Franco Piavoli
italienischer Filmregisseur
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Franco Piavoli (* 21. Juni 1933 in Pozzolengo, Lombardei) ist ein italienischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Bekannt wurde er durch seine langsam gehaltenen, poetisch und kontemplativ wirkenden Filme, in denen oft der Kosmos, die Natur oder die Zeit zu eigentlichen Protagonisten werden.
Leben
Piavoli schloss ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Pavia ab und arbeitete anschließend als Dozent für Rechtswissenschaften.[1] Nebenbei widmete er sich verschiedenen Interessen, darunter der Botanik und der Verhaltensforschung, außerdem der Fotografie und Malerei. Hierüber kam er auch zum Experimentalfilm. Mit einer Reihe experimenteller Dokumentarfilme gewann er in den 1960er-Jahren mehrere Auszeichnungen beim Montecatini Film Festival.[1] Der 27-minütige Kurzfilm Le stagioni (1961), gedreht mit einer 8-mm-Kamera, beobachtet etwa die zyklischen Bewegungen der Natur und das Leben einer jungen Frau im Wandel der Jahreszeiten. Zwischenzeitlich wäre Piavoli beinahe Lehrer geworden, da das Einkommen vom Filmemachen kaum für seine Familie ausreichte.[2]
Nach einer längeren Finanzierungssuche konnte er 1981 ein erstes abendfüllendes Werk vorlegen, den bildgewaltigen Il pianeta azzurro. In diesem in der Umgebung seines Geburts- und Wohnortes Pozzolengo gedrehten Film zeigt der Naturliebhaber Piavoli den Zyklus eines Tages und der vier Jahreszeiten auf, die wenigen in den Naturbildern auftauchenden Menschen wirken klein und verloren. Der Film lief auf den Internationalen Filmfestspielen in Venedig, gewann dort zwei Nebenpreise[1] und brachte ihm den Nastro d’Argento in der Kategorie Bester neuer Regisseur ein. Bei Il pianeta azzuro wie auch bei seinen folgenden Filmen fungierte Piavoli als Regisseur, Autor, Filmeditor, Produzent sowie Kameramann in Personalunion.[3] Oft arbeitete er auch mit Familie, Freunden und Nachbarn, die in seinen Filmen auftraten. In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde Piavoli auch als Theater- und Opernregisseur tätig, unter anderem inszenierte er 1984/85 zwei Opern von Giacomo Puccini beziehungsweise Giuseppe Verdi beim Maggio Musicale Fiorentino sowie 1990 Vincenzo Bellinis Norma am Teatro Grande in Brescia.[1]
1989 erschien sein erster abendfüllender Spielfilm: Nostos – il ritorno ist eine freie Adaption der Odyssee und stellt Meerlandschaften in den Mittelpunkt.[4] Sein folgender Film Voci nel Tempo (1996) spielt in einem kleinen lombardischen Dorf und zeigt Lebensmomente der unterschiedlich alten Bewohner über die Jahreszeiten hinweg – von Kindern im Frühling über Erwachsene im Sommer bis zu alten Menschen im Herbst. Das Werk erhielt 1996 den FEDIC-Award bei den Filmfestspielen in Venedig. In seinem vierten und bislang letzten abendfüllenden Film Al primo soffio di vento (2002) folgt die Kamera den unterschiedlichen Lebenswelten der Mitglieder einer sechsköpfigen italienischen Familie während eines Nachmittages im August. Danach inszenierte Piavoli bis einschließlich 2016 noch mehrere Kurzfilme. 2007 widmete das Centro Coscienza seinen frühen Fotografien eine Retrospektive.[5]
Piavoli ist auch Gründer der Produktionsfirma Zefirofilm, mit der er seine und weitere Filme produzierte. Inzwischen wird die Firma von seinem Sohn Mario geführt.[6][7]
Schaffen und Rezeption
