Fanny Nathan
deutsche jüdische Pädagogin und Wohltäterin
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Viette „Fanny“ Nathan (* 2. April 1803 in Paderborn; † 12. Juli 1877 ebenda) war eine deutsche jüdische Pädagogin und Wohltäterin. Sie gilt als Gründerin und langjährige Leiterin des Jüdischen Waisenhauses in Paderborn, das Kindern aus Westfalen und dem Rheinland Betreuung, Erziehung und schulische Bildung bot.[1] Geboren wurde sie als Viette Nathan; im öffentlichen Leben und in zeitgenössischen Berichten trat sie überwiegend unter dem Vornamen Fanny auf.
Leben und Herkunft
Fanny Nathan wurde als drittes von sechs Kindern des Nathan Alexander und der Susanna Nathan (geb. Heidingsberg) in Paderborn geboren.[1] Die Familie gehörte zur jüdischen Minderheit der Stadt; wirtschaftlich lagen ihre Verhältnisse zeitweise im ärmeren Bereich. Fanny erhielt frühe Schulbildung, teilweise durch die Reformen der Westphalen-Zeit, und arbeitete ab den 1830er-Jahren als Erzieherin, unter anderem in Frankfurt am Main. 1832 gründete bzw. leitete sie ein Institut zur Ausbildung jüdischer Mädchen mit Genehmigung der Regierung in Minden. Später führte sie ein Pensionat in Paderborn, das auch nichtjüdische Schülerinnen aufnahm.[2]
Pädagogisches Selbstverständnis
Nathan verstand Erziehung als umfassende Aufgabe, die religiöse Bildung mit praktischen Fertigkeiten und sittlicher Zucht verband. Ihr Ansatz zielte darauf ab, den Mädchen sowohl geistige als auch praktische Fähigkeiten zu vermitteln und sie auf ihre Aufgaben im Alltag vorzubereiten.[1]
Gründung des Jüdischen Waisenhauses
Nach eigenen Angaben fühlte Nathan sich durch einen religiösen Auftrag zur Fürsorge für mittellose Waisenkinder berufen; sie schrieb später: „Der Ruf des Allmächtigen am 14.01.1855“ habe sie dazu verpflichtet, ein Haus für mittellose Waisenkinder zu gründen.[1]
Im März 1856 nahm sie zwei Jungen in ihrem Haus am Domplatz 14 in Paderborn auf und begann damit die praktische Arbeit. In den folgenden Jahren warb sie auf ausgedehnten Reisen – sie nannte diese „philantropische Wanderungen“ – um Spenden und Unterstützer für ein größeres Heim. Im Mai 1861 konnte auf einem Grundstück am Stadtrand in der Leostraße der Grundstein für ein Waisenhaus mit Grünflächen gelegt werden. Das Gebäude wurde am 25. August 1863 feierlich eröffnet.[1][3]
Leitung und Wirkung
Unter Nathans Leitung entwickelte sich das Waisenhaus trotz wiederkehrender Auseinandersetzungen mit dem Kuratorium zu einer anerkannten Wohlfahrtseinrichtung. Das Kuratorium versuchte zeitweise, die Gründerin auf „mütterliche“ Aufgaben zu beschränken und ihr organisatorische Zuständigkeiten abzusprechen; dennoch prägte Nathan die Einrichtung nachhaltig.[1]
Bis zum Ende ihrer Amtszeit waren hundert Kinder im Waisenhaus erzogen worden. Nathan leitete die Einrichtung bis zu ihrem Tod am 12. Juli 1877; danach übernahm ihre Nichte Johanna Marx die Führung.[1]
