Flugunfall der Potez 25 F-AHDC am 12. September 1926
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Der Flugunfall der Potez 25 F-AHDC am 12. September 1926 ereignete sich während eines geplanten Nonstopfluges von Paris nach Bukarest. Die Potez 25 kollidierte bei dichtem Nebel und nach einer Kursabweichung nahe Jelení studánka (deutsch Hirschbrünnl) in der Tschechoslowakei mit dem Hauptkamm des Altvatergebirges. Der Flugzeugführer Gheorghe Bănciulescu überlebte mit schweren Beinverletzungen; der als zweiter Pilot und Flugzeugmechaniker eingesetzte Ioan Stoica starb während der Bergung vom Unfallort.[1][2]
| Flugunfall der Potez 25 F-AHDC am 12. September 1926 | |
|---|---|
Zeitgenössische Aufnahme einer Potez 25; nicht das Unfallflugzeug | |
| Unfallzusammenfassung | |
| Unfallart | Controlled flight into terrain (CFIT) |
| Ort | nahe Jelení studánka (Hirschbrünnl) im Gebiet der Vysoká hole (Hohe Heide), Tschechoslowakei |
| Datum | 12. September 1926 |
| Todesopfer | 1 |
| Überlebende | 1 |
| Verletzte | 1 |
| Luftfahrzeug | |
| Luftfahrzeugtyp | Potez 25 |
| Betreiber | nicht eindeutig belegt |
| Kennzeichen | F-AHDC |
| Abflughafen | Paris–Le Bourget, Frankreich |
| Zielflughafen | Bukarest, Königreich Rumänien |
| Passagiere | 0 |
| Besatzung | 2 |
| → Listen von Luftfahrt-Zwischenfällen | |
Bei Bănciulescu mussten im Krankenhaus von Rýmařov (damals Römerstadt; mehrheitlich deutschsprachig) beide Beine amputiert werden. Nach seiner Rehabilitation kehrte er mit Prothesen zum Fliegen zurück. Spätere Darstellungen bezeichneten ihn vielfach als den ersten Piloten, der nach der Amputation beider Beine wieder ein Flugzeug steuerte.[1][3][4] Der genaue Aufschlagort ist nicht geklärt; die erhaltenen Berichte verorten ihn an unterschiedlichen Stellen im Gebiet der Vysoká hole nahe Jelení studánka.[5]
Hintergrund
Bibescu-Pokal und Hinflug Bukarest–Paris
Am 22. August 1926 unternahmen Bănciulescu und Romeo Popescu einen Geschwindigkeitsflug auf der Strecke Bukarest–Paris, der mit dem nach dem rumänischen Luftfahrtpionier George Valentin Bibescu benannten Bibescu-Pokal verbunden war. Sie flogen eine serienmäßige Potez 15 namens Vlaicu mit einem 400-PS-Motor von Lorraine-Dietrich. Popescu führte das Flugzeug, während Bănciulescu die Navigation übernahm.[6][1]
Nach einem Tankstopp in Aspern und einer außerplanmäßigen Landung in Straßburg zur Reparatur eines ausgefallenen Magnetzünders erreichten sie am 23. August den Flughafen Le Bourget. Bănciulescus Flugbuch nannte für rund 2300 Kilometer eine reine Flugzeit von 13 Stunden und 20 Minuten. Macháček zufolge erhielten die beiden den Pokal wegen der technischen Probleme unterwegs jedoch nicht.[6][1] Nach Krejčí verstanden einige spätere Darstellungen auch den Rückflug als Teil des Wettbewerbs; dies würde die geplante Führung über festgelegte Wendepunkte statt auf der kürzesten direkten Linie erklären.[2]
Flugzeug
Tschechoslowakische Unterlagen bezeichneten das Unfallflugzeug als Potez XXV mit dem französischen Luftfahrzeugkennzeichen F-AHDC und der Werknummer 931.[2] Die Quellen widersprechen sich hinsichtlich seiner Bereitstellung: Macháček schrieb, die Maschine sei von der französisch-rumänischen Fluggesellschaft CFRNA ausgeliehen worden; eine andere Darstellung brachte die Übergabe mit dem Hersteller Potez in Verbindung.[1][2]
Die Potez 25 war ein stoffbespannter Doppeldecker in Holz-Metall-Gemischtbauweise. Die F-AHDC verfügte über einen Lorraine-Dietrich-Motor, einen Metallpropeller und zusätzliche Kraftstoffbehälter. Ein zeitgenössischer rumänischer Bericht gab die Motorleistung mit 450 bis 480 PS und die gesamte Kraftstoffmenge mit 2200 Litern an, was für etwa elf Flugstunden reichen sollte.[7] Vor dem Rückflug prüfte eine rumänische Abnahmekommission das Flugzeug; der Motor lief dabei eine Stunde und 20 Minuten mit voller Leistung auf dem Prüfstand und wurde danach von Bănciulescu mehrere Stunden im Flug erprobt.[7]
