Flussbad Berlin

Projekt zur Umwandlung des Spreekanals in Berlin-Mitte From Wikipedia, the free encyclopedia

Das Flussbad Berlin ist ein stadtentwicklungspolitisches und wasserökologisches Projekt zur Nutzung des Spreekanals in Berlin-Mitte als öffentlicher Erholungs- und Badeort. Das von der Architekten- und Künstlergruppe realities:united entwickelte Konzept sieht vor, den rund 1,8 Kilometer langen Spreekanal zwischen Fischerinsel und Bode-Museum ökologisch aufzuwerten und abschnittsweise für Aufenthalt am Wasser und Schwimmen nutzbar zu machen. Kern des ursprünglichen Entwurfs war ein Pflanzenfilter im südlichen Kanalabschnitt sowie eine rund 840 Meter lange Schwimmstrecke zwischen Schlossplatz und Museumsinsel.[1]

Das Projekt wurde von 2014 bis 2018 als „Nationales Projekt des Städtebaus“ mit Mitteln des Bundes und des Landes Berlin gefördert. Projektträger ist der 2012 gegründete Verein Flussbad Berlin e. V. Seit den 2020er Jahren verlagerte sich die Debatte von der baulichen Umsetzung des Gesamtprojekts zunehmend auf die Frage, ob im Spreekanal eine kontrollierte Pilotbadestelle auf Grundlage von Wasserqualitätsmonitoring und tagesbezogenen Prognosen eingerichtet werden kann. Dem stehen nach Auffassung der Berliner Senatsverwaltung rechtliche, sicherheitsbezogene und hygienische Hindernisse entgegen.[2]

Historischer Bezug, Ort

Der 1,8 Kilometer lange Spreekanal zweigt an der Fischerinsel nach Südwesten von der breiteren Hauptspree ab und knickt kurz vor der Gertraudenbrücke nach Nordwesten ab. Er mündet am Bode-Museum wieder in die Hauptspree. Gemeinsam mit dieser umfließt er die Museumsinsel. Ein öffentlicher Zugang zum Wasser des Spreekanals ist bislang an keiner Stelle möglich.

Der Vorschlag eines Flussbads im Spreekanal knüpft an eine ältere Berliner Badekultur an. Am Mühlengraben, im Bereich des späteren Flussbad-Gartens beim ehemaligen Staatsratsgebäude, befand sich eine der letzten Berliner Flussbadeanstalten. Die sogenannte Doppel-Badeanstalt am Mühlengraben wurde zwischen 1895 und 1897 errichtet und verfügte über ein Schwimmer- und ein Nichtschwimmerbecken. Sie wurde 1925 geschlossen.[3]

Der 2017 eröffnete Flussbad-Garten in der Friedrichsgracht, nimmt auf diese Vorgeschichte Bezug. Die dort angelegte Holzterrasse folgt nach Angaben des Vereins den Konturen des früheren Schwimmerbeckens; auf dem öffentlichen Weg entlang der Spree wird der frühere Verlauf des Mühlengrabens durch einen Wechsel im Bodenbelag markiert.[4]

Unterwasseraufnahme der Kanalsohle im Kupfergraben auf Höhe des Pergamonmuseums im Juli 2016
Projektdarstellung nach Vorgabe der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen.
Friedrichsgracht in Berlin-Mitte

Wasserqualität und Monitoring

Ein zentrales Problem für eine Nutzung des Spreekanals als Badeort sind Einleitungen aus der Berliner Mischwasserkanalisation.[5] Bei stärkeren Regenfällen können Mischwasserüberläufe ungeklärtes Abwasser in Spree und Spreekanal eintragen. Für die Bewertung einer möglichen Badetauglichkeit sind insbesondere mikrobiologische Parameter wie Escherichia coli und intestinale Enterokokken von Bedeutung. Für die Erreichung von Badewasserqualität im Spreekanal müssen die in der EU-Badegewässerrichtlinie definierten Grenzwerte eingehalten werden.

