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Fidelis Alois Nussbaumer

österreichischer Synästhetiker und Naturforscher From Wikipedia, the free encyclopedia

Fidelis Alois Nussbaumer (* 23. März 1848 in Klausen; † 8. November 1919 in Wien)[1] war ein österreichischer Synästhetiker und Naturforscher.

Fidelis Alois Nussbaumer – Ausschnitt aus dem Darwin-Album von 1877 (Blatt 7 – Wien II)

Leben

Fidelis Alois Nussbaumer wurde als Sohn des Berg- und Hüttenamtsbeamten Josef Nussbaumer und dessen Ehefrau Maria, geb. Rindler, 1848 in Klausen geboren. Im Jahr 1868 legte Fidelis in Innsbruck die Matura ab und begann ein Studium der Naturwissenschaften an der Universität Innsbruck. 1870 wechselte er an die Universität Wien, die er 1873 ohne Abschluss verließ.

1872 wurde er in der Nachfolge des Botanikers und Lehrers Alfred Burgerstein (1850–1929) Präsident des 1871 gegründeten Akademischen Vereins der Naturhistoriker in Wien.[2]

Nachdem Georg Tobias Ludwig Sachs (1786–1814) im Jahr 1812 in seiner Erlangener Dissertation über seinen eigenen Albinismus und den seiner Schwester berichtet und darin auch als weiteres Phänomen die Synästhesie beschrieben hatte, bei der Farben mit Musik und einfachen Sequenzen (einschließlich Zahlen, Tagen und Buchstaben) assoziiert werden, begann mit Fidelis Alois Nussbaumer 1873 die wissenschaftliche Erforschung dieses Phänomens.

Fidelis Alois Nussbaumer veröffentlichte 1873 mit Unterstützung des Mediziners und Zoologen Carl Bernhard Brühl zwei Artikel mit Selbstbeobachtungen zu seiner Synästhesie und einem 19-teiligen Fragebogen – dem ersten Fragebogen in der Geschichte dieses Phänomens, den er zuvor 1872 seinem Bruder Johann, der ebenfalls Synästhetiker war und als Uhrmacher in Vicenza lebte, übersandt hatte und den beide Brüder unabhängig voneinander beantwortet hatten.

Brühl war sich sicher, dass Nussbaumer zwei Sinneseindrücke über einen einzigen Sinneseingang wahrnehmen konnte, und bestätigte Nussbaumers Farbempfindungen, die er daran schätzte, dass Nussbaumer zwar weder über musikalische Fähigkeiten noch über ein absolutes Gehör verfügte, aber dennoch die Töne benennen konnte, da sie stets mit einer unverwechselbaren Farbe auftraten.

Für das Phänomen der subjektiven Farbempfindungen, die durch objektive Klangempfindungen hervorgerufen werden, schuf Nussbaumer den Begriff der Phonopsie, was heute als der früheste deutsche Versuch gilt, das Phänomen zu benennen.

Am 26. Februar 1873 hielt er beim Aerztlichen Verein in Wien den ersten Vortrag in der Erforschungsgeschichte der Synästhesie zu dieser Thematik.

Fidelis Alois Nussbaumer (Mitte links) im Darwin-Album von 1877 (Blatt 7 – Wien II)

Fidelis Alois Nussbaumer bekannte sich darüber hinaus offen zum Darwinismus und beteiligte sich am Ehrengeschenk der deutschen Anhänger zu Darwins Geburtstag im Februar 1877, einem vom Rechnungsrat und Naturforscher Emil Rade (1832–1931) initiierten, von Ernst Haeckel geförderten und im Wesentlichen von Arthur Fitger mit insgesamt 21 Blättern gestalteten mit Silber-(und Gold-)beschlägen reich verzierten 50 cm hohen und 43 cm breiten Album (Darwin-Album von 1877),[3] in dem ab Blatt 3 zahlreiche Fotografien seiner Anhänger in je ein bis zehn passepartoutartig geschnittenen Feldern eingefügt sind. Als J. Nussbaumer und Präses des academ. Vereins der Naturhistoriker wurde er auf Blatt 7 (Wien II) in diesem Album, das Darwin im Februar 1877 überreicht wurde, aufgenommen.[4]