Zur Navigation führte die Besatzung eine britische Luftfahrtkarte im Maßstab 1:1.000.000 sowie eine weitere Karte im Maßstab 1:200.000 mit. Eingetragen waren voraussichtliche Überflugzeiten und mögliche Ausweichflugplätze. Zur Instrumentierung gehörten unter anderem Kompass, Höhenmesser, Fahrtmesser, Uhr, Thermometer und Kraftstoffanzeigen.[7]
Besatzung
Gheorghe Bănciulescu

Gheorghe Bănciulescu wurde 1898 in Iași geboren. Nach dem Besuch einer Militärschule erwarb er 1919 den Pilotenschein. Zur Zeit des Unfalls leitete er die Flugausbildungsschule in Pipera und war verantwortlicher Flugzeugführer der Potez 25.[1][8][3]
Ioan Stoica

Der rumänische Flugzeugmechaniker und Pilot Ioan Stoica wurde am 28. November 1897 in Fofeldea (deutsch Hochfeld, ungarisch Fófeld) in Siebenbürgen geboren. Der Ort gehörte damals zum Komitat Hermannstadt im Königreich Ungarn innerhalb Österreich-Ungarns und liegt heute im rumänischen Kreis Sibiu.[9][10][11] Stoica absolvierte die Gewerbeschule in Bukarest. 1916 meldete er sich freiwillig zur rumänischen Armee und arbeitete zunächst als Flugzeugmechaniker bei einer mit Nieuport-Flugzeugen ausgerüsteten Staffel.[9][10]
Später schloss Stoica eine Flugschule ab und erhielt am 29. Oktober 1924 den Pilotenschein Nr. 412. Er wurde zum Chefmechaniker einer Staffel der 1. Fliegergruppe ernannt.[10][9] König Ferdinand I. verlieh ihm am 13. November 1924 die erste Klasse der Medaille Serviciul Credincios („Treue Dienste“).[12] 1925 kam Stoica als Mitglied einer Abnahmekommission für bestelltes Luftfahrtgerät nach Frankreich; andere Berichte beschreiben seinen Aufenthalt als Praktikum beim Motorenhersteller Lorraine-Dietrich.[10][11][1] In Paris hatte er Bănciulescu bereits 1925 bei Abnahmeflügen für Potez-Flugzeuge kennengelernt.[8]
Flugverlauf und Unfall
Start und geplante Route

Für den Rückflug am 12. September begleitete Stoica Bănciulescu anstelle Popescus.[1] Der Motor wurde um 05:15 Uhr angelassen; die Maschine startete gegen 05:50 Uhr in Le Bourget. Ziel des Nonstopfluges war Bukarest.[7][2] Die vorgesehene Strecke führte über Straßburg, Linz, Wien und Budapest.[1]
Beim Start trat aus den überfüllten Tanks Kraftstoff aus und gelangte über Bănciulescu. Er kreiste deshalb zunächst mehrmals über dem Flugplatz und setzte den Flug erst fort, als kein weiterer Kraftstoff mehr austrat.[13] Da die Männer sich aus ihren getrennten offenen Cockpits nicht direkt verständigen konnten, reichten sie einander schriftliche Mitteilungen über einen zwischen den Sitzen installierten Seilzug.[13]
Wetter und Kursabweichung
Am 12. September herrschte in den mährisch-schlesischen Bergen dichter Nebel, der die Sicht stellenweise auf wenige Schritte verringerte.[1] Die Potez legte die etwa 400 Kilometer bis Straßburg in einer Stunde und 55 Minuten zurück und war damit schneller als geplant. Sie überquerte die Vogesen nur rund 50 bis 100 Meter über den Gipfeln. Im Raum Straßburg zwangen tiefe Wolken und Nebel Bănciulescu zu einem Flug in geringer Höhe über dem Gelände.[7][2]
Über dem Schwarzwald geriet das Flugzeug wiederholt in Nebel; die Besatzung navigierte mit dem Kompass. Nach Stuttgart erreichte sie den Raum Linz, wo die Donau als Orientierung diente. Gegen 10:00 Uhr waren nach dem zeitgenössischen rumänischen Bericht ungefähr 1000 Kilometer zurückgelegt. Zehn Minuten später versperrte Nebel die geplante Route in Richtung Wien.[7]
Da Gewitterwolken den Himmel im Osten und Südosten verdeckten, gab Bănciulescu den vorgesehenen Kurs ab Linz auf und versuchte, das Schlechtwettergebiet nordöstlich zu umfliegen. Dadurch geriet die Maschine weit nördlich der geplanten Strecke in das Altvatergebirge.[2][14][1]
Kollision mit dem Gelände