Der Verein Flussbad Berlin entwickelte zusammen mit dem Kompetenzzentrum Wasser Berlin ein Prognose- und Monitoringsystem für die Wasserqualität im Spreekanal. Das System berücksichtigt unter anderem Messwerte, Niederschläge, Mischwasserüberläufe, Durchfluss, Sichttiefe und mikrobiologische Stichproben. Die Ergebnisse werden über die Plattform Badberlin und über eine Flaggenlogik am Flussbad-Garten kommuniziert.[6][7]

Nach Angaben des Vereins wies das Monitoring in den Jahren 2024 und 2025 für mehr als 80 Prozent der Tage während der Badesaison eine zum Baden ausreichende Wasserqualität aus.[8] Das Landesamt für Gesundheit und Soziales bewertete die hygienische Situation im Spreekanal dagegen kritischer. Nach Darstellung der Senatsverwaltung umfasst die mikrobielle Grundbelastung Bakterien, Viren und Parasiten. Insbesondere nach stärkeren Niederschlägen könnten Krankheitserreger in den Spreekanal gelangen.[9]

Der Müggelsee, der vor den Überlauf-Einleitungsstellen gelegen ist und der von der Spree durchflossen wird, weist in der Regel Badewasserqualität auf. In Zeiten, in denen der letzte Überlauf der Kanalisation im Innenstadtbereich lange genug zurückliegt, ist die generelle Wasserqualität im Spreekanal gut. Der Spreekanal weist dann zeitweise eine Sichttiefe von bis zu 2,5 Metern auf.

Rechtslage und Zuständigkeiten

Der Spreekanal ist Teil einer Bundeswasserstraße. Damit berührt eine Nutzung als Badestelle nicht nur Berliner Landesrecht, sondern auch Zuständigkeiten des Bundes für Wasserstraßen und Schifffahrt. Das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin erklärte hierzu im August 2015: „Nach einer ersten überschlägigen Rechtsprüfung hindern die Belange der Schifffahrt im Spreekanal die Umsetzung des Flussbades nicht.“[10]

Die Berliner Senatsverwaltung verwies 2026 darauf, dass der Spreekanal von zahlreichen Brücken überspannt werde. Nach Bundesrecht und Berliner Badegewässerverordnung sei Baden im Bereich von Brücken aus Sicherheitsgründen verboten; das Land Berlin könne davon keine Ausnahmen nach eigenem Ermessen festlegen.[11]

Die Zuständigkeitsfrage wurde dadurch zu einem eigenständigen Konfliktpunkt des Projekts. Während der Verein Flussbad Berlin eine kontrollierte Nutzung auf Grundlage von Monitoring und tagesbezogenen Freigaben vorschlug, hielten die zuständigen Behörden an der Auffassung fest, dass einer Nutzung des Spreekanals als Badeort rechtliche, sicherheitsbezogene und gesundheitliche Hindernisse entgegenstehen.[12]

Stadtraum- und Denkmalkonflikt

Neben Wasserqualität und Rechtslage wurde das Projekt als Konflikt um die Nutzung der Berliner Mitte diskutiert. Der geplante Schwimmbereich liegt im Umfeld von Museumsinsel, Berliner Dom, Humboldt Forum und Bode-Museum. Damit berührt das Vorhaben einen Stadtraum, der zugleich touristischer Schwerpunkt, Denkmalensemble und repräsentativer Ort der Berliner Stadtmitte ist.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vertrat 2018 die Auffassung, der Kupfergraben eigne sich im Bereich der Museumsinsel nicht für ein Flussbad. Begründet wurde dies mit dem Schutz der baulichen Einheit von Ufermauer und Museumsbauten sowie der „Aura“ der Museumsinsel.[13] Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, meldete in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel Bedenken gegenüber einer Entwicklung zur „Partyzone“ an.[14]

Die internationale Rezeption des Projekts ist überwiegend positiv. Michael Kimmelman in der New York Times[15] und Max Kutner in Newsweek[16] sehen das Flussbad als Symbolprojekt einer modernen, zukunftsgewandten Hauptstadt Berlin. Befürworter des Projekts sehen darin eine Auseinandersetzung darüber, ob die Berliner Mitte vorrangig als musealer Repräsentationsraum oder als öffentlich nutzbarer Stadtraum verstanden werden solle. In der Debatte wurde wiederholt darauf verwiesen, dass Baden im Spreekanal historisch bereits Teil der städtischen Alltagskultur war.