Die Darstellung von Kosmos und Erde, das Verhältnis von Natur und Mensch, das Vergehen von Zeit und der Kreislauf des Lebens sind wiederkehrende Themen in Piavolis filmischem Werk. Er setzt dabei besonders auf Bildsprache und Geräusche, Dialogisches wird minimiert.[8] Aus diesem Grund kommen auch seine Filme oft ohne Untertitel oder gar Synchronisationen aus. Prominente Regiekollegen wie Bernardo Bertolucci, Andrei Tarkowski, Marco Bellocchio und Ermanno Olmi fanden Lob für ihn.[9][10] Über Il pianeta azzuro schrieb Tarkowski: „Dieser Film ist wahrhaftig ein Gedicht, ein Konzert, eine Reise durch das Universum, durch die Natur, durch das Leben … eine Vision, die sich radikal von allem unterscheidet, was wir je gesehen haben.“[1]
Der Filmhistoriker Gian Piero Brunetta schreibt in seiner Geschichte des italienischen Films (2009): „Franco Piavoli, Einzelgänger und Anomalie, entwickelte eine Poesie und eine Fähigkeit, Geschichten nur durch Bilder zu erzählen, wie kein anderer in der jüngeren Kinovergangenheit – in Italien und im Ausland“. Piavolis Filme seien voll „epischen und lyrischen Atems“, der Einfluss der antiken Dichter wie Homer oder Lucretius sei bei ihm spürbar. „Er weiß wie man Wind, Wasser, Himmel und Wolken zu den Stars des Filmes macht. Er weiß, wie man die von der Natur ausgesandten Symptome und Signale einfängt. Wie ein Schamane bringt er diese in eine symphonische Geschichte unter, in der Geräusche und Klänge nicht weniger wichtig als die Bilder sind.“[11]
Ross McDonnell schrieb 2020 im British Film Institute, dass obwohl Piavoli fast nur in seiner Heimat Lombardei gefilmt habe, er in sechs Jahrzehnten ein Werk geschaffen habe, dass „sowohl pastoral als auch politisch, lyrisch als auch kritisch“ und eine „Ode an die Erde“ sei.[7]
Ein Massenpublikum erreichte Piavoli mit seinen Filmen nie, laut Mubi gilt sein Werk „als eine Art Geheimnis“.[10]
Filmografie als Regisseur
- 1954: Ambulatorio (Kurzfilm)
- 1959: Sul largo di Garda (Kurzfilm)
- 1961: Le stagioni (Kurzfilm)
- 1962: Domenica sera (Kurzfilm)
- 1963: Emigranti (Kurzfilm)
- 1964: Evasi (Kurzfilm)
- 1981: Der blaue Planet (Il pianeta azzurro, Spielfilm)
- 1986: Lucidi inganni (Kurzfilm)
- 1987: Il parco del Mincio (Kurzfilm)
- 1989: Nostos: Il ritorno (Spielfilm)
- 1996: Stimmen in der Zeit (Voci nel tempo, Spielfilm)
- 2002: Al primo soffio di vento (Spielfilm)
- 2002: Paesaggi e figure (Kurzfilm)
- 2004: Affettuosa presenza (mittellanger Film)
- 2007: Lo zebù e la stella (Kurzfilm)
- 2011: Là dove scorre il Mincio (Kurzfilm)
- 2012: Frammenti (Kurzfilm)
- 2013: Venice 70: Future Reloaded (Episodenfilm, darin ein Kurzfilm von Piavoli)
- 2016: Festa (Kurzfilm)
Auszeichnungen
- 1961: Preis beim Festival di Montecatini für Le stagioni
- 1962: Preis beim Festival di Montecatini für Domenica sera
- 1963: Preis beim Festival di Montecatini für Emigranti
- 1964: Preis beim Festival di Montecatini für Evasi
- 1982: BCV-Preis der Internationalen Filmfestspiele von Venedig für Il pianeta azzurro
- 1982: UNESCO-Preis der Internationalen Filmfestspiele von Venedig für Il pianeta azzurro
- 1983: Nastro d’Argento als Bester neuer Regisseur für Il pianeta azzurro
- 1996: FEDIC-Preis der Internationalen Filmfestspiele von Venedig für Voci nel tempo
- 2004: Premio Vittorio De Sica
- 2010: Medaille des Präsidenten der Italienischen Republik im Rahmen des Premio Solinas
- 2021: Rosa d'oro der Milanesiana
- 1982: Nominierung für den Goldenen Löwen der Internationalen Filmfestspiele von Venedig für Il pianeta azzurro
- 1996: Nominierung für den Goldenen Leoparden beim Locarno Film Festival für Voci nel tempo
- 1983: Nominierung für den Nastro d’Argento in der Kategorie Beste Kamera für Voci nel tempo
- 2002: Nominierung für den Goldenen Leoparden beim Locarno Film Festival für Al primo soffio di vento
Weblinks
- Franco Piavoli bei IMDb
- Celebrating the Earth: The Films of Franco Piavoli, The Brooklyn Rail, 2008 (Artikel zu Piavolis Langfilme, englisch).
- Franco Piavoli’s odes to Earth, British Film Institute, 2020 (Artikel über Piavolis Werk, englisch).