Francesco Schettino
ehemaliger italienischer Kapitän
From Wikipedia, the free encyclopedia
Francesco Schettino (* 14. November 1960 in Neapel) ist ein ehemaliger italienischer Kapitän. Er war der verantwortliche Schiffsführer bei der Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia vor der italienischen Insel Giglio im Jahr 2012.
Familie und beruflicher Werdegang
Schettino wurde 1960 in Neapel geboren.[1] Er ist verheiratet und Vater einer erwachsenen Tochter. Seine Familie ist seit Generationen eng mit der Schifffahrt verbunden. Nach dem Schulabschluss besuchte Schettino das Nautische Institut Nino Bixio in Piano di Sorrento. Anschließend arbeitete er bei der Fährgesellschaft Tirrenia. Vom 1999 bis 2001 arbeitete er zunächst als Sicherheitsoffizier und dann als stellvertretender Kapitän bei der im September 2001 in Konkurs gegangenen Reederei Renaissance Cruises. 2002 wechselte er zur Reederei Costa Crociere mit Sitz in Genua, der auch die Costa Concordia gehörte. Sie ist eine Tochtergesellschaft der weltweit größten Kreuzfahrtreederei Carnival Corporation & plc. Schettino war dort zunächst Sicherheitsoffizier, er wurde später stellvertretender Kapitän und 2006 zum Kapitän eines Kreuzfahrtschiffes befördert.[2]
2010 verursachte Schettino im Hafen von Warnemünde als Kapitän der Costa Atlantica eine Beschädigung der an der Mole liegenden AIDAblu, die offenbar durch zu schnelle Fahrt beim Einlaufen in den Hafen in Bewegung gebracht wurde. Die Reederei Costa Crociere dementierte umgehend eine Schiffsberührung und beklagte eine unangemessene Darstellung, da solch oberflächliche Schäden im Alltag „passierten“. Schettino soll aber durch die Reederei schriftlich wegen seiner mangelnden Aufmerksamkeit gerügt worden sein.[3]
Havarie der Costa Concordia
Schettino war der Kapitän des Passagierschiffes Costa Concordia, das am 13. Januar 2012 um 21:45 Uhr vor der italienischen Insel Giglio nahe am Ufer an Felsen entlangschrammte, leckschlug und bald darauf mit erheblicher Schlagseite auf Grund lag. Bei dem Unglück waren 4229 Personen an Bord. Insgesamt 32 Menschen – zwölf Deutsche, sieben Italiener, sechs Franzosen, zwei Peruaner, zwei US-Amerikaner, ein Inder, ein Spanier und ein Ungar – kamen bei der Havarie ums Leben. Der Leichnam eines der Opfer wurden erst 2014 bei der Verschrottung des Schiffs gefunden. Die italienische Staatsanwaltschaft klagte Schettino wegen fahrlässiger Tötung an.
Schettinos Verteidigungslinie
Schettino entschuldigte sich bei einigen Hinterbliebenen der Opfer. Er ist der Auffassung, dass ihn allenfalls eine Teilschuld treffe.[4] So beschuldigte er den Rudergänger, dieser habe zu spät auf seine Befehle reagiert und sei außerdem der italienischen Sprache nicht ausreichend mächtig gewesen.[5] Schettino weist darauf hin, dass es seine Entscheidung gewesen sei, das Schiff nach der Havarie mit dem Felsen in die Nähe des Hafens der Insel Giglio zu steuern. Dadurch sei Schlimmeres verhindert worden.[6] Gutachter bezweifeln allerdings diese Aussage, da die Ruderanlage bereits nicht mehr funktionsfähig gewesen sei. Allein Wind und Strömung hätten diese Schiffsbewegungen bewirkt.[7] Die riskante Annäherung an die Insel Giglio sei nach Schettinos Darstellung ein Manöver gewesen, das die Reederei aus Werbegründen grundsätzlich gerne sehe.[8] Dies wurde von der Reederei nachdrücklich dementiert.
