Fazlur Rahman

pakistanischer islamischer Philosoph und Theologe From Wikipedia, the free encyclopedia

Fazlur Rahman Malik (Urdu فضل الرحمان ملك) (geb. 21. September 1919; gest. 26. Juli 1988 in Chicago, Illinois) war ein pakistanischer Philosoph und liberaler islamischer Denker. Von 1961 bis 1968 leitete er das von General Ayyub Khan gegründete Central Institute of Islamic Research in Karatschi, das eine modernistische Interpretation des Islams entwickeln sollte. Nachdem er dort wegen seiner reformistischen Ansichten immer stärker von konservativen Muslimen angegriffen worden war, trat er 1968 von seinem Posten zurück und siedelte in die USA Über. Dort war er von 1969 bis zu seinem Tod als Hochschullehrer an der University of Chicago tätig.

Geburt und familiärer Hintergrund

Fazlur Rahman wurde am 21. September 1919 im Hazara-Distrikt von Britisch-Indien, einem Gebiet, das heute zu Pakistan gehört, geboren. Seine Familie sympathisierte mit den Lehren des Dar ul-Ulum Deoband. Sein Vater Schihāb ad-Dīn studierte bei Rashid Ahmad Gangohi.[1.1]

Leben

Studium

Obwohl Fazlur Rahman nicht an einer traditionellen islamischen Lehrstätte studierte, wurde er von seinem Vater nach dem Dars-i-Nizami-Curriculum unterrichtet, das solche Fächer einschließt wie Fiqh, Kalām, Hadith, Koranexegese, Logik und Philosophie. Danach studierte er an der University of the Punjab in Lahore und erwarb 1942 einen Master in Arabischer Sprache.[1.1]

1946 ging er an die Oxford University, wo er 1949 bei Simon van den Bergh mit einer Dissertation Avicennas Psychologie promovierte. Die Dissertation, die 1952 veröffentlicht wurde, bestand aus einer kritischen Edition und kommentierten Übersetzung des Kitāb an-Naǧāt von Avicenna.[1.2] Er arbeitete darin auch den Einfluss Avicennas auf Thomas von Aquin heraus.[2]

Akademische Tätigkeit in England und Kanada

Von 1950 bis 1958 war Fazlur Rahman als Lecturer für Persische Studien und Islamische Philosophie an der Durham University tätig.[1.3]

Danach verließ Fazlur Rahman England und wirkte von 1958 bis 1961 als Associate Professor im Institut für Islamische Studien der McGill University in Montreal.[3]

In Pakistan als Direktor des Central Institute of Islamic Research

1961 kehrte Fazlur Rahman nach Pakistan zurück, um dort das von General Ayyub Khan gegründete Central Institute of Islamic Research in Karatschi zu leiten, das eine modernistische Interpretation des Islams entwickeln sollte.[4] In dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Artikeln über die Sunna und die Hadith-Überlieferungen, die später in dem Buch Islamic Methodology in History herausgegeben wurden. Als Direktor des Instituts gehörte er auch dem Advisory Council of Islamic Ideology an, einem hohen politischen Entscheidungsgremium.[1.3] Fazlur Rahmans Versuche, das Central Institute zum Kampf gegen traditionalistische Muslime zu mobilisieren, scheiterten aber. Da Fazlur Rahman als Hauptberater von Ayyub Khan galt, sahen die Ulama in ihm ein Instrument der Regierung, ihre Autorität auszuschalten.[5] Zu den strittigen Fragen, mit denen er sich auseinandersetzen musste, gehörten die islamrechtliche Zulässigkeit von Bankzinsen, Familienplanung und der mechanischen Schlachtung von Tieren sowie die Rolle von Zakāt. Besonders kontrovers war auch seine kritische Position zu den Hadithen, wegen derer er von seinen Gegnern als “destroyer of hadiths” verschrien wurde.[6]

