Fatuma Elisabeth
Kind aus dem Gebiet der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika
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Fatuma Elisabeth (* um 1886; † 26. März 1895) war ein Kind aus dem Gebiet der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, das Ende des 19. Jahrhunderts, zusammen mit Kali Johannes, Madjesebuni Maria, Sudi Jakobus, Jamaly Friedolin Mwinyishanti und einem weiteren zwölfjährigen Mädchen (Name unbekannt), im Rahmen der Bethel Mission nach Deutschland gebracht. Sie lebte mehrere Jahre in den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, im heutigen Bielefelder Stadtbezirk Gadderbaum. Die über sie bekannten Informationen stammen überwiegend aus zeitgenössischen missionarischen Quellen, insbesondere aus der Bethel-internen Zeitschrift Bote von Bethel. Eigenständige Zeugnisse Fatuma Elisabeths sind nicht überliefert.
Leben
Über Fatumas erste Lebensjahre ist derzeit nichts bekannt. Der Beginn der schriftlichen Überlieferung zu Fatuma ereignete sich mutmaßlich 1891 im Zuge des Kontakts mit deutschen Missionaren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts leitete der deutsche Missionar Johann Jacob Greiner eine Missionsstation in Dar es Salaam. Diese nahm Ende des Jahres 1888 eine Gruppe von Menschen auf, darunter auch Kinder (vgl. S. 341). Im Jahr 1891 brachte Greiner den Jungen Kali nach Deutschland, wo dieser zu einem Gehilfen der Mission ausgebildet werden sollte. Während der Überfahrt über den Indischen Ozean fiel Greiner nach eigenen Angaben ein sudanesischer Soldat der deutschen Schutztruppe auf, der gemeinsam mit seiner Frau ein etwa fünfjähriges Mädchen bei sich führte. Bei dem Kind handelte es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um das leibliche Kind des Paares, sondern um ein Sklavenmädchen, das das Paar in Ägypten verkaufen wollte. Nachdem der Soldat aufgrund des Verbots des Sklavenhandels festgenommen wurde, soll das Mädchen namens Fatuma Greiner übergeben worden sein. Ob Fatuma doch mit dem Paar verwandt war, bleibt unklar, denn ausschließlich die Sicht des Missionars selbst ist bekannt.
In Deutschland übergab Greiner Fatuma gemeinsam mit Kali an Friedrich von Bodelschwingh in Bethel, wo sie in einem Kinderheim der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta unterkam. Zu ihren Aufgaben gehörte es, sich in der Einrichtung um die Säuglinge und Kleinkinder zu kümmern[1.1]. Nachdem Fatuma Katechumenenunterricht erhalten hatte, wurde sie 1891 auf den Namen Elisabeth getauft, dennoch behielt sie auf eigenen Wunsch ihren Namen Fatuma. Der Name sollte ihr perspektivisch die Arbeit als Missionarin erleichtern, weshalb sie auch weiterhin ihre Muttersprache sprechen durfte.
Dem „Bothen von Bethel“ zufolge wurde Fatuma als „furchtsam und scheu“ wahrgenommen, was auf vor allem auf traumatische Erlebnisse in ihrer Heimat zurückgeführt wurde. Jedoch sei sie trotzdem „rasch“ von den anderen Kindern im Heim angenommen worden, sodass sie sich gut in ihre neue Umgebung einlebte. Auch die deutsche Sprache habe sie außergewöhnlich schnell gelernt. Besonders guten Kontakt habe sie zu ihrer besten Freundin Ina Linnenbrügge gehabt und ihr Wunsch sei es gewesen, später Missionarin in Afrika zu werden. Ebenfalls habe sie eine Sehnsucht danach gehabt, ihre Mutter wiederzufinden. All das ist allerdings nicht unabhängig bestätigt. Gleichsam mit Fatuma wird vielfach die Schwester Lina Diekmann erwähnt, die zu Lebzeiten Fatumas als Diakonisse in Bethel tätig war. Im Jahr 1895 verstarb Fatuma Elisabeth „an einer im Kinderheim grassierenden Influenza“ [1.1]. Nach dem frühen Versterben von Fatuma und Kali im Jahr 1893, wurden zukünftige Pläne bezüglich der weiteren Erziehung von afrikanischen Kindern in Bethel aufgegeben.
Grabstätten
Die Grabstellen der beiden befinden sich auf dem Zionsfriedhof in Bethel bei Bielefeld. Das Kreuz auf Fatumas Grab trägt auf der Rückseite einen Bibelvers aus Salomos Hohelied.
Ich bin schwarz, aber gar lieblich, [...] Hohelied 1,5[2]
Das Hohelied beschreibt dialogisch eine Liebesgeschichte aus den Perspektiven von Salomo und seiner Geliebten. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist die Sehnsucht und Intimität der beiden, welche in Bildern wie Duft, Parfüm, und körperlicher Nähe in Form von Küssen Ausdruck finden. In dem Lied erzählt die Geliebte von ihrer Arbeit in den Weinbergen, durch die sie ihre Sonnenbräune erhielt. Obwohl sie sich unsicher fühlt, ist ihre Bräune ein Ausdruck von Eleganz und Schönheit und wird in dem Kontext als positiv gewertet. Diese positive Konnotation der Grabesinschrift setzt jedoch ein erhebliches biblisches Hintergrundwissen voraus. Ohne dieses werden viele heutige Besucher:innen dem Vers aufgrund der adversativen Konjunktion „aber“ vermutlich eine diskriminierende Bedeutung zuschreiben.