Entwicklung seit 2014

Das Projekt erhielt 2014 im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ eine Förderung von insgesamt 4 Millionen Euro, davon 2,6 Millionen Euro aus Bundesmitteln und 1,4 Millionen Euro vom Land Berlin. Die Förderung diente der Weiterentwicklung des Konzepts, der Öffentlichkeitsarbeit, der Erprobung technischer Elemente und der Errichtung des Flussbad-Gartens.[17]

Nach Abschluss der Förderphase blieb die Umsetzung des baulichen Gesamtprojekts offen. Der Verein verlagerte seine Aktivitäten stärker auf Öffentlichkeitsarbeit, Demonstrationsschwimmen, rechtliche Debatten und die Entwicklung eines Systems zur Prognose der Wasserqualität.[18][19]

An der jährlich stattfindenden Veranstaltung "Flussbad-Pokal", nahmen 2018 bereits mehr als 400 Schwimmer und Schwimmerinnen teil.[20] Schirmherrin war Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher.[21]

Anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Badeverbots in der Spree in Berlin organisierte der Verein 2025 mehrere Demonstrationen. Unter dem Motto „100 Jahre Schwimmverbot - Berliner Badeverbot ist eine Ente“ protestierten am 17. Juni 2025 etwa 300 Menschen schwimmend vor dem Humboldt-Forum[22]. Bei einer zweiten Demonstration am 12. August 2025 schwammen etwa 700 Teilnehmerinne und Teilnehmer für ein Ende des Badeverbots[23][24].

2026 kündigte der Verein eine Reihe von weiteren Mitschwimm-Demonstrationen an, mit denen er gegen das seit 1925 bestehende Badeverbot in der innerstädtischen Spree protestierte.[18] Die Senatsverwaltung erklärte die Teilnahme am Baden im Spreekanal ohne Ausnahmegenehmigung als rechtswidrig.[25]

Internationaler Kontext

Das Flussbad Berlin steht im Zusammenhang mit europäischen Projekten, innerstädtische Flüsse, Kanäle und Hafenbecken als öffentliche Bade- und Aufenthaltsräume zu nutzen. Vergleichbare Entwicklungen wurden unter anderem in Kopenhagen, Paris, Amsterdam und Rotterdam beschrieben. Gemeinsames Merkmal vieler dieser Projekte ist, dass Baden nicht als dauerhaft garantierte Nutzung verstanden wird, sondern an Wasserqualitätsmessungen, Wetterdaten, Warnsysteme und zeitweise Sperrungen gekoppelt ist.[26]