Die Kontroversen um ihn erreichten 1968 ihren Höhepunkt, nachdem Teile seines Buchs Islam ins Urdu übersetzt worden waren, in dem er gefordert hatte, dass man die Idee der Ewigkeit und des göttlichen Charakters des Korans von seinem spezifisch rechtlichen Inhalt trennen müsste.[7.1] Konservative Muslime beschimpften ihn daraufhin als munkir-i Qurʾān („Koran-Leugner“). Nach dem öffentlichen Aufschrei gegen ihn versuchte er in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem pakistanischen Justizminister S. M. Zafar, die Absurdität der gegen ihn erhobenen Anschuldigungen zu erklären. Die Situation war so aufgeheizt, dass der Minister zwar während der Pressekonferenz am 1. September 1968 kategorisch seine Unterstützung für Fazlur Rahman bekundete und erklärte, er sehe „nichts Anstößiges“, anschließend jedoch aus Furcht vor Angriffen gegen ihn die Journalisten anwies, den Satz „kein Einwand“ aus seiner Erklärung zu streichen.[7.2] Nachdem in Lahore Plakate aufgetaucht waren, auf denen ein Preisgeld für Fazlur Rahmans Kopf ausgesetzt wurde, trat er am 5. September 1968 von seinem Posten als Direktor des Instituts zurück.[7.3]

Als Professor in den USA

Nach einem kurzen Gastaufenthalt an der University of California in Los Angeles im Frühjahr 1969 wurde er im Herbst 1969 zum Professor für islamisches Denken an der University of Chicago berufen.[1.4] In dieser Position verfasste er unter anderem sein Buch Islam and Modernity: Transformation of an Intellectual Tradition, in dem er zu einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit dem islamischen Erbe aufrief. 1986 wurde er zum Harold H. Swift Distinguished Service Professor in Chicago ernannt, eine Position, die er bis zu seinem Tod im Jahre 1988 behielt.[1.4]

Schüler

Zu den Schülern Fazlur Rahmans gehört Mustafa Cerić, von 1993 bis 2012 Großmufti von Bosnien und Herzegowina. Das Denken Rahmans hat die Theologie der Ankaraner Schule maßgeblich beeinflusst.

Werke

  • Avicenna's Psychology. Edited and translated by Fazlur Rahman. London 1952.
  • Islamic Methodology in History. Karachi 1965.
  • The Philosophy of Mulla Sadra. Studies in Islamic Philosophy and Science. State University of New York Press, Albany, 1975.
  • Islam. 2. Aufl. Chicago, Ill., Univ. of Chicago Pr., 1979.
  • Islam and Modernity. Chicago 1982. Auszüge bei Charles Kurzman (Hrsg.): Liberal Islam. A Sourcebook. Oxford 1998. S. 304–318.
  • Towards reformulating the Method of Islamic Law: Sheikh Yamani on "Public Interest". Journal of International Law and Politics.
  • Some key ethical concepts of the Quran. Journal of Religious Ethics. 1983.

Literatur

  • Amirpur, Katajun: Den Islam neu denken. C.H. Beck; München, 2013. S. 91–116.
  • Frederick Mathewson Denny: "Fazlur Rahman: Muslim Intellectual" in The Muslim World 79 (1989) 91–101.
  • Husein, Fatimah: Fazlur Rahman’s Islamic Philosophy. Master Thesis, McGill University, 1997. Website mit PDF
  • Tamara A. Sonn: "Fazlur Rahman" in John L. Esposito (ed.) The Oxford Encyclopedia of the Islamic World. 6 Bde. Oxford 2009. Bd. IV, S. 501–502.
  • Tamara A. Sonn: "Fazlur Rahman's Islamic Methodology" in The Muslim World 81 (1991) 221–230.
  • Earle E. Waugh: "Beyond Scylla and Kharybdis: Fazlur Rahman and Islamic Identity" in E.H. Waugh and F.M. Denny (ed.): The Shaping of an American Discourse. A Memorial to Fazlur Rahman. Scholars Press, Atlanta, 1998. S. 15–36.
  • Ebrahim Moosa: "Rahman, Fazlur (1919–88)" in Gerhard Böwering (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Islamic Political Thought. Princeton University Press, Princeton NJ, 2013. S. 458.

Einzelnachweise und Fußnoten

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