Eine 1968 veröffentlichte Biografie rekonstruiert die letzte Mitteilung der Besatzung gegen 10:35 Uhr mit den Worten, man fliege in den Nebel ein und steige. Kurz darauf berührte die linke Tragfläche den Kamm; das Flugzeug wurde herumgerissen und zerbrach.[13][7][2] Die Potez traf den Hauptkamm von Süden in der Nähe von Jelení studánka, nach Bănciulescus späterer Angabe rund 20 Meter unterhalb der Kammlinie.[1][15]
Beim Aufprall wurde der Motor nach hinten gedrückt und quetschte Bănciulescus Beine ein. Als die Maschine zurückprallte, wurde er auf den Hang geschleudert. Stoica wurde über den Motor geworfen und erlitt schwere Brustverletzungen. Bănciulescu zog sich außerdem Abschürfungen im Gesicht und an den Händen sowie zertrümmerte und ausgerenkte Beine zu.[7][2]
Die Quellen nennen unterschiedliche Unfallzeiten. Ein vorläufiger tschechoslowakischer Militärbericht setzte den Aufprall gegen 10:15 Uhr an, während der zeitgenössische rumänische Bericht die letzte Nachricht auf 10:35 Uhr und den Aufprall auf etwa 10:45 Uhr datierte.[2][7]
Rettung und medizinische Behandlung
Die ersten Menschen am Wrack waren Karel Hříbal, ein Schriftsetzer aus Rýmařov, und seine Frau Josefina, die im Gebirge wanderten. Nach Hříbals späterer Erinnerung war der Nebel so dicht, dass die beiden einander an den Händen halten mussten. Sie fanden Stoica im Wrack und Bănciulescu etwa 15 bis 20 Meter entfernt mit Gesichtsverletzungen und gebrochenen Beinen.[2] Der Militärarzt Egon Honsig aus Opava (Troppau), der sich zufällig in der Nähe aufhielt, stillte Blutungen, schiente Bănciulescus Beine und legte Verbände an.[2][14]
Hříbal lief etwa drei Kilometer zur Alfrédova chata, von wo eine Rettungsmannschaft mit Behelfstragen aufbrach. Bănciulescu wurde auf einer mit seinem Fallschirm gepolsterten Trage abtransportiert. Stoica starb während des Abstiegs; Bănciulescu wurde sein Tod zunächst verschwiegen, um ihn nicht zusätzlich zu belasten.[1][16] Stoicas Leichnam wurde vorübergehend in einem Nebengebäude der Hütte aufgebahrt.[1]
Von der Hütte brachten die Helfer Bănciulescu auf einem mit Stroh gepolsterten Pferdewagen über einen unebenen Waldweg in das Krankenhaus von Rýmařov, das er gegen 18:00 Uhr erreichte.[16][2][1] Dort behandelten ihn der chirurgisch erfahrene Chefarzt Julius Böse und der Arzt František Kux. Böse versuchte zunächst, beide Beine zu erhalten; wegen fortschreitender Gangrän mussten sie schließlich amputiert werden. Der Biografie von 1968 zufolge wurde das linke Bein am Abend des 12. September, das rechte am 16. September amputiert.[5][1][17][16]

Kartenlegende
Untersuchung und Verbleib des Wracks
Die Forstverwaltung in Stará Ves verständigte die Gendarmerie. Diese informierte die Bezirksbehörde in Rýmařov, das Gendarmeriekommando, das Garnisonskommando in Olmütz und die Militärführung in Bukarest. Die Beamten inventarisierten die im Wrack gefundenen persönlichen Gegenstände, brachten sie zur Alfrédova chata und bewachten das Flugzeug bis zur Entscheidung des Garnisonskommandos.[18]
Der genaue Unfallort ließ sich später nicht mehr bestimmen. Hříbal verortete ihn nordöstlich von Jelení studánka am sanften Südhang des Jelení hřbet (Hirschkamm) zwischen der Quelle und dem Malý kotel. Andere zeitgenössische Meldungen nannten die Vysoká pláň etwa 400 Schritte nordwestlich der Quelle beziehungsweise das Katastergebiet Žďárský Potok. Vrobel beschrieb die Unfallstelle dagegen als auf dem Kamm der Vysoká hole im damaligen Katastergebiet Brandzejf gelegen.[5][16][18] Spätere Geländesuchen und die Auswertung erhaltener Fotografien führten zu keiner genaueren Lokalisierung; als mögliche Gründe gelten die dichte Latschenkiefervegetation und die weitgehende Entfernung der Wrackteile.[5]
