Flämische Passage

eine rund 1100 m tiefe submarine Rinne im nordwestlichen Atlantik From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Flämische Passage (englisch Flemish Pass) ist eine rund 1100 m tiefe submarine Rinne im nordwestlichen Atlantik, die die Neufundlandbank im Westen von der Flämischen Kappe (Flemish Cap) im Osten trennt. Sie erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung bei etwa 46–48° N und 45–46° W, ist rund 200 km lang und an ihrer engsten Stelle etwa 60 km breit.[1][2] Sie ist ein Schlüsselabschnitt im Strömungssystem des westlichen subpolaren Nordatlantiks: Sie bildet den wichtigsten Durchlass, durch den der Labradorstrom und das von ihm transportierte Labradorseewasser (LSW) die Neufundlandbank passieren und in den subtropischen Atlantik gelangen können. Damit ist sie von unmittelbarer Bedeutung für den Export subpolarer Wassermassen nach Süden und für die Dynamik der atlantischen Umwälzzirkulation (AMOC). Der Name leitet sich von der benachbarten Flämischen Kappe ab, die ihrerseits an die flämischen Fischer erinnert, die seit dem frühen 17. Jahrhundert – schriftlich belegt ab 1607 – die reichen Fischgründe vor Neufundland befuhren.

Flämische Passage und Flämische Kappe.

Bathymetrie und Lage

Die Flämische Passage ist eine sattelförmige Vertiefung zwischen dem flachen Kontinentalschelf der Neufundlandbank (Wassertiefen weniger als 200 m) und der ebenfalls flachen Flämischen Kappe, einem isolierten untermeerischen Plateau mit minimalen Wassertiefen von rund 126 m. Die Schwellentiefe der Passage liegt bei etwa 1100 m,[2] was sie tief genug macht, um die intermediären Wassermassen des Labradorstroms passieren zu lassen, aber zu flach für die tiefsten Komponenten des Tiefen Westlichen Randstroms (NADW unterhalb von ~1500 m). Diese bathymetrische Beschränkung wirkt als topographischer Filter: Nur das obere und das intermediäre Labradorseewasser (oberhalb von ~1100 m) kann durch die Passage strömen, während die tieferen Wassermassen östlich um die Flämische Kappe herumgeführt werden müssen.[3]

Ozeanographische Bedeutung

Labradorstrom und Bifurkation

Weg des Labradorstroms/des Tiefen westlichen Randstroms durch die Flämische Passage und um die Flämische Kappe.

Der Labradorstrom strömt als kalte, süßwasserreiche Strömung entlang des Kontinentalhangs von Labrador südwärts. Nordwestlich der Flämischen Kappe gabelt er sich (Bifurkation): Der Hauptzweig fließt durch die Flämische Passage südwärts, folgt der Bathymetrie entlang der Westflanke der Passage und setzt seinen Weg am Westrand der Neufundlandbank fort.[4][1] In der Passage verengt sich der Labradorstrom auf eine Breite von rund 50 km bei Geschwindigkeiten von etwa 30 cm/s.[4] Ein kleinerer Zweig umströmt die Flämische Kappe im Uhrzeigersinn – zunächst ostwärts entlang seiner Nordflanke, dann südwärts entlang seiner steileren Ostflanke –, wo er mit Ausläufern des Nordatlantikstroms interagiert und sich teilweise mit wärmerem, salzreicherem Wasser vermischt.

Export von Labradorseewasser

Die Flämische Passage ist ein bevorzugter Pfad für den Export von Labradorseewasser (LSW) aus dem subpolaren in den subtropischen Nordatlantik. LSW entsteht durch winterliche Tiefenkonvektion in der Labradorsee und breitet sich als intermediäre Wassermasse (Dichteklasse σ₀  27,68–27,80) im gesamten Nordatlantik aus. RAFOS-Float-Experimente zeigten, dass diejenigen Floats, die nahe am Kontinentalhang bei 700 m Tiefe ausgesetzt wurden, bevorzugt durch die Flämische Passage drifteten und besonders schnell subtropische Breiten erreichten – schneller als Floats, die dem Tiefen Westlichen Randstrom (DWBC) folgten oder ins Ozeaninnere abgelenkt wurden. Die Passage schützt die Wasserpakete vor den energiereichen Mäandern des Nordatlantikstroms, die östlich des Flemish Cap viele Floats vom Kontinentalhang ins Innere des Beckens abtreiben.[3]