Reaktionen in der Öffentlichkeit
Durch mehrere Aussagen hat sich Schettino in der Öffentlichkeit zusätzlich unbeliebt gemacht. Sein vorzeitiges Verlassen des Schiffs erklärt er mit einem Ausrutscher, durch den er in ein Rettungsboot gefallen sei. Mehrere Augenzeugen und eine Videoaufnahme der Feuerwehr widersprechen dieser Version.[9][10] Schettino sprach von sich als „Kommandant, der auf dem Schiff gleich nach Gott kommt“. Er hielt in Rom an der Universität La Sapienza einen Vortrag zum Thema Panikmanagement.[11] Kritisiert wird auch, dass er seine damalige Geliebte, die Moldauerin Domnica Cemortan, als Gast an Bord hatte. Vorwürfe, er habe Cemortan mit einem waghalsigen Manöver vor Giglio beeindrucken wollen, wies Schettino zurück.[11]
Reederei
Ende Juli 2012 kündigte die Reederei das Arbeitsverhältnis mit Schettino.[12] Sie distanzierte sich öffentlich von ihm und warf ihm vor, er habe schwerwiegende Fehler begangen.[2] Die Kreuzfahrtgesellschaft einigte sich im April 2013 mit der italienischen Justiz in einem strafrechtlichen Vergleich auf die Einstellung der Ermittlungen gegen das Unternehmen gegen Zahlung der im italienischen Recht höchstmöglichen Summe von einer Million Euro.[13] Hinterbliebene und Geschädigte reagierten darauf mit Empörung.[14] Der Vergleich befreite die Reederei nicht von zivilrechtlichen Forderungen. Nach Abschluss des Vergleichs wurde die Reederei auf ihren Antrag hin im Prozess gegen Schettino als Nebenklägerin zugelassen.[14]
Gerichtsverfahren
Schettino wurde nach dem Unglück auf Antrag der italienischen Staatsanwaltschaft in der südtoskanischen Provinzhauptstadt Grosseto, zu deren Region die Insel Giglio gehört, in Untersuchungshaft genommen. Bereits wenige Tage später wurde er unter Hausarrestauflage aus dem Gefängnis entlassen.[15] Im Zuge der Voranhörungen zum Prozess wurden fünf weitere Personen beschuldigt: der Krisenmanager der Reederei, der Steuermann des Schiffes und drei weitere Besatzungsmitglieder. Mit diesen Personen einigte sich der Staatsanwalt im Frühjahr 2013 auf eine Absprache. Gegen ein Schuldeingeständnis wurden sie ohne Beweisaufnahme zu Haftstrafen von bis zu zwei Jahren und zehn Monaten verurteilt.[16] Schettino, dessen Verteidiger sich um eine ähnliche Verständigung bemüht hatte, wurde vom Staatsanwalt als Hauptschuldiger angesehen. Eine Absprache wurde ihm deshalb nicht angeboten.[17]
Das Gericht in Grosseto eröffnete im Juli 2013 den Strafprozess gegen Schettino.[18] Die Vorwürfe lauteten: mehrfache fahrlässige Tötung und Körperverletzung, fahrlässiges Herbeiführen der Havarie, vorzeitiges Verlassen des Schiffs sowie fehlende Kommunikation mit den Behörden.[19] Angesichts des großen internationalen Medieninteresses wurde in Grosseto für den Prozess eigens ein Theater zum Gerichtssaal umgewandelt. Das Gericht ließ 242 zivile Nebenkläger mit 62 Anwälten zu.[20] Der Staatsanwalt forderte im Januar 2015 eine Gefängnisstrafe von 26 Jahren und drei Monaten.[19] Schettinos Verteidiger forderte in seinem Plädoyer im Februar 2015 einen Freispruch. Schettino habe der Mehrheit der Passagiere durch sein Handeln das Leben gerettet.[19] Auch beklagte der Verteidiger eine einseitige Medienkampagne, die zu einer öffentlichen Vorverurteilung seines Mandanten geführt habe.
Das Gericht verurteilte Schettino im Februar 2015 erstinstanzlich zu 16 Jahren und einem Monat Freiheitsstrafe.[21] Die Strafe setzt sich zusammen aus 5 Jahren Haft für das fahrlässige Herbeiführen der Havarie, 10 Jahren für mehrfache fahrlässige Tötung zusammen mit fahrlässiger Körperverletzung plus einem Jahr für das Zurücklassen Hilfsbedürftiger in Tateinheit mit vorzeitigem Verlassen des Schiffs. Hinzu kommt ein Monat Arrest wegen der unzureichenden Kommunikation mit den Behörden. Das Gericht verfügte außerdem, dass Schettino wie auch die Reederei zu Entschädigungszahlungen verpflichtet sind.[22] Eine Fluchtgefahr sah es nicht, weswegen sich Schettino bis auf weiteres frei bewegen durfte und auch seinen Pass nicht abgeben musste.[23] Schettino hatte am Tag nach der Urteilsverkündung und ohne Kenntnis der schriftlichen Urteilsbegründung mitgeteilt, dass er in Berufung gehen werde.[24]
Im Mai 2016 bestätigte das Berufungsgericht in Florenz die erstinstanzliche Entscheidung. Auch das Strafmaß der ersten Instanz wurde bestätigt; das fünfjährige Berufsverbot wurde auf alle maritimen Berufe ausgedehnt und mit dem Verbot kombiniert, den Titel „Comandante“ (Kapitän) zu führen.[25][26] Als letzte Instanz blieb ihm nur noch der Gang vor das Kassationsgericht in Rom.[27][28] Das Gericht bestätigte im Mai 2017 das Urteil der Vorinstanz,[29] woraufhin sich Schettino den Behörden stellte, um seine 16-jährige Haft anzutreten, die er im Gefängnis Rebibbia in Rom absitzt.[30]
Im Januar 2018 reichte der Inhaftierte Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen seine Verurteilung ein.[31] Anlässlich des zehnten Jahrestags des Unfalls, Anfang 2022, berichteten die Medien, dass das Verfahren noch nicht abgeschlossen und der Gefängnisdirektor bereit sei, Schettino eine gute Führung als Voraussetzung für eine mögliche vorzeitige Entlassung zu bescheinigen.[32] Im April 2025 zog er einen im März desselben Jahres gestellten Antrag auf offenen Vollzug zurück.[33]