  • Basel: Das Schwimmen im Rhein ist eine etablierte Form der städtischen Freizeitnutzung. Neben der individuellen Nutzung findet jährlich das offizielle Basler Rheinschwimmen statt.[27]
  • Boston: Die Charles River Conservancy verfolgt mit dem Swim Park Project das Ziel, eine saisonale, überwachte Schwimmanlage im Charles River einzurichten. Unabhängig davon finden genehmigte Schwimmveranstaltungen im Fluss statt.[28]
  • Brügge: Der Canal Swimmer’s Club war ein temporäres Architektur- und Kunstprojekt von Atelier Bow-Wow und Architectuuratelier Dertien 12 im Rahmen der Triennale Brügge 2015. Die schwimmende Plattform bezog sich auf die Reinigung der Kanäle und die Möglichkeit, diese wieder für Schwimm- und Freizeitnutzungen zu öffnen.[29][30]
  • Dublin: Der Dublin City Liffey Swim ist ein seit 1920 ausgetragenes Freiwasserschwimmen in der Liffey.[31][32]
  • Kopenhagen: Die Kopenhagener Hafenbäder, darunter das Hafenbad Islands Brygge und das Hafenbad Fisketorvet, gelten als zentrale Beispiele für die Rückgewinnung innerstädtischer Hafenbecken als öffentliche Badeorte.[33]
  • London: Das Projekt Thames Baths verfolgt das Ziel, das Schwimmen in der Themse durch schwimmende oder naturnahe Badeanlagen wieder zu ermöglichen. Das Projekt blieb bislang vor allem ein Planungs- und Kampagnenvorhaben.[34][35]
  • Los Angeles: Die Revitalisierung des Los Angeles River ist ein groß angelegtes stadtökologisches und freiraumplanerisches Programm. Anders als beim Flussbad Berlin steht hier nicht die Einrichtung eines Flussbades im Zentrum, sondern die ökologische Aufwertung, bessere Zugänglichkeit und landschaftliche Umgestaltung des kanalisierten Flusses.[36]
  • München: Der Isar-Plan verband Hochwasserschutz, Renaturierung und Erholungsnutzung. Die Umgestaltung der Isar verbesserte nach Angaben der Europäischen Umweltagentur Wasserqualität, Biodiversität und Freizeitmöglichkeiten; das Baden in der Isar gehört seither zu den prägenden innerstädtischen Nutzungen.[37][38]
  • New York: Das Projekt +POOL plant ein schwimmendes, wasserfilterndes Becken im East River. Seit 2024/2025 wurden Test- und Genehmigungsschritte am Pier 35 in Manhattan vorangetrieben; zugleich bestanden weiterhin Fragen der Gesundheits- und Sicherheitsbehörden.[39]
  • Paris: Nach den Olympischen Sommerspielen 2024 wurden 2025 drei öffentliche Badestellen in der Seine eröffnet. Die Nutzung ist saisonal, überwacht und an Wasserqualitätskontrollen gebunden.[40][41]
  • Rotterdam: Im Rijnhaven entstand ein innerstädtischer Badeort in einem früher industriell geprägten Hafenbecken. Die Stadt war 2025 Gastgeberin des ersten Swimmable Cities Summit.[42]
  • Zürich: Mit den Flussbädern Oberer Letten und Unterer Letten bestehen in der Limmat innerstädtische Flussbäder mit Badeinfrastruktur. Das Flussbad Oberer Letten verfügt über eine rund 400 Meter lange Schwimmstrecke.[43]

Verein „Flussbad Berlin e. V.“

Der gemeinnützige Verein Flussbad Berlin e. V. wurde am 2. November 2012 gegründet. Seit Februar 2015 betreibt der Verein eine Geschäftsstelle mit festen Mitarbeitern. Der Verein veröffentlichte „Jahreshefte“, in dem das Projekt umfassend vorgestellt wurde. Darin finden sich beispielsweise ein Interview mit dem ehemaligen Bundesumweltminister Klaus Töpfer, der das Projekt unterstützt. Ein weiteres Jahresheft, das sich vor allem der ökologischen und kulturellen Dimension des Projektes widmet, enthält Beiträge u. a. von Horst Bredekamp, Katharina Grosse, Barbara Vinken und Harald Welzer. Das dritte Jahresheft erschien im Mai 2018 und enthält unter anderem Interviews mit Hubert Weiger (BUND), Olaf Zimmermann (Deutscher Kulturrat) und Jörg Rocholl (Präsident der ESMT), in denen sich diese ebenfalls für eine Realisierung des Projekts aussprechen.

Auszeichnungen und Förderung

  • 2011 Holcim Award Europe (Gold), dotiert mit 100.000 US-Dollar[44]
  • 2012 Holcim Award Global (Bronze), dotiert mit 50.000 US-Dollar[45]
  • 2014 Förderung durch die „LOTTO-Stiftung Berlin“ zur Herstellung einer vertiefenden Konzeption und eines hydrologischen Gutachtens (110.000 Euro)
  • 2014 Aufnahme in das Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“. Förderung durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit in Höhe von 2,6 Millionen Euro. Weiterhin Förderung in Höhe von 1,3 Millionen Euro durch die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.
  • 2019 Förderung im Bundesprogramm "Nationale Projekte des Städtebaus" des BMI und des Landes Berlins für die Errichtung der ersten Freitreppe im Projektgebiet am Schlossplatz[46]

Siehe auch

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI