Forschungsethik

Bereich der Ethik From Wikipedia, the free encyclopedia

Die Forschungsethik beschäftigt sich mit den ethischen Grundlagen der Forschung und dem Spannungsfeld zwischen Forschungsinteressen und der Einhaltung allgemeingültiger Normen und Werte. Im Zentrum des Interesses stehen dabei Fragen nach der Verantwortung und Verantwortbarkeit von Forschung und ihren möglichen Auswirkungen auf den Einzelnen und die Gesellschaft.

Beispiele für gesellschaftlich relevante Problemfelder der Forschungsethik sind die Bereiche Tierversuche oder Menschenversuche mit Probanden, Stammzellenforschung, Gentechnik, die Forschung zu Rüstungszwecken, der Ressourcenverbrauch durch die Forschung und der Datenschutz.

Wissenschaftliche Fachgesellschaften entwickeln disziplinbezogen forschungsethische Prinzipien und Kodizes. Forschungsethikkodizes dienen unter anderem der forschungsethischen Begutachtung von Forschungsvorhaben durch Ethikkommissionen. Allgemein anerkannt sind die Prinzipien der Nichtschädigung von Forschungsteilnehmenden und der freiwilligen und informierten Einwilligung. Diese werden mit Bezug auf die Disziplin und deren Forschungspraxen ausformuliert und ergänzt. So spielt in der Forschung der Sozialen Arbeit das Prinzip der Beteiligung ebenfalls eine wichtige Rolle für forschungsethische Entscheidungen[1].

Angewandte Forschungsethik

Im wissenschaftsethischen Diskurs kann weiter zwischen einer theoretisch-allgemeinen Ethik und einer Angewandten Forschungsethik unterschieden werden. Der Begriff der Angewandten Forschungsethik knüpft an den internationalen Diskurs zu Applied Research Ethics an. Im deutschsprachigen Raum etabliert sich die spezifische Eigenbezeichnung erst und wird fachlich ausdifferenziert. Während eine theoretisch-allgemeine Ethik mithilfe moralphilosophischer Ansätze normative Grundsatzfragen sowie Wertmaßstäbe der Wissenschaft reflektiert und begründet, konkretisiert Angewandte Forschungsethik diese normativen Grundsätze bezogen auf spezifische Wissenschafts- oder Untersuchungsbereiche.[2][3][4]

Die Diskursbegrifflichkeit knüpft mitunter an das Konzept "applikativer Forschungsethik" (anwendende Forschungsethik) bei Andreas Lob-Hüdepohl an, welche sich verwirkliche, wenn Wissenschaftler ein professionelles Ethos angesichts alltäglicher Herausforderungen ihrer Berufspraxis in wohlüberlegte Entscheidungen übersetzen.[4] Eine weitere Unterscheidung innerhalb der Angewandten Forschungsethik kann zwischen sogenannten "Procedural Ethics" und "Ethics in Practice" vorgenommen werden. Während Ethics in Practice dem Verständnis applikativer Forschungsethik Hüdepohls gleichgesetzt werden können, meinen Procedural Ethics forschungsethische Planungs- und Antizipationsprozesse, die üblicherweise vor der Begutachtung von Forschungsvorhaben durch eine Ethikkommission angestrengt werden. Ethics in Practice äußern sich demnach in der späteren Umsetzung von Procedural Ethics.[5][2]

Angewandte Forschungsethik verbindet normative Theorie, Diskurs- und Institutionsethik mit individualethischer Verantwortungsübernahme. Die Verankerung ethischer Prämissen in Forschungseinrichtungen, ihre gemeinschaftliche Verwirklichung durch Ethikkommissionen sowie in der wissenschaftlichen Integrität Forschender bilden ein Kontinuum, auf dem zu unterschiedlichen Projektzeitpunkten auch Mikroentscheidungen von moralischer Relevanz sichtbar und systematisch an den wertbegründeten Orientierungsrahmen eines Forschungsfeldes rückgebunden werden können.[2]

Siehe auch

Literatur

  • Urban Wiesing, Alfred Simon, Dietrich von Engelhardt: Ethik in der medizinischen Forschung. Schattauer, Stuttgart 2000, ISBN 3-7945-2087-4
  • Martin W. Schnell, Charlotte Heinritz: Forschungsethik: Ein Grundlagen- und Arbeitsbuch mit Beispielen aus der Gesundheits- und Pflegewissenschaft. Huber, 1. Aufl., Bern 2006, ISBN 3-456-84288-0
  • Dominik Groß: Forschung am Menschen. In: Ralf Stoecker, Christian Neuhäuser, Marie-Luise Raters (Hrsg.): Handbuch angewandte Ethik, Stuttgart/Weimar 2011, S. 414–419 ISBN 978-3-476-02303-2
  • Dominik Groß: Ethische Grenzen humanmedizinischer Forschung. In: Volker Schumpelick, Bernhard Vogel (Hrsg.): Innovationen in Medizin und Gesundheitswesen, Freiburg 2011, S. 437–457 ISBN 978-3-451-30383-8
  • Krause, Ulrike (2016): Ethische Überlegungen zur Feldforschung. Impulse für die Untersuchung konfliktbedingter Flucht, CCS Working Paper Series, Nr. 20
  • Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. doi:10.1007/978-3-642-41089-5
  • Marcus Düwell, Christoph Hübenthal, Micha H. Werner: Handbuch Ethik. Springer, Berlin / Heidelberg 2002, ISBN 978-3-476-01749-9, doi:10.1007/978-3-476-02713-9.
  • Deutsche Forschungsgemeinschaft: Guidelines for Safeguarding Good Research Practice. Code of Conduct. 20. April 2022, doi:10.5281/zenodo.6472827.

Einzelnachweise

Related Articles

Wikiwand AI