft 8, 1980, S. 39–41.
Weblinks
- Literatur von und über Evelyn Kuwertz im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Website
- Profil auf ArtFacts.net (Archivlink vom 10. März 2016)