Untersuchungen der Variabilität des LSW-Transports durch die Flämische Passage über den Zeitraum 1993–2013 anhand von Verankerungs- und hydrographischen Daten zeigten, dass der Export erheblichen interannuellen Schwankungen unterliegt.[5] Diese Schwankungen stehen in Zusammenhang mit der Intensität der winterlichen Konvektion in der Labradorsee und mit Änderungen der Windfelder über dem subpolaren Nordatlantik. Varotsou et al. untersuchten parallel die Transportvariabilität des oberen Labradorseewassers (Upper LSW) und identifizierten die Strömungsdynamik am Flemish Cap als wesentlichen Einflussfaktor.[6] Die Untersuchung der physikalischen Antriebsmechanismen der Transportvariabilität in der Passage ergab, dass sowohl lokale als auch ferngetriebene atmosphärische Muster – insbesondere die Nordatlantische Oszillation (NAO) – die Strömungsintensität modulieren.[7]

Bedeutung für die AMOC

Die Flämische Passage bildet eine von zwei Hauptrouten, über die subpolare Wassermassen die Neufundlandbank umrunden und in den subtropischen Atlantik exportiert werden – die andere führt östlich um die Flämische Kappe über den Tiefen Westlichen Randstrom. Das relative Verhältnis zwischen diesen beiden Pfaden bestimmt mit, wie schnell und in welcher Menge frisch gebildetes Labradorseewasser die subtropischen Breiten erreicht und dort zur Belüftung der intermediären Schichten beiträgt. Im Kontext der Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC) ist die Flämische Passage damit ein kritischer Engpass: Veränderungen der Durchströmung – etwa durch veränderte Windmuster, verringerte Konvektion in der Labradorsee oder veränderte Wechselwirkung mit dem Nordatlantikstrom – können den Süd-Export von LSW modulieren und sich auf die Stärke und Struktur der Umwälzzirkulation auswirken. Das Bremer NOAC-Beobachtungsprogramm (North Atlantic Changes) hat die Flämische Passage deshalb als einen seiner Schwerpunkte in das subpolare Beobachtungsnetzwerk integriert.[8]

Geologie und Erdölvorkommen

Tektonische Entstehung

Die Flämische Passage liegt über dem Flemish Pass Basin, einem mesozoischen Sedimentbecken, das während des Zerfalls von Pangaea durch mehrstufige Riftprozesse entstand. Die Beckenbildung begann im späten Trias und frühen Jura mit einer ersten Dehnungsphase, die mit der Öffnung des Zentralatlantiks zwischen Nordafrika und Nordamerika verbunden war. Eine zweite, ausgeprägtere Riftphase im Oberjura (Kimmeridgium bis Tithonium) und in der frühen Kreide stand im Zusammenhang mit der beginnenden Abtrennung Iberiens von der Neufundlandbank, die im Barremium bis Aptium zur Bildung ozeanischer Kruste führte.[9][10] Diese Riftphase erzeugte nordost-südwest-streichende, von Abschiebungen begrenzte Halbgraben-Strukturen, in denen mächtige Sedimentabfolgen abgelagert wurden.

Das Flemish-Pass-Becken wird im Westen durch den Central Ridge – einen verworfenen intrabasinalen Hochrücken – vom benachbarten Jeanne-d'Arc-Becken getrennt, in dem sich die etablierten neufundländischen Ölfelder Hibernia, Terra Nova, White Rose und Hebron befinden. Im Osten bildet die Flämische Kappe mit seinem präkambrischen und paläozoischen Grundgebirge den Beckenrand. Das Flemish-Pass-Becken und das Jeanne-d’Arc-Becken teilen eine ähnliche tektonische und stratigraphische Geschichte, waren jedoch seit dem Tithonium zunehmend durch die Heraushebung des Central Ridge voneinander getrennt.[11]

Sedimentfüllung und Erdölsystem

Die Sedimentfüllung des Flemish-Pass-Beckens umfasst vier seismisch kartierbare Megasequenzen von der Trias bis zum Känozoikum.[9] Die erdölgeologisch wichtigsten Einheiten sind:

Oberjurassische Muttergesteine (Kimmeridgium bis Portlandium): Marine Tonstein-Sequenzen, die in den Halbgrabenstrukturen des Beckens unter anoxischen Bedingungen abgelagert wurden und als reife Kohlenwasserstoff-Quellgesteine fungieren.