Historischer Kontext
Im Deutschen Kaiserreich standen protestantische Mission und Kolonialismus zeitlich und strukturell in engem Zusammenhang. Mit dem Aufbau deutscher Kolonien in Afrika ab den 1880er Jahren gewann auch die Missionsbewegung an Bedeutung. Missionsarbeit war nicht identisch mit staatlicher Kolonialherrschaft, bewegte sich jedoch häufig innerhalb derselben politischen, infrastrukturellen und ideologischen Rahmenbedingungen. Missionsberichte trugen zur Verbreitung von Bildern bei, die Vorstellungen von Zivilisierung, Ordnung und kultureller Überlegenheit transportierten. Bethel bei Bielefeld entwickelte sich in diesem Zusammenhang zu einem Ort, an dem koloniale Verflechtungen auch außerhalb kolonialer Verwaltungszentren sichtbar wurden. Neben der diakonischen Arbeit verstand sich Mission als Teil eines umfassenden christlichen Projekts, das nicht nur in Übersee, sondern auch im Deutschen Reich präsent sein sollte. Vor diesem Hintergrund gelangten in den 1890er Jahren mehrere afrikanische Kinder und Jugendliche nach Bethel, deren Anwesenheit öffentlich thematisiert und religiös gedeutet wurde.
Quellenlage
Die Kenntnisse über Fatuma Elisabeth beruhen nahezu ausschließlich auf institutionellen Quellen der Betheler Einrichtungen. Zentrale Informationen stammen aus mehreren Ausgaben der Zeitschrift Bote von Bethel aus den Jahren 1895[1] und 1902[3]. Dabei handelt es sich um eine interne Publikation, die sich vor allem an Unterstützerinnen und Unterstützer sowie ein christlich geprägtes Publikum richtete. Korrespondenzen aus dieser Zeit sind in den Berendschen Protokollen im Bethel Archiv zu finden. Eigenständige schriftliche oder mündliche Zeugnisse Fatuma Elisabeths sind nicht erhalten. Die Quellen geben daher fast ausschließlich die Perspektive der Missionare und der Institution wieder.
Entsprechend bestehen große Lücken hinsichtlich ihrer eigenen Wahrnehmungen und Entscheidungen insbesondere in Bezug auf ihre Hinwendung zum christlichen Glauben und ihre Taufe.
Darstellung in zeitgenössischen Quellen
In den Berichten des Boten von Bethel wird Fatuma Elisabeth als Teil einer religiös geprägten Erfolgserzählung dargestellt. Ihre Geschichte wurde genutzt, um die Wirksamkeit missionarischer Arbeit zu illustrieren und emotionale Nähe bei den Lesenden herzustellen. So wird Fatuma und ihre Geschichte instrumentalisiert, um bei der Leserschaft die Bereitschaft für Bethel bei Bielefeld zu spenden zu erhöhen. Besonders betont werden ihre Hinwendung zum christlichen Glauben, ihre Freude an biblischen Geschichten und ihre Taufe[1.2]. Nur in wenigen Passagen wird Fatuma mit eigenen Aussagen zitiert, etwa in Berichten über ihre Trennung von ihrer Familie durch Sklavenhändler. In diesen Passagen wird sie indirekt zitiert, meist wird jedoch über sie berichtet, statt ihre Perspektive zu berücksichtigen[1.3]. Fatumas Erzählungen oder Zitate aus diesen sind stark in den institutionellen Deutungsrahmen eingebettet und dienen weniger der Darstellung ihrer individuellen Perspektive als der moralischen Legitimation missionarischer Fürsorge. Die Sprache der zeitgenössischen Quellen ist von kolonialen und rassistischen Denkweisen geprägt. Begriffe wie „Heidenkind“[1.2] und bildhafte Gegenüberstellungen wie das „schwarze Mädchen im schneeweißen Kleide“[4] verweisen auf Vorstellungen europäischer Überlegenheit. Die Berichte enthalten Verallgemeinerungen über angebliche geteilte Eigenschaften „schwarzer“ Menschen. So wird im Boten von Bethel berichtet, dass Fatuma Elisabeth zwar schnell Deutsch lernte, sich aber, wie es für Schwarze angeblich „üblich“ sei, in der Mathematik schwertat: „Das Rechnen wurde ihr schwer, wie den meisten Schwarzen.“[1.4]
Rezeption
Die Thematik um Fatuma Elisabeth spielt derzeit in mehreren Kontexten eine Rolle. Von besonderer Bedeutung ist das Bündnis "Decolonized Bielefeld"[5], welches sich seit mehreren Jahren intensiv mit ihr beschäftigt. Zu den zentralen Anliegen der Gruppe gehört die Umbenennung der Karl-Peters-Straße in Bielefeld Stieghorst in die Fatuma-Elisabeth-Straße. So gilt Karl Peters als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika und war ein Publizist, Kolonialist und Afrikareisender mit stark ausgeprägter rassistischer Einstellung.
Weiterhin wird Fatuma Elisabeth in einem künstlerischen Projekt von Sophia Nikoleizig rezipiert[6]. Nikoleizig beschäftigte sich im Rahmen ihres Studiums an der Hochschule Bielefeld auf künstlerischer Ebene mit der emotionalen Perspektive auf Fatumas Geschichte. Anhand von Videos aus der Perspektive von Fatuma und den anderen Kindern, die infolge der Bethel Mission aus Tansania nach Bethel bei Bielefeld kamen, interpretiert Nikoleizig, wie die Kinder ihren Alltag und die christliche Missionierung wahrgenommen haben können.