Ewer

Segelschiffstyp aus Friesland From Wikipedia, the free encyclopedia

Ein Ewer ist ein kleinerer, aus Friesland stammender Segelschifftyp mit Plattboden und einem oder zwei Masten, ursprünglich ohne Kiel. Einmastige Ewer werden als Pfahl- oder Giekewer bezeichnet, zweimastige heißen Besanewer.

Kartoffelewer in Hamburg (1887)
Petrine (2023)

Bei zweimastigen Ewern ist der achtern stehende Besanmast deutlich kürzer als der vor ihm stehende Großmast. Er ist also ein Anderthalbmaster. Ewer sind gaffelgetakelt. Vor dem Großmast fahren die Ewer üblicherweise Klüver und Fock. Typisches Merkmal sind das flache Unterwasserschiff und häufig Seitenschwerter, mit denen bei Am-Wind- und Halbwindkurs die Abdrift verringert wird. Die Ewer im norddeutschen Raum sind im Schnitt 16 Meter lang und vier Meter breit.

Geschichte, Verbreitung und Verwendung

Ein Schiffstyp mit der Bezeichnung Ewer ist seit dem Mittelalter bekannt; eine erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem flämischen Sprachraum aus dem Jahre 1252 und bezeichnet den eenvare.[1] Im Wörterbuch der deutschen Sprache wird vermutet, dass niederländisch envarer = ‚Einfahrer‘ bedeuten könnte, was auf eine ursprüngliche Ein-Mann-Besatzung hindeuten würde.[1] Aus Jörgen Brackers Sicht wären die Ewer für einen Einhandsegler zu groß. Er vermutet eine Herkunft von var(e) = Last oder Fuhre, damit wäre ein Ewer ein Boot, das die Last einer vierspännigen Fuhre transportieren könne, in der Regel das Gewicht bzw. die Masse von 12 großen gefüllten Tonnen.[1]

Nachbau eines Ilmenau-Ewers im Lüneburger Hafen

Bereits im 14. Jahrhundert, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, wurde mit Ewern über die Ilmenau Salz von Lüneburg nach Lübeck und Hamburg transportiert. Im 16. und 17. Jahrhundert waren mehr als 50 dieser Schiffe auf dem Fluss unterwegs. Sie hatten eine Länge von 15 bis 20 Metern und konnten bis zu 20 Tonnen laden.[2] Ab etwa 1800 fanden sie vor allem im Gebiet der Unterelbe und Unterweser sowie auch in den Niederlanden und Dänemark Verbreitung. Mit über 2000 gebauten Booten waren sie im 19. Jahrhundert der am häufigsten eingesetzte Schiffstyp in Deutschland. Die meisten Ewer hatten eine Lebensdauer von bis zu 30 Jahren, nur ein Viertel der Ewer konnte bis zu 50 Jahre genutzt werden.[3] Sie wurden besonders als Frachtschiffe in der Küsten- und Flussschifffahrt genutzt, teilweise auch als Fischereifahrzeuge.

Für den Niederelbraum lässt sich die Entwicklung nachvollziehen, dass bis 1800 vor allem halbgedeckte, einmastige Boote mit Rahsegel und hochgezogenem Vordersteven Verwendung fanden.[4] Dieser Ewertyp wurde dann bis 1840 ungebräuchlich. Um ihn von dem folgenden Typ abzugrenzen, wurde er nachträglich als Pfahlewer bezeichnet.[5]

Für die Ewer wurden teilweise regionale Bezeichnungen verwendet, dabei beschreibt der niederdeutsche Begriff Dreuchewer den Trockenewer, also einen Ewer ohne Bünn, der außer dem Ewer der Fischerei alle Ewertypen umfasst:

  • Fischewer (1740 gab es in Blankenese 60 Fischewer, 1787 waren es 140.)
  • Bugsierewer
  • Fährewer
  • Kartoffelewer

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Ewer häufig zusätzlich mit Motoren ausgerüstet. Später wurde auf die Takelage ganz verzichtet und die Ewer wurden nur noch mit eigenem Motor oder als Schleppverband gefahren.

Erhaltene Exemplare

Weitere Informationen Name, Baujahr ...
NameBaujahr BauwerftTypHeimathafenBemerkung
Windsbraut 1911 Ropers Stade Alstermaßewer Stade
hoch und trocken
Windsbraut trockengefallen im nordfriesischen Watt 2017
Anna - Lisa 1906 Junge Wewelsfleth Alstermaßewer Wischhafen
Teilansicht des Traditionsseglers Anna Lisa
Petrine1909 FrachtschiffHiddensee
Petrine 2011
Amazone1909 Jacobs MorreegeFrachtschiffGermaniahafen Kiel
Amazone
Johanna1903 FrachtschiffHamburg
Johanna
Catarina1889 FischereischiffHamburg
Catarina
Annemarie1914 FrachtschiffHooge
Moewe1907 Fack ItzehoeFrachtschiffMuseumshafen Oevelgönne
Moewe
Elfriede 1904 FrachtschiffMuseumshafen Oevelgönne
Elfriede
Hermann 1905 FrachtschiffDeutsches Hafenmuseum
Hermann
Luise 1906 FrachtschiffGöhren (Rügen)
Luise
Alfred1913 FrachtschiffGreifswald
Alfred
Friedrich1910 Ropers StadeFrachtschiffLeer
Friedrich am Museumshafen in Leer
Jonas von Friedrichstadt1911
Jonas von Friedrichstadt im Hafen von Pellworm
Maria1881 FischewerMünchen
Maria im Deutschen Museum
Maria af von Hoff1981 (Nachbau) FischewerKappeln
Maria af von Hoff im Kieler Hafen
Frieda[6]1909 Junge WewelsflethGiekewerStade
Giekewer Frieda in Glückstadt
Margareta1897 GiekewerBuxtehude
Giekewer Margareta
Willi 1926 Jacobs Morreege Giekewer Stade
Ewer Willi in Stade
Ewer Willi im Alten Hafen Stade
Ronja 1997 Pfahlewer Replik Husum
Ronja im nordfriesischen Wattenmeer
Pfahlewer Ronja im nordfriesischen Wattenmeer
Melpomene 1895 Lägerdorfer Frachtewer Stöckte
Melpomene
Frachtewer Melpomene
Anna von Otterndorf 1910 Junge Wewelsfleeth Lägerdorfer Frachtewer Hamburg
Catharina 1895 Lägerdorfer Frachtewer Krautsand
Catharina auf Krautsand
Ewer Catarina im eingedeichten Hafen von Krautsand (Unterelbe)
Wilhelmine 1912–1914 Jacobs Morrege Lägerdorfer Ewer Stade
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Siehe auch

  • Milch-Ewer: kleine Ewer, mit denen Milchprodukte in die Städte Hamburg und Altona transportiert wurden
  • Ewerführer: Schiffsführer im Hamburger Hafen
Commons: Ewer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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