Oberjurassische Reservoirsandsteine: Die Erdölfunde im Flemish-Pass-Becken lagern in oberjurassischen Sandsteinen, die in einem fluvial-ästuarinen Ablagerungsraum entstanden. Diese Sandsteine weisen hohe Porosität und Permeabilität auf und sind petrographisch als feldspatreiche bis lithische Arenite charakterisiert, deren Detrituskomponenten auf appalachische und variszische Grundgebirgsquellen im Bereich des Flemish Cap und des Beothuk Knoll hinweisen.[12][13]

Erdölfunde

Das Flemish-Pass-Becken entwickelte sich seit den 2000er-Jahren zu einem der vielversprechendsten Tiefwasser-Explorationsgebiete im kanadischen Offshore-Bereich. Die erste Explorationsbohrung im Becken erfolgte 1985, doch erst nach dem Einstieg von Statoil (heute Equinor) Ende der 1990er-Jahre intensivierte sich die Erkundung. Die wichtigsten Funde sind:

  • Mizzen (2003/2009): Der erste Ölfund im Flemish-Pass-Becken; die partneropierte Bohrung Mizzen L-11 (2003) und die von Statoil operierte Bohrung Mizzen O-16 (2009) wiesen leichtes Erdöl in oberjurassischen Sandsteinen nach.
  • Bay du Nord (2013): Die bedeutendste Entdeckung im Becken, mit geschätzten gewinnbaren Reserven von rund 300 Millionen Barrel leichten, hochwertigen Erdöls (34° API) in einer Wassertiefe von rund 1170 m. Bay du Nord liegt etwa 500 km östlich-nordöstlich von St. John’s und damit außerhalb der kanadischen 200-Seemeilen-Zone.
  • Harpoon (2013), Bay de Verde und Baccalieu (2016), Cappahayden und Cambriol (2020): Weitere Funde leichten Erdöls in unmittelbarer Nähe von Bay du Nord, die als potentielle Tie-back-Felder die Wirtschaftlichkeit einer Erschließung verbessern.

Equinor (65 %) und Partner BP (35 %) planen die Erschließung von Bay du Nord als erstes Tiefwasserprojekt vor Neufundland, mit einem Floating Production Storage and Offloading-Konzept und einem geplanten Investitionsvolumen von rund 14 Milliarden kanadischen Dollar. Die endgültige Investitionsentscheidung wird für 2027 erwartet, mit einem Produktionsbeginn um 2031. Das Projekt wäre die erste eigenständige Offshore-Ölentwicklung außerhalb des etablierten Jeanne-d’Arc-Beckens und könnte das Flemish-Pass-Becken als neues Tiefwasser-Fördergebiet im Nordwestatlantik etablieren.[14] Die Erschließung der Ölfelder in der Flämischen Passage ist aufgrund von Klimazielen und möglichen Treibhausgasemissionen umstritten und führt zu rechtlichen Auseinandersetzungen zwischen Umweltgruppen und der kanadischen Regierung.

Ökologie

Die Flämische Passage beherbergt auf ihren Hängen bedeutende Vorkommen von Tiefseekorallen und Schwämmen, die als vulnerable marine Ökosysteme (VME) unter dem Schutz der Northwest Atlantic Fisheries Organization (NAFO) stehen.[15] Die Tiefwasserkorallen – darunter Weichkorallen (Alcyonacea) und Schwarze Korallen (Antipatharia) – finden sich vorwiegend in Tiefen von 600 bis 1300 m auf den Hängen der Passage, wo sie von den nährstoffreichen Strömungen des Labradorstroms profitieren. Die Passage stellt zudem eine bathymetrische Barriere für den Austausch benthischer Organismen zwischen der Neufundlandbank und der Flämischen Kappe dar, was zur unterschiedlichen Artenzusammensetzung der Bodenfauna auf beiden Seiten beiträgt.

Einzelnachweise

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