Er war seit 1. Dezember 1883 verheiratet mit Anna Louise (1848–1916),[5] geb. Collombet, einer Tochter des „Stationschefs“ Antoine Collombet und dessen Ehefrau Magdalena, geb. Chapelle.[6] Das Ehepaar hatte eine Tochter.[7]

Fidelis Alois Nussbaumer starb am 8. November 1919 in der Maximilianstraße 11[8] im ersten Wiener Gemeindebezirk an einer Lungenentzündung und wurde am 11. November 1919 am Ober Sankt Veiter Friedhof begraben.[9]

Schriften

J. A. Nussbaumer:

  • Ueber subjektive Farbenempfindungen, die durch objektive Gehörempfindungen erzeugt werden. Eine Mittheilung durch Beobachtungen an sich selbst. In: Wiener Medizinische Wochenschrift, (1): 4–7 (Digitalisat), (2): 28–31, (Digitalisat) (3): 52–54 (Digitalisat), Wien 1873

F. A. Nussbaumer:

  • Ueber subjektive Farbenempfindungen, die durch objektive Gehörempfindungen erzeugt werden. Eine Mittheilung durch Beobachtungen an sich selbst. Separatausdruck aus der Wiener Medizinischen Wochenschrift (Nr. 1–3, 1873), Im Selbstverlage des Verfassers, Wien 1873 (books.google.de)
  • Ueber subjektive Farbenempfindungen, welche durch objektive Gehörempfindungen erzeugt werden. In: Mittheilungen des aerztlichen Vereines in Wien, 2, 5, Wien 1873, S. 49–61 (books.google.de)
  • Ton und Farbe. In: Wissenschaftliche Mittheilungen aus dem Akademischen Vereine der Naturhistoriker in Wien, 2, Wien 1874, S. 3–38 (Digitalisat)

Briefe

  • Brief des Wiener Academischen Vereins der Naturhistoriker, Präsident Fidelis Alois Nussbaumer, Vizepräsident Rudolf Hoernes an Charles Robert Darwin vom 4. Dezember 1872 (online)

Vortrag

  • Über subjektive Farbenempfindungen, die durch objective Gehörempfindungen erzeugt werden, Programm der Sitzung des Ärztlichen Vereines; Mittwoch, den 26. Februar 1873, 7 Uhr Abends, im Saal der k. k. Gesellschaft der Ärzte[10]

Literatur

  • Jakob Hock: Ophthalmoskopische Untersuchungen der Augen des Herrn Nussbaumer. In: Mittheilungen des aerztlichen Vereines in Wien, 2, 5, Wien 1873, S. 62–63 (books.google.de)
  • Jörg Jewanski, Sean A. Day & Jamie Ward: A Colorful Albino: The First Documented Case of Synaesthesia, by Georg Tobias Ludwig Sachs in 1812. In: Journal of the History of the Neurosciences: Basic and Clinical Perspectives. Band 18, Nr. 3, 2009, S. 293–303 DOI:10.1080/09647040802431946.
  • Jörg Jewanski, Sean A. Day, Julia Simner & Jamie Ward: The beginnings of an interdisciplinary study of synaesthesia: Discussions about the Nussbaumer brothers (1873). In: Theoria et Historia Scientiarum. An International Journal for Interdisciplinary Studies 10, 2013, S. 149–176. DOI:10.12775/ths-2013-0008
  • Jörg Jewanski, Julia Simner, Sean A. Day & Jamie Ward: The beginning of research on synaesthesia in children: Searching for traces in the 19th and early 20th century. In: Musik-, Tanz- & Kunsttherapie, 27, 2, 2017, S. 129–136 (PDF)
  • Jörg Jewanski, Julia Simner, Sean A. Day, Nicolas Rothen & Jamie Ward: The evolution of the concept of synesthesia in the nineteenth century as revealed through the history of its name. In: Journal of the History of the Neurosciences: Basic and Clinical Perspectives. Band 29, Nr. 3, 2020, S. 259–285 DOI:10.1080/0964704X.2019.1675422
  • Georg Tobias Ludwig Sachs: Historiae naturalis duorum leucaetiopum: Auctoris ipsius et sororis eius. Erlangen 1812 (MDZ)

Anmerkungen

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