Eine Militärkommission aus Olmütz untersuchte das Wrack am 14. September 1926. Da die Besatzung bereits geborgen worden war, konnte sie weder deren ursprüngliche Positionen noch die Benutzung der Gurte feststellen. Der Bericht verzeichnete schwere Schäden an Motor, Tragflächen, Rumpf und Steuerung. Die Kraftstoffbehälter waren aufgerissen und aus der Zelle gerissen worden. Kraftstoffhähne, Drehzahlmesser und weitere Instrumente fehlten; der Bericht nahm an, dass Zivilisten sie entwendet hatten.[19]
Zu den geborgenen Gegenständen gehörte ein Paket mit roter, gelber und blauer Seide. Nach der späteren Biografie sollte der Stoff bei der Ankunft über dem rumänischen Flugplatz in den Landesfarben entrollt werden.[16] Das Wrack kam anschließend zum Fliegerregiment Nr. 2 nach Olmütz.[2]
Ein späterer Militärbericht stufte das Flugzeug als vollständig zerstört und nicht reparabel ein; allenfalls Motor und Steuerflächen galten als instandsetzbar. Wegen der im Verhältnis zum Restwert hohen Transportkosten empfahl der Verfasser, die Zelle zu verschrotten und nur den verpackten Motor weiterzuleiten.[20] Am 25. Oktober 1926 hinterlegte der rumänische Militärattaché in Prag, Oberst Dimitriu, 483 tschechoslowakische Kronen zur Erstattung der durch den Unfall entstandenen Kosten.[21]
Folgen
Bănciulescus Genesung und Rückkehr zum Fliegen
Am 10. Oktober trug Bănciulescu einen Dank an die Krankenhausmitarbeiter und besonders an Chefarzt Böse in das Ehrenbuch des Krankenhauses ein. Am 16. Oktober verließ er Rýmařov und kehrte nach Bukarest zurück, wo er im Brâncovenesc-Krankenhaus weiterbehandelt wurde.[8][2][1] Dort erhielt er zunächst hölzerne Beinprothesen und begann erneut laufen zu lernen.[4]
Weil die Holzprothesen Schmerzen verursachten, ließ sich Bănciulescu später in München leichtere Aluminiumprothesen anpassen. Sein Wunsch, wieder als Pilot eingesetzt zu werden, wurde von den rumänischen Luftfahrtbehörden zunächst abgelehnt.[18][1][2][4] Etwa sechs Monate nach dem Unfall flog er auf dem Flugplatz Pipera erstmals wieder als Mitflieger in einem Flugzeug mit Doppelsteuerung. Nach weiteren Trainingsflügen in Frankreich steuerte er weniger als zwei Jahre nach dem Unfall wieder allein ein Flugzeug.[4] Am 22. Oktober 1927 war er zudem zum Ritter der französischen Ehrenlegion ernannt worden. Danach setzte er seine Laufbahn in Verwaltungsfunktionen und bei Langstreckenflügen fort.[4][2] Er starb 1935 in Kairo, wo er an der Erkundung von zivilen Flugrouten in Afrika beteiligt war.
Ioan Stoica
Stoica wurde zunächst auf dem Friedhof von Rýmařov beigesetzt. Sein Grabkreuz trug die Inschrift „Aviatiker Stoica Joan, 12. September 1926“.[8] Am 16. Januar 1927 fand in seinem Heimatort Fofeldea ein orthodoxer Gedenkgottesdienst statt. Daran nahmen neben Einwohnern Delegationen der rumänischen Luftfahrtinspektion und von Fliegereinheiten teil. Auch der noch nicht vollständig genesene Bănciulescu war anwesend und hielt eine Gedenkrede. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Stoicas Leichnam weiterhin in Rýmařov.[22][15]
Gedenken
2013 wurde auf dem Gelände des Podhorská-Krankenhauses in Rýmařov ein Denkmal für Bănciulescu und das ihn behandelnde Krankenhauspersonal errichtet. Es besteht aus einer Bronzetafel mit seinem Bildnis und einem darüber angebrachten Adler aus weißem Marmor. Bei der Enthüllung überflogen JAS-39 Gripen des Luftwaffenstützpunkts Čáslav das Krankenhaus.[1]
Literatur
- Renée Bănciulescu-Cozadini, Victor Bănciulescu: Și totuși voi mai zbura... Editura Militară, Bukarest 1968 (rumänisch).
- Pavel Macháček: Drama rumunského pilota u Jelení studánky. In: Paměť jesenických hor: sborník referátů. Vlastivědné muzeum Jesenicka, Jeseník 2021, ISBN 978-80-87496-22-0, S. 97–100 (PDF; tschechisch).
Weblinks
- Pavel Krejčí: Potez 25 / Potez XXV F-AHDC. Letecká badatelna, April 2022 (tschechisch).
- Comandor aviator Gheorghe Bănciulescu. Rumänische Luftstreitkräfte (rumänisch).
